08.03.1999

AFFÄREN„Ich will den Präsidenten, sofort!“

Der Rummel um Monica Lewinsky, die als Praktikantin im Weißen Haus den Präsidenten ins Taumeln brachte, schnappt über. In dem Buch „Monica Lewinsky - ihre wahre Geschichte“ packt sie aus. Geschrieben hat es Diana-Biograph Andrew Morton. Von Matthias Matussek
Nun, da sich die dunklen Wolken der Lewinsky-Affäre vom weltgeschichtlichen Horizont verzogen haben, können wir Bilanz ziehen. Es gibt durchaus Positives. Was bleiben wird für die amerikanische Demokratie, für die internationale Völkergemeinschaft, für uns alle, ist wohl das enorm geschärfte Interesse am Blow Job.
"Der Blow Job" hat den Sprung auf die Titelseiten geschafft. "Cosmopolitan" etwa verrät in seiner Coverstory, "was Frauen daran anmacht". Unter der Rubrik: "Blow Job - Wünsche, Preise, Fakten" wird sodann auch den Anfängern alles Wissenswerte mitgeteilt. Vorher führte er ein Schattendasein, nun ist er in aller Munde. Nennen wir ihn einfach Blob.
Sicher: Lewinsky allein hat es nicht geschafft. Da waren brillante Systematiker wie Sonderermittler Ken Starr, der Tabellen über "Oral-Sex" anfertigen ließ. Da waren die amerikanischen Kongreßabgeordneten und Senatoren, viele bereits alt und gebrechlich, aber vital interessiert am verschollen geglaubten Blob. Vor allem aber waren da wir Journalisten, die wir unermüdlich Detail um Detail zusammentrugen, bis wir uns ein Bild machen konnten.
Dennoch: Lewinsky hat die Sache ins Rollen gebracht. Für die Amerikaner gehört sie mittlerweile zu den zehn beliebtesten Frauen, sie rangiert auf einer Stufe mit Queen Elizabeth II. Man könnte sagen: keine Lewinsky, kein Blob - und diese Welt wäre ein kälte- rer Ort.
Frauenrechtlerinnen lieben sie. "Sie ist eine moderne Frau", meinte Eleanor Smeal, Präsidentin der "Feminist Majority Foundation". "Sie wußte, was sie wollte, und hat es bis zu einem gewissen Grade bekommen." Mittlerweile gibt es Tausende Lewinsky-Web-Sites mit Blob-Spielen und Redegruppen und Fan-Artikel bis zum Abwinken. Kids haben Lewinsky als Starschnitt über dem Bett hängen. Da kann auch "Stern"-Chefredakteur Maier nur noch den Hut ziehen - vor einer "Ikone", einem "Popstar, der sich nichts vorschreiben läßt".
Lewinskys Aufgabe? Sie war titanisch, berichtet die Illustrierte. Aller Welt habe sie beweisen wollen, daß sie "intelligenter und eleganter ist als Paula Jones, diese Piepsmaus aus Arkansas, die bei dem Job, den der Präsident ihr vor Jahren in einem Hotelzimmer anbot, nicht zugriff".
Sie hat es geschafft. Sie hat zugegriffen - und ergo der Welt bewiesen, daß sie intelligenter und eleganter ist: Monica "The Blob" Lewinsky. Jetzt verdient sie Tonnen an Geld und ist ein Rollenmodell für die vielen ehrgeizigen modernen Frauen, die auch davon träumen, sich jenseits von Heim und Herd selbst zu verwirklichen.
RTL-Moderatorin Birgit Schrowange "hatte fast den Eindruck, daß wir uns schon lange kennen", als sie sie im TV befragte. Wonach sie fragte? Nach dem fleckigen Kleid und Präsidentensex natürlich, wonach sonst? Lewinsky interessiert sich nicht sonderlich für Politik, aber dafür kann sie "Sauerkraut" sagen. Im übrigen hatte man nur acht Fragen für 300 000 Mark, und da muß man schon aufpassen, daß man keine verplempert. Also, das Wichtigste zuerst. Klären, ob sie "sexuell auf ihre Kosten gekommen" ist. Schrowange: "Wir haben gekichert und gelacht."
