01.07.2013

BILLIGWARENMade in Bangladesh

Am 24. April stürzt in Dhaka eine Textilfabrik ein und begräbt 3500 Menschen. Ein staatlicher Ermittler hat dem SPIEGEL seine Ergebnisse vorgelegt. Sie erzählen die Geschichte einer absehbaren Katastrophe.
Am Morgen des 24. April 2013, gegen 8.45 Uhr, stürzt in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, das Rana Plaza zusammen, ein neunstöckiges Fabrik- und Bürohaus. Mehr als 3500 Menschen sind zu diesem Zeitpunkt in dem Gebäude, 1129 sterben in den Trümmern. Am Abend beginnt Mainuddin Khandaker, hoher Beamter im Innenministerium, mit den Ermittlungen.
Sechs Wochen später. Khandaker sitzt in seinem Wohnzimmer in einem holzgeschnitzten Lehnstuhl, er ist ein Herr von Anfang sechzig, mit einer Goldrandbrille und einer leisen Stimme. Sein Haus liegt im Regierungsviertel von Dhaka. Draußen ist es längst Nacht geworden, das Zimmer wird nur erhellt von einer Neonröhre, vor der Nachtfalter flattern. Khandaker balanciert eine Schale mit blauschwarzen Beeren auf den Knien.
Er hat in den vergangenen Jahren mehr als 40 Fälle untersucht, in denen eine Fabrik in Flammen aufging oder zusammenstürzte. Insgesamt 40 Untersuchungen, 40 Berichte. Doch kein Unfall war annähernd so groß wie Rana Plaza - der größte Industrieunfall in der Geschichte von Bangladesch. Der Report, den Khandaker schrieb, enthält Zeugenaussagen, Fotos, Statikberechnungen, er umfasst 493 Seiten und wird wohl unter Verschluss bleiben. Noch nie, sagt er, sei in Bangladesch ein Untersuchungsbericht über die Textilindustrie veröffentlicht worden.
Khandaker geht ins Nebenzimmer, kommt mit einem Papierstapel zurück. Die Zusammenfassung. Er nimmt eine Beere vom Teller, vorsichtig spuckt er den Kern auf die Untertasse. "Termindruck, viel Geld, Skrupellosigkeit und Gier - an diesem Tag kam alles zusammen", sagt er.
Dhaka, Basti Madjipur, 24. April, 5.30 Uhr
Im Basti Madjipur, im Nordwesten der Hauptstadt Dhaka, Stadtteil Savar, beginnt der Tag früh.
Ein "Basti" ist eine wuchernde Ansammlung von einfachen Betonhäusern, mit Blech- und Wellblechdächern, dazwischen labyrinthische Pfade, halbnackte Kinder spielen zwischen Pfützen und Tümpeln, überall Verschläge mit Hühnern, eine Rotte kleiner Schweine durchstreift das Basti Madjipur. Etwa 100 000 Menschen leben hier. Alle arbeiten in den umliegenden Textilfabriken, viele im Rana Plaza.
Es ist 5.30 Uhr an diesem Morgen, als Mohammed Badul und seine Frau Shali aufstehen. Badul arbeitet im Rana Plaza, bei einer Firma namens Phantom Apparels Ltd., in der Verpackungsabteilung. Seine Frau ist Näherin in einer anderen Fabrik.
Sie bewohnen ein Zimmer von zwölf Quadratmetern, Betonboden, sie haben einen Sohn, Sabbir, neun Jahre alt. Sie besitzen ein Bett, eine Kommode mit Geschirr, etwas Kleidung, einen Fernseher. Wasserhahn, Dusche sind draußen.
Auch an diesem Morgen kocht Shali Reis mit etwas Öl und sehr wenig Gemüse, das Mittagessen für sie und ihren Mann. Auf ein Frühstück verzichten sie. Gegen 7 Uhr machen sie sich auf den Weg zu ihrer jeweiligen Fabrik, zu Fuß. Ihrem Mann hat Shali sein Essen in einer Blechdose mitgegeben. Mittagspause ist um 13 Uhr, eine Stunde.
Die normale Schicht dauert oft bis 20 Uhr. Häufig werden Überstunden angeordnet, bis 22 Uhr. Auf dem Heimweg kauft Shali noch ein, gegen 23 Uhr ist sie zu Hause. Ihr Sohn schläft dann schon.
