08.07.2013

SICHERHEITDosenbrot und Kurbellampe

Das Misstrauen gegenüber der Energiewende wächst. Katastrophenschützer, Unternehmen und besorgte Bürger trainieren bereits für den Ernstfall: das Überleben ohne Strom.
Gerhard Spannbauer ist ein Mann, der mit dem Schlimmsten rechnet, schon aus geschäftlichen Gründen. In seinem Ladenlokal in Gauting bei München und übers Internet verkauft er Roggenbrot in Dosen, haltbar bis 2015, Hartkekse aus Sojaprotein, haltbar bis 2028, Notfalltoiletten mit Zubehör. Auch die in Tarnfarben lackierte Armbrust Barnett Quad 400, Schussweite 70 Meter, hat Spannbauer im Angebot, denn nach dem Tag X müsse man sich auf Plünderer gefasst machen. Die Armbrust sei eine "effektive Waffe, um Störenfriede auf Abstand zu halten", heißt es in seinem Verkaufskatalog.
Spannbauer handelt mit Produkten, die in einer Welt ohne funktionierende Stromversorgung das Überleben sichern sollen, und seine Geschäfte gehen gut. Täglich fährt ein Laster auf dem Hof des Survival-Shops vor, um Pakete mit Petroleumkochern und kurbelbetriebenen Taschenlampen abzuholen. "Die Nachfrage ist groß", sagt Spannbauer, der deutschen Energiewende sei Dank.
Seit die Bundesregierung begonnen hat, Atomkraftwerke durch Solardächer und Windräder zu ersetzen, geistert eine Schreckensvision durchs Land: Was, wenn der Strom ausfällt? Behörden arbeiten Einsatzpläne für einen Blackout aus. Polizei und Feuerwehr üben für den Ernstfall. Unternehmen investieren Millionen in Notstromaggregate.
Glücklich, wer über einen geräumigen Keller verfügt. Das dem Innenministerium unterstellte Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät jedem Bürger, sich einen "14-tägigen Grundvorrat" an Lebensmitteln anzulegen, die ohne Tiefkühltruhe haltbar sind, darunter 4,6 Kilogramm Getreide und Kartoffeln, 5,6 Kilogramm Gemüse und Hülsenfrüchte sowie 24 Liter Getränke.
Tatsächlich ist das Risiko eines Stromausfalls im Zuge der Energiewende gestiegen, zumal jetzt im Sommer, wenn aus heiterem Himmel viel Solarstrom in die Leitungen schießt. Um die Spannung konstant zu halten, müssen die konventionellen Kraftwerke dann ganz schnell heruntergefahren werden - bis das nächste Tiefdruckgebiet heraufzieht. Dann wird der Strom aus anderen Kraftwerken plötzlich wieder dringend gebraucht.
An manchen Tagen drängen auch gigantische Windstrommengen von der norddeutschen Küste in die Netze - doch wohin damit? Die größten Stromabnehmer sitzen nicht im Norden, sondern eher im Westen und Süden der Republik, und es mangelt an Starkstromleitungen, die die Regionen verbinden.
Das System ist nah an der Belastungsgrenze. Bereits im März habe es eine Reihe "schwer beherrschbarer Situationen" gegeben, so die Bundesnetzagentur in ihrem "Kurzbericht zur Systemsicherheit". In einigen Regionen gebe es "großen Anlass zur Sorge", insbesondere in Süddeutschland. Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird zum Stresstest für die überkommene Netzinfrastruktur und für das Nervenkostüm verängstigter Bürger.
Jochen Homann, Chef der Netzagentur, sagt zwar, er rechne nicht mit einem Blackout, schon gar nicht mit einem, der Tage oder gar Wochen anhält. Dennoch legte er seinen Mitarbeitern nahe, sich stärker als bislang mit den möglichen Folgen zu beschäftigen. Die Notstromversorgung der Behördenzentrale wurde auf seine Order hin überprüft und ausgebaut.
Homann hat ein Buch gelesen, das ihn beeindruckt hat: "Blackout" von Marc Elsberg. Hinter dem Pseudonym steckt Marcus Rafelsberger, ein Österreicher, der mäßig erfolgreiche Kriminalromane veröffentlichte, bevor ihm die Idee kam, das Thema Stromausfall in einem 800-Seiten-Endzeitthriller zu verarbeiten. In seiner Version versinkt binnen weniger Tage die halbe Welt in Chaos und Aufruhr, weil sich Computer-Hacker über das labile Stromsystem hermachen. Das Buch ist ein Bestseller. Die deutsche Auflage liegt bereits bei über 130 000 Exemplaren.
Fachleute bescheinigen Rafelsberger alias Elsberg, bei allen dramaturgischen Übertreibungen, gründlich recherchiert zu haben. "Die Auswirkungen eines Blackouts werden hier gut dargestellt", lobt Netzagenturchef Homann. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe lud den Romanautor zu einer Podiumsdiskussion ein, ebenso ein vom Innenministerium unterstützter Zukunftskongress und mehrere Stromversorger. "Die Diskussion um die Energiewende hat dem Verkauf meines Buchs natürlich sehr genutzt", sagt Rafelsberger, ein eher besonnen wirkender 46-Jähriger, der nach eigener Aussage persönlich weder über einen Vorrat an Hartkeksen noch über eine Armbrust verfügt.
