15.03.1999

ZEITGESCHICHTELuftdicht in Blechdosen

Zyklon B sollte eigentlich Wanzen und andere Schädlinge vernichten - die Nazis machten daraus das Auschwitz-Gas.
Die Larve des Hausbocks ist ein gefräßiger Holzschädling, der auch Gefallen am Mobiliar von Kirchen findet. Beim Befall von Hylotrupes bajulus helfe nur eine Durchgasung des Gotteshauses, machte der Chemiker Dr. Bruno Tesch im Jahr 1937 Werbung für ein Mittel gegen den Schädling, das er mit seiner Firma vertrieb: ein Blausäuregas, das unter dem Namen Zyklon B im Handel war.
Vier Jahre später brachten die Nazis im Vernichtungslager Auschwitz Menschen statt Käfer mit diesem Produkt um. Das hochgiftige Gas trug zum Massenmord an den Juden bei, die Propagandaminister Joseph Goebbels "Läuse der zivilisierten Menschheit" nannte, die man "irgendwie ausrotten" müsse.
Die Geschichte des Zyklon B haben zwei Hamburger Sozialarbeiter sechs Jahre lang recherchiert. Ihr Resümee legen sie jetzt in Buchform vor*.
Der Versailler Friedensvertrag verbot den Deutschen die Herstellung chemischer Kampfstoffe . Darunter fiel das Blausäuregas, das die französische Armee 1916 eingesetzt hatte; das deutsche Heer bevorzugte Chlorgas und Lungenkampfstoffe.
Um den Versailler Restriktionen auszuweichen, entwickelte die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) ein neues Verfahren. Das Patent trug die Nummer 438818: Blausäure wird im flüssigen Zustand von einem porösen Material aufgesogen und luftdicht in Blechdosen verpackt. Bei einer Vorführung des tödlichen Verkaufsschlagers auf einem Schiff der Hamburg-Amerika-Linie bekundeten deutsche Entomologen Erstaunen über die "Eleganz des Verfahrens".
Als geschäftstüchtig erwies sich der Chemiker Tesch, der die Hamburger Degesch-Filiale leitete und 1924 selbst die Firma Tesch & Stabenow (Testa) gründete. Er übernahm ein Jahr später den Vertrieb von Degesch-Produkten. Schiffe und Speicher, Mühlen, Eisenbahnen und Wohnräume durchgasten die Mitarbeiter der Firma Testa, rotteten Nager und Insekten aus.
Sogar eine hygienische "Musterstadt" entwarf die Degesch. Schleusen an den wichtigsten Einfahrtstraßen, in denen man die Möbelwagen von Neubürgern mit Gas behandeln könnte, sollten den Zuzug von Ungeziefer verhindern. Auf diese Weise sei eine Stadt von der Größe Fallerslebens ungezieferfrei zu halten.
Kurzfilme ("Kleinkrieg") warben in den dreißiger Jahren in Kinos für das Schädlingsbekämpfungsmittel, Broschüren ("Die kleine Testa-Fibel über Zyklon") machten später bei interessierten Kunden Reklame für das äußerst effiziente Produkt.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs stieg die Nachfrage nach Zyklon B, denn Uniformen, Unterhosen und Unterkünfte der deutschen Landser und die Lager der Zwangsarbeiter waren Laus und Maus ausgesetzt. Grund zur Freude hätten nicht nur die Deutschen, prophezeite die Testa. Gerade in den besetzten Ostgebieten werde man "Zyklongas als im höchsten Grade segensreich würdigen".
Und dann sperrten SS-Schergen - wahrscheinlich im September 1941 - 257 Kranke und über 600 sowjetische Gefangene in den Keller von Block 11 im Stammlager Auschwitz in Oberschlesien und brachten sie mit Zyklon B um: der Beginn des Holocaust mit dem Mittel aus den Blechdosen.
Die Testa versorgte bald neben Auschwitz die KZ in Majdanek, Sachsenhausen, Ravensbrück, Stutthof, Groß-Rosen, Dachau und Neuengamme mit ihrem Gas.
Als der Krieg zu Ende war, bestritt Tesch, je etwas über die Verwendung von Zyklon B als Mittel für den Massenmord gewußt zu haben. Aufgrund der Zeugenaussage eines Buchhalters aber wurden er und sein Geschäftsführer Karl Weinbacher von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet.
Kein Degussa-Vorstandsmitglied ist wegen Beteiligung an der Tochterfirma Degesch je zur Verantwortung gezogen worden. In einem Firmenbericht "125 Jahre Degussa AG" wird nur beiläufig ein "Mißbrauch von Zyklon B" erwähnt. Das hochwirksame Produkt ist noch heute im Handel.
Schon 1947 hatte sich eine Schädlingsbekämpfungsfirma namens Technische Entwesungsstation ins Handelsregister eintragen lassen, Kürzel: wiederum Testa. Die Degesch bedankte sich bei dem von der britischen Militärregierung beauftragten Abwickler, daß der Neuaufbau der Tesch & Stabenow-Nachfolgefirma "unter Wahrung so vieler materieller und ideeller Werte gelungen" sei.
Die Firma trägt jetzt den Namen Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (DGS) und ist von der Degussa in den Besitz der Detia-Freyberg Firmengruppe in Laudenbach übergegangen. Stolz wirbt sie mit 75jähriger Firmentradition und verweist auf die in "Jahrzehnten gemachten Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich der Schädlingsbekämpfung". Auch das Blausäuregas wird noch immer verkauft, wenn auch unter neuem Namen: Ungeziefer stirbt nicht mehr an Zyklon B, sondern an Cyanosil.
* Jürgen Kalthoff, Martin Werner: "Die Händler des Zyklon B". VSA-Verlag, Hamburg; 254 Seiten; 39,80 Mark.
Von Reinhard Krumm

DER SPIEGEL 11/1999
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