In elf Jahren haben die beiden 20 000 Taka gespart, 200 Euro. Mohammed Badul träumt davon, eines Tages einen Friseurladen zu eröffnen.
Auch Fahima und ihr Mann Abu Said wohnen im Basti Madjipur. Beide stammen aus dem Dorf Bodergond im Norden von Bangladesch. Vor sechs Jahren kamen sie nach Dhaka.
Sie mussten ihr Dorf verlassen, Arbeit suchen, um ihre Schulden zurückzahlen zu können: Abu Said hatte sich Geld geliehen, 50 000 Taka, 500 Euro, weil er eine eigene Farm aufbauen wollte.
Zusammen verdienen sie etwa 12 000 Taka im Monat, 120 Euro. Etwa 500 Taka können sie im Monat zurücklegen, 5 Euro. Ein Bett haben sie nicht, nicht mal eine Matratze. Einen einzigen Luxus gönnt sich Abu Said: Ab und an kauft er eine Dose Kautabak, er hat sie immer hinten in seiner Hosentasche.
Auch Fahima und Abu Said haben einen Sohn, Shahin, er ist fünf Jahre alt, eine Nachbarin passt auf, wenn Fahima und ihr Mann in der Fabrik sind. Ihr Plan: aushalten. Ein paar Jahre noch, dann mit etwas Geld zurückkehren in ihr Dorf. Eine Zukunft für Shahin, darum geht es. Das ist der Sinn ihres Lebens.
In derselben Gasse, in einem Nachbarhaus, wohnen zwei Schwestern: Shefali und Shirin Akter, 20 und 18 Jahre alt. Sie kamen schon als Kinder nach Dhaka, auf sich gestellt, mit nichts außer zwei Hosen und zwei Hemden. Ihren kleinen Bruder Nawshad holten sie später nach. Er ist die Hoffnung der Schwestern, für seine Ausbildung arbeiten und sparen sie. Sie besitzen vier Tassen, ein Doppelbett, einen Fernseher, zwei Stück Seife. Sie besitzen einen Korb mit Kleidungsstücken, drei Paar Flip-Flops, einen Topf, Besteck, etwas Geschirr.
Wie fast alle, die hier untergekommen sind, bewohnen Shefali, Shirin und Nawshad zusammen nur ein Zimmer, 2000 Taka Monatsmiete, 20 Euro. Viele dieser Häuser hat derselbe Mann bauen lassen, der auch Rana Plaza hochziehen ließ: Sohel Rana, der Pate von Madjipur.
Rana ist ein Mann von Mitte dreißig, klein, aufgeschwemmt. Er wohnt in der Bazar Road, in einem fünfstöckigen Haus, das am Ende einer Gasse steht, mit einem Blechtor gegen Besucher geschützt. Wenn er das Haus verlässt, wird Rana von Bodyguards bewacht.
Er ist Mitglied in der Jugendorganisation der regierenden Awami-Partei. In seinem Basti hat Rana in diesen Tagen Plakate von sich aufhängen lassen, es gibt Leute hier, die Rana schon als Parlamentsabgeordneten sehen.
Aber an diesem Morgen hat Sohel Rana ein Problem. Im Rana Plaza sind Risse aufgetreten, sie durchziehen die Wände wie auch die tragenden Pfeiler. Und die Mieter, vor allem diese verdammten Fabrikbesitzer, machen sich Sorgen.
Dhaka, Madjipur Bazar Road, Rana Plaza, 7.30 Uhr
Ein paar hundert Menschen haben sich vor dem Rana Plaza versammelt. Auch Mohammed Badul, der Mann, der auf einen Friseurladen spart, ist unter ihnen, ebenso wie Fahima und Abu Said, das Paar, das nicht mal eine Matratze besitzt. Sie haben Angst. Noch eine halbe Stunde, bis die Schicht beginnt - falls die Schicht beginnt.
Das Rana Plaza überragt die umliegenden Häuser, die unteren Geschosse hat Rana mit einer blau spiegelnden Glasfront verkleiden lassen. Sieben Stockwerke - nach deutscher Zählart - sind bereits bezogen, ein achtes ist seit kurzem im Bau. Über dem Eingang steht, in geschwungenen Buchstaben: "Rana Plaza".
Im ersten Stock ist eine Filiale der Brac Bank untergebracht, an der Eingangstür hängt seit gestern ein Schild: closed, geschlossen. Kein gutes Zeichen, denkt Fahima.
