01.07.2013

WÄHRUNGSUNIONSpirale nach unten

Die Euro-Rettung kommt nicht voran. Der Erfolg der verordneten Reformen ist überschaubar, die Krisenländer verharren in der Rezession. Der Ruf nach einem Kurswechsel wird lauter. Ist Südeuropa noch zu retten?
Zu Flamenco-Klängen stolzierten spanische Top-Models auf die Bühne. Sie trugen knapp sitzende Kleider der angesehensten Designer ihres Landes und präsentierten Teller mit kühnen Tapas-Kreationen spanischer Köche.
Mit der Show inszenierten die Spanier, mitten im Europäischen Parlament, im Juni eine Art Wiedergeburt. "Wir haben der Welt etwas zu bieten. Wir sind nicht nur das Land der Krise", sagt der Außenminister José Manuel García-Margallo. Er will mit der Mischung aus Modenschau und Köche-Event die "Marca España" auf einer Welttournee präsentieren. Spanien habe "die beste Bank der Welt", die meisten installierten Solarpanels und ein großes Herz, heißt es in einem Werbevideo. Auch bei der Zahl der Organspender gebe es kein Land, das die Iberer übertreffen könne.
Doch ein paar reizende Models und das stolze Herz eines Stierkämpfers werden nicht reichen, um Spanien und den Rest Südeuropas aus der Krise zu führen.
Neben der in dem Video gelobten Banco Santander hat Spanien einen schwachen Sparkassensektor, dessen Zukunft trotz aller Sanierungsanstrengungen ungewiss ist. Und trotz aller Reformen wachsen in Spanien noch immer vor allem Staatsschulden und Arbeitslosigkeit, während die Wirtschaft in der Rezession verharrt. Dabei gehört Spanien noch zu den hoffnungsvolleren unter den europäischen Sorgenkindern. Seit vier Jahren frisst sich die Staatsschuldenkrise durch den Kontinent. Ebenso lange doktern die Krisenmanager in Brüssel, Berlin und bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main an den Patienten herum.
Nach der Ankündigung des EZB-Präsidenten Mario Draghi im vergangenen Sommer, alles zu tun, um den Euro zu erhalten, entspannte sich zwar die Lage in der Euro-Zone.
Doch jetzt zeigt sich, wie trügerisch diese Ruhe war. Seit US-Notenbankchef Ben Bernanke ankündigte, allmählich weniger Geld in die Finanzmärkte zu pumpen, sind auch in Europa die Marktzinsen deutlich gestiegen.
Nun, da die sedierende Wirkung des billigen Geldes nachlässt, wird klar, welche Risiken in den europäischen Krisenstaaten noch immer lauern. Und dass viele Probleme ungelöst sind: Nicht nur in Spanien, auch in Griechenland, Italien und Portugal wachsen die Staatsschulden rapide - trotz Sparpolitik und teils beachtlicher Reformanstrengungen.
Denn die Regierungen kürzten auf Druck der EU-Kommission, der EZB und des Internationalen Währungsfonds (IWF), der sogenannten Troika, zwar die Staatsausgaben, gleichzeitig brachen aber die Einnahmen infolge der Rezession weg. Hinzu kommt, dass die verheerend hohe Arbeitslosigkeit auch höhere Staatsausgaben verursacht.
Die Krisenstaaten sind in einer Abwärtsspirale gefangen. Und die Ökonomen streiten sich, ob und, wenn ja, wie sie da wieder herauskommen.
Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, plädiert für einen zeitlich begrenzten Austritt von Krisenländern aus dem Euro. Ihre Produkte seien so teuer geworden, dass es für sie unmöglich sei, innerhalb der Währungsunion konkurrenzfähig zu werden, argumentiert der Ökonom. Nach einem Austritt könnten die Krisenländer ihre neue Währung abwerten, ihre Importe würden teurer, die Exporte billiger. Es wäre eine Rosskur, aber am Ende, so die Theorie, wäre der Patient gesund, er könnte sogar wieder in die Währungsunion einsteigen.
"Zynisch" findet Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), das Gerede von der "Abwertung, und dann wird alles gut". In welchen Bereichen, fragt er, soll denn Griechenland wettbewerbsfähig werden? Außer dem Tourismus und einigen Agrarprodukten gebe es da nichts.
