08.07.2013

INTERNETSpitze ohne Bespitzeln

Eine niederländische Suchmaschine zeigt, wie Datenschutz in Zeiten der Komplettüberwachung zu einem europäischen Exportschlager werden könnte.
Nur selten verdankt ein Produkt seinen Erfolg ausgerechnet dem, was es nicht kann. Bei Robert Beens' Angeboten ist das so. Seine beiden Suchportale, Ixquick und Startpage, versagen just in dem Fach, in dem Google spitze ist: im Bespitzeln der Nutzer.
Beens vertreibt ein besonders kostbares Gut: Anonymität. "Die diskreteste Suchmaschine der Welt", werben die beiden Portale, hinter denen jeweils die gleiche Technik steckt. Wer Anfragen eingibt, wird eben nicht mit Cookies verfolgt, die Daten werden nicht gespeichert, die Verbindung ist verschlüsselt, die Webinhalte können so umgeleitet werden, dass die Nutzer für Werbekraken unsichtbar bleiben.
Wirtschaftlich erfolgreich sind die Portale dennoch, der Montag voriger Woche war der vielleicht beste Tag in Beens' bisheriger Karriere. Die Anfragen an seine Suchmaschinen knackten die Vier-Millionen-Marke. Diesen Triumph hat er vor allem den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens zu verdanken. Seit den immer neuen Enthüllungen der globalen Internetspitzelei explodiert die Nachfrage nach dezenten Suchmaschinen.
Trotz der vielen Klicks - gemessen an der Big-Brother-Konkurrenz ist die Datenschutz-Suchmaschine wenig bekannt. Was wohl auch an Robert Beens liegt. Er fühlt sich sichtlich unwohl, wenn er seine Produkte Fremden erklären soll - Marketing-Preise wird er wohl nie gewinnen. "Ich schätze meine Privatsphäre", sagt der Niederländer. "Deswegen mache ich ja auch diese Suchmaschine."
Der stille Mann sitzt im opulent eingerichteten Empfangszimmer einer wohltätigen Immobilienstiftung in Den Haag. Hier hat Beens' Firma ein Büro, zur Untermiete. Der Chef selbst arbeitet meist am Laptop von unterwegs. Hauptberuflich ist er nämlich Pilot bei der Fluggesellschaft KLM.
Eher offensiv tritt dagegen seine Konkurrenz in den USA auf. Seit Wochen trommelt die Suchmaschine DuckDuckGo für sich. 2008 gründete Gabriel Weinberg die Suchmaschine. Der Physiker ist Absolvent der Eliteuniversität MIT. Er weiß, wie man Aufmerksamkeit erzeugt, er arbeitet an einem Buch zum Thema. Rein technisch funktionieren die amerikanische und die niederländische Suchmaschine ähnlich, auch von der Reichweite her liegen sie fast gleichauf.
"Aber wir unterliegen eben nicht der US-Rechtsprechung", sagt Beens lapidar. Er meint damit: DuckDuckGo könnte ausgespäht werden. Aber ein solcher Zugriff der Schlapphüte mit Billigung von Gerichten wäre in den Niederlanden kaum denkbar.
Standortfaktor Datenschutz: Plötzlich hat Europa wieder eine Chance, in der Hightech-Branche zumindest ein klein wenig aufzuholen. In Zeiten von Big Data und Cloud-Computing könnte die Alte Welt digitale Reinheitsgebote in Wettbewerbsvorteile ummünzen.
Doch es fehlt an politischen Konzepten. Wer Angst habe, ausgespäht zu werden, so Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich vorigen Mittwoch, solle eben keine Dienste nutzen, die über US-Server laufen. Das lässt sich nur deuten als Kapitulation - immerhin ist der Minister an der Gestaltung der europäischen Datenschutzreform beteiligt. Jeder weiß: Ein Alltag ohne Google, Apple, Microsoft und Amazon ist nur für zwei Minderheiten attraktiv: Technikverweigerer und Computer-Nerds.
Zwar fordern französische und deutsche Politiker seit vielen Jahren eine europäische Suchmaschine. Doch trotz millionenschwerer Forschungsprogramme sucht man bis heute vergebens nach einer echten Alternative zu Google.
Ixquick dagegen entstand durch Zufall und ohne Subventionen. Beens versuchte zunächst, Elektrofahrräder zu verkaufen. Aber damit, das konnte er damals nicht wissen, war er zehn Jahre zu früh dran. Er studierte Jura, wurde schließlich Berufspilot und flog Jumbojets nach Hongkong, Kapstadt, New York.
Während der ersten Internetblase investierte Beens in die Suchmaschine. Ixquick verbrannte damals viel Geld und sammelte jede Menge Verbindungsdaten. Als 2001 der Crash kam, brachte der Niederländer die Firma auf Sparkurs - sowohl finanziell als auch in Sachen Datensammelwut. "Es ist gar nicht so einfach, das automatische Speichern von IP-Adressen herunterzufahren", so Beens. Aber er fand: Weniger ist mehr.
