22.07.2013

PROZESSEBotox für die Bilanz

Ab dieser Woche steht der komplette ehemalige Vorstand der HSH Nordbank vor Gericht. Das Verfahren verspricht einen Einblick in den Wahnsinn einer Zeit, als Banker zu Hasardeuren wurden.
Natürlich ist der Mann nur eine Randfigur in dieser Sache, wer kennt schon Marc S.? 2007 ein Kreditexperte der HSH Nordbank, auf dem Außenposten London. Der Zeuge S. wird auch nicht zum Gesicht dieses Verfahrens werden, das diesen Mittwoch vor dem Hamburger Oberlandesgericht beginnt. Das gehört schon einem anderen: Dirk Jens Nonnenmacher, 50, genannt "Dr. No". Der frühere HSH-Chef, der mit seiner Gelfrisur auch so aussah, wie man sich einen Zocker vorstellte, in den Casino-Jahren des Bankgewerbes.
Aber was immer nun kommen wird, von Nonnenmacher und fünf anderen Ex-Vorständen, von den Staatsanwälten, die ihnen Untreue in einem besonders schweren Fall vorwerfen, oder den Verteidigern, die das ganz anders sehen: Nichts bringt den Wahnsinn dieser Zeit und dieser Bank so auf den Punkt wie eine E-Mail, eben von Marc S. Geschrieben am 18. Dezember 2007, nachzulesen in der Anklage.
Es sind die Tage kurz vor Jahresende, als die Bank sich in ein Kreditgeschäft stürzt, das ihr später einen Gesamtverlust von 158 Millionen Euro einbrockt und den Vorständen von damals den Prozess heute in Hamburg: "Omega 55". Ein Deal und Gegendeal mit der französischen Bank BNP Paribas, hochkompliziert und schwer durchschaubar. Fassungslos schreibt S. um 20.58 Uhr an zwei Kollegen im Haus: "Um ehrlich zu sein, das ist wirklich verrückt!! Die Bank läuft in ein Geschäft hinein, ohne es zu verstehen und zu wahnwitzigen Konditionen." Aber der einzige Jurist "geht zu den Spice Girls", der Erfinder des Geschäfts "genießt ein paar Wein bei einem langen 'Geschäfts'-Essen". Dabei haben sie jetzt nur noch drei Tage, um drei Deals durchzuziehen. "Bin ich durchgeknallt, oder läuft hier was falsch???"
Dass hier etwas falschlief, kriminell falsch, davon ist die Hamburger Staatsanwaltschaft überzeugt; niemals, so ihr Vorwurf, hätte der damalige Vorstand Omega 55 beschließen dürfen. Und dass bei der HSH Nordbank noch viel mehr in die falsche Richtung lief, mehr als dass sich der Jurist in der Endphase des Katastrophen-Deals Zeit nahm für ein Konzert der Spice Girls - darüber ist das Urteil längst geschrieben. Mit Milliarden mussten die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein ihre Bank vor der Pleite retten.
Mit dem Prozess wird nun aber die Brücke geschlagen zwischen dem Desaster einer deutschen Bank und der strafrechtlichen Verantwortung ihrer früheren Spitzenmanager. Jetzt steht ein ganzer Ex-Bankvorstand vor Gericht. Nicht einzelne Vorstandsmitglieder der IKB, nicht Georg Funke, Vorstand der Hypo Real Estate, oder wie all die anderen Spiel-Banken hießen, in denen Manager riskante Geschäfte machten in der Hoffnung, dass sie entweder aufgehen oder andere dafür die Rechnung zahlen müssen. Stattdessen nun bei der HSH Nordbank, heruntergebrochen auf nur einen einzigen Handel: Omega 55. Aber wenn der Prozess hält, was die Anklage verspricht, ist das sicherlich kein schlechter Fall, um noch einmal die Deformationen einer Branche vorzuführen, die erst die Vernunft verlor, dann den Verstand, dann das Geschäft.