Im Tresor der Bank liegen zehn Millionen Taka. Die Bankbeamten hatten es so eilig, sich in Sicherheit zu bringen, dass sie das Geld zurückgelassen haben.
Am Eingang steht Sohel Rana, er redet auf die Fabrikbesitzer ein. Man müsse keine Angst haben wegen der paar Risse. Jemand werde sich um das Problem kümmern. Gestern noch hatten die Manager alle fünf Textilfabriken geschlossen und die Arbeiter mitten am Tag nach Hause geschickt; 3500 Menschen, auch Fahima, Mohammed Badul, Shefali und Shirin, die beiden Schwestern. Dann waren zwei Fachleute gekommen und hatten die Risse begutachtet.
Kann die Schicht beginnen? Oder ist das Gebäude nicht mehr zu retten?
Dass ausgerechnet Sohel Rana diese Entscheidung trifft, bedeutet Tod und Verderben für viele.
Sohel Rana ist schon in Dhaka geboren. Sein Vater war Anfang der achtziger Jahre hergekommen, Sohel wuchs hier auf, besuchte die Adharchandra Highschool.
"Er wollte vor allem Geld verdienen, das war das Wichtigste für ihn", sagt Khandaker, der Ermittler. Und also kaufte Rana Land.
Als Sohel Rana seine Karriere plante, war Dhaka bereits eine wuchernde Stadt. Jedes Jahr kamen Hunderttausende aus den Dörfern, jedes Jahr wurden neue Textilfabriken gebaut. Und die Menschen brauchten Wohnungen, Häuser, die Fabrikanten brauchten Produktionsflächen.
Ranas Vater hatte früh ein Stück Land gekauft, der Sohn kaufte dazu. Das Gelände war sumpfig und deshalb billig. Rana ließ den Sumpf mit Sand und Müll auffüllen. 2007 begann er mit dem Bau eines mehrgeschossigen Gebäudes. Rana Plaza sollte der Beginn einer großen Karriere sein.
Sechs Ämter müssen eigentlich zustimmen, wenn es um den Bau einer Fabrik in Bangladesch geht: das Industrieministerium, das Arbeitsministerium, das Innenministerium, das Amt für Feuersicherheit und Zivilschutz, das Umweltamt, das Board of Investment, außerdem die BGMEA, die Organisation der Textilproduzenten und -exporteure. Rana umging diese Auflagen, indem er das Plaza als Büro- und Ladengebäude deklarierte. Er bediente sich der Kontakte seines Vaters, er unterstützte den Wahlkampf eines Parlamentsabgeordneten mit Geld. So funktioniert das System Bangladesch.
Ein Land, das so schnell wächst, kann sich nicht lange mit Vorschriften aufhalten. Wenn schließlich ein Gebäude dasteht, mit Maschinen darin, wenn in ihm gearbeitet wird und Geld ins Land kommt, fragt keiner nach Genehmigungen.
Im Jahr 2008 feierte Rana die Eröffnung. Das Haus hatte zu dünne Zwischendecken, es war eilig hochgezogen worden; die Maurer, heißt es, hatten nie zuvor ein so hohes Gebäude gebaut. Der Beton war mit zu viel Sand versetzt, der Boden nachgiebig. All dies würde Khandaker, der Ermittler, später herausfinden.
Dhaka, Stadtteil Savar, Rana Plaza, 7.55 Uhr
Um kurz vor acht Uhr streiten sich die Fabrikmanager immer noch mit Rana. Einerseits fürchten sie um ihr Leben. Andererseits müssen sie Liefertermine einhalten. Wer einen Auftrag nicht vertragsgemäß erledigt, riskiert, künftig nicht berücksichtigt zu werden. In dem System Bangladesch sind Verspätungen nicht vorgesehen.
Um kurz vor acht Uhr hat Rana es beinahe geschafft. Er beruft sich auf zwei Fachleute, die er tags zuvor gerufen hatte, zwei Männer von der Distriktverwaltung, einer ein Bauingenieur. Ihr Urteil: Das Gebäude hält noch mindestens hundert Jahre.
Rana hat die Beamten bestochen, so steht es in Mainuddin Khandakers Bericht.
