22.03.1999

Die Qual der Erinnerung

Von Schmidbauer, Wolfgang

Oskar Lafontaines Rücktritt - eine posttraumatische Reaktion. Von Wolfgang Schmidbauer

Schmidbauer, 57, ist Psychoanalytiker und lebt in München. Er forscht seit längerem darüber, wie traumatische Erlebnisse das Leben der Betroffenen und ihrer Familien verändern. Von Schmidbauer erschien kürzlich das Buch: "Ich wußte nie, was mit Vater ist. Das Trauma des Krieges".

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Der Rücktritt Oskar Lafontaines kam für fast alle aus heiterem Himmel und war in seiner Radikalität so unverständlich wie dem Nichtjapaner ein Harakiri. Einen Weg, diesen Entschluß nachzuvollziehen, eröffnet die Trauma-Psychologie. 1990, in seinem ersten Wahlkampf um das Amt des Bundeskanzlers, wurde er von einer geisteskranken Frau niedergestochen und lebensgefährlich verletzt.

Anders als sein späterer Kontrahent Wolfgang Schäuble, der ebenfalls einem Attentat zum Opfer fiel und seither im Rollstuhl sitzt, hat Lafontaine diese Attacke ohne körperlichen Schaden überstanden; er erholte sich schnell und entwickelte trotz seiner Wahlniederlage gegen Helmut Kohl eine beträchtliche Kreativität, die beispielsweise zu seinem vielbewunderten Sieg in der Kampfabstimmung um das Amt des Parteivorsitzenden führte.

Solange es darum ging, die SPD in Bewegung zu setzen und zu halten, ihre un-

* Am vorigen Donnerstag in Berlin nach Erhalt seiner Entlassungsurkunde.

terschiedlichen Strömungen zu integrieren und den Machtwechsel in Bonn voranzutreiben, hat Lafontaine Qualitäten entwickelt, die zu seinem jüngsten Schritt nicht zu passen scheinen.

Er wirkte wie jemand, der sich viel aufladen will; kein Zeichen nach außen verriet den Wunsch, den Bettel hinzuwerfen. Daß er jetzt alle Ämter aufgegeben, nicht einmal das Mandat als Abgeordneter behalten hat, belegt einen zentralen Wunsch der Traumatisierten: zu verdrängen, sich nicht mehr an das erinnern zu lassen, was verletzt hat.

Wir sind mit unserem Alltagsverstand nicht gerüstet zu verstehen, was in Traumatisierten geschieht. Beispielsweise würde dieser davon ausgehen, daß Schäuble, der seit dem Attentat querschnittsgelähmt ist und sich mit großer Tapferkeit um seine Arbeit in Partei und Politik kümmert, seelisch weit ausgeprägter traumatisiert ist als Lafontaine, dessen Verletzung keine bleibenden körperlichen Schäden hinterließ.

Psychologische Erfahrungen belegen das Gegenteil. Bereits im Ersten Weltkrieg fiel psychoanalytisch geschulten Ärzten auf, daß jene Soldaten, die den Grabenkrieg körperlich weitgehend unverletzt überstanden, von ihren seelischen Verletzungen nicht genesen konnten, während die körperlich schwer Verwundeten psychisch weit weniger auffällig waren.

Ich habe in jüngster Zeit viel über Soldaten-Väter geforscht, deren heute längst erwachsene Kinder es oft als große Erleichterung empfinden, wenn ihnen klar wird, daß kein Mensch derart überwältigende Erlebnisse ohne Folgen verarbeiten kann. Die häufigste Spätfolge einer seelischen Traumatisierung scheint eine gesteigerte seelische Verwundbarkeit, verbunden mit einem Anspruch, sich niemals mit weniger als Perfektion zufriedenzugeben.

Es ist für uns alle eine schwer erträgliche Vorstellung, von heute auf morgen aus unserem Optimismus herausgerissen zu werden. Wir stellen es uns nicht gern vor, daß es eine Form seelischer Verletzung gibt, die uns in unserem Weltbezug, unserer Fähigkeit, Versagungen zu ertragen und Kränkungen hinzunehmen, dauerhaft verändert und unser ebenso hoffnungsvolles wie illusionäres Selbstbild zerstört, daß wir mit dem Alter auch reifer und belastbarer werden. Zuallerletzt kann der Betroffene selbst akzeptieren, was mit ihm geschehen ist.

Die seelische Traumatisierung stellt auch noch andere Klischees in Frage, mit denen die Alltagspsychologie hantiert. Darin heißt es etwa, es sei gut, sich ein Trauma zu vergegenwärtigen, und schlecht, es zu verdrängen. Aber in Wahrheit ist Verdrängung oft heilsam und Erinnerung oft sehr qualvoll.

