15.07.2013

Nackt

HOMESTORY Wer in New York eine Wohnung mieten will, hat keine Angst mehr vor der NSA.
Ich ziehe in ein paar Tagen nach New York, und natürlich höre ich von meinen deutschen Freunden in diesem Zusammenhang viel über die furchtbaren Spitzel von der NSA. Da willst du hin? In diesen Überwachungsstaat? Ich bin gelassen. Ich habe schon einmal sieben Jahre lang in New York gelebt, sechs davon war George W. Bush Präsident. Es war trotzdem nicht schlecht. Vor allem aber habe ich in Amerika keine Geheimnisse mehr. Sie wissen alles über mich.
Das kam so.
Vor drei Wochen war ich in New York, um eine Wohnung zu suchen. Sie sollte möbliert sein, weil ich nur für ein Jahr bleibe. Das ist nicht einfach. Es gibt unfassbar viele Troddellampen in der Stadt, die niemals schläft, und auch sehr große Sofas, obwohl eigentlich nur wenig Platz ist in den New Yorker Apartments. Und dann gibt es Vermieter, die einem versprechen, dass sie bestimmte Sachen wegräumen werden, bevor man einzieht, aber man sieht in ihren Augen, dass alles beim Alten bleiben wird. Ich lief also ein paar Tage lang durch verrumpelte, aber sehr teure Wohnungen, bis ich schließlich einen Platz fand, von dem ich mir vorstellen konnte, mit meiner Familie ein Jahr lang dort zu leben. Die Wohnung hat drei Zimmer und befindet sich im siebten Stock einer ehemaligen Seifenfabrik, die am Brooklyn-Ufer des East River steht. Um ehrlich zu sein, befindet sich zwischen dem Ufer und dem Haus noch eine Art Umspannwerk, aber wenn man aus einer bestimmten Position aus dem Fenster guckt, sieht man das Werk nicht, dafür aber die Manhattan Bridge und den Himmel.
Nach der Besichtigung wollten die beiden Maklerinnen noch einen Kaffee trinken. Sie hießen Victoria und Christina und waren, wie sich herausstellte, Mutter und Tochter. Christina hatte einst Psychologie in Kalifornien studiert, Victoria arbeitete nebenbei als Stand-up-Comedian in New York. Das war nicht unsympathisch. Ich erzählte ein bisschen aus meinem Leben. Irgendwann zog Victoria ein iPad aus ihrer Handtasche und begann Stichworte für eine Kurzbiografie zu tippen. Meine Kurzbiografie. Das sei notwendig, um die Eigentümerversammlung des Wohnblocks davon zu überzeugen, dass anständige Leute bei ihnen einziehen. Keine große Sache, sagte Victoria. Christina nickte.
Klar, sagte ich.
Ein paar Stunden später, als ich im Hotel ankam, hatte ich bereits mehrere Nachrichten auf meiner Mailbox. Sie klangen nicht mehr ganz so entspannt. Es gebe mehrere Interessenten für die Wohnung, sagte Victoria. Deshalb sei es wichtig, bei der Eigentümerversammlung einen sehr guten Eindruck zu hinterlassen. Ich solle Referenzen von New Yorker Bekannten beibringen, die bezeugen könnten, dass ich ein vorbildlicher Mensch sei. Zwei wären gut, besser drei. In einer weiteren Nachricht forderten sie die Stellungnahme meiner vorherigen Vermieter ein. Sie sollten möglichst detailliert darlegen, dass ich in den Jahren 1999 bis 2006 ein zuverlässiger New Yorker Mieter gewesen sei. Ich dachte kurz an das Vermieterehepaar McGuiness, das kurz nach der Jahrtausendwende von unseren Mietzahlungen ein ausschweifendes Leben auf Long Island führte.
In Amerika muss glücklicherweise niemand lange nachdenken, bis ihm etwas Positives zu dir einfällt. In Deutschland erinnert man sich eher an schwierige Phasen in deinem Leben. Meine New Yorker Freunde aber beschrieben mich und meine Familie in Worten, die mir die Tränen in die Augen trieben. Selbst die McGuinesses, meine gierigen irischen Vermieter, lobten uns in höchsten Tönen. Dazu kam die Kurzbiografie der Maklerinnen, in der ich leuchtete wie ein goldener deutscher Prinz. Trotz meiner umfangreichen und interessanten Reisetätigkeit für das größte Nachrichten-Magazin Europas fände ich ausreichend Zeit, mich um meine Frau und meine Kinder zu kümmern, stand da.
Das sollte genügen, um eine 70-Quadratmeter-Wohnung am Rande eines Umspannwerkes zu mieten, dachte ich.
