22.07.2013

KARRIERENDie Enkelin

Ihr Mann ist 40 Jahre älter als sie und war zweimal Parteichef der SPD. Sie will in den Bundestag, er will da raus. Michelle Müntefering ist eine von den jungen Frauen, die Politik wieder interessant machen sollen.
Er nimmt die Schreibmaschine, wenn er etwas zu schreiben hat, und das Ergebnis versendet er dann per Fax. Er hört gern Volkslieder oder auch ein bisschen Klassik, und wer Michael Jackson war, sagt sie, hat er von ihr gelernt.
Er ist 73 und will immer spazieren gehen. Sie ist 40 Jahre jünger und hat nichts gegen Spaziergänge. Sie ist mit ihm verheiratet, Spaziergänge gehören dazu. Sie fragt nur manchmal, muss es ständig dieselbe Strecke sein?
Neulich waren sie in Bonn. Er kennt sich gut aus dort. Er hat 18 Jahre lang in Bonn gearbeitet, im Parlament, im Kabinett, in der Partei. Sie stellte fest, dass ihr dieses Bonn so fremd war wie die DDR.
Er war Parteivorsitzender, Fraktionsvorsitzender, Geschäftsführer, Minister, Vizekanzler, er hat in Bonn mitregiert und in Düsseldorf und in Berlin. Noch ist er Abgeordneter im Deutschen Bundestag, aber er kandidiert nicht mehr bei der Bundestagswahl im September, auch von dort zieht er sich jetzt zurück. Und sie will dorthin.
Sie hat früher für ihn gearbeitet, Schumann hieß sie damals noch, Michelle Schumann, und war wissenschaftliche Mitarbeiterin in seinem Büro. Pressebeobachtung, Reden schreiben für Franz Müntefering, sie sagt, es war kein leichter Job. Man kommt mit zehn Seiten und total tollen Formulierungen, wie man meint. Und dann sieht man, auf dem Weg zum Termin, wie er im Auto ein Blatt nach dem anderen auf den Boden wirft. Wie er sich ein paar Stichpunkte aufschreibt, und dann passt alles auf ein zweimal gefaltetes Blatt, DIN A4.
Er will "knappe, gute Formulierungen", das habe sie dann begriffen. Kurze Sätze, Glück auf, und was geht die anderen an, was er sonst noch denkt. So war er immer, der Sozialdemokrat Franz Müntefering, der nun ihr Mann ist und früher ihr Parteichef und Arbeitgeber war.
Seiner Partei geht es nicht gut, in letzter Zeit. Sie ist eine von denen, die diese Partei retten sollen.
Michelle Müntefering, Bundestagskandidatin, Absolventin der Führungsakademie der Sozialdemokratie, Trägerin des Silbernen Mikrofons der Deutschen Rednerschule, läuft am Rhein-Herne-Kanal entlang, wo das Wasser grün gegen Spundwände schwappt, wo ein gelbes Schild am Ufer noch an "Wanne-Eickel" erinnert, das längst eingemeindet ist und zu Herne gehört. Eine junge Frau mit Jeans, Lederjacke, Pferdeschwanz, die sagt: "Is dat schön hier", und bruchlos in einen Vortrag über die Sorgen der Kommunen übergeht. Nokia ist weg, Opel Bochum wird gehen. Man hat Sorgen, ganz unten, um Geld und um vieles andere.
Es gibt vieles zu retten in diesen Tagen, die Partei, die Kommunen, die Ideale.
"Man muss wat machen", sagt sie. Was macht man? Man macht Politik. Seit sie 19 war, macht sie Politik.
Was reizt einen daran, als junger Mensch? Welche Art junger Mensch muss man sein?
Politik ist zum Beispiel ein Samstagnachmittag im Dezember, im "Union-Eck" feiert der Ortsverein Herne-Süd. Es gibt Knappschaftsfahnen an der Wand und Käsekuchen mit Streusel und Ehrungen für die Jubilare und die Kandidatin Müntefering, die in brauner Hose und fliederfarbener Bluse erschienen ist. Und da steht sie nun und nimmt Ehrungen vor und hat es so gewollt.
