01.07.2013

AUTORENIndiana Jones der Mülltrenner

In Hannes Jaenicke, dem Mann für den Dschungel, hat die grüne Bewegung ihr telegenes Rollenmodell gefunden: Selbstgerecht und wütend stürmt er die Bestsellerliste.
Endlich! Endlich krempelt mal einer die Ärmel hoch in unserer ewigen Laberrunde. Einer, der die Welt gesehen hat und unseren Politikern und ihren Spezialisten und den Konzernfürsten, die unseren Planeten in eine Kloake verwandeln, zeigt, wo der Hammer hängt.
Da steht er nun, wie im Khakihemd und mit diesem Dings, diesem Buch unterm Arm. Es heißt: "Die große Volksverarsche. Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten"(*). Klartext also. Hat im Nu die Spitze der Bestsellerliste erobert. Ach was, erobert, der Mann hat einfach die Tür eingetreten, Tropenbräune im Gesicht und in den Augen das Abenteuer.
Es mag zunächst unfair sein, aber in diesem Moment wirkt er da oben wie ein Guttenberg, der auf einer Berliner Party in seinen Kampfboots erscheint, den Staub der afghanischen Wüste noch auf den Stiefelkappen, der Mann der Tat, der allen anderen klarmacht, dass sie doch nur Sesselfurzer sind.
Aber: Man muss sich Hannes Jaenicke als guten Menschen vorstellen. Er ist in den grünen achtziger Jahren politisch sozialisiert worden, und das sitzt tief. Er will alles richtig machen. Er will die Welt retten, mindestens, und er marschiert dröhnend mit gutem Beispiel voran.
Er weiß mit Konfuzius, dass jede lange Reise mit dem ersten Schritt beginnt, und mit Gandhi, dass die ideale Gesellschaft in jedem Einzelnen beginnt. Und jetzt mal im Ernst: Wer will sich schon mit Konfuzius und Gandhi und Jaenicke gleichzeitig anlegen?
Jaenicke ernährt sich vegetarisch, er wartet "auf das erste alltagstaugliche E-Auto" und trennt den Müll, und wenn er zwischen seinen Wohnsitzen in Köln und Los Angeles und sonst wo durch die Welt fliegt, gleicht er seine Klimabilanz aus, indem er einer Umweltorganisation einen CO2-Ausgleich stiftet.
Nehmt das, ihr stumpfen Malle-Trottel!
Aber im Zweifel lesen genau die am Strand von Mallorca Jaenickes Buch. Es
ist ein einfaches Buch, es teilt die Welt in Gut und Böse, und seine Leser möchten zu den Guten gehören, sie sind gegen die da oben, und den Hannes Jaenicke kennen sie aus der Glotze.
Als Schauspieler ("Abwärts", "Schlaflos in Oldenburg", "Tatort") ist er einer der besseren. Als Dokumentarfilmer über bedrohte Tierarten wie Orang-Utans, Haie oder Eisbären ist er beeindruckend. Geht mittenrein, arbeitet mit versteckten Kameras, liefert dramatische, fast schon gepimpt wirkende Reporterstücke.
"Wut allein reicht nicht" hieß sein erster grüner Bestseller. Sein jetziger aber zeigt: Die Wut reicht wohl doch.
Jaenicke nimmt sich die große Verschwörung vor, der wir alle auf den Leim gehen, also das, was Horkheimer/Adorno den "Verblendungszusammenhang" genannt haben. Der allerdings bezog sich auf die Kulturindustrie, deren Teil, wenn wir streng sind, auch Jaenicke ist. Aber so was von: Er ist der Indiana Jones der grünen Agenda, der mit Hutkrempe und Nilpferdpeitsche die Verhältnisse zum Tanzen bringt.
Jaenicke ist der Aufklärer mit Wut. Man könnte auch sagen: Nie war Wut telegener. Man könnte auch sagen, mittlerweile gehört Wut zum Geschäft. Allerdings rennt Jaenicke weit offene Türen ein. Wir sind schon alle wütend. Rund um den Globus. Wir sind alle auf 180.