Ich flog zurück nach Berlin, wo neue Nachrichten von Victoria und Christina auf der Mailbox warteten. Sie klangen besorgt. Die Eigentümerversammlung benötige finanzielle Bürgschaften und Kautionen von meinem Arbeitgeber, außerdem würden sie mir ein paar Dokumente schicken, die ich sorgsam ausfüllen und in dreifacher Ausfertigung an das Eigentümerboard schicken solle. Per FedEx. Der Papierstapel, der aus meinem Drucker quoll, war so dick wie das Manuskript der "Brüder Karamasow". Sie verlangten eine lückenlose Aufstellung meiner Eigentumsverhältnisse. Aktien, Immobilien, Schulden, Unterhaltszahlungen. Sie wollten wissen, was ich in den vergangenen zehn Jahren bei meinem Arbeitgeber verdiente, sie wollten wissen, was ich bei meinem vorherigen Arbeitgeber verdiente, sie wollten wissen, wie viel Quadratfuß meine Berliner Wohnung habe, welches Auto ich fahre, wie der Kilometerstand sei und welchen Wiederverkaufswert es habe. Außerdem gab es ein paar verzwickte steuerliche Fragen, sie verlangten Auskünfte zu meinem strafrechtlichen Hintergrund, und dann sollte ich beschwören, dass es in der Wohnung, die ich für eine Viertelstunde besichtigt hatte, keine Bettwanzen gebe. Ich konnte mich kaum daran erinnern, dass es Betten gab, aber darauf kam es nicht mehr an. Ich leistete etwa fünfzig Unterschriften, zudem musste jede Seite mit meinen Initialen abgezeichnet werden.
Während ich das tat, riefen unentwegt Christina und Victoria an, immer abwechselnd. Ich hatte inzwischen vergessen, wie sie aussahen und wer von beiden Stand-up-Comedian war. Sie spielten good cop und bad cop mit mir. Ich schlief kaum und verließ meine Wohnung nur, um neue Druckerpatronen zu kaufen. Irgendwann verpackte der FedEx-Bote mein Leben und brachte es in die Neue Welt.
Zwei Tage lang herrschte Ruhe, dann meldeten sich die Maklerinnen des Teufels zurück. Sie konnten die Typenbezeichnung meines Berliner Autos nicht richtig lesen, auf ein paar Seiten fehlten meine Initialen, außerdem brauchte die Eigentümerversammlung dringend die Grundbucheinträge des Wohnhauses in Berlin-Prenzlauer Berg, in dem wir leben. Sie wollten wissen, wann ich bereit sei, vor der Eigentümerversammlung zu erscheinen, um meine Bewerbung zu verteidigen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, mich um Asyl zu bewerben. Das Letzte, was ich vor einer Jury verteidigt hatte, war meine Diplomarbeit. Damals stand die Mauer noch. Es ging um Glossen im sozialistischen Journalismus. Bestimmt wollten sie davon auch bald eine Kopie haben. Die Seifenfabrik sah in meiner Erinnerung inzwischen aus wie der glänzende NSA-Würfel.
Victoria und Christina müssen das gespürt haben. Sie schickten eine aufmunternde Mail. "Wir sind auf der Zielgeraden, Alex", schrieben sie. Mein Auftritt vor der Eigentümerversammlung sei vielleicht nicht nötig, wenn ich die fehlenden Unterlagen schicke. Der FedEx-Bote erschien wieder. Ich vertraute ihm meine letzten Geheimnisse an. Ich war jetzt nackt.
Fast nackt.
Zwei Tage später kamen weitere Dokumente, irgendetwas mit Brandschutz und Waffen. Ich unterschrieb alles wie im Fieberwahn. Am Ende blieb eine Frage. Sie wollten Art und Größe unseres Haustiers wissen. "Katze", "mittelgroß" schrieb ich in das Formular. Ich spürte ein seltsames Bedauern, als ich auf meine letzten Worte schaute. Ich hätte gern mehr über unseren Kater erzählt. Er ist 17 Jahre alt und stammt aus Eberswalde. Er hat wie wir sieben Jahre in New York verbracht. Er kennt die Stadt. Er hat dort den 11. September 2001 erlebt. Er ist ein deutsch-amerikanischer Kater. Er heißt Willy und weiß, dass man seinen Namen in Amerika mit weichem W ausspricht. Er hatte einen Freund im Hinterhof, einen rothaarigen Kater namens Pepper, der unserem Nachbarn Mike gehörte, der an Feiertagen eine riesige amerikanische Flagge hisste. Willy ist ein vorbildlicher Gast. Am Ende hatte ich das Bedürfnis, das alles mit den zwölf Geschworenen der Seifenfabrik zu teilen. Sie hatten mich so weit. Und womöglich ging es genau darum.
Eine Woche später schrieben Christina und Victoria: "Herzlichen Glückwunsch, Alex. Ihr habt die Wohnung. Wann überweist ihr die Miete?" Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich wieder an die Miete dachte. Neben meinen vorbildlichen Eigenschaften bringe ich nämlich auch jede Menge Geld in die Seifenfabrik ein. Die Miethöhe verrate ich lieber nicht.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 29/2013
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