Politik, so hat sie bei Max Weber gelesen, Politik heißt, "seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte" zu legen.
Politik ist ganz groß und ganz klein. Politik ist Jubilareehren und Wintergrillen und Familientag der SPD. Politik ist Schulschließung und demografischer Wandel und Haushaltssicherungskommune, ist Wahlkampf mit einer Partei im Agenda-2010-Schock und einem Kanzlerkandidaten, mit dem die Partei nicht warm wird. Politik ist dieses leise Flüstern im Ortsverein: "Manchmal tut es weh, in der SPD zu sein."
Politik heißt weiterzumachen, wenn's weh tut.
Was reizt sie daran? Warum steht eine 19-Jährige vor dem Herner Rathaus und will unbedingt da rein?
Sie hat es sich ausgesucht, sie ist nicht hineingeboren in die SPD. Sie kommt aus keiner dieser Revier-Familien, in denen man so selbstverständlich Sozialdemokrat ist, wie man ins Mettbrötchen beißt; es gibt diese Familien ja noch immer. Das Kind Michelle geht zur Waldorfschule, was aber nicht heißt, dass man in der Familie zu Fisimatenten neigt. Fünf Bücher finden sich in der Wohnung, Neues Testament, Weltatlas, Campingführer, ein Buch übers Ruhrgebiet und ein deutsch-französisches Fabelbuch, warum auch immer. Der Vater hat ein Rohrreinigungsunternehmen und ist konservativ. Das Kind soll etwas Ordentliches lernen, woraufhin das Kind Kinderpflegerin lernt und dann erst Journalismus studiert und später auch praktiziert.
Davor aber, in der Schule, ist dem Kind jemand begegnet: Brecht. Die "Dreigroschenoper", das war die erste Begegnung "mit grundsätzlichen Fragen", mit "Gesellschafts- und Kapitalismuskritik". Das Brot der armen Leute, Bürger und Räuber, Fressen und Moral.
Brecht also ist schuld, dass sie in den Stadtrat wollte. Sie scheiterte beim ersten Mal, dachte: "Jetzt erst recht", und besuchte die Kommunal-Akademie der SPD. Wo sie nicht nur lernte, wie man Haushaltsentwürfe liest, "diese fetten Ordner, bei denen jeder nur ,Ach du Scheiße' denkt". Sondern auch Prominente traf, den Peer, die Malu, die Hannelore, den Franz.
Er war öfters in Herne, es gehörte zu seinem SPD-Bezirk. Westliches Westfalen. Ein Abend im Volkshaus in Herne-Röhlinghausen, 2004, als er Arbeiterlieder mit den örtlichen Genossen sang, gilt als legendär. Sie war diejenige in Herne, der man den guten Draht nachsagte nach Düsseldorf und Berlin.
Sie schafft es in den Stadtrat, sie wird Vize im Ortsverein und Mitglied im Landesvorstand NRW. Sie hat zwei Mitbewerber um die Bundestagskandidatur besiegt. Sie macht, was man machen muss, Januar-Brunch, Bürgergespräch im Frisiersalon, Kleingartenverein. Sie wirkt manchmal wie ein Mädchen und manchmal wie 150 Jahre SPD.
"Wenn es klappt", sagt sie, "dann komme ich etwa im selben Alter in den Bundestag wie Franz."
Als Franz Müntefering in den Bundestag einzog, Mitte der siebziger Jahre, hatte die SPD mehr als eine Million Mitglieder und wusste noch ziemlich genau, was der Unterschied war zwischen Sozialdemokratie und CDU. Heute sind es weniger als 500 000 Mitglieder, und die Partei versucht herauszufinden, wer sie ist.
