15.07.2013

ELTERNDas letzte Leben

Alt zu werden bedeutet auch: Einsamkeit. Fünf Hamburger suchten einen Ausweg und gründeten eine WG. SPIEGEL-Redakteurin Barbara Hardinghaus entdeckte darin ein Modell für Vater und Mutter.
Erika ist Heinis neue Liebe, vielleicht ist sie seine erste Liebe überhaupt. Er ist 75 und sitzt in der Küche in seiner neuen Wohngemeinschaft, sie liegt in Hamburg an der Königstraße, dritte Etage. Neben ihm am Tisch sitzt Erika. Sie leben zu fünft in der WG, fünf alte Leute. Sie haben den Mut besessen, etwas Neues zu beginnen.
Es ist noch nicht lange her, da wusste Heini nicht mehr, was er mit seinen Tagen anfangen sollte. "Was mache ich nur?", fragte er sich oft. Er lebte allein und machte seinen Haushalt. Oder er ging hinaus auf die Straße, zu den anderen Alten. Da war er einer von denen, die ihren Rollator über den Gehweg schieben. Die im Treppenhaus das Licht zweimal anknipsen müssen, weil sie zu langsam die Stufen hochkommen.
Ich sehe alte Menschen auf der Straße und frage mich oft, wohin sie wohl gehen werden. Ich denke dabei auch an meine Eltern. Meine Mutter ist 68, sie geht noch laufen, sie hat sich voriges Jahr in einem Fitnessstudio für Frauen angemeldet. Sie gehörte nie zu diesen übereifrigen Sportfrauen, aber sie weiß, dass es ihr länger gutgeht, wenn sie etwas tut.
Mein Vater ist anders. Er hat nie Sport gemacht. Es gehört zu seinem Selbstverständnis, nur die Dinge zu tun, die ihm Spaß machen oder die er für unbedingt nötig hält. Meine Eltern sind in dieser Beziehung typisch, die Frau tut etwas, der Mann nicht. Nach langer Verhandlung mit meiner Mutter fährt mein Vater jetzt die eineinhalb Kilometer zum Bäcker mit dem Fahrrad und nicht mehr mit dem Auto.
Mein Vater ist 71, und ich sehe, wie sich seine Bewegungen verändern. Er kommt am Morgen langsamer die Treppen herunter, er atmet lauter, er macht keine langen Spaziergänge mehr, sein rechtes Knie schmerzt. Als ich meinen Eltern das letzte Mal ein Hotel gebucht habe, war es nicht das richtige. Es lag an einem Hang, und mein Vater wollte die Anhöhe nach dem Abendessen im Ort nicht wieder hinauflaufen. Ich hatte das nicht bedacht.
Aber jetzt war erkennbar geworden, dass sich auf das Leben meiner Eltern etwas Beschwerendes gelegt hatte. Sie werden irgendwann zu den anderen Alten gehören. Ich frage mich, wie sie dann leben werden. Was passiert, wenn einer stirbt? Werden meine Eltern einsam? Ich sehe mir Heinis WG an, weil ich herausfinden möchte, ob eine WG auch ein Lebensmodell für meine Eltern sein könnte.
Heini aus der WG heißt eigentlich Heinrich, aber alle nennen ihn Heini. Er wurde in Hamburg geboren, machte nie eine Lehre, er war 45 Jahre lang Schichtarbeiter. Er war zweimal verheiratet, aber die Ehen hielten nicht lange. Danach lebte er allein, so wie zwei Millionen Deutsche über 80 Jahre.
Wahrscheinlich könnte man zwei Millionen Geschichten über einsame Alte erzählen. Diese Geschichte erzählt vom Gegenteil. Sie erzählt von fünf alten Leuten, drei Frauen, zwei Männern zwischen 70 und 84 Jahren, die ihr Zuhause verließen und ins Ungewisse zogen, in eine WG ohne Träger, ohne Aufpasser. Sie kamen nur mit ein paar Kartons und mussten vieles zurücklassen, auch Gewohnheiten.