"Wer austritt, verliert", sagt Straubhaar, und deshalb werde kein Land freiwillig die Währungsunion verlassen. Ein Aufbau einer Wirtschaftsstruktur sei innerhalb eines Transfergebiets wesentlich besser zu bewerkstelligen.
Doch der kommt bislang kaum voran. Und das, so glauben viele Politiker und Ökonomen in den Krisenländern, liegt vor allem an der strengen Austeritätspolitik, für die sie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel verantwortlich machen.
"Einen Großteil der Drecksarbeit hat Portugal gemacht, doch es bleiben die hohen Schulden und die hohe Arbeitslosigkeit", sagt Pedro Santa Clara, Professor an der Nova School of Business & Economics in Lissabon. "Es gibt für unsere Probleme nur eine Lösung: Wachstum und Investitionen." Auch Portugals Wirtschaftsminister Álvaro Santos Pereira drängt auf neue Impulse im Krisenmanagement: "Europa muss zum Wachstum zurückfinden, Vertrauen schaffen, um Konsum und Investitionen anzukurbeln."
Doch die Bundesregierung will eisern am eingeschlagenen Kurs festhalten. "Die schwache wirtschaftliche Lage in der Euro-Zone ist kein Grund, von der Doppelstrategie nachhaltiger fiskalischer Konsolidierung kombiniert mit Strukturreformen abzuweichen", heißt es in einer internen Vorlage des Finanzministeriums. Der bisherige Kurs sei erfolgreich.
Das strukturelle Defizit der Euro-Zone habe sich seit 2009 mehr als halbiert, die Lohnstückkosten, ein wichtiger Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit, seien "deutlich gesunken". Die andauernde Wachstumsschwäche im gemeinsamen Währungsgebiet sei "Ausdruck des tiefgreifenden Anpassungsprozesses, den die Euro-Zone momentan durchläuft, und keineswegs monokausal auf die Haushaltskonsolidierung zurückzuführen". Diese Entwicklung sei "mittelfristig förderlich für das Wachstum". Finanzminister Schäubles Beamte warnen eindringlich davor, jetzt "den notwendigen Anpassungsprozess" zu bremsen. Eine Abkehr vom Sparkurs würde "die positive Entwicklung der letzten Monate aufs Spiel setzen".
Klaus Regling, Chef des Europäischen Rettungsfonds ESM, springt Schäuble bei. "Die Euro-Programmländer erleben, was vor einigen Jahren IWF-Programmländer wie Brasilien, Südkorea oder die Türkei erlebt haben." Die betroffenen Menschen sollten daran denken, dass diese Länder dank Strukturreformen und Geduld heute beeindruckende Wachstumsraten aufweisen, sagte Regling.
Auch Merkel bremste auf dem EU-Gipfel in der vergangenen Woche jede Initiative, schnell mehr Geld für Konjunkturprogramme lockerzumachen. "Wir müssen erst einmal ein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, was für Wachstum wichtig ist." Sie warb bei ihren Kollegen Regierungschefs für eine inhaltliche Debatte auf dem nächsten Gipfel im Oktober. Wachstum wolle ja jeder, spottete sie nach dem Treffen. Für manche ihrer Kollegen sei das Wachstumsziel schon erreicht, wenn die staatlichen Investitionen hochgefahren werden.
Im Dezember sollen die Grundlagen für Verträge zwischen der EU-Kommission und einzelnen EU-Ländern geschaffen werden. Erst dann wird es eine Art Solidarfonds zwischen den Euro-Ländern geben. Mehr Geld soll es, so sieht Merkels Plan aus, nur gegen völkerrechtlich bindende, fest vereinbarte Reformen geben. Die Bundeskanzlerin weigerte sich in Brüssel standhaft, vor einer solchen Verabredung überhaupt über konkrete Summen zu reden.
Immerhin beschlossen die Regierungschefs beim Gipfel, sechs Milliarden Euro zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit auszugeben und die Kreditvergabe an kleinere Unternehmen zu fördern.
Doch an den grundsätzlichen Problemen ändert das wenig. Die Krise am Arbeitsmarkt und im Finanzsektor, die Rezession und die politische Lähmung in einigen südeuropäischen Staaten - all das ist mit ein paar zusätzlichen Milliarden nicht zu lösen.