Berlin im Frühjahr, im gläsernen Willy-Brandt-Haus, unten im Foyer, hat der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus Schwarzweißbilder des 90-jährigen Fotografen Rudolf Holtappel aufgehängt. Man sieht Duisburg und Oberhausen, Zechentürme, qualmende Kokereien, Arbeitersiedlungen, Schrebergärten und frische Wäsche, die nicht lange frisch bleiben wird. Alte Zeiten, arme Zeiten, aber man wusste, wer man war. Sozialdemokrat.
Klaus Tovar empfängt oben am Fahrstuhl, im zweiten Stock, er ist der Leiter der Parteischule und der Führungsakademie. Eine Parteischule gab es schon zu Bebels Zeiten. Eine Führungsakademie, so wie bei der Bundeswehr oder bei der Polizei, gibt es seit sechs Jahren. Michelle Schumann war im ersten Lehrgang. Sabine Bätzing und Thorsten Schäfer-Gümbel waren auch dabei.
Tovar führt in ein kleines, büchergefülltes Büro. 2007, vor der Eröffnung der Akademie, sagte er der "WAZ", man wolle hier "die Besten auf verantwortungsvolle Jobs vorbereiten"; das sagt er jetzt nicht mehr. Es klingt so elitär.
Tovar, graumeliert, geschmeidig, sagt über Michelle Müntefering: "Sie hat sich in der Partei überzeugend durchgesetzt und immer an sich gearbeitet. Sie macht ihren Weg ganz wunderbar."
Die "Fellows" der Akademie, sagt er, bekommen "Tools" an die Hand. Sie lernen Führung, Kommunikation, Auftreten, Strategie. "Leadership" lernen sie. Politische Inhalte nicht, nein. Schon die Vorstellung, er hätte die Agenda 2010 vor sechs Jahren zum Lerninhalt erklärt - was wäre jetzt? Was wäre jetzt der Lehrstoff? Es weiß ja selbst unter den Agenda-Befürwortern von früher nicht mehr jeder, wie er dazu steht.
Die Akademie hat all die Querelen und Umbrüche an der Führungsspitze unbeschadet überstanden, das macht ihn froh. "Die Herausforderungen für das Führungspersonal sind größer geworden", das ist seine Formulierung. Er meint vermutlich: Der kannibalistische Umgang der Partei mit ihren Führungskräften schafft ständig Bedarf.
Tovar spricht von der "Tagesschau"-Fraktion, die das Bild der SPD nach draußen verkörpere, eine kleine Gruppe nur unter den Berufspolitikern in Deutschland, 3500 sind es nach seiner Rechnung bei der SPD. Die Jahrgänge seien kleiner geworden, Rekrutierung sei kein Selbstlauf mehr. Politik könne und müsse man lernen. Politik sei ja nun mal nicht mehr so wie zu Willy Brandts Zeiten, der sich "zwei Wochen schwermütig ins Bett legen konnte".
Schade? Nein, schade findet er das nicht.
Die Leute lernen, wie man vor der Kamera wirkt, was Killerphrasen sind, wann man sein Handy ausschaltet und dass man sich Ziele setzen muss. Managementtraining, denn Tovar ist der Meinung, dass eine Partei zu führen "nichts anderes als Führung in einer großen Firma" sei, zu 90 Prozent jedenfalls. Und er betont dann noch, dass er nicht will, dass seine Zöglinge uniform durchs Leben gehen.
Die Frage ist, ob man dabei glattwird und vergisst, was das eigentlich ist, Sozialdemokratie.
Was bedeutet es für ihn, Klaus Tovar?
"Gelebte Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit", die Antwort kommt schnell. Er begleitet zum Fahrstuhl, die Fotos unten in der Lobby, mit den Zechentürmen, Arbeitergesichtern, machen die sentimental, wenn er sie anschaut? Oder sind das einfach alte Zeiten, Gott sei Dank vorbei?
Die Fotos, sagt er, habe er sich noch gar nicht angesehen.
Ein paar Tage später sieht man ihn wieder, zwischen Stellwänden in der Augsburger Messehalle, wie er freudig Michelle Müntefering begrüßt, die als Delegierte zum Parteitag gekommen ist. Es ist der große Auftritt für Peer Steinbrück,
die letzte Chance, die Partei auf ihn, den nominierten Kandidaten, einzuschwören. Es soll jetzt Aufbruch sein, endlich. Gabriel heizt an, und dann spricht Steinbrück, beginnt stark, schwächelt in der Mitte und fängt sich wieder. Der Applaus: hocherfreut.