In den Jahren nach der Eröffnung hatte Rana das Gebäude um weitere zwei Etagen aufgestockt, diesmal machte er sich nicht einmal die Mühe, Genehmigungen einzuholen. Die oberen Etagen, jede etwa 3500 Quadratmeter groß, vermietete er an Textilfabriken. Es gab im Rana Plaza ein Kellergeschoss, dort war die Tiefgarage. Rana richtete sich hier unten ein Büro ein. Erdgeschoss und der erste Stock des Rana Plaza waren an die Bank und an kleine Läden vermietet. In den Etagen darüber sind fünf Textilfabriken untergebracht: New Wave Bottoms Ltd. und Ether Tex Ltd.; dann Phantom Apparels Ltd., Phantom Tac Ltd., schließlich New Wave Style Ltd. Rund 3500 Menschen nähen hier für Textil-Discounter und Kaufhausketten in Europa, den USA, Kanada. Auf jeder Etage stehen Hunderte elektrische Nähmaschinen, in langen Reihen.
Wahrscheinlich konnte Rana das Gebäude schon nach wenigen Jahren amortisieren. Von da an brachte es, grob geschätzt, eineinhalb Millionen Euro jährlich an Mieteinnahmen.
Rana baute in seinem Basti neue Unterkünfte für Arbeiter, er stieg ins Drogengeschäft ein, vier Morde soll er in Auftrag gegeben haben. Khandaker, der Ermittler, erzählt, dass Rana selbst drogenabhängig gewesen sei. Er trank, und vor allem konsumierte er Phensedyl, einen Hustensaft, der als "Purple Drank" beliebt ist.
Don't make my life miserable, das sagt Rana den Fabrikanten, die um die Sicherheit im Gebäude fürchten. Fallt mir nicht auf die Nerven! Dann verschwindet Rana demonstrativ in seinem Büro in der Tiefgarage, vielleicht gibt das den Ausschlag.
D haka, Rana Plaza, 8.00 Uhr
Die Schicht beginnt auch an diesem Morgen des 24. April pünktlich. Fahima und ihr Mann Abu Said haben ihre Lochkarten gestempelt, jetzt sind sie im zweiten Stock, wo New Wave Bottoms fertigen lässt, hier kann man die Risse in Wänden und Pfeilern deutlich erkennen. Fahima näht Gürtelschlaufen, Abu Said arbeitet in der Verpackungsabteilung.
Ein Herrenhemd durchläuft folgende Arbeitsschritte: Zuschnitt, Vorderseite und Rückseite werden vernäht, dann Kragen, Knopfleiste, Brusttasche, Knopflöcher, Knöpfe, zuletzt die Ärmel. Dann ist das Hemd genäht, es kommt in die Endfertigung. Hier wird es gebügelt, das Label wird eingenäht, das Hemd wird mit einem Stück Karton versteift, verpackt.
Ein Stockwerk höher, in der dritten Etage, produziert Phantom Apparels. Hier stapelt Mohammed Badul Jeans in Kartons, Badul, der so gern Friseur wäre.
Dhaka, mit seinen 16 Millionen Einwohnern, ist eine Stadt der Zuwanderer, ein verhasster Sehnsuchtsort. Manche kommen hierher, um später mit etwas Erspartem wieder zurückzukehren in ihre Dörfer, wie Fahima und Abu Said. Andere wollen hierbleiben und ein neues Leben aufbauen, wie Mohammed Badul. Für alle ist die Textilfabrik nur eine Station, etwas, das ertragen werden muss. Weil man hier wenigstens eine Hoffnung hat und nicht verhungert.
Rana, dies lässt sich aus den Geschichten über ihn zusammenfügen, war anders. Wo andere erdulden, legte er los. Ein Spieler, dessen Einsatz das Leben von 3500 Menschen ist.
Im Rana Plaza laufen Tausende Industrienähmaschinen. Die Stromversorgung in Dhaka ist jedoch notorisch unzuverlässig, es gibt Tage, an denen das Netz 50-mal zusammenbricht. Deshalb stehen in den Fabriketagen insgesamt vier Dieselgeneratoren. Jeder wiegt mehrere Tonnen. Sie befinden sich auf den oberen Etagen. Ein Generator dieser Größe löst heftige Vibrationen aus, sobald er anspringt.
Drei Etagen über Mohammed Badul, im sechsten Stock, arbeiten an diesem Morgen Shefali und Shirin, die Schwestern, für die Firma New Wave Style, heute werden hier Herrenhemden genäht.