Die "berühmtesten Lippen der Nation" ("New York Post") hingegen öffneten sich zunächst für TV-Star Barbara Walters, die, mit 67 selbst aus dem Gröbsten heraus, eher mütterliche Besorgnis hegte. Sie brachte Lewinsky zum Weinen. Das ist ihr Job: Menschen zum Weinen zu bringen. Sie ist heute da, wo sie ist, weil sie das kann: So schluchzte Monica prompt darüber, daß sie vor diesen kalten, gemeinen Beamten vom Blob erzählen sollte - hier, vor über 70 Millionen Zuschauern, war die Situation entspannter. Intimer. Da konnte man reden.
Wer ist Monica nun wirklich? Die Denkerin Schrowange versucht eine Deutung: "Sie ist so berühmt wie Madonna und Lady Di." Das wiederum ruft "Stern"-Chef Maier auf den Plan. Denn nun, so warnt er im Editorial seiner opulenten Lewinsky-Kult-Nummer, könnte "ein künstlicher Kult alles wieder zunichte machen".
Also: Achten wir nun gemeinsam darauf, daß uns das nicht wieder passiert. Kein künstlicher Kult. Diese Welt hat Frieden verdient. Und den Blob.
Das alles einerseits. Andererseits kriegt im Laufe der Zeit wohl jeder, der außerhalb des kulturgeschichtlichen Kontextes archaischer Phallus-Anbeter über den Zusammenhang von Politik und Erektion schreiben soll, einen ziemlichen Hau. Man kann auch sagen, daß die Clinton-Lewinsky-Nummer im zurückliegenden Jahr den Beweis dafür lieferte, daß man aus einer dummen Nuß nur selten kluge Funken schlagen kann.
Nun aber können wir alle dazulernen. Denn nun gibt es Andrew Mortons Buch "Monica Lewinsky - ihre wahre Geschichte". Am vergangenen Freitag stürmte es die amerikanischen Bestsellerlisten. Ullstein liefert diese Woche aus. "Bild" sicherte sich den Vorabdruck: Lewinsky bricht ihr Schweigen.
Gelegenheit, alles einmal gegen den Strich, ja, man muß in diesem Zusammenhang schon sagen: zu bürsten, und nebenbei zu klären, was da eigentlich psychodynamisch schiefgelaufen ist zwischen Mann und Frau in dieser Büro-Affäre aller Büro-Affären. "Ich habe ein entspanntes Verhältnis zum Sex", sagt Monica, "Sex ist keine Sünde." Na prima.
Nichts gegen Sex also, aber das erwachsene Publikum hat da Fragen. Etwa: Muß man, wenn man ihn nicht mehr kriegt, so lange darüber herumwimmern in Telefonaten und E-Mails, bis der politische Gegner des Geliebten (i. e. Präsidenten) davon Witterung bekommt? Und muß man Belohnungen fürs Stillschweigen erpressen? Jetzt mal unter uns, moderne Frauen - tut man so was?
Alle sind sich darüber einig, daß Clinton, der derzeit von 21 Jahre alten Vergewaltigungsbeschuldigungen heimgesucht wird, ein ernstes Problem hat. Und zu dem gehört es sicher auch, sich in eine Lage gebracht zu haben, in der er ausgerechnet eine 21jährige "eigensüchtige Rotznase" (Camilla Paglia) um Diskretion bitten mußte. Bitte, bitte nichts verraten! "Natürlich nicht Schmucki", flötete Lewinsky bei solchen Anlässen und wählte flugs die Nummern ihrer Freundinnen, um von den neuesten präsidialen Zigarrenspielchen zu berichten. Zehn insgesamt - Starr hat seine Informationen von ihnen.
Daß ihre pubertären Gerissenheiten eventuell doch Identifikationen schaffen könnten für eine neue Generation, darauf spekuliert ihr Verlag St. Martin''s Press. Der Verlag Simon & Schuster hatte, wie andere auch, das Projekt abgelehnt. "Sie wirkte einfach nicht sympathisch genug, um eine große Leserschaft anzuziehen." Im Prinzip läuft es rein wirtschaftlich darauf hinaus: Findet es die Frau von heute toll, Mistbiene zu sein, oder nicht?