Der Bank ging es im Sommer 2007 in etwa so wie der welkenden Schönheitskönigin, die sich Botox spritzt, um doch noch eine gute Partie zu machen. Die HSH Nordbank hatte sich jahrelang herausgeputzt, um mit einem Börsengang Milliarden einzusammeln. So hatten es ihre Hauptanteilseigner Hamburg und Schleswig-Holstein beschlossen, so sollte es der damalige Vorstand um Chef Hans Berger und den neu berufenen Finanzvorstand Nonnenmacher 2008 exekutieren.
Doch dazu durfte die Bank so kurz vorher keine Kratzer abbekommen. Also: kein schlechteres Rating, das langfristige Dollarkredite verteuert hätte. Und der eigene Dachverband der Landesbanken und Girozentralen, der notfalls die HSH mit absichern müsste, sollte nicht in die Bücher schauen dürfen. Zu groß, so die Anklage, war die Angst vor schlechten Nachrichten und akribischen Kontrollen.
Genau dies drohte aber laut Anklage: der Verlust des A-Ratings, weil die Bank sich mit schwer durchschaubaren Papieren vollgesogen hatte, die in der aufziehenden Bankenkrise schon als riskant galten. Und ein peinlicher Sonderbericht für den Dachverband, wegen der schwachen Kennzahlen. Eine war bereits ganz nah an die Grenze herangerutscht, ab der sich der Haftungsverbund nicht mehr mit guten Worten abspeisen lassen würde. Vor allem die Gesamtkapitalquote sollte jetzt hoch. Mit Bilanz-Botox.
Dabei war sich der Vorstand noch in seiner Sitzung am 20. November 2007 einig gewesen, nicht mehr länger über Tricks nachzudenken, mit denen sich Bündel von Giftpapieren in der Bilanz kaschieren ließen. Das sei doch alles nur "Bilanzkosmetik", hatten Experten aus dem Haus abgeraten. Die Risiken würden zwar in neue Schachteln gesteckt, besser besagt: in ihnen versteckt. Nur verschwunden seien sie deshalb ja nicht, und man solle besser auch nicht so tun. Als treibende Kraft gegen die Tricksereien erschien der neue Finanzvorstand, erschien Dirk Jens Nonnenmacher.
Aber nur einen Monat später beschloss der damalige Vorstand inklusive Nonnenmacher genau so ein Schachtelgeschäft, Omega 55. Ja, es treffe in der Tat zu, dass die Struktur von Omega 55 "der Struktur entspricht, die wir damals als Bilanzkosmetik festgestellt haben", räumte der damalige Leiter des Risikomanagements, Martin van Gemmeren, in einer Zeugenaussage ein. Für die Staatsanwaltschaft ein klarer Fall: Plötzlich war der HSH-Spitze doch jedes Mittel recht, wenn sich damit nur die Kennzahlen nach oben biegen ließen. Rein kosmetisch.
Eigentlich wäre für den Einkauf der hochspekulativen Bündelpapiere nun die HSH-Niederlassung in Luxemburg zuständig gewesen. Doch dieser hatte der Vorstand schon im Sommer 2007 faktisch verboten, noch mehr von der heißen Ware ins Haus zu holen; zu gefährlich und zu undurchsichtig erschienen die Papiere. Also kamen die Experten in Luxemburg auch für Omega 55 nicht mehr in Frage. Stattdessen sollte London den Job erledigen - ausgerechnet jene Londoner Filiale, die laut van Gemmeren als Enfant terrible des ganzen Hauses galt. Gerade erst hatte die Dependance bei einem Geschäft 60 bis 70 Millionen Euro verbrannt, weil ihre Computersysteme die Risiken nicht richtig bewerten konnten.
Die Konstruktion von Omega 55 ging nun grob gesagt so: Die HSH versicherte bei der BNP Paribas knapp zwei Milliarden Euro Kreditgeschäft gegen einen Ausfall. Das ließ die HSH-Kapitalquote um bis zu zwei Zehntel steigen. Allerdings nur für kurze Zeit. Damit sich die Bank über den Jahresendtermin retten konnte. Denn bereits im April, das stand von vornherein fest, sollte dieser erste Teil des Gesamtgeschäfts wieder rückabgewickelt werden. Eine Wirkungsdauer von gerade mal vier Monaten - so lange glättet auch Botox die Falten.
