22.03.1999

Perle aus Pullach

Spitzenspionin und Romeo-Opfer Gabriele Gast rechnet mit den Männern im Geheimdienst ab.
In dem kleinen Reihenhaus am Münchner Stadtrand wirken die Dinge geordnet. Schrankwand aus deutscher Eiche, passend dazu Eckbank und Flügel: Hier lebt die ehemalige Spitzenspionin der DDR im Bundesnachrichtendienst (BND), Gabriele Gast, 56, seit ihrer Haftentlassung vor fünf Jahren.
Gast, Typ brave Bürgerin, Paspelbluse, Glockenrock und Goldrandbrille, verströmt die wohlmeinende Strenge von Oberstudienrätinnen, deren Privatleben auf immer ein Mysterium bleibt.
21 Jahre lang hatte die Quelle "Gisela" der Stasi Spitzenmaterial geliefert, 17 Jahre davon aus dem BND. So erfuhr Markus Wolf, Chef der DDR-Auslandsspionage HVA, in seinem Arbeitszimmer in Berlin-Lichtenberg, was Helmut Kohl im Bonner Kanzleramt als "Verschlußsache" zu lesen bekam.
Mit der gleichen Emsigkeit und Akribie, mit der die "Perle aus Pullach" (Agentenjargon) Dokumente plünderte, machte sich Gabriele Gast, wieder in Freiheit, an die Aufräumarbeiten in ihrem eigenen Leben - das Resultat wird in dieser Woche auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt*.
Der Titel "Kundschafterin des Friedens" - so nannte Wolf seine Agenten - zeugt von Distanzlosigkeit: Noch heute hält Gast ihre Spionagetätigkeit für "strafbar, aber nicht kriminell". Der Lernprozeß war ein anderer: Minutiös hat die frühere Regierungsdirektorin jenen Kokon durchleuchtet, in den sie, die Spionin aus Liebe, eingewoben wurde. Am Ende erscheinen die vermeintlichen Freunde von der HVA klein und feige. Geringschätzig beschreibt Gast auch Arbeitsweise, Umgangston und Vorgesetzte im Männerladen BND.
Im Sommer 1968 geriet die damalige Doktorandin auf einer Recherchereise für ihre Dissertation "Die politische Rolle der Frau in der DDR" an den Plauener Stasi-Offizier im besonderen Einsatz, Karl-Heinz Schneider, heute 64. Der kräftige Blonde mit dem kantigen Gesicht, gelernter Kfz-Mechaniker, näherte sich
* Gabriele Gast: "Kundschafterin des Friedens". Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main; 352 Seiten; 39,80 Mark.
ihr im Interesse der "Firma", nicht aus Liebe - ein Stasi-Romeo, der gelernt hatte, einer Frau kalkuliert "das Gefühl" zu geben, "als gleichberechtigter Partner anerkannt, geschätzt und auch geliebt zu werden" (Stasi-Schulungsmaterial).
Die emanzipationsbewegte Jungintellektuelle, Mitglied der CDU und im Ring Christlich-Demokratischer Studenten, war damals besonders empfänglich für diesen Mann: Kurz zuvor hatte ihre langjährige Jugendliebe die Heiratspläne storniert, weil Gast ihre Promotion nicht für eine Familie aufgeben wollte.
Als "Karlicek", wie sie Schneider zärtlich nennt, sich als Stasi-Mann offenbart, bleibt ihr, ihn nie wiederzusehen oder "ein bißchen mitzumachen". Fortan inszeniert das Ministerium für Staatssicherheit das Glück der beiden in verträumten Gästehäusern. Es gibt lustige Dinnerpartys, ausgelassene Trinkgelage und tiefgreifende politische Gespräche. Zwischen der kleinen Gruppe von MfS-Mitarbeitern und "Gaby" entstehen enge Bindungen, auch wenn die für die Stasi-Leute am Ende immer dienstliche bleiben.
Aus der Liebesbeziehung zu Karlicek wird nach sechs Jahren ein kameradschaftliches Verhältnis, da ist Gast längst umgedreht. Die inzwischen glühende Kommunistin - die sie noch heute ist - tritt 1986 sogar in die SED ein.