Etwa 800 Menschen drängen sich auf dieser Etage, 80 Prozent sind Frauen. Sie arbeiten in fünf Reihen, 70 Industrienähmaschinen pro Reihe. Kein Ventilator, keine Klimaanlage. Es wird nicht gern gesehen, wenn eine Arbeiterin ihren Platz verlässt. Dennoch geht Shefali manchmal auf die Toilette, nur um sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen. Shirin näht Kragen.
Ganz unten in der Hierarchie einer Nähetage stehen die "helper", Leute, die Stoff anreichen, zwischen den Abteilungen hin- und herwechseln. Darüber stehen die "sewing operators", die Näherinnen, Frauen wie Shefali und Shirin. Über eine Gruppe von Näherinnen wacht die Supervisorin, sie achtet darauf, dass das Tempo gehalten wird.
Darüber steht der "line chief", der eine der fünf Reihen überwacht. Alle fünf "line chiefs" bei New Wave Style sind Männer. Für die ganze Etage ist der "floor in charge" verantwortlich.
Zehn Hierarchiestufen gibt es insgesamt, Shefali und Shirin stehen auf Stufe zwei. Shefali hofft, eines Tages zum "line chief" befördert zu werden, dann würde sie 14 000 Taka verdienen. Damit wäre die Zukunft von Nawshad, ihrem Bruder, gesichert.
Dhaka, Rana Plaza, circa 8.30 Uhr
Fahima, im zweiten Stock, kann sich an diesem Morgen schwer konzentrieren. Immer wieder blickt sie hinüber zu den Rissen.
Die Risse sind mittlerweile auch hinauf in den dritten Stock gewandert, wo Mohammed Badul Jeans verpackt.
Etwa 3500 Menschen haben sich an diesem Morgen im Rana Plaza an ihren Arbeitsplatz begeben, obwohl die Einsturzgefahr augenfällig war.
Dennoch gingen sie hinein.
Warum?
Ein Teil der Antwort findet sich nicht in Bangladesch, sondern in unseren Städten, bei H&M, bei Zara, bei Next und Primark, überall dort, wo ein T-Shirt verlockend wenig kostet, 4,99 Euro, 3,99 Euro, fast nichts. Ein solcher Preis setzt voraus, dass Käufer und Produzenten so wenig wie möglich voneinander wissen. Von den Bedingungen, unter denen das T-Shirt entstanden ist, will der Kunde in London oder München nicht wirklich hören. Er will ein T-Shirt, kein Schicksal.
Fahima und ihre Kolleginnen wiederum ahnen nicht, dass die Arbeit, an der ihr Überleben hängt, in den Ländern des Westens so gut wie keinen Wert hat. Dass ein T-Shirt ein Wegwerfartikel ist.
In Läden wie H&M oder Zara verschwindet die Geschichte eines Produkts hinter lauter Musik und greller Markeninszenierung. Sichtblenden, hinter denen Agenten, Zwischenhändler und Vermittler dafür sorgen, dass der globale Tauschhandel funktioniert. Auch in Dhaka gibt es solche Agenten. Bei ihnen laufen die Aufträge der großen Ketten ein, sie vermitteln die Bestellungen weiter an einheimische Fabriken.
Es läuft so: Der Auftraggeber, etwa H&M, schickt eine Designprobe nach Dhaka. Der "middleman", der Agent, kennt Fabrikanten und Produktionsstätten. Er sucht eine geeignete aus.
In den vergangenen Jahren hatten die meisten Fabrikbesitzer in Bangladesch mehr Aufträge angenommen, als sie abarbeiten konnten. Denn sie müssen Löhne zahlen, Darlehen tilgen, Miete an Leute wie Rana entrichten. Sie nahmen in Kauf, einen Teil der Bestellung an Subunternehmer abgeben zu müssen, um nicht womöglich einen Auftrag zu verlieren. Das führte zu ständigem Termindruck.
Das setzt auch die Arbeiter unter Druck. Sie können sich kaum widersetzen. Ihr monatliches Einkommen ist so knapp bemessen, dass Fahima und ihre Kolleginnen es an jenem Morgen nicht wagten, dem Fabrikbesitzer zu widersprechen, als er sie an ihre Arbeitsplätze befahl. Blieben für Fahima, die Schwestern Shirin und Shefali, für Mohammed Badul ein, zwei Monatslöhne aus, würde das ihre Ersparnisse aufzehren.
Gegen 8.30 Uhr fällt im Rana Plaza der Strom aus. Automatisch springen jetzt die tonnenschweren Generatoren an.
