01.07.2013

GESCHICHTE Vergessener Meister

Im KZ tüftelte ein Wiener Ingenieur an dem ersten Taschenrechner der Welt. Nach dem Krieg profitierten andere von seiner Erfindung.
Sein Schicksal schien besiegelt. 1943 wurde der Ingenieur Curt Herzstark von den Nazis in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Doch dann bot sich dem Sohn eines jüdischen Fabrikanten unverhofft die Möglichkeit, ein Arier zu werden.
"Sehen Sie mal, Herzstark", sagte einer der Lagerleiter zu ihm, "wir wissen, dass Sie an einer Rechenmaschine arbeiten. Wir erlauben Ihnen, Zeichnungen anzufertigen. Wenn das Ding etwas taugt, schenken wir es dem Führer nach dem Endsieg. Dafür macht er Sie sicher zum Arier."
Tatsächlich ging der Ingenieur den Pakt mit dem Teufel ein. Nacht für Nacht fertigte Herzstark nach der täglichen Zwangsarbeit im Lager detaillierte Konstruktionspläne für die kleinste mechanische Rechenmaschine der Welt an. Zur Motivation erhielt er Sonderrationen - und überlebte schließlich das KZ. Der Endsieg indes blieb aus, Hitler kam nicht mehr in den Genuss der Erfindung.
Nach Kriegsende hätte Herzstarks Leben eigentlich in Ruhm und Reichtum münden müssen, denn der Tüftler aus Wien war eine Art Steve Jobs des Mechanikzeitalters. Seine Schöpfung hatte ein revolutionäres Design: Zu einer Zeit, als Buchhalter und Kontorbesitzer monströse Zahlenkolonnen mit kiloschweren Büromaschinen oder dem Bleistift bewältigen mussten, überraschte er die Fachwelt mit einem kleinen, eleganten Apparat, der die vier Grundrechenarten beherrschte und in jede Kitteltasche passte.
Tatsächlich aber wurde der Hochbegabte zu einem der größten Pechvögel der Technikgeschichte. Nun will Herbert Bruderer, ein Experte für die Geschichte der Informatik an der ETH Zürich, den genialen Herzstark aus dem Vergessen holen. Der Historiker hat sich im Laufe seiner Forschungsarbeit tief hineingegraben "in dieses traurige Leben".
Dabei hatte alles recht hoffnungsvoll angefangen. Herzstark gelang, woran viele Techniker vor ihm gescheitert waren: Er löste das Rätsel, wie man die unterschiedlichen Staffelwalzen für die einzelnen Rechenarten in einem winzigen Gehäuse unterbringen kann. Der Tüftler behalf sich mit radikaler Vereinfachung.
Ihm glückte eine Konstruktion, in der etwa die Walze für die Additionen auch die Subtraktionen rechnen konnte, wenn man nur einen Hebel verstellte. 1938 ließ sich Herzstark seinen mechanischen Taschenrechner, der aussah wie die Kreuzung aus einer Pfeffermühle und einer Handgranate, patentieren.
Nun hätte eigentlich eine Erfolgsstory beginnen können, doch wenige Monate nach dem Gang zum Patentamt marschierten die Nazis in Österreich ein und annektierten die Alpenrepublik. Herzstark durfte sein Wiener Unternehmen nur behalten, weil seine Mutter Katholikin war. Doch seine Firma musste von nun an Präzisionsinstrumente für deutsche Panzer bauen; der Minirechner blieb zunächst nur Theorie.
Dann geriet er mit einem hochrangigen Gestapo-Mann in Streit, der zwei seiner Mitarbeiter wegen angeblicher Spionage verhaften ließ - mit dem Ergebnis, dass Herzstark ins KZ kam. Ausgerechnet unter den unmenschlichen Bedingungen des Lagers in Buchenwald nahm der mechanische Taschenrechner ab 1943 konkretere Gestalt an. Doch die Befreiung von der Nazi-Diktatur - von den geschundenen Inhaftierten herbeigesehnt - beendete auch diese Bemühungen.
Nach Kriegsende zurück in Wien, musste Herzstark erst einmal feststellen, dass während seiner Lagerhaft sein Bruder Ernst im Familienbetrieb das Kommando übernommen hatte. Der war in den dreißiger Jahren vor allem als veritabler Tontaubenschütze und Besitzer repräsentativer Automobile in Erscheinung getreten.
"Er war nicht besonders kenntnisreich", urteilte Herzstark über seinen jüngeren Bruder. Mit ihm mochte der begnadete Ingenieur sein wertvolles Patent deshalb nicht teilen. Bei der Auswahl seiner künftigen Geschäftspartner zeigte Herzstark dann aber auch keine glückliche Hand. 1948 ging der kleinste mechanische Rechner zwar tatsächlich unter dem Namen "Curta" in Serie - nur für Herzstark war das kein Grund zum Feiern.
Geschäftsleute, die mit dem Fürstenhaus in Liechtenstein kooperierten, hatten den arglosen und zeitweilig schwer von Tuberkulose Geschwächten nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen. Statt gleichberechtigter Mitinhaber der Rechenmaschinen-Fabrik zu werden, durfte der Ingenieur alsbald kaum mehr in die Produktion eingreifen.
Nach zermürbenden Grabenkämpfen ließ sich Herzstark 1952 mit einer lächerlich geringen Summe ausbezahlen. Der mechanische Taschenrechner blieb sein Opus magnum, ein weiterer großer Wurf gelang ihm bis zu seinem Tod 1988 nicht mehr.
Das Ende der "Curta" kam ziemlich abrupt mit dem Beginn einer neuen Ära: Als im Jahr 1972 auf den ersten elektronischen Taschenrechnern die roten und grünen LED-Ziffern aufleuchteten, wurde der mechanische Minicomputer aus Wien nicht mehr gebraucht.
Von Thadeusz, Frank

DER SPIEGEL 27/2013
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