Verraten wurde die Agentin "Gisela" im September 1990 von einem frustrierten Stasi-Oberst, der sich sein Wissen vom ehemaligen Gegner versilbern ließ - was der bestreitet. 15 Monate später wird Gabriele Gast vom Bayerischen Obersten Landesgericht wegen geheimdienstlicher Tätigkeit zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt, dreieinhalb Jahre sitzt sie davon ab.
Heute arbeitet die promovierte Politologin als Allround-Managerin in einem Architekturbüro. Kaum einem der verurteilten DDR-Agenten gelang es nach der Haftentlassung, sich so rasch eine solide Existenz aufzubauen - und keiner hat sich so intensiv mit Wolfs Rolle im Geheimdienstmilieu beschäftigt.
Der förderte nicht nur die Anwerbung über das vorgetäuschte Liebesverhältnis. Als Gast in Einzelhaft saß und um seine Unterstützung bat, galt ihm, um sich selbst zu schützen, auch die stets glühend beschworene "Solidarität" nicht viel.
In Briefen aus der Haft und später in langen Gesprächen in Wolfs Haus in Prenden bei Berlin stellte ihn Gast schließlich zur Rede. Sie wollte wissen, ob sie nur "ein Schräubchen im Getriebe" gewesen sei, "nur ein sachliches Mittel zum Zweck" - und ob überhaupt alles nur "wertlose Erinnerungen" seien. Sie erhielt keine befriedigenden Antworten.
Heute hat sie mit ihm gebrochen. Der einst als "Majestix" Verehrte, der sie bei Geheimtreffen mit selbstgekochten russischen Pelmenis, gemeinsamen Kutschfahrten und Badeausflügen bezirzte, ist für sie ein wendiger Karrierist. Gast kratzt an seiner Legende, daß er 1986 aus einer frühen Opposition zur SED als HVA-Chef ausgeschieden sei. Gast beschreibt als Ergebnis ihrer Recherchen, wie Wolf zum "Sicherheitsrisiko" geworden sei, als er seine zweite Frau Christa verließ - und die daraufhin von einem BND-Romeo kontaktiert wurde. Dies, so Gast, habe Wolfs "schmähliche Entlassung" bewirkt.
Auch Romeo Karlicek wird nicht geschont. Erst durch die Ermittlungsakten erfuhr Gast, daß sie 20 Jahre seinen Geburtstag an einem fingierten Datum gefeiert hatte, daß selbst die Verlobung inszeniert war. Er hat seither "keinen Brief, keine Ansichtskarte" geschickt, weder zu Weihnachten noch zum Geburtstag. "Bekanntlich ist ein solches Verhalten von Männern, das Abtauchen vor persönlicher Verantwortung, nichts Ungewöhnliches", resümiert Gast, und: "Ein Geheimdienstler ist, wenn es zum Schwur kommt, zuallererst ein Mann."
Selbst als sie Karlicek aus dem Gefängnis heraus bittet, sich um das zehn Jahre lang von ihr betreute behinderte Pflegekind, damals 15, zu kümmern, erhält sie keine Antwort. Der Junge kommt in ein Heim, die Beziehung zwischen den beiden ist seither zerstört.
Am Ende verschafft sie sich auch bei Karlicek Gewißheit, wie die Dinge damals wirklich waren. Nach der Haftentlassung fährt Gabriele Gast nach Plauen, um von ihm selbst zu hören, daß alles nur Täuschung und Lüge war. Doch davon steht nichts im Buch, das erzählt sie nur.
Zuletzt knöpft sie sich Karl-Christoph Großmann, 69, ihren Verräter vor. Viele Male steht sie in Berlin vor seiner Plattenbauwohnung - bis sie es eines Tages wagt, ihn mit seiner Aussage beim BND zu konfrontieren. Der frühere Vizechef der Abteilung IX, Gegenspionage, weicht aus, ist beschämt, würde ihr gern Geld anbieten, um sich von seiner Schuld freizukaufen. Sie blafft ihn an: "Glauben Sie etwa, ich würde von Ihrem dreckigen Geld auch nur einen Pfennig nehmen?"
Als sie das Haus verläßt, ist ihr wohler. SUSANNE KOELBL
* Gabriele Gast: "Kundschafterin des Friedens". Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main; 352 Seiten; 39,80 Mark.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 12/1999
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