Die Job-Misere
Im Sportpalast der nordtoskanischen Stadt Prato, wo sonst Hallenfußball-Pokale ausgespielt werden oder Fliegenfischer die beste Wurftechnik prämieren, kämpften kürzlich 700 junge Menschen aus ganz Italien um einen besonders kostbaren Preis: um einen Arbeitsplatz.
Mancher war sogar aus dem fernen Sizilien angereist, um 30 möglichst gute Antworten auf 30 knifflige Fragen zu geben und damit in die Endrunde zu kommen. Wer im Finale das Rennen macht, darf fortan als Bibliothekar im benachbarten 10 000-Einwohner-Städtchen Poggio a Caiano arbeiten: 26 Stunden in der Woche, für 900 Euro netto im Monat.
Arbeit ist rar geworden in Italien, besonders für junge Menschen. 40,5 Prozent der unter 25-Jährigen sind ohne Job, im Süden sind es 50 Prozent. Und wer eine Beschäftigung hat, hangelt sich meist von einer Befristung zur nächsten.
Noch schlimmer als in Italien ist die Lage in den südeuropäischen Nachbarländern. Mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen hat in Spanien und Griechenland keine Arbeit, 42,5 Prozent sind es in Portugal. Während Politiker in Deutschland die verheerenden Zahlen meist lapidar damit erklären, die Volkswirtschaften am Rande Europas seien eben nicht wettbewerbsfähig und müssten billiger werden, halten die Südländer dagegen.
"Zu Spanien gehört auch, dass wir länger als in den meisten Ländern Europas arbeiten", sagte Außenminister García-Margallo am Rande der Modenschau im Europaparlament. Und Paloma López, zuständig für Arbeitsmarktpolitik bei der Gewerkschaft CCOO, betont: "60 Prozent der Spanier verdienen weniger als 1000 Euro im Monat."
Zudem sind in Spanien und anderen Ländern in den vergangenen Jahren die Lohnstückkosten gesunken, die Leistungsbilanzdefizite wurden kleiner. Doch was die einen als Erfolg der Reformpolitik feiern, halten Skeptiker für ein statistisches Phänomen: In der Krise gehen unproduktive Arbeitsplätze verloren, damit steigt die Produktivität der verbliebenen - rein rechnerisch - automatisch.
Die eigentlichen Probleme liegen in der Wirtschaftsstruktur. So wuchs in den Jahren vor der Krise in Spanien wegen der niedrigen Zinsen vor allem das Baugewerbe. "Im Immobilienboom haben viele Jugendliche ihre Ausbildung abgebrochen und sind in die Bauwirtschaft gegangen, meist mit Zeitverträgen ausgestattet", sagt Federico Steinberg, Professor am Real Instituto Elcano in Madrid. Diese Leute stehen jetzt ohne Job und Ausbildung da.
Spaniens Wirtschaftsstaatssekretär Fernando Jiménez Latorre gibt sich dennoch überzeugt, dass die angeschobenen Arbeitsmarktreformen wirken. "Spanien wird flexibler", sagt er. "In Zukunft dürfte schon ein Wachstum von einem Prozent reichen, um neue Jobs zu schaffen."
Doch woher soll das Wachstum kommen? "Spanien hat eine sehr restriktive und damit konjunkturfeindliche Haushaltspolitik. Das ist gut, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, aber zusammen mit einer nur mäßig expansiven Geldpolitik und einem starken Euro erwürgt das die spanische Wirtschaft", diagnostiziert Ökonom Steinberg.
Die Rezession
"Basta de Exploração" steht auf den Plakaten an der Praça dos Restauradores in Lissabon, genug der Ausbeutung. Mit dem Slogan hatten die beiden großen Gewerkschaften Portugals zum Generalstreik aufgerufen. Und während die Regierungschefs vergangene Woche in Brüssel ihr Sechs-Milliarden-Euro-Pflaster für die Heilung der Arbeitslosenepidemie feierten, standen in Lissabons Altstadt Trams und Busse still. Tausende Menschen protestierten gegen die von der Troika verordnete Sparpolitik.