Wenn einer es schaffen kann, so etwas in Gold zu verwandeln, dann Andrew Morton. "Nur dieser Mann kann aus mir die Prinzessin von Amerika machen", sagte Lewinsky laut Verlagsreklame - und Andrew Morton schwitzt in seinem Buch tatsächlich Blut, Schweiß und Tränen und jede Menge Rosenblätter und Popcorn.
Er hat Meriten. Aus Princess Diana, einer bulimischen Butler-schikanierenden Jet-setterin hatte er tatsächlich eine Volks-Madonna geschaffen, ohne Pikanterien wie Telefonsex und Rittmeister-Schmachtereien zu verschweigen. Allerdings: Hier stimmte das Setting. Der Stil. Die Windsors. Und Diana war dünn.
Lewinsky dagegen kommt aus Beverly Hills und ist dick. Sie hat also eine Dianagegenläufige Eßstörung, obwohl sie zwischendurch auch immer wieder abschwillt. Wie wird Morton es schaffen, fragt man sich, Wirkung zu zaubern aus einem kalifornischen Blob und einem komplett verblödeten Milieu? Wie läßt sich das "Dra-
* Beim Interview mit TV-Journalistin Barbara Walters.
ma" der modernen Frau in der amerikanischen Variante erzählen?
Schon das Ambiente für die Interviews ist eine Herausforderung - Lewinskys Wohnung in Los Angeles: "Ein antiker, mit Rosenmuster verzierter Kleiderschrank, Lampen, deren Schirme ebenfalls rosengemustert sind, und Stoffe mit pinkfarbenen Rosenapplikationen." An den Wänden "Gemälde von Rosen in Antikrahmen".
Lewinsky sitzt in diesem Rosen-Alptraum, blob, im Jogginganzug auf einem Sofa und strickt. Morton fragt sie, warum sie ins Weiße Haus wollte, wo sie doch kein Interesse an Politik habe? "Weil ich dachte, ich kann wichtige Einblicke gewinnen." Man sieht Morton vor sich, wie er die Lippen zusammenpreßt, um das Kichern zu unterdrücken.
Lewinsky löffelt einen Joghurt und philosophiert über die Männer: "Ich halte eine Beziehung nur dann für echt, wenn ein Mann wütend auf mich wird, wenn ich etwas falsch mache. Wenn sich ein Mann nicht über mich oder mein Verhalten aufregt, dann ist er auch nicht ehrlich in bezug auf seine Gefühle oder ehrlich zu mir, und wenn er nicht ehrlich ist, dann stimmt die Beziehung nicht."
Mittlerweile dürfte Morton wimmern, weil er sich vorstellt, daß der Präsident der Vereinigten Staaten dieses Gequassel stundenlang hat über sich ergehen lassen. Freiwillig! Dann sagt die Stimme auf dem Sofa
* Vorführung der Videoaufzeichnung vor Pressevertretern.
schmollend. "Meine Eltern nannten mich Nudel, als ich zur Welt kam!" NUDEL? Ausgerechnet NUDEL? Morton bricht zusammen und wälzt sich im Lachkrampf auf dem Boden.
So hätte jeder reagiert. Nicht Morton, und das macht den Profi. Hunderte von Stunden zeichnet er von dem Zeug auf. Mit Pokerface. Und dann rührt er das alles halbwegs chronologisch zusammen. Dann der Diana-Dreh: Auf nahezu jeder dieser 360 Seiten wird geweint, ist die Seele verletzt oder verwundet, ist das Herz zersprungen oder steht man "nackt" da, symbolisch oder im Wortsinn.