Michelle Müntefering sagt, dass die Rede hervorragend gewesen sei. Sie sagt: "Note 1,0." Es klingt nach: Partei gut, Sieg kommt, Hoffnung da. Es klingt münteferingisch.
Sie läuft durch die Augsburger Messehalle, an albernen SPD-Devotionalien vorbei; ernst und geschäftig. Sie bewegt sich selbstsicher auf diesem Parteitag und trägt ein Kleid mit aufregendem Schnitt und gedeckten Farben, halb jung, halb brav, halb Rebellion, halb Pragmatismus.
Sie musste nicht lange überlegen, in Augsburg, wie sie abstimmen soll. Vor zehn Jahren in Berlin war es anders. 2003: Das war die Agenda 2010.
Sie erzählt davon in Herne, einiges später, auf einer Tour durch ihre Stadt. Sie erzählt es im Unterbezirksbüro, und von den Wänden blicken August Bebel, Kurt Schumacher, Willy Brandt auf die Generation der Enkel herab. Große Namen einer großen Partei.
Die Partei ist geschrumpft, nicht zuletzt seit der Agenda 2010. Jener Agenda, die Franz Müntefering so eisern vertreten hat. Erstaunlich bruchlos war er zum Kämpfer für die Beschneidung des Sozialstaats geworden, er, der immer Sozialpolitiker und Mann für die Seele der Partei gewesen war.
Es gebe durchaus politische Debatten über diese Dinge im Hause Müntefering. Heftige Debatten? Nun ja, sagt sie, "wir diskutieren so miteinander über Politik, dass wir abends noch im gleichen Bett schlafen wollen".
Sie hat der Agenda damals zugestimmt, mit ein paar Einschränkungen, wo sie etwas ungerecht fand.
Sie war jung, Anfang zwanzig, soll sie sich jetzt damit rausreden?
Wenn sie sagt: verdammte Agenda, dann freut sich die Basis.
Wenn sie sagt: großartige Agenda, dann freut sich die Führung. Ein Teil der Führung jedenfalls.
Sie weiß, sie muss eine eigenständige Person sein. Sie lässt sich allein befragen, ihr Mann funkt ihr nicht dazwischen. Er spüre keine Versuchung, sich einzumischen, lässt er wissen, "wenn es dazu keine Einladung gibt". Es ist nicht wie bei Familie Schröder/Schröder-Köpf: Man spricht mit Doris, und plötzlich steht Gerhard im Bild. Franz Müntefering hält sich fern.
Aber sie trägt seinen Namen. Warum ist sie nicht Michelle Schumann geblieben, um ihre Eigenständigkeit zu betonen? Wenigstens für die Politik? Sie sagt, das sei eine private Sache. Sie sagt: "Das ist mein Leben. Ich möchte mit meinem Mann zu Hause eine Familie sein. Ein Name an der Tür gehört für mich dazu."
Knappe Sätze, hinter denen man sich verstecken kann: Er konnte das schon immer. Sie kann es auch.
Der Name ist ein Vorteil, selbstverständlich. Er schafft Aufmerksamkeit. Aber sie muss sehen, womit sie diese Aufmerksamkeit belohnt.
Dass man auch mal "Gesetze, die man selbst gemacht hat, verändern kann", also auch die Agenda, das sei ihr wichtig. Sie habe auch in der Akademie nicht alles widerspruchslos hingenommen, beispielsweise haben ihr oft "die Vergleiche zu Wirtschaftsprozessen", wo es um Demokratie ging, nicht gepasst. Sie habe eine Distanz zu vielem, das habe sie im Journalismus gelernt. Kompromisse müssen sein, aber wie viele? Wie viele Kompromisse hat sich Franz Müntefering, der Sozialpolitiker, angetan?