Die portugiesische Regierung trägt den Sparkurs zwar mit, doch inzwischen fordert Lissabon im Gegenzug ganz offen Unterstützung aus Brüssel und Berlin. "Ohne solide Staatsfinanzen ist kein Wachstum möglich", sagt Wirtschaftsminister Pereira. "Aber ohne Wachstum ist es auch kaum möglich, den Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen."
Der Minister kann auf die jüngste Diagnose des IWF verweisen. "Der soziale und politische Konsens schwächt sich stark ab, die wirtschaftliche Erholung erweist sich als schwer realisierbar", konstatierten die Experten des Währungsfonds Anfang Juni. Das Troika-Programm entbehre weiterer Instrumente zur kurzfristigen Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb werde der Nachfragerückgang sich fortsetzen, er könne nicht durch mehr Exporte kompensiert werden.
Ähnlich wie den Portugiesen geht es auch Spaniern, Griechen und Italienern. Überall macht sich Frust darüber breit, dass die Opfer nichts bringen, weil das Wachstum fehlt. "Wir brauchen die Mitwirkung Europas, um die Krise zu bewältigen", sagt der spanische Wirtschaftsstaatssekretär Latorre.
Mindestens 60 Milliarden Euro müssten mobilisiert werden, um die aktuelle Wachstumsschwäche in Europa zu überwinden, meint Guntram Wolff, Chef des einflussreichen Brüsseler Forschungsinstituts Bruegel. Auch in Deutschland würde eine stärkere Binnennachfrage aus Sicht des Wissenschaftlers helfen. Die öffentliche Hand müsse bei den Zukunftsinvestitionen, in der Forschung etwa oder bei Kindertagesstätten, endlich mehr ausgeben. "Ein Boom wäre gut für Deutschland - und für Südeuropa", sagt Wolff. Er fordert deshalb eine Veränderung der deutschen Schuldenbremse: Staatliche Investitionen sollten wieder mit einem Defizit finanziert werden können.
Doch Brüssel und Berlin bügeln solche Forderungen ab. Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger hält nichts von zusätzlichen Konjunkturprogrammen. "Auch in diesem Jahr macht die EU knapp 500 Milliarden Euro neue Schulden. Sollen wir jetzt 800 oder 1000 Milliarden Euro Schulden machen?", fragt er.
Die Bankenkrise
So ausgiebig wie vergangene Woche in Brüssel haben sich Euro-Politiker schon lange nicht mehr auf die Schultern geklopft. Sie hatten sich über Eckpunkte für die europäische Bankenunion geeinigt, die eine gemeinsame Aufsicht über die Branche und ein Abwicklungsregime für marode Institute vorsieht.
"Wir kommen weg davon, dass die Steuerzahler immer wieder für die Banken geradestehen sollen", jubelte Merkel. Als "wichtigen Schritt" empfand Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos die Einigung. Im Krisenland Irland sprach man gar von einem Meilenstein.
Das Problem ist nur, dass jeder Euro-Politiker von der Bankenunion etwas anderes erwartet, weshalb sich jeder über etwas anderes freut und die entscheidenden Fragen offen sind.
Die Krisenländer erhoffen sich, dass künftig mehr Lasten maroder Banken gemeinschaftlich vom ESM getragen werden. Deutschland sähe es lieber, wenn jedes Land weiterhin vor allem selbst für seine kranken Banken geradesteht. Und alle wollen zumindest suggerieren, dass künftig die Gläubiger und nicht mehr Steuerzahler für Verluste aufkommen müssen - aber ohne die Geldgeber der Banken zu sehr zu verschrecken.
De facto ist in der Zukunft unklar, wer welche Lasten trägt und die Banken mit dringend notwendigem Kapital aufpäppelt. Damit aber hemmen Europas Zombie-Banken weiter die wirtschaftliche Erholung.
Die Geldnot der Finanzkonzerne verschärft die Kreditklemme: Seit Jahren vergeben Banken in den Krisenländern weniger Darlehen. Und wenn sie Geld verleihen, dann zu höheren Zinsen als Konkurrenten in Deutschland. Allein in Italien ging das Kreditvolumen 2012 um fast 50 Milliarden Euro zurück.
Das liegt auch daran, dass die Rezession Firmen und Haushalte in die Insolvenz stürzt. Die Kreditausfälle reißen neue Löcher in die Bankbilanzen. Also halten die Geldhäuser ihre Mittel zusammen.