Seit 2004 ist Ixquick nach eigener Aussage profitabel, mit heute nur noch drei Vollzeit-Mitarbeitern sowie Entwicklern in Europa, den USA und Indien. Datenschutz lohnt sich. Allerdings ist das bislang nicht allzu vielen Leuten aufgefallen: Vier Millionen Anfragen pro Tag - das ist weniger als ein Prozent von Google. DuckDuckGo sei hilfreich für sein Anliegen, so Beens: "Die größte Konkurrenz sind Trägheit und Unwissen der Nutzer."
Nun tüftelt sein Team an einem neuen Coup: verschlüsselte E-Mails für Technikmuffel. Beens hat neun Monate Auszeit vom Pilotenjob genommen, um die Krypto-Mail an den Start zu bringen.
"Viele Nutzer wissen nicht, dass ihre E-Mails im Internet von beliebig vielen Leuten gelesen und gespeichert werden können, Postkarten sind im Vergleich geradezu diskret", sagt Alexander van Eesteren, der technische Leiter von Startmail.
Die beiden demonstrieren erstmalig ihr neues E-Mail-System. Es wirkt einfach und elegant. Schritt für Schritt werden die Nutzer bei der Anmeldung durch die Installation geführt. Sie müssen zunächst einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel erzeugen. Alle E-Mails und Adressen werden auf dem Server verschlüsselt, so dass nicht einmal der Systembetreuer sie ohne weiteres lesen kann. Wer sein Passwort vergisst, verliert alle E-Mails und Adressen.
Startmail ist nicht perfekt; am sichersten wäre es, wenn man auf dem eigenen Rechner ein Verschlüsselungsprogramm wie "Pretty Good Privacy" installierte, zu Deutsch: ziemlich gute Privatsphäre. Doch derlei Software ist kompliziert und setzt voraus, dass alle Empfänger sie benutzen.
Der Markt ist zersplittert, Standards sind rar. De-Mail zum Beispiel, die Krypto-Mail, die von der Bundesregierung initiiert wurde, funktioniert nur, wenn Sender und Empfänger Konten bei De-Mail haben. Außerdem stuft der Chaos Computer Club das System als unsicher ein. Aus all diesen Gründen verzichten derzeit fast alle Nutzer auf Verschlüsselung. Das Postgeheimnis ist damit faktisch ausgehebelt.
Startmail ist anders. Es erlaubt sogar das Verschicken verschlüsselter Mails an beliebige Adressen: Der Empfänger bekommt dann einen Link, loggt sich auf dem Startmail-Server ein und kann die Geheimnachricht entschlüsseln, indem er ein vorher vereinbartes Passwort eintippt.
Außerdem bietet Startmail gutüberlegte Zusatzfunktionen: Wer sich bei Online-Diensten anmeldet, muss meist eine E-Mail-Adresse angeben. Mit Startmail kann man daher Wegwerfadressen generieren, die wahlweise ein paar Minuten oder wenige Tage aktiv bleiben, bis sie erlöschen. So wird Spam reduziert.
Natürlich wird Startmail nicht kostenlos sein: "Der Monatsbeitrag dürfte ungefähr so viel kosten wie eine Tasse Kaffee", sagt Beens. Der Datenschutzpilot spekuliert auf einen Mentalitätswandel, ähnlich wie in den siebziger, achtziger Jahren, als die Verbraucher sich langsam von industrieller Billigware abzuwenden begannen, hin zu teuren Ökoprodukten.
Noch sitzen die Datenökos in kleinen Nischen, ignoriert von Großkonzernen und Politik. Der Berliner E-Mail-Provider Posteo zum Beispiel, ein Unternehmen mit vier Mitarbeitern, bietet von Kreuzberg aus nicht nur verschlüsselte E-Mails, sondern auch Server, die mit Ökostrom von Greenpeace betrieben werden.
"Prism hat ein Umdenken angestoßen", sagt Beens. Ursprünglich hatten sich 5000 Tester für die Krypto-Mail angemeldet. Seit Prism, das Spähprogramm der USA, entlarvt wurde, sind es zehnmal so viele. Die Server stehen in einem Rechenzentrum in Amsterdam, ausgelegt auf einen Ansturm von 100 000 Nutzern. Der Testbetrieb läuft, im Herbst soll es losgehen.
Derzeit scheint es denkbar, dass das neue Datensparen bald auch von Großkonzernen entdeckt wird. Vielleicht wiederholt sich mit der Krypto-E-Mail die Erfolgsgeschichte der Biomöhrchen, die einst aus den Reformhäusern heraus die großen Supermärkte eroberten.
Denkbar wäre sogar, dass irgendwann die Politik reagiert und strengere Standards vorschreibt. "Das wäre vielleicht schlecht für unsere Firma, aber gut für die Gesellschaft", sagt Robert Beens. Aber sollte Startmail abstürzen, kann er ja wieder als Pilot durchstarten.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 28/2013
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