Sie wollten kein Altersheim, keine langen Flure. Ihnen fehlte das Geld für Residenzen, für eine Pflegekraft zu Hause. Sie leben ein neues Modell, und die Frage ist, ob es zu einem Modell für viele werden kann.
Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn einer meiner Eltern in dieser WG leben würde. Ich sehe meine Mutter in einem der Zimmer, sie hätte ihr Kirschkernkissen mitgebracht und Bücher. Ich sehe sie aber nicht in den übrigen Räumen der Wohnung, nicht im Bad, es hat kein Tageslicht, nicht auf dem Flur, er ist eng. Ich sehe sie nicht beim Frühstück mit den anderen. Meine Mutter trinkt am Morgen gern ihren Tee in Ruhe. Nicht allein zu sein sollte ihr wichtiger sein, als ihren Launen folgen zu können. Meine Eltern leben in einem großen Haus, das zwar leer ist, aber den Vorteil hat, dass sie einander aus dem Weg gehen können.
Würde mein Vater in der WG leben, würde ihm der Garten fehlen und sein Keyboard, das Akkordeon könnte er mitbringen. Trotzdem ist da nichts zu machen, ich sehe ihn in dieser Wohnung nicht. Er war Architekt, er war immer selbständig. Er war nie in einem Verein, nie in einem Verband, er ist kein Gruppentyp. Auf dem Bild in meinem Kopf sitzt mein Vater als alter Mann auf einem Stuhl unter einem Apfelbaum. Er wäre zufrieden, aber nicht glücklich.
Die aus der WG sind glücklich, würde ich sagen. Heini, Peter, Irene, Hella und Erika machen vor, wie das geht.
Jeder hat sein eigenes Zimmer in der WG, zwischen 14 und 40 Quadratmeter groß. Jeder hat seinen Fernseher und an den Wänden Fotos von den Menschen, die einmal ihr Leben waren. Vor ihren Türen hängen kleine graue Taschen aus Filz mit ihren Namen für die Post.
Sie teilen sich zwei Bäder, es gibt einen Hauswirtschaftsraum, in dem das Telefon an der Wand hängt. Die Küche liegt zum Hof, ist modern, hat einen breiten Balkon, auf den bei schönem Wetter die Sonne den ganzen Tag scheint. Sie hat eine Eckbank und einen großen Esstisch, an dem die fünf das Reden wieder lernten. Sie alle waren allein, wie Heini.
Er habe zuletzt gehaust, sagen die anderen. Er redete kaum noch, weil Fernseher oder Radios Laute von sich geben, aber nicht zuhören. Am Abend trank er sein Bier, ging allein ins Bett, wartete, dass es Morgen wurde, stand auf und wartete, dass es Abend wurde.
Dann kam die Einladung aus der Pflegeeinrichtung zum Kaffeetrinken. Drei Jahre ist das her, dass Heini auf die anderen traf.
Er überlegte damals lange, ob er überhaupt hingehen sollte. Er machte sich auf den Weg, saß am Tisch und sagte kein Wort. Auch die anderen sprachen nicht viel, nur Karin. Sie arbeitete für die Pflegeeinrichtung, Mitte fünfzig, Sozialpädagogin. Sie hatte eine Idee. Sie wollte eine WG für alte Leute gründen.
Sie hatte sich schon im Studium mit "Unterbringungsformen für Senioren" beschäftigt, eigentlich war Demenz ihr großes Thema. Alte in Wohngemeinschaften, das hatte sie gelernt, seien zufriedener und weniger aggressiv. Trotzdem können sich nach den Ergebnissen einer neuen Studie nur zwölf Prozent der alten Menschen vorstellen, in eine WG zu ziehen. Und die, die es doch wagen, sind meist überdurchschnittlich gebildet und haben viel Geld.
Das trifft auf die fünf in der WG nicht zu. Aber wenn sie es können, dann müsste es jeder können, also auch mein Vater.
Karin fragte die alten Leute vor sich dann, ob sie sich einen Umzug in eine Wohngemeinschaft vorstellen könnten. Sie waren damals zu siebt. Emmi und Gerda trauten sich nicht.