Besonders hart trifft das kleine und mittlere Unternehmen, die wiederum in Ländern wie Portugal mehr als 90 Prozent der Arbeitsplätze stellen.
Fragt man die Banken, warum sie knausern, verweisen sie nicht etwa darauf, dass die Firmen in Spanien, Portugal oder Italien weniger wettbewerbsfähig wären. Es sind vielmehr die allgemeine Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone und mangelndes Vertrauen in die Konjunktur, wie es in einer Studie des europäischen Finanzmarktverbands AFME heißt.
Deswegen dürften auch die Versuche, die Kreditklemme in Südeuropa mit Hilfe von Förderbanken wie der deutschen KfW oder der Europäischen Investitionsbank zu überwinden, nur begrenzt helfen.
Südeuropäische Politiker setzen daher auf die Hilfe der Europäischen Zentralbank. "Die EZB kann bei der Überwindung der Kreditklemme eine wichtige Rolle spielen, ebenso die Europäische Investitionsbank", sagt Portugals Wirtschaftsminister Pereira.
Die EZB aber hatte zwar die Möglichkeit angedeutet, über Umwege auch Unternehmenskredite aufzukaufen. Doch weil ein solcher Schritt intern höchst umstritten ist, gab EZB-Chef Mario Draghi den Plan wieder auf. Die Politik, fordert er stattdessen, müsse endlich mit den Reformen Ernst machen.
Die überforderte Politik
Die Stimmung war explosiv, als der griechische Premierminister Antonis Samaras neulich kurzerhand die Schließung des Staatsrundfunks ERT anordnete. Das staatliche Medienimperium sei ein "Symbol für Verschwendung und Korruption" gewesen, lautete seine schlichte Begründung.
Der eigenmächtige Akt des Ministerpräsidenten führte zu einer Welle der Empörung, die beinahe die Regierung mitgerissen hätte. Schließlich war es die politische Klasse selbst, die die Vetternwirtschaft bei dem Sender maßgeblich betrieben hatte. In mehreren zähen Krisensitzungen konnte Samaras einen Koalitionsbruch abwenden. Etliche Euro-Partner atmeten auf, gilt Samaras doch als erster wirklich verlässlicher Partner bei der Umsetzung der Reformprogramme. Einige fiskalische Ziele hat der konservative Premier sogar übererfüllt: Der Staat gibt 30 Prozent weniger aus als noch 2009, das Staatsdefizit dürfte Prognosen zufolge dieses Jahr bei knapp vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts landen und damit in die Nähe der europäischen Vorgaben rücken. 2009 lag das Minus noch bei 15,6 Prozent.
Das Problem aber ist: Sobald es an den Kampf gegen Vetternwirtschaft und Korruption und damit an die Sanierung des völlig aufgeblähten und frustrierend ineffizienten Staatsapparats geht, folgt auch die Regierung Samaras allenfalls zögerlich den Vorgaben der Troika.
So war die überstürzte Schließung des 2600 Mann starken Staatssenders keine Kurzschlussreaktion eines der Korruption überdrüssigen Politikers. Sie war ein Akt der Verzweiflung. Samaras hatte der Troika versprochen, bis zum Sommer 2000 Staatsbeamte zu entlassen. Doch bis zuletzt war ein eigens für die Reform der Verwaltung zuständiger Minister eine entsprechende Liste schuldig geblieben.
Dabei hätte er einen Großteil der Leute wohl schon zusammenbekommen, wenn in den vergangenen Monaten einfach konsequent mutmaßliche Korruptions- und Betrugsfälle in Behörden und öffentlichen Unternehmen aufgearbeitet und entsprechend sanktioniert worden wären. Eine Liste mit 2300 Fällen lag seit Februar vor.
Es sind solche Zustände, die die Troika-Entsandten, aber auch die heimischen Vorkämpfer einer Grundsanierung des Landes zuweilen zum Verzweifeln bringen. Der ganze Staat gleicht einer Baustelle: Die Fahnder kommen im Kampf gegen die Steuerhinterziehung schon deshalb nicht nach, weil viele überführte Missetäter längst pleite oder nicht mehr auffindbar sind. Schon die Aufgabe, herauszufinden, wer seine Strafe überhaupt noch zahlen kann, überfordert die Ämter.
