01.07.2013

INTERNETFunkstille auf dem Bürgersteig

Freie W-Lan-Netze sind in Deutschland Mangelware: Die Betreiber begeben sich in eine riskante rechtliche Grauzone, sie haften für alles, was andere in ihrem Netz treiben. Nach der Bundestagswahl könnte sich das ändern.
Ein lauer Sommerabend Mitte Juni in Berlin, im Haus der Kulturen der Welt im Regierungsviertel nimmt Teju Cole den Internationalen Literaturpreis entgegen. Der 1975 geborene Romanautor wuchs in Nigeria auf und lebt in New York. Wo er sich denn zu Hause fühle, fragt die Moderatorin. "Home is where there's good Wifi", antwortet er. Heimat sei für ihn überall dort, wo er ein gutes Funknetz ins Internet finde. "Und wo kein gutes Funknetz ist, da fühle ich mich auch nicht zu Hause."
Der Autor bringt damit ein Lebensgefühl auf den Punkt, denn es gibt für seine Generation zwei neue Grundbedürfnisse: volle Akkus und schnelle Internetverbindungen allerorten - zu Hause, an der Uni, im Café, Bahnhof, Flughafen.
Die Sache mit den Akkus, Steckern und Ladegeräten ist kein Problem - es sei denn, man hat eines dieser vermaledeiten Dinger mal wieder vergessen. Aber das Bedürfnis nach dem schnellen Internetzugang unterwegs lässt sich hierzulande nicht so einfach befriedigen.
Denn viele Nutzer von Smartphones und Tablets haben zwar Mobilfunkverträge, mit denen sie auch surfen können. Doch meist ist das Volumen beschränkt. Für Besucher wie Teju Cole fallen mitunter immer noch horrende Roaming-Gebühren an. Und datenintensive Inhalte wie Filme, Musik oder auch die Digitalausgabe des SPIEGEL lassen sich ohnehin besser mit einem "Wireless Local Area Network" laden, also einem drahtlosen lokalen Funknetzwerk, kurz W-Lan oder Wifi.
Im internationalen Vergleich ist Deutschland selbst in den Metropolen noch ein Flickenteppich und W-Neuland, jedenfalls was öffentliche Hotspots für jedermann angeht. Das Thema "Potentiale der W-Lan-Netze" schaffte es jüngst bis in den Bundestag, wo der als Sachverständige geladene Berliner Richter und IT-Experte Ulf Buermeyer klagte: "Die meisten westlichen Länder, aber auch viele Entwicklungsländer sind hier viel weiter: Wenn Sie dort durch die Stadt gehen, können Sie quasi an jeder Ecke ein offenes W-Lan nutzen." Er selbst habe das in Luxor und Kairo erlebt, in Washington und Paris sowieso. "Anders bei uns, hier herrscht weitgehend Funkstille auf dem Bürgersteig."
Tatsächlich lassen sich andere Länder einiges einfallen, um eine Vollversorgung zu erreichen: In einem historischen Park in Israel tragen sogar die Esel Router um den Hals, damit die Besucher nicht aufs Netz verzichten müssen.
Doch nun gibt es hierzulande Anstrengungen, in Sachen Anschluss aufzuschließen. Ein Teil davon ist kommerziell motiviert, denn der Netzzugang via Hotspot entwickelt sich zu einem Wettbewerbsfaktor und für viele Betreiber auch zu einem attraktiven Geschäftsmodell. Vorreiter allerdings waren nichtkommerzielle Initiativen: Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt gründeten sich die ersten Freifunk-Clubs mit dem Ziel, offene Netzzugänge für alle zu schaffen. Die Idee dahinter entspricht der "Ökonomie des Teilens": Jeder Router-Besitzer stellt einen Teil seiner nichtgenutzten Bandbreite anderen zur Verfügung.
Dass Deutschland nicht nur Vorreitern wie Estland oder Israel hinterherhinkt, hat vor allem rechtliche Gründe: Die Rechtsprechung nimmt die Betreiber offener Hotspots auch für das in Haftung, was andere darüber im Netz so alles treiben. Es sei deshalb, so Buermeyer im Bundestagsunterausschuss, derzeit in Deutschland "nur mit sehr guten Nerven oder sehr solidem finanziellen Rückgrat möglich, ein W-Lan-Netz für die Öffentlichkeit anzubieten".
Schon seit Jahren fordern Verbände und Betroffene, diese sogenannte Störerhaftung abzuschaffen oder zumindest zu beschränken. Die Bundesregierung lehnt das als "weder geeignet noch erforderlich" ab. Sie entspricht damit unter anderem den Wünschen der Musikindustrie, die illegale Downloads verhindern will.