Die anderen trafen sich danach öfter. Sie verreisten zusammen. Auf der Halbinsel Priwall an der Ostsee saßen sie am Strand. Heini sprach ein paar Sätze mit Erika. Er wurde mutiger. An Weihnachten verreisten die fünf ein zweites Mal, danach begannen sie, eine Wohnung zu suchen. Die dritte nahmen sie. Vor einem Jahr zogen sie ein. Heini holten sie mit nur drei Plastiktüten ab, darin war alles, was er noch besaß. Seine Kleidung hatten die Motten zerfressen.
Am Morgen in der Küche kocht er Kaffee, er war schon früher in der Firma immer der Erste. Nach ihm kommt meistens Peter, 73 Jahre, schlaksig, mit grauem, zum Seitenscheitel gekämmtem Haar. Nach der Rente baute er Modellschiffe, sie stehen in seinem Zimmer auf dem Regal, eines der Schiffe ist nicht fertig geworden. Peter hatte einen Schlaganfall und ist seitdem halbseitig gelähmt. Neuerdings denkt er darüber nach, ob er das halbe Schiff nicht doch noch zu Ende bauen sollte.
Meine Eltern machen sich natürlich Gedanken über das Alter. Das heißt, meine Mutter macht sich Gedanken, und mein Vater macht mit. Sie haben eine Patientenverfügung vorbereitet und Kontovollmachten, sie denken darüber nach, wie sie leben wollen, wenn einer stirbt.
Der Bruder meiner Mutter lebt nun mit seiner Frau in einem Altenheim. Es gibt keine Blumen, und es ist nicht erlaubt, eigene Bilder aufzustellen. Meine Mutter findet das unerträglich. Sie sagt, solange sie zu zweit seien, blieben sie mit einer Pflegekraft im Haus. Und wenn einer von beiden sterbe, ziehe der andere in ein schönes Heim mit eigener Wohnung in einer Stadt. Mein Onkel hätte für so etwas kein Geld, die fünf aus der WG auch nicht. Komfortabel zu altern ist immer auch eine Frage des Geldes. Glücklich zu altern ist vom Geld unabhängig.
Seit einigen Monaten suche ich in Hamburg eine Wohnung für meine Eltern. Bis jetzt passte immer irgendetwas nicht, ich glaube, das hat auch mit Angst zu tun. Weil es die Wohnung wäre, in der derjenige leben würde, der den anderen überlebt hätte.
Wenn ich die fünf in ihrer WG beobachte, denke ich manchmal, das wäre auch eine gute Lösung für Kinder. Sie entlastet einen. Sie befreit einen von schlimmen Vorstellungen, von Eltern, die irgendwo allein in einer Ecke sitzen, mit struppigem Haar, im Bademantel.
In einer WG könnte mein Vater Peter helfen, das Schiff zu Ende zu bauen. Er hat eine Werkstatt, er mag Kleinkram-Arbeiten. Meine Mutter hätte in einer WG jemanden, mit dem sie über ihre Bücher reden könnte oder über den "Tatort". Außerdem kocht sie gern für viele. Sie ist flexibler als mein Vater.
Die Nächste, die am Morgen in die Küche kommt, ist Irene. Sie ist 84 Jahre alt. Aber dass sie sich an einen gedeckten Tisch setzt, ist neu in ihrem Leben.
Irene ist eine schmale, tatkräftige Frau, kurze Haare, der Typ "Ich bin Hausfrau und hatte immer was zu tun". Sie tat alles für ihre Familie. Sonntags stand Irene mit ihrem Sohn auf dem Fußballplatz. Sie war 54, als ihr Mann starb.
Es dauerte drei Jahre, bis sie wieder unter Leute ging. Ihr Sohn ist heute 58 und lebt in Hessen. Sie hat zwei Enkelkinder und einen Urenkel, den sie noch nie gesehen hat. Am Kleiderschrank kleben kopierte Farbfotos des Jungen. Irene hat ihm vor ein paar Wochen ein Trikot des Fußballvereins FC St. Pauli geschickt. Seitdem wartet sie auf eine Antwort.