Auch die Justiz ist derart ineffizient, dass der Gang vor Gericht oft weitgehend sinnlos ist. Allein 150 000 Steuerstreitigkeiten hängen dort fest.
So ist es kein Wunder, dass Investoren nur mit Mühe ins Land gelockt werden können und dass die Privatisierung von Staatseigentum stockt. Wieder tun sich deshalb Finanzlöcher auf. Mehr als 200 Milliarden Euro Hilfskredite haben die Euro-Partner Griechenland bereits versprochen, und schon ist von einer erneuten Finanzierungslücke von fünf bis acht Milliarden Euro im nächsten Jahr die Rede.
Auch in Italien lahmt der Umbau, wenngleich Regierungschef Enrico Letta vor ein paar Tagen wieder einmal ein Reformpaket präsentiert hat. Doch Ökonomen fehlt der Glaube, dass entscheidende Eingriffe in verkrustete Strukturen jemals umgesetzt werden.
Lettas Vorgänger Mario Monti, der das Land im November 2011, mitten in der Finanzkrise ein paar Millimeter vor dem Abgrund von Silvio Berlusconi übernommen hatte, bewährte sich zwar als Nothelfer, der die Märkte beruhigte. Aber die Strukturprobleme des Landes minderte er kaum. Dazu gehören, neben der drückenden Steuerlast, eine aufgeblähte, unfähige Bürokratie, die nahezu jede wirtschaftliche Aktivität behindert oder erstickt; eine ineffiziente Justiz, die mit Jahrzehnte dauernden Prozessen potentielle Investoren verschreckt; eine mangelhafte Infrastruktur - von löchrigen Straßen, störanfälliger Energieversorgung, ständig verspäteten Zügen, veralteten Kommunikationsnetzen bis zu einem deprimierend niedrigen Ausbildungsniveau.
Ernstzunehmende Ökonomen gingen inzwischen davon aus, so ZEW-Präsident Clemens Fuest, dass Italiens Staatsschuldenquote "unausweichlich immer weiter ansteigen werde".
Auch mit Blick auf Portugals Chancen, die Staatsschulden von mehr als 120 Prozent der Wirtschaftsleistung auf ein tragbares Niveau zu senken, sind Ökonomen skeptisch. Und im Fall Griechenland scheint ein neuerlicher Schuldenschnitt, nach der deutschen Bundestagswahl, unausweichlich.
Kanzlerin Merkel und die Troika werden ihre Strategie deshalb notgedrungen ändern müssen. Bisher haben sie vor allem darauf gesetzt, dass die Krisenstaaten sparen und zugleich ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Langfristig mag das wirken, doch bis dahin brauchen sie weitere Unterstützung.
Der Ökonom Steinberg kritisiert, dass die Euro-Retter allen Ländern das gleiche Wirtschaftsmodell verpassen und kleine Exportweltmeister formen wollen. "Merkels Strategie könnte aufgehen, wenn alle Euro-Länder nach China exportieren würden." Aber der Großteil des Handels finde innerhalb der Euro-Zone statt. "Es muss also auch hier Länder geben, die konsumieren und importieren."
Reporter des SPIEGEL haben in den vergangenen Wochen die unterschiedlichen Probleme der Südländer vor Ort recherchiert. In den kommenden vier Wochen werden sie in einer Serie über ihre Erkenntnisse in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal berichten.
Eine Erkenntnis haben sie aus allen Krisenstaaten mitgebracht: Es braucht einen Stimmungsumschwung, damit Unternehmen wieder bereit sind zu investieren und Verbraucher wieder konsumieren. Konjunkturprogramme mögen dabei helfen, Wunder bewirken können sie nicht. Und: Die Reformen, so schmerzhaft sie sind, müssen weitergehen.
Denn auf Dauer kann eine Währungsunion mit so großen Unterschieden in den Kosten- und Wirtschaftsstrukturen nicht bestehen.
Lesen Sie im nächsten Heft:
Griechenland zwingt die Bürger zu drakonischem Sparen, saniert aber den korrupten Staatsapparat nur zögerlich. Viele Griechen verlieren die Geduld mit ihrer Regierung.
Von Martin Hesse, Christoph Pauly, Christian Reiermann, Hans-Jürgen Schlamp und Anne Seith

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