15.03.1999

IRAN

Pakt mit der Satansbrut

Von Bednarz, Dieter und Schlamp, Hans-Jürgen

Der Rom-Besuch von Staatschef Chatami soll die Westöffnung der Gottesrepublik vorbereiten. In Teheran behindern religiöse Eiferer den Reformkurs.

Ein friedliches Bild: Der freundliche Herr mit der schwarzen Kopfbedeckung stand in der VIP-Lounge des römischen Militärflughafens Ciampino, trank einen Cappuccino, schüttelte Hände und winkte ein wenig verlegen in die Kameras, ein schüchternes Lächeln unter dem grauen Bart.

Dann stieg er, mit weit wallendem Mantel, in einen Helikopter. Im Quirinalspalast wartete Italiens Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro auf ihn. Nicht allein. Viele Hundertschaften Polizisten und Soldaten hatten sich eingefunden, dazu an die 5000 Menschen, die mit Sträflingskleidung und "Mörder"-Plakaten demonstrierten, daß ihnen der Gast nicht willkommen war.

Der nette Mann im Mullahgewand repräsentiert ein Land mit denkbar schlechtem Ruf: Mohammed Chatami, 55, ist Präsident der Islamischen Republik Iran. Und seine Rom-Visite vorige Woche war ein riskantes Unternehmen für Gast und Gastgeber.

Zum erstenmal seit Ajatollah Chomeini vor 20 Jahren den Schah aus dem Land trieb und den Gottesstaat ausrief, kam ein iranischer Staatschef in den Westen. Eine geplante Begegnung des Chatami-Vorgängers Ali Akbar Haschemi Rafsandschani mit dem französischen Präsidenten Mitterrand war 1987 nach dem Attentat auf einen iranischen Exilpolitiker gescheitert - die Spuren der Täter führten zum Geheimdienst in Teheran.

Chatami, der einige Jahre die iranische Diaspora in Hamburg betreute, hat seit seiner Wahl vor knapp zwei Jahren alles daran gesetzt, sein Land aus der Isolation herauszuführen. Voraussetzung dafür ist eine allmähliche Liberalisierung - und so präsentierte er sich auch in Rom.

Er schwärmte von "einer zivilen Gesellschaft auf der Basis von Menschenrechten", die "alle Länder in aller Welt" aufbauen müßten. "Jeder Art von Diktatur" schwor er ab und widersagte "jeder Form von Gewalt, Aggression und Terrorismus". Dem italienischen Regierungschef Massimo D'Alema versicherte er, an seiner Seite gegen "die Verbreitung von Atomwaffen und Massenvernichtungsmitteln" zu kämpfen - die USA unterstellen Teheran, sich ebendiese beschaffen zu wollen.

Mit ausgestreckter Hand ging Chatami - derzeit Präsident der Konferenz Islamischer Staaten und damit Sprecher von fast 1,4 Milliarden Muslimen - vorigen Donnerstag auch auf Johannes Paul II. zu, der im Namen von rund einer Milliarde Katholiken spricht.

"Welcome", grüßte der Heilige Vater. "Good morning", entgegnete der iranische Geistliche. Wichtig und vielversprechend dünkte das 25-Minuten-Gespräch den Papst, der vom friedlichen Miteinander von Juden, Christen und Muslimen schwärmte, das er sich im nächsten Jahr - anläßlich des 2000. Geburtstages von Jesus - in Jerusalem erhofft.

Chatamis Anbiederung bei der "Satansbrut", wie die religiösen Fanatiker in Teheran die europäischen Staaten gelegentlich nennen, ist um so bemerkenswerter, als die Scharfmacher daheim in den vergangenen Monaten noch jede Geste des Staatschefs an den Westen konterkarierten. So hatte Chatamis Außenminister anläßlich eines Besuchs bei der Uno deutlich gemacht, Teheran werde die einst von Chomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie verhängte Todes-Fatwa nicht vollstrecken - prompt erhöhten die Fundamentalisten das Kopfgeld für den Autor der "Satanischen Verse".

Vor allem über den von ihnen beherrschten Polizei- und Justizapparat setzten die Eiferer Chatami unter Druck. Der Geheimdienst jagte Intellektuelle und Schriftsteller, die sich gegen die Zensur auflehnten. Der Teheraner Bürgermeister und Chatami-Wahlhelfer Gholam Hussein Karbastschi wurde in einem Schauprozeß wegen Korruption verurteilt.

Die Stärke des Staatschefs ist sein Rückhalt beim Volk. Jüngst bei den Kommunalwahlen gewannen die Anhänger seines Reformkurses fast alle Mandate.

Die geistig-moralische Wende hat gewiß auch profane Motive: Iran braucht dringend ökonomischen Beistand. Solange Washington an seinem Handelsembargo festhält, hat Teheran nicht einmal die Chance, an günstige Weltbank-Kredite zu kommen. Mit seinem Rom-Besuch setzte Chatami auf eine Doppelstrategie: Er will die EU zu Geschäften mit dem Ölstaat ermutigen und zugleich via Europa Stimmung in den USA machen. Ein gefährliches Spiel, denn für den orthodoxen Block des Iran ist Amerika noch immer der "Große Satan".

Seit längerem dient sich die römische Regierung den Mullahs als "Hafen Europas" an, so Präsident Scalfaro. Eine Wo- che zuvor waren die Hafenmeister reichlich belohnt worden: Das italienische Energieunternehmen ENI bekam einen Vertrag in Höhe von einer Milliarde Dollar zur Erschließung des iranischen Dorood-Ölfeldes. ENI-Partner ist der französische Konzern Elf-Aquitaine - Paris wird die nächste Station von Chatamis Westreisen sein.

Nicht einmal von Salman Rushdie ließ er sich von seinem Freundschaftskurs abbringen. Während der iranische Staatschef den "Dialog der Kulturen" propagierte, nahm der verfemte Schriftsteller an der Universität Turin den Ehrendoktortitel entgegen.

Die angestrebte Versöhnung störten nur die Exil-Iraner. Auch unter Chatami, so die römische Repräsentantin des Nationalrats des Iranischen Widerstands, Mitra Bagheri, gebe es weiterhin Menschenrechtsverletzungen, Exekutionen und Attentate auf Oppositionelle im Ausland.

Die Iranerin beobachtet die Lage aufmerksam: Vor sechs Jahren starb ihr Vorgänger von Mörderhand - und das in Rom.

DIETER BEDNARZ,

HANS-JÜRGEN SCHLAMP


DER SPIEGEL 11/1999
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