15.03.1999

KULTURGESCHICHTEStalina und Hitlerike

Eine neue Studie beweist: Die Deutschen sind bei ihrer Namensgebung Sklaven des Zeitgeists.
Eine italienische Stadt in faschistischer Zeit. Ein Kunde betritt einen Laden. Zwei Kinder krakeelen. Um ein Gespräch mit dem Ladenbesitzer zu beginnen, fragt der Kunde ihn, wo er denn politisch stehe - rechts oder links? Statt zu antworten, schreit der Befragte die Kinder an: "Benito, Adolfo". Das klärt genug.
Diese Szene aus Roberto Benignis Film "Das Leben ist schön" bestätigt eine gängige Annahme: daß die Namen des Nachwuchses die Eltern entlarven. Der Münchner Historiker Michael Wolffsohn wollte diese Annahme überprüfen, gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Thomas Brechenmacher durchwühlte er Kirchenbücher und Standesamtseinträge. Heraus kam eine aufschlußreiche Studie zur Mentalitätsgeschichte der Deutschen**. Es überrascht kaum, daß Wolffsohn, 51, darin die Namensgebung tatsächlich als Sklavin des Zeitgeistes enttarnt - verblüffend sind allerdings viele Details, die dabei zutage gefördert wurden.
Wann, fragt der Autor, nahm die Begeisterung für den Vornamen Adolf Hitlers zu, wann ließ sie nach? Ab 1933 ist eine Steigerung erkennbar. Die abfallende Tendenz beginnt bereits 1940, also fünf Jahre vor Hitlers Ende. Wolffsohns Analyse: Mit dem ersten Kriegsfrust fingen die Deutschen an, ihrem finsteren Diktator zu mißtrauen.
Die Studie setzt weit vor Hitlers unheilvoller Herrschaft ein, und zwar zu Zeiten der Französischen Revolution. Die These: Nach langer kultureller Eintönigkeit war wieder was los in Europas Mitte, auch die Deutschen gaben sich dem verstörenden Franzoseneinfluß hin. Die Folge: Es gab eine "Explosion innovativer Namen". Statt Maria - über Jahrhunderte Favoritin für fromme Fräuleins - sollten die Töchter der neuen Zeit heroisch Helene oder frech Friederike heißen.
Später wurden die Deutschen vom Bildungsdünkel befallen. Die Kinder auf eine Universität zu schicken, das war das stolzeste Ziel der strebsamen Bürger: Deswegen nannten sie ihre Sprößlinge hoffnungsfroh und gut lateinisch Julius, Pius oder griechisch-gelehrt Philomena. Doch nicht nur mit der Gelehrsamkeit, auch mit der Nation prahlten die Deutschen allzugern herum: Teutonisch Tönendes wie Ger-
manus und Gundomar kam im 19. Jahrhundert immer häufiger vor.
Auch die Nationalsozialisten liebten diese Namen. Hitler vermutete mit bewährtem Größenwahn, daß die Begeisterung um seine Person keine Grenzen kennen würde. Er verfügte, daß sein Name nicht als Vorname verwendet werden dürfe - den Stalinas in der Sowjetunion sollten keine Hitlerikes in Deutschland folgen. Nur in Brasilien lebende Deutsche nannten ihre Töchter ranschmeißerisch Adolfine.
Der Nationalsozialismus, diagnostiziert Wolffsohn, war der "folgenreichste Zivilisationsbruch für Deutsche". Nach dem Krieg hätten sie von germanischem Traditionsgut abgesehen: 1950 entschieden sich zwar noch 35 Prozent für die Berthas und Giselas, 1990 waren es aber nicht mal 5 Prozent. Dafür wurde Jüdisches beliebt: 1950 gab es nur 3 Prozent Leas, Sarahs oder Aarons, 40 Jahre später 13 Prozent.
Kreative ließen sich immer unerschrockener kuriose Neuschöpfungen ein-
* Vergangenen Donnerstag im Uni-Klinikum Hamburg. ** Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: "Die Deutschen und ihre Vornamen". Diana Verlag, München; 468 Seiten; 46 Mark.
fallen: Die Pacificas und Pagonas sind für Wolffsohn Beweise dafür, daß sich "die Gesellschaft geöffnet hat", gar "ein europäisches Deutschland" entsteht. Tatsächlich sind rund 22 Prozent der Vornamen aller in München lebenden Deutschen des Jahrgangs 1990 ausländischer Herkunft: Lauras und Patricks, wohin man blickt.
Die jüngsten Entwicklungen hat der Historiker leider nicht berücksichtigt. Maximilian und Marie-Theres, beliebte Namen der vergangenen Jahre, zeigen eine Sehnsucht nach den versunkenen Zeiten der Kaiser und Könige - in der Geschichte geht es nun mal nicht immer nur vorwärts. SUSANNE BEYER
* Vergangenen Donnerstag im Uni-Klinikum Hamburg. ** Michael Wolffsohn, Thomas Brechenmacher: "Die Deutschen und ihre Vornamen". Diana Verlag, München; 468 Seiten; 46 Mark.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 11/1999
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