Aus Sicht der Ermittler war die schnelle Nummer schon deshalb windig, weil so kurze Deals für die Eigenkapitalquote gar nicht zählen dürfen. Also erfuhr auch die Bankenaufsicht BaFin nicht, dass der Handel nur für vier Monate geplant war. Hinzu kam, dass die Gebühr, mit der sich die BNP Paribas ihren Notdienst bezahlen lassen wollte, immens hoch war: 20 Millionen Euro, doppelt so viel, wie die Franzosen sonst in einem ganzen Jahr bei Geschäften mit der HSH machten.
Doch der größte Haken war ein anderer: Die HSH verpflichtete sich, den Franzosen in einem zweiten Schritt ein Paket mit Hochrisikopapieren abzunehmen, für sechs Jahre. Ein Paket, das im besten Fall 13,4 Millionen Euro Ertrag für die HSH bringen konnte. Aber im schlechtesten 400 Millionen Euro Miese. Macht ein Verhältnis von 1:30, ohne dass die Bank diesen zweiten Teil des Geschäfts vorher gründlich geprüft hätte.
Zeugen berichteten den Anklägern von Nachtschichten, die das Ziel hatten, den Abschluss noch vor Jahresende durchzuprügeln. Der Druck aus dem Vorstand sei enorm, ein Nein zu dem Geschäft keine Option gewesen; es sei denn, man hätte seinen Arbeitsplatz riskieren wollen. Und während der Vorstand am 17. und am 20. Dezember 2007 schon die Kreditvorlage abzeichnete, waren in London die Verhandlungen noch in vollem Gange.
Es stand nicht mal fest, welche Papiere die BNP Paribas in den Korb für den zweiten, den riskanten Teil des Geschäfts packen würde.
Die Folge: Laut Kreditantrag hätten nur Papiere zum Omega-Bündel gehören dürfen, für die Staaten und Firmen bürgten - eine halbwegs sichere Sache. Tatsächlich rutschten später aber plötzlich Papiere ins Paket, die von Giftschleudern der Finanzbranche stammten, Lehman Brothers etwa. Und obwohl die HSH sich in ihren Investment-Richtlinien verpflichtet hatte, solche Papiere vor dem Einkauf selbst zu durchleuchten, verließ sie sich auf externe Ratings. Die Computersysteme der HSH waren mit solchen Risikomessungen nämlich überfordert, wie ein Vorstand den Ermittlern ausrichten ließ.
Überfordert - das galt am Ende auch für jene Truppe, die in der Bank alle komplexen Kreditgeschäfte vorher hätte prüfen müssen. Tatsächlich nahm sich die Abteilung Neue Produkte, Neue Märkte (NPNM) aber nur den ersten Omega-Teil vor, mit dem die Bank ihre Kapitalquote aufpolieren wollte - nicht den gefährlichen zweiten, der sie ruinieren konnte. Auch in ihren Reihen, so eine frühere NPNM-Mitarbeiterin, sei allen klar gewesen: Die Sache platzen zu lassen wäre ein No-go gewesen. "Blind und taub" hätten sich die Prüfer deshalb gestellt, vermutet die Staatsanwaltschaft, jeder habe gewusst: Der Vorstand will es.
Es gibt heute einige Erklärungen, mit denen die Ex-Vorstände die Schuld von sich weisen: Einer, Hartmut Strauß, behauptet, er könne sich nicht mal mehr daran erinnern, dass es eine Transaktion Omega 55 gegeben habe; ein anderer, Peter Rieck, er habe den zweiten Teil des Geschäfts überhaupt "nicht auf dem Radar" gehabt - was aus Sicht der Staatsanwälte allerdings nicht für, sondern gegen ihn spricht.
Ebenso das, was Ex-Chef Berger vorbrachte: Für solche Entscheidungen habe er damals höchstens eine Dreiviertelstunde Zeit gehabt. Deshalb habe er sich eben darauf verlassen, dass sich die Kollegen die Sache gründlicher angeschaut hätten. Und Nonnenmacher, der Berger bald danach als HSH-Vorstandschef beerbte? Hat zwar wie alle anderen Vorstände die Vorlage unterschrieben, will aber als Finanzvorstand für die Sache nur eine "rudimentäre Verantwortung" gehabt haben - und die Schwächen der Bank nicht erkannt haben, weil er erst so kurz dabei gewesen sei, knapp drei Monate.