Für meinen Vater wäre eine WG schon deshalb schwierig, weil er starrköpfig ist und sich nicht gern anpasst. Er macht, was er will. Ich hätte also auch Angst um die anderen. Er telefoniert laut, er spricht und singt im Schlaf, er macht nachts Musik oder geistert durch das Haus. Neuerdings steht er um halb drei auf, guckt Boxen oder anderen Sport und isst bis halb vier Schokolade. Für meinen Vater wäre eine WG in Ordnung, wenn die anderen auch gern täten, was er gern tut. Wenn die anderen sich an ihn anpassen würden und nicht umgekehrt. Das Problem ist nur, dass es so eine WG nicht geben wird, weil die Grundidee einer WG nun einmal eine andere ist.
Als ich meiner Mutter von dieser Recherche erzählte, fand sie das erst mal interessant. Sie sagte, dass sie sich eine WG vorstellen könne, aber nur mit Menschen, die sie gut und lange kennt, mit ihren Kegelschwestern zum Beispiel. Einige Männer dieser Frauen sind bereits gestorben, sie haben alle ganz gute Renten. Sie müssten nur der Logik folgen, der sie immer in ihrem Leben gefolgt sind, nämlich das zu tun, was für sie am besten ist. Ich frage mich, warum das mit dem Alter offenbar schwieriger wird.
Beim Familienministerium gibt es eine Hotline, bei der Senioren anrufen können, wenn sie Fragen zu den Themen "Pflege" oder "Wohnen" haben. Es kommt aber vor, dass alte Leute nur deshalb anrufen, weil sie reden wollen.
Man sollte die alten Leute einsammeln, in Gruppen einteilen und ihnen Wohnungen geben, findet Irene.
Als Irene noch allein lebte, stellte sie sich manchmal vor, wie es wäre, wenn sie später einmal bettlägerig wäre, die Decke anstarren müsste, und wie still es dann wäre, "mucksmäuschenstill".
"Hier sind immer Geräusche. Wissen Sie? Das ist ein Unterschied", sagt Irene.
Sie hört Heini und Peter in der Küche reden. Sie hört Erika, wenn sie lacht, und sie hat auch Hella schon einmal gehört, als sie auf den Dielenboden fiel.
Hella war die, die später in die Gruppe kam. Hella hatte gern allein gelebt. Es ging nur irgendwann nicht mehr. Sie war 75 und träumte noch immer vom Tanzen. Sie tanzte Discofox, Walzer, am liebsten Tango. Sie trug Blusen und Röcke und hohe Schuhe. Mit jedem Jahrzehnt wurde der Absatz einen Zentimeter niedriger.
An ihrem Bett in der WG stand bis Mitte Juni ein Paar flacher Hausschuhe und ein Korb mit Mineralwasser. Sie las damals "Madame Hemingway", es geht im Buch um Hemingways erste Ehefrau Hadley. Die hat ihren Mann zu sehr geliebt und ihn dann verlassen.
Hella hatte ihren Mann auch verlassen, einen Geschäftsmann, nach 24 Jahren. Sie war in ein Ein-Zimmer-Apartment mit Südbalkon gezogen, arbeitete als Krankenschwester. Sie gehörte aber zu denen, die glücklich waren, so, wie sie lebte. Sie kam dann nur irgendwann nicht mehr die Treppen hoch. Sie stürzte oft, einmal lag sie eine Stunde lang im Bad.
In der Wohngemeinschaft gibt es eine große Dusche und eine Frau, die jeden Tag nach dem Frühstück für drei Stunden putzt und wäscht. Am Abend kommt noch eine Betreuerin, sie schläft in der WG, jeder hat einen Notfallknopf am Bett. 1000 Euro zahlt jeder zur Leistung aus der Pflegeversicherung dazu, 200 Euro Haushaltsgeld, sie teilen sich die Miete nach Zimmergröße, 2200 Euro im Monat insgesamt, und die Fahrtkosten für Karin, die Frau, die die Alten zusammenbrachte.
Sie kommt fast jeden Tag und fährt mit den Alten ins Einkaufszentrum, zur Apotheke oder zum Arzt. Mit Heini muss sie häufig zum Zahnarzt. Eine WG mit Senioren, sagt sie, funktioniert nur mit Menschen, die Zutrauen haben zu sich selbst. Nicht jeder, der alt ist, kann einfach ausziehen und etwas Neues suchen.