Morton gelingt es dennoch nicht, eine richtig sympathische Lewinsky zu schaffen. Das Material ist zu widerständig. Viele dieser freiwilligen Geständnisse sind in ihrer Art obszöner als die erzwungenen. Was sind ein paar Sexszenen schon gegen Enthüllungen wie diese:
Während sich ihre Affäre mit Clinton nach ihrer Entfernung aus dem Weißen Haus notgedrungen auf Telefonsex verlagert, tröstet sie sich mit Thomas Longstreth, dem Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, und wird schwanger. Es folgt eine Szene, in der angeblich um die Kosten der Abtreibung geschachert wird, denn natürlich kann Monica dieses Kind überhaupt nicht gebrauchen. Ist er etwa wütend, weil sie möglicherweise nicht verhütet? Hätte sie das auch Clinton gegenüber verschwiegen, den sie immer provozierender zum Geschlechtsverkehr drängte? ("Sie fragte ihn, ... wann sie endlich miteinander schlafen würden. Als er das strikt von sich wies, zeigte sie sich enttäuscht und zornig.") Was, wenn Bill Clinton sie geschwängert hätte? Welcher Job wäre dann der "Schweigepreis" gewesen? Das Verteidigungsministerium?
Beugen wir uns über das, was auch in einer kalifornischen Freak-Show "Herkunft" genannt wird. Lewinsky, nach Morton "die am meisten gedemütigte Frau unseres Jahrhunderts", kommt mit ihrem jüngeren Bruder Michael im Reichen-Ghetto Beverly Hills zur Welt, wo alle ihre Freundinnen für Barbie-Puppen schwärmen.
Moment noch, hat er das wirklich gesagt? Am meisten gedemütigte Frau? Des Jahrhunderts? Die Lewinsky? Schon mal was von den Demütigungen durch die Nazis gehört, die Stalinschen Gulags, die Soldateska in Bosnien?
Nach Morton ist all das nichts gegen Monicas Qualen, denn sie ist "leicht übergewichtig" und wird von ihren Klassenkameraden "Big Mac" genannt, was sie "emotional belastete" - eine Tortur, die sich die eher gertenschlanken und daher weniger gedemütigten bosnischen Kinder gar nicht vorstellen können.
Ebensowenig können die sich ausmalen, welche Demütigung es bedeutet, zu Tori Spellings Geburtstagsparty als einzige der Klasse nicht eingeladen worden zu sein. Und dann auch noch das: "Als Monicas beste Freundin einen eigenen Telefonanschluß und ein Snoopy-Telefon bekam, gab es Tränen und Wutanfälle, weil ihr eigener Vater ihr dies versagte. Ähnliche Auseinandersetzungen verursachte die Weigerung des Vaters, ihr bei einem Besuch in Disneyland ein Minnie-Mouse-Kleid zu kaufen."
Das sind die Erschütterungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts in Beverly Hills. O-Ton Morton: "Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß sich dieses verzweifelt nach Liebe und Anerkennung sehnende Kind - ein Kind überdies, das so hohe Erwartungen an die hatte, die es liebte - oft enttäuscht und zurückgewiesen fühlte." Mama allerdings hat auch ihre Mucken. Wenige Tage bevor sie die Scheidung einreicht, bittet sie ihren Mann um einen Pelzmantel für 3000 Dollar und darum, ihr einen neuen Mercedes auf ihren Namen zu leasen. Kurz darauf läßt sie ihm die Papiere zustellen und verlangt 25 000 Dollar monatlichen Unterhalt.
Den Kindern berichtet sie bei Milk- Shake und Pommes strahlend von der Trennung. Die reagieren unschön. "Michael brach in Tränen aus, Monica rannte schnurstracks zur Toilette, um sich zu übergeben." Später wird Morton diese gleiche Mischpoke zustimmend mit der Wehklage zitieren, daß Clinton ihre Familie zerstört habe.
Weiter. Auf dem College ist Monica unglücklich. Schulische Leistungen und Finanzen reichen nur fürs staatliche College. "Schließlich geschah das Unvermeidliche: Sie brach weinend zusammen, nur weil ihr ein anderer Fahrer einen Parkplatz auf dem College-Gelände weggeschnappt hatte." Fünf Jahre Therapie folgen, um trotz dieser und anderer Demütigungen lebensfähig zu bleiben.