Wir alle benötigen eine Grundverdrängung, um nicht ständig darunter zu leiden, daß von einem Augenblick auf den anderen Schmerz, Krankheit und Tod in unser Leben eindringen können. Wer einem mörderischen Angriff (oder einer Vergewaltigung) ausgesetzt war, verliert seine Geborgenheit in der Welt. Sein seelisches Trauma macht ihn für eine Weile schutzlos, läßt ihn nichts anderes mehr erleben als Gefahr. Warum gerade ich? Was habe ich getan, daß es gerade mich getroffen hat? Habe ich mich, ohne es zu wissen, doch irgendwie schuldig gemacht und so den Zorn des Schicksals auf mich gezogen?

Die Folge gravierender Verluste des seelischen Reizschutzes ist panische Angst. Zwangserinnerungen treten auf, die wie ein nicht abschaltbarer Filmprojektor im Gehirn das Trauma wieder und wieder abspielen, ohne daß der Gequälte die Möglichkeit hat, sich dagegen zu schützen.

Gut wäre eine Form von Erinnerung, die nicht unsere Seele vergiftet, sondern uns weise macht, die uns belehrt, wie brüchig das Eis ist, auf dem wir durch unser Leben gehen, ohne uns den Mut zu nehmen. Aber es dauert oft sehr lange, bis Traumatisierte eine solche Form der Erinnerung finden, und wenn sie es tun, kann es ihr Leben grundlegend verändern.

Lafontaine wurde mitten in seiner Karriere als Politiker, subjektiv auf dem Weg zum einflußreichsten Amt in Deutschland, aus einer jubelnden Masse heraus schwer verletzt. Wir haben nichts vom Wesen der psychischen Traumatisierung verstanden, wenn wir annehmen, nach der erfolgreichen Behandlung der Stichwunde sei ein solches Erlebnis erledigt. Es drückt aus, wie wenig verläßlich Macht, Anerkennung, politischer Erfolg sind; Lafontaine wurde an einem Ort und in einer sozialen Situation getroffen, die ihm bisher nicht nur vertraut waren, sondern die er auch zu beherrschen glaubte.

Damals hat er in übermenschlicher Anstrengung die seelische Verletzung verdrängt, so gut und rasch es eben gehen wollte. Er tat es wohl, um seine Freunde nicht zu enttäuschen. Jetzt hat sich gezeigt, daß diese Situation tiefere Spuren hinterlassen hat. Lafontaines Rückzug hätten 1990 alle verstanden - heute begreift ihn keiner, es sei denn, er hat schon oft beobachtet, wie Menschen schwere Erfahrungen für Jahre hin ausgleichen können, ohne jemals wieder so belastbar zu werden wie früher.

Es ist zu vermuten, daß der Schwung, den Lafontaine nach seiner Wahlniederlage in die Partei brachte, mit einer kompensatorischen Anstrengung zusammenhängt. Was er schließlich nicht ertragen konnte, war der Sieg. Ich glaube nicht, daß Neid auf Schröder hier eine zentrale Rolle spielte; es war eher die Tatsache, daß Lafontaine den Schutz einer solidarischen Kampfgemeinschaft verlor. Den Intrigen des Alltags der Politik war er nicht mehr gewachsen.

Der subjektiv vom Attentat aus dem Rennen geworfene Kanzlerkandidat von 1990 hatte taktisch richtig und ohne Rücksicht auf die eigenen Emotionen einem anderen Kanzlerkandidaten Platz gemacht. Seit dem Wahlsieg war Lafontaine nicht mehr Teil einer Bewegung, sondern Gekreuzigter eines Machtsystems, das seine Visionen geringschätzte und seine praktischen Bemühungen entwertete.

Die Metapher vom fehlenden Teamgeist und dem schlechten Zusammenspiel in der Regierungsmannschaft drückt aus, wie schutzlos er sich gefühlt hat. Der entspannt lächelnde Lafontaine, der mit seinem Söhnchen auf den Schultern wie ein geläuterter Christophorus der Presse entgegentritt, spielt eine Rolle und drückt darin doch auch eine Lösung seiner Situation aus.

Wenn die Partei seinen Schutz nicht würdigt und der Kanzler seine Visionen nicht braucht, dann kann Lafontaine - selbst vaterlos aufgewachsen - in seinem Sohn und in seiner Familie, Schutz gebend und Schutz erhaltend, eine neue Form der Bewältigung seiner Verletzungen finden.

* Am vorigen Donnerstag in Berlin nach Erhalt seiner Entlassungsurkunde.

DER SPIEGEL 12/1999
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