Doch nun werden die offenen W-Lans zum Wahlkampfthema. "International liegt Deutschland zurück, was offene Netze angeht", sagt Gesche Joost, Designprofessorin an der Universität der Künste in Berlin und netzpolitische Beraterin von Peer Steinbrück. Sollte die SPD die Bundestagswahl gewinnen, will sie die Störerhaftung in der jetzigen Form nach spätestens hundert Tagen abschaffen. Im Gegensatz zur Forderung von Netzaktivisten sollen sich Gäste in offenen W-Lans nach Joosts Vorstellungen allerdings mit einem persönlichen Passwort anmelden.
Die SPD-Wahlkämpferin ist mit ihrem Vorstoß für offene Netze nicht allein: Die Linke im Bundestag hat bereits einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorgelegt, auch Piraten und Grüne setzen sich dafür ein, die Störerhaftung in Paragraf 8 im Telemediengesetz einzuschränken.
Seine Motive seien nicht ganz uneigennützig, sagt Konstantin von Notz, Sprecher für Innen- und Netzpolitik der Grünen. Im Bundestag gebe es bis heute kein W-Lan: "Heute Morgen konnte ich daher meinen Redeentwurf stundenlang nicht abschicken."
Trotz der unsicheren Rechtslage versuchen einige Firmen bereits, das Funkvakuum zu füllen, um Kunden zu binden.
Den weitreichendsten Vorstoß hat die Telekom angekündigt, die mit ihren bislang 12 000 Zugangspunkten schon heute den Markt dominiert. Seit Juni kooperiert sie beim Angebot "WLAN to go" mit dem spanischen Unternehmen Fon, so sollen bis 2016 deutschlandweit 2,5 Millionen neue Hotspots entstehen.
Hinter Fon steckt nichts anderes als die Idee der Freifunker, Kapazitäten zu teilen, nur machte der Argentinier Martin Varsavsky daraus 2005 eine Geschäftsidee. Die mittlerweile international mehr als acht Millionen "Foneras" bauen über ihre Router parallel zwei W-Lan-Netze auf - eines für sich selbst und ein davon getrenntes für Gastnutzer. Mitglieder können unterwegs kostenlos über andere Foneras ins Netz, Nichtmitglieder können sich Zugangspässe kaufen. In Deutschland teilen sich die Spanier die Erlöse mit dem neuen Partner Telekom.
Dass die Telekom mit Fon zusammenarbeitet, hat in der Branche manchen überrascht, denn zunächst galt Varsavsky als Herausforderer der Großkonzerne. Doch die sind zunehmend vom Datenhunger der Handynutzer überfordert und wollen ihre Netze mit Hilfe von W-Lan entlasten.
Das Telekom-Fon-Projekt konkurriert mit einer Fülle regionaler Initiativen: In Berlin hat der Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland (KDG) gerade mehr als 80 neue Hotspots in Betrieb genommen, über die Einheimische und Touristen eine halbe Stunde lang kostenlos surfen können; danach dürfen nur KDG-Kunden das Netz weiternutzen. In München haben die Stadtwerke in Kooperation mit dem Telekom-Anbieter M-Net gerade einen Hotspot auf dem Marienplatz freigeschaltet, zahlreiche weitere im Stadtgebiet sollen noch dieses Jahr folgen.
Viele Unternehmen sehen ihre Investitionen vor allem als Werbung und folgen damit prominenten Vorbildern: In den USA hat Google jenes New Yorker Stadtviertel mit kostenlosen öffentlichen Hotspots versorgt, in dem es seine Firmenniederlassung hat. Bürgermeister Michael Bloomberg pries das Unternehmen öffentlichkeitswirksam dafür, die Stadt weiter zur Digital-Metropole zu entwickeln. Für den Internetgiganten war das eine vergleichsweise günstige Werbung: Der Aufbau des Netzes beläuft sich auf kaum mehr als 100 000 Dollar, die jährlichen Betriebskosten liegen unter 50 000 Dollar.
Hotelbetreiber können es sich inzwischen gar nicht mehr leisten, keinen freien Netzzugang anzubieten. Laut einer Umfrage unter weltweit 8600 Reisenden vom Februar finden drei Viertel der Befragten, der kabellose Internetempfang gehöre zur Grundausstattung eines Hotels. Das Funknetz ist ihnen wichtiger als kostenloses Frühstück oder ein Gratisparkplatz.
Sogar die Deutsche Bahn bietet mittlerweile in rund 90 von 255 ICE-Zügen W-Lan an, bis Ende 2014 soll es dann endlich in allen sein. Kostenlos ist die Nutzung allerdings nur in den Lounges in den Bahnhöfen. In den Zügen müssen die Bahnfahrer fürs W-Lan bezahlen - an die Telekom. Der gerade deregulierte Fernbusmarkt ist da schon weiter. Fast alle Anbieter haben W-Lan an Bord - vielleicht auch als Trost für die längere Fahrzeit.