Und Jaenicke liefert. Er harkt noch mal alles zusammen, was die Verbands- und Parteimitteilungen von Greenpeace und Grünen an Schmutz - vorwiegend Umweltschmutz - hervorkehren, natürlich auch die Kollegen von "Monitor" oder "Panorama" und die Faktenchecks von Plasberg.
Aber: Wussten wir denn nicht schon vorher, dass Bankberater (Kapitel: "Rien ne va plus") an den Produkten verdienen, die sie uns andrehen? Dass die Plastiklobby (Kapitel: "Ex und hopp") dafür sorgt, dass die Weltmeere verschmutzt sind? Dass sogenannte Reality-Shows (Kapitel: "Volksdroge Glotze") gescriptet sind?
Doch Hannes Jaenicke ist ein guter Mensch, und er redet (schreiben kann man seine Stilblütensammlung kaum nennen), wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Am Beispiel irgendeiner EU-Verordnung: "Diese Pokerrunde ging an die Lobby." Ja, Jaenicke lädt uns ein an den runden grünen Stammtisch, wo wir, bei einem guten Glas Leitungswasser, über "Merkel, Altmaier, Rösler und Konsorten" ablästern können.
Ach so, eine Regel gibt es doch: keine Kritik an Grünen oder SPD, und wenn die Braunkohle der Hannelore Kraft erwähnt werden muss, dann nur murmelnd.
Jaenicke verspricht das richtige Leben im falschen. Aber gibt es das für Konsumenten? Man muss höllisch aufpassen, das ist die Grundsuggestion, also vertrauen wir uns dem Navigator Jaenicke an.
"Konsumenten-Navi" nennt er es in seinem Buch. Er verweist schon mal auf einen gleichgesinnten Blogger der Dortmunder SPD, auch auf die Homepage des Verbands der Automobilindustrie (lest selber nach, wie fies die sind) oder auf Wikipedia.
Also echt jetzt, eine große Hilfe ist das nicht, und den Hinweis "Vorsicht vor vermeintlichen Schlankmachern aus dem Internet" hatte man auch schon mal gehört.
Vielleicht einer der ersten Höhepunkte, wenn man so sagen darf, ist der Activia-Becher von Danone. Da ist Jaenicke nicht nur wütend - den hasst er regelrecht. Besteht aus einem Biokunststoff, der aus dem nachwachsenden Rohstoff Mais hergestellt wurde. Gute Sache? Pustekuchen, denn erst mal kennt ja wohl jeder die Umweltbelastungen durch Pestizide oder Überdüngung.
Und dann, so Jaenicke, der "Klopper". Bioplastik nämlich hat ein "gravierendes Recyclingproblem": in welche Tonne damit? In die gelbe zum Verpackungsmüll? Tja, die Scanner erkennen das nicht als recycelbaren Kunststoff an, weil es eben Bioplastik ist. So, und jetzt kommst du!
Kurz: Der Activia-Becher, der erst bei 60 Grad und viel Feuchtigkeit allmählich kompostiert, wird vorerst als ganz normaler Restmüll verbrannt, was zu den schädlichsten Entsorgungsformen gehört. Das ist die bittere Wahrheit über den Activia-Becher von Danone! Sogar ein Filmchen hat er darüber ins Netz gestellt. Jaenicke sieht eine Verarsche, wenn er sie trifft - Beschiss also auch bei Empfehlungen von Öko-Freunden.
Oder nehmen wir den Fairtrade in der Textilindustrie (Bangladesch, Ausbeutung, Brandkatastrophen) und achten mal nicht auf Stil und so 'n Zeug: "Den Vogel des Zynismus aber hat Lidl abgeschossen ...", und noch während er zu Boden plumpst, der Vogel, behauptet Jaenicke, dass die mobilen Kliniken, die Lidl irgendwo auf dem Gipfel des Zynismus angesiedelt haben muss, in Bangladesch (Gibt es da Hügel? Bitte googeln!), kaum mehr getan hätten, als erschöpften Arbeiterinnen Vitaminpillen zu verabreichen, damit diese Näherinnen "besser und schneller arbeiten" können.
