22.03.1999

GESTORBEN

Boleslaw Barlog

92. Der Patriarch des Berliner Nachkriegstheaters war für zahlreiche Schauspieler, Autoren und Regisseure Entdecker und Ziehvater, bewundert vor allem für seine leidenschaftliche Identifikation mit den Bühnen der Stadt: "Auf den Knien meines Herzens flehe ich alle musisch Gesinnten unter Ihnen an, verhindern Sie den geplanten Mord", schrieb der einstige Generalintendant an die Berliner Abgeordneten, als sie 1993 beschlossen, das Schiller Theater zu schließen. Barlog, 1906 in Breslau geboren, wurde 1937 Regieassistent bei der Ufa, drehte kurze Zeit danach erste Filme, eröffnete 1945 das Schloßpark-Theater und übernahm fünf Jahre später die Intendanz der Staatlichen Schauspielbühnen. Barlog hat immer betont, er sei kein Theoretiker, seine Leidenschaft für die Bühne sei eher eine Sache naiver Begeisterung. Dennoch förderte er nie nur bequeme Erfolgsstücke, er bemühte sich vielmehr, immer wieder neue Talente aufzuspüren. Der Theater-Prinzipal gilt als Entdecker von Samuel Beckett ("Warten auf Godot"), Edward Albee ("Wer hat Angst vor Virginia Woolf") und John Osborne ("Blick zurück im Zorn") für deutsche Bühnen. Er förderte Regiegrößen wie Fritz Kortner und Erwin Piscator und feierte mit Charakterdarstellern wie Bernhard Minetti und Martin Held Triumphe. 27 Jahre lang prägte Barlog das Berliner Theaterleben maßgeblich, für über hundert Inszenierungen war er verantwortlich. Auch nachdem er 1972 als dienstlängster Generalintendant zurücktrat, blieb er einflußreich und berüchtigt für seine Impulsivität: Einmal drohte Barlog öffentlich mit dem Vorhaben, einem Senator eine Holzlatte mit rostigen Nägeln über den Kopf zu hauen, später hielt er auf ebenjenen Mann als guter Freund die Totenrede. In den neunziger Jahren äußerte sich der Theatermann frustriert angesichts knapper Kulturetats und sparwütiger Politiker: "Das Theater geht vor die Hunde." Boleslaw Barlog starb vergangenen Mittwoch in Berlin.


DER SPIEGEL 12/1999
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