Auch das sieht die Staatsanwaltschaft anders: Sie wirft ihm vor, sich blind auf Omega 55 eingelassen zu haben, wie "ein Spieler, der hofft, dass alles gutgehen wird". Dabei soll Nonnenmacher die Bilanz gefälscht haben, indem er Omega 55 zunächst nicht mit dem traurigen Marktwert in die Bücher schrieb, sondern zum viel besseren Nominalwert.
Eine falsche Bilanz sei noch lange keine gefälschte Bilanz, hat Nonnenmacher dazu gesagt, das sei wohl ein Fehler, aber keine Absicht gewesen. Doch das nimmt ihm die Staatsanwaltschaft nicht ab: Nonnenmacher mit der Bilanz überfordert? Dazu sei Dr. No viel zu klug, viel zu sehr Fachmann gewesen, als dass ihm so etwas hätte durchrutschen können.
Mit der Meinung stehen die Ankläger auch nicht allein, es gibt da nämlich noch einen, der Nonnenmacher genauso sieht: Nonnenmacher selbst.
In Stichworten, die als Vorlage für ein Arbeitszeugnis dienen sollten, bescheinigte er sich im Januar 2008 ganz unbescheiden "herausragende Fach- und Führungskompetenz, herausragende analytisch-konzeptionelle Fähigkeiten, strategische Weitsicht, schnelle Auffassungsgabe, sicheres Urteilsvermögen".
Nicht zu vergessen: "äußerst effizient, hochgradig effektiv", immer alles "zur vollsten Zufriedenheit". Und, was auch für Omega 55 interessant sein dürfte: ein "außergewöhnlich breites Verständnis/Erfahrungsschatz für risikotheoretische Fragestellungen".
Bleibt noch die Möglichkeit, dass selbst ein Supermann wie Nonnenmacher im HSH-Schlamassel hätte überlastet sein können. Dagegen spricht allerdings nicht nur seine Selbsteinschätzung, dass er "auch unter hoher Belastung stets hervorragende Arbeitsergebnisse" abliefere. Sondern auch noch eine besondere Fähigkeit.
Wie E-Mails von ihm zeigen, fand Nonnenmacher auf dem Gipfel der Finanzkrise, Ende 2008, Zeit genug, sich mit anderen Katastrophen des Lebens zu befassen, etwa einer Fuge in seiner neuen Küche in Hamburg-Pöseldorf. Während in seiner Bank keiner mehr wusste, ob sie den nächsten Monat erleben würden, echauffierte sich Nonnenmacher an einem Mittwochmorgen im November in einer E-Mail an seinen Architekten: "Die Küche bleibt einfach unschön mit dieser katastrophalen Fuge ... Ich bin natürlich davon ausgegangen, dass alles so perfekt  ... aussieht und nicht so dilettantisch. Bei einer Küche für mittlerweile 60 T€ jedenfalls nicht akzeptabel ... wie kriegen wir das Problem zeitnah gelöst?"
Dieses Problem ließ sich lösen, mit einer eingelassenen Blechplatte, die der Architekt verbal zum "Küchenmeridian" veredelte: "wenn schon Fuge, dann ein Schmuckstück." Ein anderes Malheur ließ sich schwerer beheben: Um die Bank zu retten, mussten die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein drei Milliarden Euro Eigenkapital nachschießen. Plus eine Zehn-Milliarden-Garantie.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 30/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROZESSE:
Botox für die Bilanz

  • Brutaler Bandenkrieg in El Salvador: MS13 gegen Barrio18
  • Amateurvideo aus der Sahara: Die Mini-Sandlawine, die nach oben wandert
  • Seit 38 Jahren vermisst: Größte Biene der Welt wieder gesichtet
  • Zahnreinigung unter Wasser: Putzergarnele behandelt Taucher