Wir entdecken hier schon reichlich Identifikationsfutter - wird sie es schaffen und so ikonenfähig werden, wie es vor ihr Diana war?
Mit 19, so teilt uns Morton mit, ist Monica immer noch Jungfrau, weil die, die sie will, sie nicht wollen, und umgekehrt. Doch dann betritt der "leichtlebige Andy Bleiler die Bühne von Monicas Leben". Irgendwie verdreht der Tausendsassa ihr den Kopf und bittet sie galant, ihm ihren Slip zu schenken. Sie findet ihn, "abgesehen von der sexuellen Anziehung, sehr intelligent, witzig, kreativ". Obwohl Bleilers Frau schwanger ist, steigt Monica mit Bleiler ins Bett. Unschön und darüber hinaus demütigend für Monica ist, daß Bleiler kurz vor der Geburt seiner Tochter mit ihr Schluß macht. Doch Monica weiß bereits jetzt Bescheid über verheiratete Männer und "ihre Schuldgefühle". Sie weiß, "daß sie der Versuchung dann doch nicht widerstehen können - also kommen sie immer wieder zurück".
Mehr noch: Sie lernt die Wonnen der Manipulation kennen. Sie freundet sich mit Bleilers Frau Kate an - und treibt es heimlich weiter mit ihrem Mann. "Ich muß zugeben, daß die Beziehung zu ihr irgendwie krank und unehrlich war." Irgendwie schon. Die Frau, die bisher schweigen mußte, spricht und spricht und spricht und sammelt Pluspunkte auf der nach oben offenen Hirnquark-Identifikationsskala.
Bleiler, "dieses Stück Dreck" (Monicas Mutter), treibt es kurz darauf mit einer Minderjährigen. Monica ist wütend, treibt es aber weiter mit Bleiler, nicht ohne ihm jedoch seine Untreue "mit einer gewissen boshaften Genugtuung" heimzuzahlen - sie betrügt ihn nun umgekehrt mit seinem jüngeren Bruder.
Wer hier nicht mehr durchblickt, kann sich von einer beliebigen Teenager-soap-Serie wie "Beverly Hills 90210" Schaupläne beschaffen - dieses Zeug aus Pubertätsspeck, Liebesschwur und Gaunerei wird jeden Nachmittag aus dem Fernseher direkt unter die pinkgefärbte Haarwurzel gefixt.
Mit Monicas Mama und Monica selbst ziehen wir nun endlich um nach Washington, in den Watergate-Komplex. Mama hat dem ahnungslosen Töchterlein einen Praktikantenjob im Weißen Haus beschafft. "Wie Mütter so sind", gesteht sie Morton, "hoffte auch ich, Monica würde dort einen netten jungen Mann kennenlernen."
Im Juli 1995 steht Monica endlich auf dem Südrasen des Weißen Hauses. Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Mit einem Riesenherz und ein paar Überpfunden. Und so viel Liebe. Und keiner will sie haben. Finger weg, möchte man Clinton zubrüllen, aber die Kapelle spielt "Hail to the Chief", und da steht er und genießt seine Unverwüstlichkeit.
Er! Morton, die Geiger bitte! "Mein Herz machte einen Satz, mein Atem ging ein wenig schneller, und ich hatte Schmetterlinge im Bauch. Er strahlte eine wahnsinnige sexuelle Energie aus." Nicht schlecht fürs erste. Zugabe, Morton! "Als ich an der Reihe war und er mir die Hand schüttelte, verschwand das Lächeln und mit ihm die Welt um uns herum, und zwischen uns knisterte es förmlich vor erotischer Spannung. Mit Blicken zog er mich aus." Viktorianische Kneifzangenlyrik - der Diana-erprobte Morton schüttelt so etwas mittlerweile aus dem Ärmel.
Kurz darauf gibt Clinton Lewinsky den Rest, denn bei einer weiteren Zeremonie "streifte sein Arm wie zufällig ihre Brust". Sie nimmt sich daraufhin Arbeit mit nach Hause: Noch in derselben Nacht liest sie die Biographie der Tingel-Dame Gennifer Flowers, die durch eine Affäre mit Clinton berühmt und reich wurde und womöglich wertvolle Tips geben kann.