Dhaka, Rana Plaza, circa 8.45 Uhr
Sechs bis zehn Minuten dauert es, bis in der Südwestecke des Gebäudes der erste Pfeiler einknickt.
Dann geht alles sehr schnell. Shefali spürt, wie unter ihr der Fußboden weich wird, nachgibt. Ihr Blick sucht ihre Schwester, in der Kragenabteilung. Aber Shirin ist nicht da. Und dann ist der Boden weg, und Shefali fällt.
Vier Stockwerke tiefer, in der zweiten Etage, fühlt Fahima, die Näherin für Gürtelschlaufen, einen gewaltigen Schlag. Alles versinkt in Staub und Dunkelheit. Sie rennt in Richtung Verpackungsabteilung, zu ihrem Mann, Abu Said. Sie hört den Supervisor schreien: Alle raus! Dann sind sie in der Nähe des Treppenhauses. Überall Menschen, die schreien, weinen, wimmern, sie drängen panisch zum Ausgang. Warte! Sonst werden wir zertrampelt, schreit Fahimas Mann. Dann werden sie getrennt.
Mohammed Badul, im dritten Stock, befindet sich, als das Gebäude zusammenbricht, in der Mitte der Etage. Zum Treppenhaus ist es zu weit für ihn. Aber er kann sich unter einen schweren Holztisch retten.
Auch Sohel Rana ist in seinem Büro, als das Gebäude zusammenstürzt. Die Garage erweist sich als verhältnismäßig sicher, eine Art Luftschutzkeller. Rana wird verschüttet, er bleibt unverletzt.
Der Einsturz dauert kaum länger als 90 Sekunden. "Das Gebäude wurde zusammengedrückt wie ein Sandwich", sagt Mainuddin Khandaker, der Ermittler.
Das Rana Plaza war ein Gebäude, das es niemals hätte geben dürfen. Gebaut auf sumpfigem Gelände, mit schlechtem Material, ohne Know-how und ausreichende Prüfungen - aber kein Einzelfall. Experten schätzen, dass von den 240 000 industriell genutzten Gebäuden in und um Dhaka etwa ein Drittel in einem ähnlich gefährlichen Zustand ist.
Eigentlich müssten diese Fabriken sofort geschlossen werden. Aber das wird nicht passieren. Ohne diese lebensgefährliche Art zu bauen, ohne Leute wie Rana, die die Regeln brechen, kann das System Bangladesch nicht überleben. Das System produziert Typen wie Rana.
Die Volkswirtschaft Bangladesch hat nur diese eine Karte: die niedrigsten Löhne der Welt. Dazu 160 Millionen Menschen, die sich duldsam ausbeuten lassen, weil es immer noch erträglicher ist, in Dhaka zwölf Stunden am Tag Knochenarbeit zu leisten, als landlos in einem halbüberschwemmten Dorf Hunger zu leiden. Rund 80 Prozent der Exporterlöse stammen aus der Textilindustrie. Wer so aufgestellt ist wie Bangladesch, wer ständig in der Angst leben muss, dass Aufträge nach Kambodscha, Vietnam, Indonesien abwandern, der kann den Nachfrageüberhang, gestützt von der unstillbaren Konsumgier des Westens, nicht zu seinem Vorteil nutzen.
Darum bleibt die Produktion unschlagbar billig. Und darum sichert sich das Land Bangladesch seine Rolle als Nähmaschine der Welt. Eine Textilfabrik in Form eines Staates, eine riesige Nähstube mit eigener Nationalhymne und Sitz bei der Uno. Und einer Wirtschaft, die sich, kontrolliert von den Textilfabrikanten, in einem permanent überhitzten Zustand befindet; das Wachstum mit knapp sieben Prozent ist eines der höchsten der Welt.
Der Käufer im Westen empfindet Empörung, Mitleid angesichts der dramatischen Bilder des Einsturzes. Doch er vergisst schnell. Bei H&M, KiK und Wal-Mart greift er bald wieder nach dem billigsten Produkt.
Dhaka, Rana Plaza, später Nachmittag
Mainuddin Khandaker, der Ermittler, erfährt am Nachmittag des 24. April von dem Einsturz. Seit dem frühen Morgen hat er in Konferenzen gesessen; erst am Abend schafft er es, an den Ort der Katastrophe zu fahren. Bevor er sich auf den Weg macht, stellt er ein Team zusammen.