Es ist nicht so, dass meine Eltern besonders ängstliche Leute wären. Sie sind beweglich, sie schlafen bei mir auf dem Ausziehsofa, sie passen eine Woche lang auf die Kinder meiner Geschwister auf, sie fahren lange Strecken im Auto, gehen aus, planen Urlaube, wollen nach Vietnam (meine Mutter will, mein Vater kommt mit), aber diese letzte große Bewegung, die scheint beinahe unmöglich. Die Frage ist: Wie schafft man es, daran zu glauben, dass die letzten Jahre glücklich machen?
Erika ist meist die Letzte, die am Morgen zum Frühstück in die Küche kommt. Sie schläft gern lange, ihre Beine wollen nicht mehr so richtig, auch der Kopf macht manchmal nicht mehr mit. Sie erzählt Geschichten oft doppelt.
Wenn man sie bittet, etwas über sich zu erzählen, sagt sie: "Weiß gar nicht, wie ich anfangen soll." Dann beginnt sie mit ihrem Namen, Erika Nagel.
"Ich war verheiratet, mein Mann war immer auf Montage, da lernte er eine Frau kennen, er bekam ein Kind mit ihr, und da habe ich zu ihm gesagt: Brauchst nicht wiederzukommen. Vielen Dank."
Das ist erst mal alles, was sie erzählen möchte, eine Geschichte, die sie später oft wiederholen wird. Manchmal zitiert sie aus einem Brief, den die andere Frau ihrem Mann geschrieben hatte, sie hat ihn zwischen seinen Sachen gefunden: "Süß Otto, ich Dich lieben."
Erika ist seitdem allein geblieben. Sie strickte Socken, ging zum Chor, besuchte ihre alten Kolleginnen bei Peek & Cloppenburg. Zuletzt saß sie nur noch zu Hause. Dann bekam sie diese Einladung aus der Pflegeeinrichtung zum Kaffeetrinken.
Als Erika gerade in die WG gezogen war, stand sie manchmal nachts am Bett und wusste nicht, wo sie war. Sie suchte den Lichtschalter und fand ihn nicht. Aber sie hat noch einmal Anlauf genommen, mit 83 Jahren. Heute zieht sie sich jeden Tag nach dem Essen mit Heini in dessen Zimmer zurück. Heini liegt dann im Bett, sie auf dem Sofa, sie machen gemeinsam einen Mittagsschlaf.
Diese fünf alten Menschen machen auch mir Mut mit ihrem Mut. Alter und Liebe, ich dachte immer, das passt nicht zusammen. Oder Alter und Glück. Diese fünf zeigen mir, dass sich das nicht ausschließt. Für mich als Kind waren Omas und Opas entweder tot oder einsam. Meinen Opa besuchte ich selten, weil er nur Kräuterbonbons hatte und einen Dackel, mit dem ich nicht spielen durfte. Alle anderen waren gestorben, die Eltern meiner Mutter, die Mutter meines Vaters.
Das Altersheim in unserem Dorf war ein schwarzer Kasten, so habe ich es in Erinnerung. Darin lebten einzelne Menschen in einzelnen Räumen. Es gab darin selten Tageslicht. Das Altersheim erinnerte mich an einen Zoo, wo Tiere in zu kleinen Käfigen leben.
In der WG in Hamburg kehrt ab 14 Uhr Ruhe ein. Hella las immer gern. Irene näht, bis sie zu Peter geht und ihn weckt. Sie trinken dann Tee, essen Kuchen. Hellas Geburtstag feierten sie gemeinsam in einem Lokal. Der Matjes war gut, das Schnitzel zu teuer. Sie waren beim "König der Löwen", der Veranstalter hatte sie eingeladen. Sie fuhren im Taxi durch die Stadt und trugen ihre besten Sachen. Das war ein seltenes Abenteuer.
Normalerweise sitzen sie abends an ihrem Küchentisch und essen Brote. Danach sehen Heini und Erika entweder fern, oder sie bleiben mit den anderen am Tisch sitzen, kniffeln, spielen Karten, "Elfer raus".