Die Lufthansa hat inzwischen nach eigenen Aussagen mehr als 90 Prozent ihrer Langstreckenflotte mit Internetzugang nachgerüstet, den sie sich allerdings gut bezahlen lässt: Eine Tages-Flatrate kostet an Bord 19,95 Euro. Vorreiter beim W-Lan in der Luft waren vor allem die Golf-Airlines, auch im US-Luftraum ist die letzte netz- und handyfreie Bastion längst gefallen, Delta bietet Reisenden eine Jahres-Flatrate für 469,95 Dollar an. Bei Norwegian ist das schnelle Wifi auf innereuropäischen Flügen kostenlos.
Die Visionäre dieser Entwicklung treffen sich an einem Mittwochabend Mitte Juni an einem Ufergrundstück an der Spree im Club namens C-Base. Unter Bäumen glimmen bläulich die Bildschirme, der Freifunker-Verein hält seine wöchentliche Sitzung ab. "Offene Funknetze sind so wichtig wie Straßen oder Stromleitungen, das gehört zu einer funktionierenden Stadt dazu", sagt Daniel Paufler. Vor zehn Jahren setzten sich die idealistischen Bastler das erste Mal zusammen, heute betreiben Freiwillige in Berlin über 250 offene W-Lan-Hotspots.
Um Geld zu sparen, buchen sie nur wenige Leitungen und verteilen den Internetanschluss mit Hilfe von Richtfunkantennen auf Kirchtürmen und Plattenbauten weiträumig über die Stadt. Von den Dächern werden die Daten dann über Kabel in die Nachbarschaft geschickt.
Früher stand das offene Bürgernetz für eine antikapitalistische Utopie, heute begrüßen die klammen Stadtväter die Freifunker als Ersthelfer in Sachen Infrastruktur, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg fördert sie mit 30 000 Euro.
Auch die Vorreiter des nahtlosen Netzempfangs sehen in der Störerhaftung das größte Hindernis für einen flächendeckenden Funkteppich. "Das ist ungefähr so, als wenn das Straßenbauunternehmen dafür haftet, wenn ein Autofahrer einen Unfall baut", sagt Paufler.
Und die Gefahr ist keineswegs abstrakt, wie die Rentnerin Ilona A. feststellen musste. Im Februar 2010 erhielt die 65-Jährige ein Mahnschreiben: Sie habe illegal einen Hooligan-Film aus dem Netz geladen und solle 651,80 Euro Strafe zahlen. Das wunderte sie, denn sie besitzt zwar einen Anschluss, aber gar keinen Computer. Seitdem klagt sie sich durch die Instanzen, derzeit ist ihr Prozess beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe anhängig. Da es noch keinen Entscheid gebe, müsse sie die Strafe abstottern, erzählt Oma Ilona: pro Monat 75 Euro.
"Die Rechtslage ist surreal", sagt Ansgar Oberholz. Er steht an der Bar des Cafés St. Oberholz in Berlin, hinter ihm etliche Kunden mit aufgeklapptem Notebook. Das Café ist auch durch sein schnelles W-Lan und seine Lage an der Torstraße in Berlin-Mitte zu einem Treffpunkt für die digitale Boheme geworden.
"Bis 2011 haben wir meist eine Abmahnung pro Jahr bekommen", sagt Oberholz, "dann plötzlich acht in drei Monaten." Der Vorwurf war stets derselbe: Angeblich hatten Gäste sein W-Lan genutzt, um urheberrechtlich geschützes Material herunterzuladen oder ins Netz zu stellen. Um den Abmahnungen spezialisierter Kanzleien zu entgehen, leitet er den Datenverkehr zum Provider Hotsplots um. Der wirbt damit, dass seine Kunden nicht identifiziert werden können.
Der Freinetz-Verein sah sich zwischenzeitlich sogar zu noch drastischeren Verrenkungen gezwungen: Er schickte seinen lokalen Datenverkehr aus Berlin über eine verschlüsselte Verbindung nach Schweden. Vergangenes Jahr verteilte er an Cafés und Bars Hunderte sogenannter "Freedom Fighter Boxes", W-Lan-Router, in deren Firmware der Umweg über Schweden bereits programmiert ist.
So ähnlich machen es Dissidenten, um in autoritären Staaten der Zensur zu entgehen.
Von Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 27/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INTERNET:
Funkstille auf dem Bürgersteig

  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen
  • Weltraum-Video: Alexander Gerst filmt Sojus-Flug
  • Südosten der USA: Tausende durch Wintersturm ohne Strom