22.07.2013

„Nützliche Idioten“

Internetkritiker Evgeny Morozov über die Folgen der Snowden-Affäre und die zunehmende Überwachung im Zeitalter von Smartphones und Apps.
Morozov, 29, wurde in Weißrussland geboren. Als Netzaktivist machte er sich in ehemaligen Sowjetrepubliken für soziale Medien stark und wollte mit Hilfe von YouTube oder Facebook die Demokratie und Transparenz fördern. Heute lebt der Autor in den USA und warnt vor einer umfassenden Kontrolle des digitalen Lebens. Sein neuestes Buch "To Save Everything, Click Here" erscheint im Oktober auch auf Deutsch.
SPIEGEL: Sind die Enthüllungen von Edward Snowden ein Weckruf für die Welt?
Morozov: Ich will seine Leistung nicht schmälern. Aber ausgerechnet China und Moskau als Fluchtorte zu wählen - das kommt bei der amerikanischen Öffentlichkeit eher nicht so gut an. Mein Gott, Snowden wusste doch, mit wem er sich anlegt. Er hat ja für diese verrückten Leute gearbeitet. So hat er es den USA leichtgemacht, ihn als Landesverräter zu behandeln. Ich glaube deshalb nicht, dass die NSA-Affäre die Gesellschaft in einem Maß wachrütteln wird, wie es möglich gewesen wäre. Das Tragische an Snowdens Enthüllungen ist, dass sich die meisten Nutzer nicht darum scheren.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Morozov: Viele haben sich längst damit abgefunden, dass sie zu Werbezwecken überwacht werden. Was denken Sie denn, warum neben Ihren Suchergebnissen bei Google stets Anzeigen auftauchen, die haargenau zu Ihnen passen? Außerdem scheint durch die Überwachungsprogramme der NSA für den Einzelnen zunächst mal kein Schaden zu entstehen. Es ist ein opferloses Verbrechen.
SPIEGEL: Hat Sie das Ausmaß der Überwachung überrascht?
Morozov: Jeder, der sich mit US-Außenpolitik auskennt, weiß, dass die Amerikaner ihre politischen Ideale in der Welt nicht mit Hilfe von Poesie durchgesetzt haben. Das wäre ja womöglich noch in Ordnung, wenn die Obama-Regierung nicht so penetrant ihre "Internet Freedom Agenda" vermarktet hätte. Das State Department hat weltweit gegen Internetzensur und Überwachung gekämpft. Dieser Kampf wirkt jetzt nur noch scheinheilig.
SPIEGEL: Noch im Mai haben die USA angekündigt, gegen Internetsperren in Iran vorzugehen, um dort die Meinungsfreiheit zu garantieren.
Morozov: Diese Agenda ist tot. Und über eine Rede, wie sie die damalige Außenministerin Hillary Clinton noch im Januar 2010 über die Bedeutung der Freiheit im Netz gehalten hat, würde heute die ganze Welt lachen.
SPIEGEL: Wie konnte es dazu kommen? Das Internet galt ursprünglich doch als Hort der Freiheit, in den Regierungen nicht eindringen.
Morozov: In der Mitte der neunziger Jahre stand das Netz an einem Scheideweg: Es hätte auch kommerzfrei von Tüftlern, von Geeks dominiert werden können, die freie Server betreiben, auf denen jeder Nutzer seine E-Mails speichern kann - ohne staatliche Überwachung. Doch dann gewannen große amerikanische Internetkonzerne an Bedeutung. Für viele Leute im Silicon Valley ist das Netz kein Medium mehr, sondern eine Religion. Sie glauben ernsthaft, dass sie die Welt mit ihren einfach zu bedienenden Apps befreien können. Sie sind die nützlichen Idioten der staatlichen Datenüberwacher geworden.
SPIEGEL: Was ist so schlimm daran, wenn die Menschen mehr miteinander kommunizieren? Wenn Apps den Konsum erleichtern und sich Leute auf Facebook zu politischen Kampagnen verabreden?
Morozov: Per se ist das nicht schlimm. Tatsächlich lassen sich Demonstrationen einfacher über das Netz organisieren. Man sollte aber bedenken, dass sich nicht nur die NSA wahnsinnig für diese Kommunikation interessiert. Woanders werden diese Technologien auch für Propaganda, Zensur und Repression benutzt, etwa in Iran oder China. Und die Regierungen sind den Bürgern in der Technik meistens einen Schritt voraus.
SPIEGEL: Sie bezeichnen viele Netzaktivisten als Utopisten, die die Gefahren des Internets unterschätzen. Es gab aber eine Zeit, in der auch Sie viel optimistischer waren.
Morozov: Ja - als ich als Aktivist einer Nichtregierungsorganisation durch die Staaten der früheren Sowjetunion reiste. Ich glaubte, dass soziale Netzwerke, Blogs und Wikis dabei helfen können, die Demokratie und Menschenrechte zu fördern.
SPIEGEL: Wie kam es zum Sinneswandel? Morozov: Es gab nicht den einen Tag, an dem ich in den Spiegel sah und dachte, dass mein Leben in die falsche Richtung läuft. Aber ich erinnere mich an Konferenzen, an Treffen mit anderen Aktivisten - immer wieder haben wir unsere Absichten auf Powerpoint-Folien über YouTube und Twitter verbreitet. Irgendwann erkannte ich: Während wir diskutieren, besorgen sich autoritäre Regierungen die neueste Überwachungstechnik, um Aktivisten in den sozialen Netzwerken auszuspähen.