Es ist nicht einfach, sie dazu zu bewegen, über sich zu sprechen. So etwas gehörte nicht zu ihrem Leben. Sie haben gearbeitet, Kinder erzogen, sie hatten und haben keine Sehnsüchte nach etwas Außergewöhnlichem. Vielleicht mal ein Lottogewinn, sagt Heini.
Die große Liebe?
"Hab ich nie erlebt", sagt er.
Eine Familie?
"Die hab ich vielleicht jetzt."
Heini ist die Motten los und macht wieder Witze. Peter hat jemanden, der ihm vielleicht bei seinem halben Schiff helfen könnte. Irene wartet nicht mehr jeden Tag auf einen Brief aus Hessen. Erika hat wieder Spaß, und Hella hatte nicht mehr so viel Angst.
Ich habe meine Mutter nie gefragt, ob sie eigentlich Angst hat vor dem Sterben. Meinen Vater habe ich das früher einmal gefragt. Er antwortete, dass er als junger Mensch Angst gehabt habe, aber heute nicht mehr, weil sich immer alles wiederhole. Die Kinder kommen, die Kinder fahren wieder, es sei immer das Gleiche.
Ich glaube, es geht ihm noch zu gut, als dass er Angst hätte. Er lebt in diesem Vakuum, in der Zeit vor der Zeit. Außer nach Vietnam wollen meine Eltern noch an die Orte fahren, an denen sie als junge Menschen waren, als Liebespaar. In die Toskana oder nach Rimini. Sie starten eine Art Abschiedstournee.
Es wird ihnen irgendwann schlechter gehen. Irgendwas wird plötzlich passieren oder sich schleichend verändern. Sie werden sich verabschieden.
Vorher wird einer von beiden allein sein. Sollte das mein Vater sein, hätte er niemanden mehr, der sagt: "Ach, Berni!", wenn er zum 25. Mal einen Witz erzählt. Sollte es meine Mutter sein, hätte sie niemanden mehr, der ihr zum 25. Mal einen Witz erzählt. Ich glaube, dass Einsamkeit eine Krankheit ist, die zum Tod führen kann wie ein Organdefekt.
"Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben", sagte Hella an einem der ersten Frühlingstage. Sie saß gerade am Tisch, wie eine Ballerina. Sie trug einen neuen, rosafarbenen Rollkragenpullover. Seit sie krank geworden war, passten ihre Kleider nicht mehr, sie waren ihr zu groß geworden. Sie hatte Krebs, sie ging schon nicht mehr zum Arzt. Sie nahm Morphium. Sie wollte noch ein bisschen dabei sein. Die fünf warteten auf eine neue Dusche, komplett ebenerdig. Nun warten sie auf ein Trimm-dich-Rad.
Sie hatten ein Ritual eingeführt für den Moment, bevor sie das Licht löschen. Peter ging in Irenes Zimmer, er verabschiedete sich für den Tag. Irene ging zu Hella, sie redeten noch ein paar Worte. Heini brachte Erika bis an ihr Zimmer, blieb an seinem Rollator stehen, gab ihr einen Kuss und sagte gute Nacht.
So war es auch vor kurzem wieder, an einem Mittwoch im Juni. Irene ging zu Hella ans Bett, sie redeten. Es war das letzte Mal. Hella schlief ein und wachte nicht mehr auf.
Ich habe meinen Vater jetzt doch einmal gefragt, ob er sich eine WG vorstellen könne. Er sagte, er werde zu Hause bleiben, solange er noch die Kirschen vom Baum pflücken könne. Und danach?
Werde er sehen.
Und eine WG?
"Nein", hat er spontan gesagt und sich dann korrigiert: "Schreibe: eher nein."
Er redete am Telefon noch eine ganze Weile weiter. Er versuchte, sich in ein solches Leben hineinzudenken. So eine WG müsste aber mitten in der Stadt liegen, sagte er. Und die anderen Bewohner müssten auch Musiker sein oder Sänger. Er redete und redete, bis sein "eher nein" ein "fast ja" war.

DER SPIEGEL 29/2013
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