Politik bringt etwas, und sie kostet etwas. Manchmal eine Haltung. Manchmal Gesundheit. Manchmal das private Leben. Einmal hatte er sich für das Privatleben entschieden, als er sich aus seinen Ämtern zurückzog, 2007, um seine todkranke Frau Ankepetra zu pflegen. Aber als man ihn rief, nicht lange nach dem Tod seiner Frau, kam er zurück.
Damals wurde Michelle Schumann Referentin im Büro, man kannte sich ja aus Herne. Sie war eine von einem Schwall junger Leute, die ihn betreuten, fand das alles spannend und dachte gleichzeitig: "Um Got-tes-willen. Wir waren alles junge Leute um Franz herum. Wir haben uns abgewechselt, und am Ende eines Tages haben wir ihn um zwei Uhr nachts abgeliefert. Er musste um sechs wieder raus auf Schicht. Ich dachte, du meine Güte, wie hält der das aus?"
Und dann, irgendwie, fanden sie zusammen. Dann war der legendäre Auftritt Franz Münteferings, im Umspannwerk in Kreuzberg, am Abend vor dem Parteitag, am 13. Juni 2009. Es hatte Gerüchte gegeben um eine junge Frau an seiner Seite, und er bestätigte sie. "Erstens: Es gibt sie. Zweitens: Sie ist hier. Drittens: Wir mögen uns."
Sie heirateten im Dezember 2009. Er war 69 Jahre alt, sie 29. "Müntes Ja zum jungen Glück", so schrieb "Bild am Sonntag" und vermerkte den "Mut zu einer ungewöhnlichen Liebe". Über "Müntes Liebes-Turbo" berichtete der "Berliner Kurier" und glaubte zu spüren, "dass in dieser Beziehung alles möglich ist".
Die Umwelt rätselte und rätselt noch. Einen Mann zu heiraten, der 40 Jahre älter ist, lässt sich das erklären?
Sie stammen aus verschiedenen Zeiten. Sie haben nicht dieselben Spiele gespielt als Kind, sind mit anderen Bildern groß geworden, haben andere Filme gesehen, andere Musik gehört.
Michelle Müntefering findet, "es gibt wichtigere Dinge als das Alter" und dass "manche Alten jünger sind als die Jungen". Und Hannes Wader und Konstantin Wecker hören sie beide gern.
Franz Müntefering erzählt ab und zu Kleinigkeiten, wenn er nach seiner Ehe gefragt wird, dass er jetzt die "Simpsons" mag und dass er ihr eine Delle ins Auto fuhr, weil er das Fahren verlernt hatte. Und dass er manchmal sogar mit ihr ins Ausland reist, was früher nicht seine Gewohnheit war. Knappe Sätze eben.
Und dann fährt man mit Michelle Müntefering durch Herne, und sie erzählt von früher, geboren ist sie nicht weit von der damaligen Zentrale der Deutschen Steinkohle AG. Gleise in der Nähe, Ruhrpott, Sozialdemokratie außen rum, aber in der Familie eben nicht. Der Großvater: Zentrums-Wähler, katholisch, der Vater konservativ. Es waren die späten Kohl-Jahre, die bleierne Zeit. Michelle und ihre Freunde hatten nie einen anderen Kanzler erlebt als Helmut Kohl. Und wenn sie zu Hause etwas sagte gegen diesen Kohl, korrigierte der Vater: "Das heißt Herr Doktor Kohl."
In der Schule dann: Brecht. Der Weg in die SPD: Das war Rebellion.
Es ist eine Erzählung, die an jemanden erinnert. An einen jungen Mann aus dem Sauerland, Franz hieß er, aus konservativer Familie, der Vater: Zentrums-Wähler, der Junge: Messdiener, aufgewachsen in einer Zeit, in der viele Leute fanden, man dürfe Sartre nicht auf die Bühne bringen, Sartre, diesen Kommunisten. Zu den Sozis zu gehen, Willy Brandt zu wählen: Das war Rebellion.