Lewinsky liest sonst eher weniger, zumindest weiß Mortion nichts davon zu berichten. Von ihrem Job im Weißen Haus hat sie während ihrer sechsmonatigen Praktikantenzeit eher unklare Vorstellungen. Es geht um blöde Abtippereien.
"Naiv wie sie war, wartete Monica am nächsten Tag jeden Moment darauf, daß der Secret Service ihr diskret übermitteln würde, daß der Präsident sie sehen wolle, genauso wie ... John F. Kennedy, ... um den Kontakt mit seinen Geliebten zu pflegen." Naivchen - Clinton ist nicht Kennedy! Weiß Gott nicht!
Er ist eher der Typ des bäuerlichen Suchtfummlers, der mit feuchten Augen kleinen Mädchen auf dem Rummel genau sagt, was sie hören wollen. Im Falle der Lewinsky: erstens, daß sie dünn, und zweitens, daß sie intelligent ist.
Bald ergibt sich die Gelegenheit. Schon sind wir an der Stelle. Der STELLE. Morton, übernehmen Sie! "Sie stand in ihrem hübschen marineblauen Hosenanzug mit dem Rücken zur Bürotür, und als Clinton zurückkam, legte sie die Hände auf die Hüften und hob mit dem Daumen ihre Jacke an, so daß er einen flüchtigen Blick auf die Riemchen ihrer Unterwäsche erhaschen konnte, die oberhalb des Hosengürtels zu sehen war." Das ist es - eine Seite aus dem Quelle-Katalog ist aufregender.
Nun noch zum berühmten Bosnien-Blob. Während der Präsident mit einem Abgeordneten über den Kriseneinsatz telefoniert, "verwöhnt sie ihn". Die amerikanische Nation, die Morton "unheimlich frauenverachtend" findet, hatte sich später "über dieses Verhalten ganz besonders entsetzt. Für Monica dagegen war viel wesentlicher, daß erotisch zwischen ihnen die Chemie so sehr stimmte".
Die doofen Erwachsenen mit ihrem blöden Krieg und so, die haben eben keine Ahnung, daß es darauf ankommt, daß die Chemie stimmt, beim Job zumindest. Ist das tatsächlich Lewinsky? Oder doch eher die Raffinesse Mortons, die sich dumm stellt? Auf jeden Fall stieben rosa Puffwölkchen von jeder Seite, und man wünscht sich bisweilen die sinistre Präzision des Untersuchungsberichts zurück, die dieses Zeug trockenlegen könnte.
Morton ergreift gnadenlos Partei für Lewinsky und gibt sie damit der Lächerlichkeit preis. Er schildert, wie sie in Clinton längst "nicht mehr den Präsidenten, sondern den Mann" sieht, wie sie ihm nachstellt mit Geschenken, mit Briefbeschwerern und Krawatten, und lockt mit Pfefferminzbonbons, ganz Mata Hari vor der Blümchentapete. Und Clinton zieht seine Feuchte-Augen-Rummel-Nummer durch, spricht über den lieben Gott und seine Sündenschuld und genießt.
Tatsächlich ist dieses Buch eine unfreiwillige, beißende Satire auf die US-Gesellschaft und Washington, über ein ausgeklinktes Mädchen und ihren Präsidenten und ist zunehmend interessant zu lesen.
Seitenlang läßt Morton die Lewinsky losledern. Neckisch wirft sie ihrem Schmuckstück im Oval Office zu: "Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der wünscht, du wärst nicht der Präsident der Vereinigten Staaten." Na, na, es gibt vielleicht noch ein paar Nordkoreaner, die sich das gleiche wünschen. Und Newt Gingrich und Ken Starr, die nur ein paar Häuser weiter arbeiten.
