22.03.1999

ROHSTOFFESchmerzlich getroffen

Die Opec-Länder wollen die Produktion drosseln und so den Preisverfall von Rohöl stoppen. Sind die Zeiten billiger Energie vorbei?
Noch mal machen die Ölminister diesen Fehler nicht. Als sie sich vor vier Monaten auf der Opec-Konferenz trafen, ließen sie trotz des gewaltigen Überangebots am Markt leichtfertig die Chance verstreichen, eine Drosselung der Ölförderung auszuhandeln. Prompt stürzten die Preise auf ein 13-Jahres-Tief, zeitweise kostete ein Barrel (159 Liter) weniger als zehn Dollar.
An diesem Dienstag tagt die Opec-Runde erneut, diesmal wollen die Ölbarone nichts dem Zufall überlassen.
Seit Wochen schon sind sie weltweit unterwegs, um auszuloten, wie sie weiter vorgehen. Es ist die Not, die sie eint: Staaten, die in grenzenlosem Reichtum schwelgten, sind plötzlich tief verschuldet. "Der Verfall des Ölpreises hat uns alle schmerzlich getroffen", klagt der saudiarabische Thronfolger Prinz Abdullah, "wir sind alle Zeugen eines beispiellosen Erdbebens."
Nur gemeinsam, das wissen die Potentaten, können sie diese Schockwelle meistern. Saudi-Arabien, weltgrößter Erdölproduzent, will seine Förderung um fast 600 000 auf unter acht Millionen Barrel täglich drücken - sowenig wie seit dem Golfkrieg 1990 nicht mehr - und setzt damit ein klares Signal. Inzwischen haben sich mit Mexiko und Norwegen sogar Nicht-Opec-Länder dem Vorstoß angeschlossen. Insgesamt, so wollen die Ölminister in Wien beschließen, sollen von April an täglich zwei Millionen Barrel weniger gefördert werden. "Wir sind uns einig, daß wir alles tun werden, um den Verfall des Ölpreises zu stoppen", sagt der iranische Außenminister Kamal Charrasi, "und dazu müssen wir alle Opfer bringen."
Auf solche Nachrichten haben die Märkte lange gewartet. Der Preis für Rohöl zog in den vergangenen Wochen merklich an, ein Barrel der Sorte Brent kostet mittlerweile wieder etwa 14 Dollar. Lange nicht mehr wurde eine Opec-Sitzung mit solcher Spannung erwartet: Kann das Wiener Treffen die Wende einleiten? Sind die Zeiten billiger Energie vorbei?
Seit 1983 hat Rohöl rund zwei Drittel an Wert verloren, seit 1997 ist sein Preis regelrecht abgestürzt. Das milde Weltklima, die seit der Asienkrise stagnierende Nachfrage, vor allem aber das globale Überangebot machen den Förderländern schwer zu schaffen: Die Welt schwimmt förmlich in Öl. Falls es der Opec gelänge, diesen Trend umzukehren, hätte das gewaltige Konsequenzen für die Abnehmerländer.
Nach wie vor ist Rohöl der Schmierstoff, der die Wirtschaft in Bewegung hält. Sein Preis beeinflußt maßgeblich, wie sich die Konjunktur entwickelt. In Deutschland läge die Inflationsrate um 0,4 Prozentpunkte höher, wäre Öl nicht so billig geworden. Insgesamt mußte Deutschland für Ölimporte 1998 rund sechs Milliarden Mark weniger aufbringen als im Vorjahr.
Verbraucher und energieintensive Branchen spüren die Folgen unmittelbar. Wer Ende 1998 3000 Liter Heizöl orderte, zahlte im Schnitt 1160 Mark, ein Jahr zuvor waren es noch rund 400 Mark mehr. Die Lufthansa sparte 1998 etwa 250 Millionen bis 300 Millionen Mark, weil sich der Preis für Kerosin fast halbiert hat.
Die Effekte billigen Öls reichen noch weiter: Die Einführung der Ökosteuer stieße gewiß auf größeren Widerstand, wären die Energiepreise nicht so niedrig. Im April startet die erste Stufe der Steuerreform und fällt damit genau in den Beginn der Opec-Initiative.
Nun hängt alles davon ab, ob die Förderländer tatsächlich Ernst machen. Wenn die gemeinsame Drosselung klappt, könnten die Preise bis auf 20 Dollar klettern, vermutet der Bostoner Ölexperte Phillip Verlegger. Allerdings wäre der Erfolg wohl nur von kurzer Dauer: Dann würde es sich wieder lohnen, die Pumpen auch in teureren Förderregionen wie der Nordsee und dem Kaspischen Meer auf Touren zu bringen. Die Folge: Das Angebot steigt wieder, die Preise fallen - ein Teufelskreis.
Zudem sind die Erfahrungen mit solchen Förderbeschränkungen wenig vielversprechend. Immer wieder sind Staaten wie Iran oder Venezuela ausgeschert; sie konnten der Versuchung nicht widerstehen, um des schnellen Dollar willen die Produktion erneut hochzufahren.
Schon hat der Irak angekündigt, seine Förderung nicht zu reduzieren; immerhin habe Saudi-Arabien davon profitiert, daß der Irak aufgrund der Wirtschaftssanktionen für Jahre als Ölförderer praktisch ausfiel.
"Bei den Schwierigkeiten der Ölproduzenten ist keine einheitliche Linie zu erwarten", sagt Wolfgang Wilke, Rohstoffexperte der Dresdner Bank, skeptisch. Er hält es sogar für denkbar, daß der Ölpreis auf sieben bis fünf Dollar abgleitet und die Opec womöglich auseinanderbricht.
Am Ende könnte Saudi-Arabien als Initiator der neuen Offensive sogar schlechter dastehen als heute: "Drosselt das Land die Förderung, während andere weiterproduzieren wie bisher, fallen die Öleinnahmen noch geringer aus", fürchtet Scheich Ahmed Saki el-Jamani, bis 1986 Erdölminister von Saudi-Arabien: "Das ist ein verdammt großes Risiko."
ADEL S. ELIAS, ALEXANDER JUNG
Von Adel S. Elias und Alexander Jung

DER SPIEGEL 12/1999
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