Eine Spiegelung, über Jahrzehnte hinweg. Politik als Hoffnung, den Mief zu vertreiben, so hat es begonnen, für beide.
Michelle Müntefering sagt: "Ich muss ihm nicht erklären, warum ich am 1. Mai mit der roten Fahne auf der Straße bin."
Am 22. September will sie gewählt werden, der Wahlkreis Herne-Bochum II ist aussichtsreich, ihre Chancen sind gut. Er wird sein Büro räumen. Für ihn sind es jetzt die letzten Tage mit Mandat.
Politik: Das sind auch Termine, die einen am Laufen halten. Er macht weiter Termine, für eine Hospiz-Stiftung, als Chef des Arbeiter-Samariter-Bunds.
Noch ist er Mitglied im Familienausschuss. Er ist viel unterwegs und redet übers Alter und manchmal auch übers Sterben. An einem dieser Termine, in einem Mehrgenerationenhaus in Falkensee bei Berlin, sieht man ihn auf einem dieser Podien sitzen, schmal, straff, er ist noch immer der Mann mit den kurzen Sätzen und der eckigen Frisur.
Ein kleiner, grauer Termin, Pflegeversicherung, Generation Praktikum, Mindestlohn, um die Nöte der Jungen geht es und vor allem um die Nöte der Alten.
Diese Alten, die allein leben. Die vom Pflegedienst besucht werden, der geht nach anderthalb Stunden, und dann kommt niemand mehr. Die schlimmste Krankheit, sagt er, "heißt Einsamkeit". Alleinsein, sagt er, führt zu Krankheit, zu Depression. Man braucht, sagt er, "die Reibungsfläche Mensch zu Mensch".
Franz Müntefering ist jetzt 73 und sagt, er fühle sich auch wie 73.
Michelle Müntefering sagt: "Er ist alt, aber jung."
Sie ist jung auf eine Art, wie es die Alten mögen. Es sieht so aus, als hätte sie die perfekte Beziehung gefunden: eine Dreiecksbeziehung, ein Mann, eine Frau und eine Partei.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 30/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 30/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
Die Enkelin

Video 01:08

Mysteriöses Phänomen Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?

  • Video "Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?" Video 01:08
    Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?
  • Video "Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt" Video 01:06
    Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt
  • Video "OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an" Video 00:43
    OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an
  • Video "Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One" Video 03:06
    Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One
  • Video "Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein" Video 00:51
    Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein
  • Video "Zynische Trump-Rede: Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen" Video 01:30
    Zynische Trump-Rede: "Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen"
  • Video "Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn" Video 01:00
    Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn
  • Video "Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte" Video 02:04
    Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte
  • Video "Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen" Video 01:30
    Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen
  • Video "Annäherung an Regierungsmaschine: Russischer Kampfjet drängt F-16 der Nato ab" Video 01:07
    Annäherung an Regierungsmaschine: Russischer Kampfjet drängt F-16 der Nato ab
  • Video "Game of Thrones: Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht" Video 01:50
    "Game of Thrones": Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht
  • Video "US-Polizist freigesprochen: Dashcam-Video von tödlichen Schüssen veröffentlicht" Video 01:27
    US-Polizist freigesprochen: Dashcam-Video von tödlichen Schüssen veröffentlicht
  • Video "Familienzusammenhalt unter Elefanten: Kleines Tier in großer Not" Video 00:52
    Familienzusammenhalt unter Elefanten: Kleines Tier in großer Not
  • Video "Der Fall Otto Warmbier: Video soll Plakat-Diebstahl zeigen" Video 01:49
    Der Fall Otto Warmbier: Video soll Plakat-Diebstahl zeigen
  • Video "Concorde-Nachfolger Boom: In dreieinhalb Stunden von Paris nach New York" Video 00:48
    Concorde-Nachfolger "Boom": In dreieinhalb Stunden von Paris nach New York
  • Video "Sean Spicer: Denkwürdige Auftritte von Trumps Sprecher" Video 02:07
    Sean Spicer: Denkwürdige Auftritte von Trumps Sprecher