Die Blaupause für sein Buch stammt aus offizieller Quelle. Bereits 2011 legte das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag eine Studie zum möglichen Verlauf eines Stromausfalls in Deutschland vor. Der Bericht selbst liest sich wie ein Thriller: "Die Wahrscheinlichkeit eines lang andauernden Stromausfalls mag gering sein", heißt es da. "Träte dieser Fall aber ein, kämen die dadurch ausgelösten Folgen einer nationalen Katastrophe gleich."
Das Szenario für den Bundestag sieht so aus: In den ersten Stunden ohne Strom kommt es wegen der Ampelausfälle zu zahlreichen Verkehrsunfällen. Die Mobilfunknetze sind teilweise überlastet. Die Kühlung in Supermärkten fällt aus, Aufzüge bleiben stecken. In Wasserwerken und Krankenhäusern stellen mit Diesel betriebene Stromaggregate eine Notversorgung sicher - für etwa 24 Stunden.
Am zweiten Tag müssten die Generatoren mit Diesel befüllt werden, doch der Nachschub stockt. Die elektrisch betriebenen Zapfsäulen an den Tankstellen geben nichts her. Liegengebliebene Autos und Lastwagen verstopfen die Straßen. Weil viele Menschen Kerzen aufstellen, brechen vermehrt Wohnungsbrände aus. Schweine, Rinder und Hühner in Massentierhaltung erkranken und verenden, ebenso Milchkühe, die nicht mehr gemolken werden können. Lebensmittel werden knapp. Nur wenige Kühllager könnten die Notstromversorgung länger als 48 Stunden aufrechterhalten, heißt es in dem Bericht.
Ab dem dritten Tag zerfällt die öffentliche Ordnung. Fernseher und Radio bleiben stumm, sofern sie nicht mit Batterie betrieben werden. Telefon und Internet funktionieren nicht.
Dem Leser von Rafelsbergers Endzeitthriller läuft an dieser Stelle ein wohliger Gruselschauer über den Rücken. Gerüchte verbreiten sich, womöglich sind Atomkraftwerke havariert, es herrschen Misstrauen, Panik. Das Bundesforschungsministerium nahm die Bedrohung immerhin so ernst, dass es eine Studie zum Thema Treibstoff-Notversorgung in Auftrag gab. Dabei fanden Wissenschaftler der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht zusammen mit Polizei und Feuerwehr heraus, dass tatsächlich nur wenige Tankstellen in der Lage wären, bei einem Stromausfall weiter Benzin und Diesel zu liefern.
Zu ähnlich beunruhigenden Resultaten kam vor einigen Monaten ein Workshop "Operative Vorbereitung auf Stromausfälle" des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik. Die Krisenpläne sollten überdacht werden. Schon die Verständigung der Rettungseinheiten sei mitunter ein Problem. Sollten größere Regionen betroffen sein, "stellen sich unmittelbar Fragen nach öffentlicher Ordnung und Erhalt der gesellschaftlichen und industriellen Rahmenbedingungen", hieß es in einer Erklärung.
Kein Wunder, dass sensible Naturen nervös werden. In Internetforen und bei sogenannten Krisenstammtischen tauschen sich Menschen aus, die gerüstet sein wollen. Sie nennen sich "Prepper", in Anlehnung an das englische Verb "prepare", "vorbereiten". Wie viele Prepper es gibt, lässt sich nicht beziffern, denn sie geben sich nicht gern zu erkennen. Von Teilen der Öffentlichkeit werde man leider nicht immer für voll genommen, klagt ein Forumsteilnehmer.
Den letzten Massenzulauf hatte die Prepper-Bewegung in Vorbereitung auf den Weltuntergang, den der Maya-Kalender für Dezember vergangenen Jahres vorsah. Nachdem der ausblieb, gilt nun der Stromversorgung größte Besorgnis. Die Szene teilt sich in zwei Lager: Die "Camper" wollen sich im Ernstfall in einem Versteck einigeln und Vorräte bereithalten. Die "Bushcrafter" hingegen stellen sich auf ein Leben in der Wildnis ein. Sie lernen Angeln und Jagen und beschäftigen sich mit Pflanzenkunde, um essbare Wildkräuter erkennen zu können.
Für Oktober ist ein Deutschland-Treffen geplant. Es geht um Fragen von großer Tragweite: Braucht man eine Waffe und, wenn ja, welche? Lohnt sich ein Solarkocher? Wie hält man sich körperlich für den Ernstfall fit, und wo bleiben Lebensmittel länger frisch? Prepper aus Norddeutschland fuhren bereits vergangenes Jahr für einige Tage ins Grüne, um Bundeswehr-Kekse zu essen und sich darin zu üben, ein Lagerfeuer ohne Hilfsmittel zu entzünden.
Auch Spannbauer, der Händler von Survival-Produkten aus Gauting, ist vorbereitet. Er hat Vorräte gebunkert. Am Tag X wird er seine Frau und die beiden Kinder ins Auto setzen und sein Versteck ansteuern. Wo es liegt, soll niemand wissen. Seine Familie wäre sonst in Gefahr. "Wer nicht vorgesorgt hat, wird schauen, wo es was zu holen gibt", sagt er. "Und dann stehen sie plötzlich alle bei mir vor der Tür."
Von Alexander Neubacher, Tobias Schulze und Michael Stürzenhofecker

DER SPIEGEL 28/2013
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