SPIEGEL: Die Digitalisierung schreitet weiter voran. Was befürchten Sie?
Morozov: Bald werden wir nicht nur Smartphones haben, die mit dem Internet verbunden sind, sondern auch intelligente Autos, intelligente Kühlschränke, intelligente Schuhe, sogar intelligente Mülltonnen, die unermüdlich Daten über uns sammeln. Intelligente Zahnbürsten werden rausfinden, was wir in den vergangenen Wochen gegessen haben, und dann ein gesünderes Ernährungsprogramm für uns entwickeln.
SPIEGEL: Na und?
Morozov: Das klingt alles ganz prima. Aber sehen Sie sich das Beispiel Fettsucht an. Eine Krankheit, die in der amerikanischen Gesellschaft weitverbreitet ist. Die Firmen im Silicon Valley haben tolle Apps entwickelt, die dabei helfen, die Pfunde abzutrainieren. Solche Anwendungen beruhen auf Sensoren an Ihrem Smartphone, die zum Beispiel aufzeichnen, wie viele Kilometer Sie gejoggt sind. Und wenn Sie mal einen Tag aussetzen, erinnert Sie Ihre App daran, dass Sie nicht genug getan haben. Und was ist mit Ihrem dicken Nachbarn, der die App nicht nutzt? Ist der nicht automatisch verdächtig? Kriegt er die gleiche Versicherungspolice wie Sie? Wird er bei der Jobsuche genauso behandelt?
SPIEGEL: Wie sollen Dritte an diese individuellen Informationen kommen?
Morozov: Heute regt man sich noch auf, dass die NSA Daten umständlich und heimlich über Glasfasernetze absaugt. In fünf Jahren werden Unternehmen und Geheimdienste Daten auf dem freien Markt erwerben können - sie kaufen sie einfach bei den Herstellern smarter Technologien. Denn die Menschen stellen ihre Daten freiwillig zur Verfügung, wie bei Apps, die eigentlich die Fettsucht bekämpfen sollen. Mein Problem damit ist, dass sich die Politiker nicht mehr zuständig fühlen. Ab jetzt übernehmen ja die Smartphones ihre Arbeit.
SPIEGEL: Die pure Existenz von Smartphones und Apps bedeutet doch nicht automatisch einen Rückzug der Politik.
Morozov: In dem Moment, in dem alles Wissen über uns in Datenbanken fließt, können wir vielleicht effizienter werden. Aber um eine tragfähige Gesellschaft zu bauen, brauchen wir politische Prozesse und müssen wir uns historischer Entwicklungen bewusst werden. Es ist ja nicht so, dass uns Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Fairness vor 200 Jahren mit Hilfe von Apps eingebläut wurden. Es mag ein altmodischer Ansatz sein, aber ich finde, um die Verhältnisse zu ändern, brauchen wir Menschen, die sich auf gemeinsame Werte verständigen - und nicht auf Algorithmen.
SPIEGEL: Schon heute nutzen manche Polizeibehörden in den USA eine Software namens PredPol, die angeblich vorhersagen kann, wo es zu Straftaten kommen könnte. Ist es kein Fortschritt, wenn auf diese Weise Verbrechen verhindert werden könnten?
Morozov: Ich denke, dass wir als Gesellschaft etwas verlieren werden. Denn solche Technologien haben die Tendenz, sehr rigide zu sein. Denken Sie zum Beispiel an den berühmten Fall der Rosa Parks ...
SPIEGEL: ... eine schwarze Bürgerrechtlerin in den USA, die sich in den fünfziger Jahren weigerte, im Bus für einen Weißen aufzustehen.
Morozov: Stellen Sie sich vor, es hätte damals Kameras mit Gesichtserkennung an der Bustür gegeben. Rosa Parks wäre vielleicht gar nicht erst in den Bus gekommen. Wir brauchen demokratische Instanzen, die sich mit der Technik befassen und in Zukunft darauf achten, dass Algorithmen nicht zur Diskriminierung der Bürger benutzt werden.
SPIEGEL: Also parlamentarische Kontrollgremien für Algorithmen? So, wie wir sie für Geheimdienste haben?
Morozov: Warum nicht? Ich verstehe ja die Argumente von Google und anderen Unternehmen, die ihre Betriebsgeheimnisse schützen wollen. Aber ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist zu groß geworden, als dass wir einfach nur zusehen könnten.
SPIEGEL: Wie schützen Sie eigentlich Ihre Daten?
Morozov: Ich habe mehr als 40 000 Follower bei Twitter und versuche nicht, mich zu verstecken. Ich bin auch zu faul. Ich nutze das E-Mail-Programm von Google und habe ein Mobiltelefon.
SPIEGEL: Ihre Glaubwürdigkeit stärkt das nicht.
Morozov: Ich lehne neue Technologien nicht grundsätzlich ab. Mir geht es darum, eine Debatte über ihre gesellschaftliche Kontrolle anzustoßen. Unser System braucht ein Update, und wir brauchen Politiker, die diesen Wandel gestalten.
Interview: Sven Becker, Jörg Schindler
Von Sven Becker und Jörg Schindler

DER SPIEGEL 30/2013
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