15.07.2013

ARBEITSMARKTLuftballons statt Noten

Bei der Besetzung von Lehrstellen legen Unternehmen immer weniger Wert aufs Zeugnis; die kleinen aus Not, die großen wollen kein Talent übersehen.
Der Morgen ist Stress pur. In der Bäckerei am Freiburger Hauptbahnhof stehen die Pendler in einer langen Schlange vor dem Tresen. Unmissverständlich geben sie zu verstehen, dass sie nicht länger als eine Minute auf Kaffee und Brötchen warten wollen - auch nicht um sieben Uhr morgens.
Xenia Mahler lächelt trotzdem. Die 22-Jährige schmiert Brötchen und kocht Kaffee, schiebt sich flink an den Kolleginnen vorbei und sorgt für Nachschub in den Brotkörben.
Eigentlich hatte sie kaum eine Chance auf eine Lehrstelle. "Die Noten waren richtig schlecht", sagt sie. In fast allen Fächern tat sie sich schwer, bereits in der Grundschule musste sie eine Klasse wiederholen. Bei der Bäckereikette K & U bekam sie dennoch eine Chance. Mittlerweile ist sie Bäckereifachverkäuferin.
Das Unternehmen hat rund 4800 Mitarbeiter, seit zehn Jahren werden sie ähnlich ausgewählt wie Xenia Mahler. "Bei uns zählen Motivation, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und Dienstleistungsmentalität", sagt Ausbildungsleiterin Corinna Krefft-Ebner. Schulnoten spielen dagegen eine untergeordnete Rolle, stattdessen müssen alle Bewerber einen "Potentialtest" machen.
Überall in der Republik legen Unternehmen weniger Wert aufs Schulzeugnis, wenn sie Ausbildungsstellen zu besetzen haben. Die einen zweifeln, ob die Note über die Qualität ihrer Bewerber wirklich etwas aussagt. Die anderen können freie Stellen anders kaum noch besetzen. Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag blieben 2012 70 000 Ausbildungsstellen unbesetzt.
Das Problem wird sich verschärfen. Bis 2025 wird die Zahl der unter 30-Jährigen um 2,7 Millionen sinken. Zugleich aber verlassen noch immer rund 50 000 Jugendliche jedes Jahr ohne Abschluss die Schule.
Entsprechend verändern sich die Auswahlkriterien. Wer früher aufgrund seines Zeugnisses als Versager abgestempelt wurde, gilt heute als mögliches Talent. Und es sind nicht nur die Mittelständler, die aus Personalnot die Anforderungen herunterschrauben. Auch die großen Konzerne denken um.
Die Deutsche Bahn AG kann über einen Mangel an Interessenten nicht klagen: Auf gut 4000 Plätze für Schulabgänger kommen rund 50 000 Bewerber pro Jahr. Dennoch hat die Bahn entschieden, Schulnoten ab sofort generell weniger wichtig zu nehmen. Seit Juli werden alle Bewerber ohne Vorauswahl zu einem Online-Test zugelassen. Je nach Berufswunsch - ob Gleisbauer oder Informatiker - bekommen die Jugendlichen spezielle Fragebögen per E-Mail zugeschickt. Vom Ergebnis hängt ab, ob der Kandidat für einen Lehrberuf zum Einstellungsgespräch oder für ein duales Studium zum Assessment-Center eingeladen wird. Erst dabei werden die Testergebnisse mit den Schulnoten abgeglichen.
"Wir wollen nicht die Besten ermitteln, sondern diejenigen, die den jeweiligen Berufsanforderungen am besten entsprechen", sagt Personalvorstand Ulrich Weber. Für einen Lokführer oder Fahrdienstleiter sei Pflichtbewusstsein wichtiger als Mathe-Noten. "Vielleicht fördert der Online-Test unentdeckte Talente zutage, die uns sonst verborgen geblieben wären", sagt Weber.
Die Bahn ist nicht allein. Auch beim Automobilbauer Daimler sollen Noten für den Ausbildungsjahrgang 2014 kein Ausschlusskriterium bei einer Bewerbung mehr sein. Siemens hat sein Testverfahren bereits umgestellt. Alle Bewerber absolvieren daheim einen Online-Test, angepasst an den jeweiligen Traumjob. Wer Feinmechaniker werden möchte, braucht beispielsweise ein gutes Koordinationsvermögen. Im Test fliegen deshalb Luftballons über den Bildschirm, die der potentielle Azubi anklicken muss.
Wissenschaftler raten seit Jahren zu Eignungstests für Bewerber. Erstens seien Noten zwischen Schulen oder Bundesländern oft nicht vergleichbar, zweitens seien sie vielfach nicht objektiv. "Mädchen erhalten bei gleicher Fähigkeit zum Teil bessere Noten - weil Jungs vielleicht aus disziplinarischen Gründen abgewertet wurden", sagt der Psychologe Matthias Ziegler.
Zudem lässt sich etwa an der Deutsch-Note nicht unbedingt ablesen, ob der Kandidat Orthografie beherrscht. In dem Fach geht es eben auch um die Interpretation von Gedichten. "Wenn fehlerfreie Rechtschreibung für den Job Voraussetzung ist, sollte ein eigener Test dazu durchgeführt werden", sagt Annalisa Schnitzler vom Bundesinstitut für Berufsbildung.
Komplett auf die Berücksichtigung von Noten werden die Unternehmen aber nicht verzichten. Schließlich können Zensuren in der Schule sehr wohl eine Aussage darüber treffen, ob der Bewerber etwa über Selbstdisziplin verfügt.
Die Angst vieler Chefs, schlechte Schüler als Azubis könnten die Versagerquote hochtreiben, ist jedoch unbegründet. Die süddeutsche Bäckereikette K & U hat eine andere Erfahrung gemacht, wie Ausbildungsleiterin Krefft-Ebner bestätigt: "Bei uns ist die Abbrecherquote in den zehn Jahren von 22 auf 8 Prozent gesunken."
Von Markus Dettmer, Tobias Schulze und Michael Stürzenhofecker

DER SPIEGEL 29/2013
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