Shefali, die ältere der beiden Schwestern, liegt bereits im Enam Medical College. Gegen zehn Uhr hat man sie aus den Trümmern geborgen. Sie hat kein Gefühl mehr in den Beinen, ihre Hüfte ist angebrochen. Von ihrer Schwester gibt es keine Nachrichten. Erst 14 Tage nach dem Unglück wird Shefali erfahren, dass Shirin nicht überlebt hat.
Mohammed Badul, der Mann, der gern Friseur geworden wäre, steckt unter dem schweren Holztisch, der ihn schützen sollte, fest. Nicht weit von ihm hockt eine Arbeitskollegin, sie wird später Mohammeds Frau Shali ausfindig machen und ihr von ihrem Mann berichten. Wenn ich hier nicht rauskomme, sag meiner Frau und meinem Sohn, dass ich an sie gedacht habe.
Mohammed Badul kann die Arbeitskollegin nicht sehen, sie sind durch einen geborstenen Pfeiler voneinander getrennt. Doch sie können miteinander sprechen, mehr nicht. Die Frau hat eine Flasche Wasser dabei, Badul nicht. Vielleicht ist es diese kleine Ration Wasser, die die Frau am Leben halten wird, bis man sie findet, während Badul in seinem Zufluchtsort stirbt, wahrscheinlich verdurstet, irgendwann in den nächsten Tagen.
Fahima, die Frau, die für die Ausbildung ihres Sohnes arbeitete, überlebt, zusammengekauert in einem Hohlraum zwischen zwei Etagendecken, einen halben Meter hoch. Sie wird noch am selben Abend geborgen, mit einer schweren Kopfverletzung. Ihr Mann Abu Said kommt in den Trümmern um. Fahima wird ihn 16 Tage nach dem Unglück anhand der Nummer auf seiner Lochkarte identifizieren - und anhand der Dose Kautabak, die in seiner Hosentasche steckt.
Sohel Rana ist zu diesem Zeitpunkt schon auf der Flucht. Er war als einer der Ersten gerettet worden - seine Bodyguards hatten ihn übers Handy-Klingeln geortet und aus den Trümmern gezogen.
Er wird vier Tage nach dem Unglück gefasst, an der Grenze zu Indien. Mit dem Hubschrauber wird er nach Dhaka gebracht, ins Zentralgefängnis.
Khandaker wird ihn mehrmals verhören. Er wird auf einen bisher unbekannten Rana treffen, einen gebrochenen, weinenden Mann.
Don't make my life miserable, fallt mir nicht auf die Nerven, mit diesen Worten hatte Rana die Fabrikbesitzer dazu gebracht, ihre Arbeiter in das Haus zu treiben. Vielleicht enthält dieser eine Satz das ganze moderne Bangladesch, die Sorglosigkeit, die Ungeduld, das Wissen, dass es keine Alternative gibt.
Mainuddin Khandaker, der Ermittler, hat seine selbstgeernteten Beeren aufgegessen, auf den Knien liegt die Zusammenfassung des Untersuchungsberichts.
Offiziell sagt der Ermittler Khandaker: Die Katastrophe von Rana Plaza war ein Einzelfall, kein Systemfehler. Mit dieser Erkenntnis kann Bangladesch weitermachen wie bisher, das System ist gerettet. Das war Khandakers Job.
Inoffiziell, am Ende eines langen Gesprächs, sagt Khandaker: "Dieser Tag, dieser 24. April, war das zwangsläufige Ergebnis des globalen Markts."
Shefali, Fahima und Shali leben immer noch im Basti Madjipur. Shefali liegt den ganzen Tag auf dem Bett, das sie mit ihrer Schwester teilte, sie kann sich nur für ein paar Minuten aufrichten. Sie hofft, dass irgendwann die Schmerzen in der Hüfte verschwinden und sie wieder arbeiten kann. Shefali, Fahima und viele andere Überlebende haben dem SPIEGEL ihre Geschichte erzählt.
In den Trümmern, dort, wo einst das Rana Plaza stand, liegen immer noch Garnrollen, Schuhe, Reißverschlüsse, Qualitätsprotokolle, man kann immer noch die Einträge entziffern, "Broken Stitch", "Top Stitch Uneven", gebrochene Naht, Steppnaht unsauber.
Und daneben Etiketten, Hunderte. Joe Fresh, Mascot, Benetton, Wal-Mart, Primark, Bonmarché, The Children's Place, KiK.
Von Hauke Goos und Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 27/2013
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