"Greenwashing vom Feinsten", bilanziert da Jaenicke, oder auch "Fairarsche". Das ist der Tonfall, der dann im Laufe der Zeit doch irgendwo voll auf die Nerven geht.
Jaenickes Überdruck sorgt für Überbetonungen, die dem Verständnis nicht immer guttun, etwa wenn die Not der Patienten "schamlos zum Geschäftemachen benutzt wird, um sich selbst zu bereichern", und man zweifelt zunehmend daran, ob das, was da vielleicht auf einer Fahrt im offenen Jeep ins iPhone diktiert wurde, noch mal gegengelesen werden konnte, im Zweifel nicht, denn es ist schließlich 5 nach 12, die Zeit drängt.
Ab und zu biegt Navigator Jaenicke unversehens ab in die Geschlechter-Arena. Also: Elektroautos, die umweltfreundlich und bedienungsleicht und gut ausgestattet sind, stoßen in erster Linie auf kulturelle Vorurteile, weil sie als "Frauenautos" gelten. Während es der Benziner knatternd liebt. Jaenicke: "Lärmend. Sportlich. Dreckig. Männlich." Der grüne Mann ist auch der neue Mann.
Die Pharmaindustrie! Will "abkassieren"! Vor allem die aufwendige Langzeitforschung haben die CEOs "wegrationalisiert". Mittlerweile wird kaum noch in Forschung investiert, stattdessen vorwiegend ins "Marketing, sprich Werbung und Ärztebestechung". Fiese Bande. Wut.
So geht das weiter: "Seit die neoliberale Profitmaximierung das Ruder übernommen hat, ist für konzeptionelle Forschung kein Platz mehr."
Offenbar also hat die fette Profitmaximierung den Segelschein gemacht, und wir jagen ihr hinterher, mit unserem Navigator an Bord, und bestaunen waghalsigste Manöver.
Zwischen dem Wunsch der deutschen Lobbyisten, das Heilmittelwerbegesetz nach dem Vorbild der USA aufzuweichen, und Michael Jacksons Tod und dem Massaker im amerikanischen Cineplex liegen gerade mal 20 Zeilen. Alles hängt mit allem zusammen. Und zwar abwärts.
Natürlich sind die Banken dran, natürlich wieder mit wichtigem Navi-Hinweis: "Je höher das Renditeversprechen, desto höher das Verlustrisiko." Ehrlich? Und das erfährt man erst jetzt. Wo war Jaenicke, als man ihn gebraucht hätte?
Seine Tirade beendet Jaenicke mit einer Vielzahl von nützlichen Internetadressen wie www.klimaretter.info oder www.sauberekleidung.de sowie einer ganz persönlichen Konsumentenberatung. Einer Art Musterbogen für das grüne Model.
Jaenicke empfiehlt: für Sportbekleidung Adidas (ohne Begründung), für Drogerie-Artikel dm (wegen Sozialprojekten wie den "Singenden Kindergärten"), Autos: natürlich hybrid, Lebensmittel: bio, Milch aus der Andechser Meierei, weil die nicht zu Müllermilch gehört.
Schuhe? Am besten die spanischen Snipe aus Recycle-Material ohne Chrom-Gerbung, und ans Handgelenk kommt ihm nur eine Jaeger-LeCoultre, es war schon immer teurer, einen grünen Geschmack zu haben. Glotze? Am besten das ZDF, der Sender seiner Dokus, wegen der "hervorragend gestalteten" Mediathek.
Hannes Jaenicke ist ein guter Mensch. Wirklich. Er achtet die Schöpfung. Mein Gott, er rettet Orang-Utan-Babys. Er meint es gut. Dennoch: Dieses Potpourri aus Medienberichten, Internethinweisen und kapitalismuskritischen Binsen, dargeboten in einem Schwall an Selbstgerechtigkeit, einer Diarrhö an richtiger Gesinnung, als eigenes Buch zu verkaufen ist, wenn nicht gerade eine Guttenberg-Nummer, so doch - eine ziemlich große Volksverarsche. ◆
* Hannes Jaenicke: "Die große Volksverarsche". Gütersloher Verlagshaus; 192 Seiten; 17,99 Euro.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 27/2013
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