Als der Präsident endlich merkt, daß er in Gefahr ist, und auf Distanz geht, bestürmt ihn Lewinsky mit Telefonaten, die immer wütender, und Billetts, die immer glühender werden. "Liebst Du mich nicht mehr oder hast Du Angst?" Da weiß der Präsident, daß er plötzlich mitten in einem Horrorfilm sitzt.
Lewinsky tobt. Sie beschimpft Clintons Sekretärin, die sie nicht mehr durchstellt. "Ich will den Präsidenten, sofort!" Und zwar so dringend wie damals das Minnie-Mouse-Kleid. Sorry, der Präsident berät über den Nahen Osten. Lewinsky aber will telefonisch schmusen, soviel Zeit muß sein. Sie droht mit Selbstmord, schwankt zwischen Tabletten und geöffneter Pulsader, kann sich nicht entscheiden - und ruft ihre Therapeutin an. Die "rettet ihr das Leben". Bei Lewinsky ist alles eine Frage auf Leben und Tod - statt einfach mal für fünf Minuten den Mund zu halten.
Irgendwann holt sie zur letzten, schrecklichen Attacke aus. Zur schlimmsten, die sich ein Mädchen aus Beverly Hills vorstellen kann. Sie droht Clintons Sekretärin: "Ich sag'' alles meinen Eltern."
Vor diesem Hintergrund wirken selbst die stillen ernsten Jungs vom FBI, die Lewinsky schließlich im Ritz-Carlton-Hotel festsetzen, um sie zu Aussagen zu zwingen, wie angenehm-professionelle Ausnüchterungsbeamte. Natürlich sind sie es nicht. Natürlich berauben sie Lewinsky ihrer Rechte auf einen Anwalt. Und Mortons Buch liefert Hinweise, die für ein Untersuchungsverfahren gegen Sonderermittler Starr relevant sein dürften.
Es gibt viel Bizarres in dieser Plastik-Wüste. Da ist der Anwalt der Lewinskys, der gute Onkel Ginsberg, der Monicas Vater grinsend steckt, daß seine Tochter ihn hasse. Da sind seine Witzeleien über die Präsidenten-Vorliebe für eher dunkles Schamhaar. Diese ganze Truppe ist kaum netter als die Gegenseite. Nur weil die Gegenspieler so finster sind, werde aus Lewinskys Eskapaden ja kein Kampfauftrag für Demokratie und Freiheit. Eine Ikone für die moderne Frau? Das wäre Verleumdung der modernen Frau. Lewinsky fürchtet den Starr-Report besonders aus einem Grunde. In ihren Telefonaten mit Tripp hat sie enge Freunde und besonders ihren Vater durch den Dreck gezogen.
Alle haben sie es mit der Moral: Mutter Lewinsky hält ihre Tochter für eine "große Moralistin". Die sich selber auch, weshalb sie sich in ihren Telefonaten mit Tripp über den "großen Mistkerl" empört. Tripp nimmt diese Empörung im Namen der Moral heimlich auf. Und schildert sie der New Yorker Verlagsagentin Lucianne Goldberg, die diese Gespräche ihrerseits heimlich mitschneidet. Im Namen der Moral.
Jeder belauert jeden und versucht aus ihm Kapital zu schlagen. Keiner ist sich irgendeiner Schuld bewußt, und Lewinsky, das "Opfer", hat tatsächlich die Nase, ihre "Situation" mit der Anne Franks zu vergleichen. Alle in diesem Spiel haben eine ausgeprägte Eigenschaft: Sie sehen nur den eigenen Vorteil, den eigenen Schmerz. Ein Karussell von Egomanen. Daher ist Mortons Puffprosa "Lewinsky" auch eine Art morality tale, ein nützliches Buch.
Natürlich wird es ein Kult-Ratgeber für die Groupies dieser Erde werden, die mit einem Blob an die Spitze kommen können. Dem Rest aber sagt es: Das haben wir uns selber eingebrockt. Deshalb müssen wir uns diese Geschichten im Kreis herumerzählen, immer wieder. Welche Strafe könnte schlimmer sein?
* Beim Interview mit TV-Journalistin Barbara Walters. * Vorführung der Videoaufzeichnung vor Pressevertretern.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 10/1999
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