22.07.2013

FESTSPIELEWagners Dienstleister

In Bayreuth präsentiert in dieser Woche Regisseur Frank Castorf seine Version vom „Ring des Nibelungen“ - und soll so den wackeligen Ruf der Intendantinnen retten.
Hoch droben auf dem Festspielhügel in Bayreuth, ein paar hundert Meter steil ansteigenden Fußwegs vom Festspielhaus entfernt, lässt der Regisseur am späten Abend etwas Dampf ab auf der Sommerterrasse der Ausflugsgaststätte "Bürgerreuth". "Heute hätte ich am liebsten mit Steinen geschmissen", sagt Frank Castorf über die gerade absolvierte Hauptprobe der "Götterdämmerung", während im Licht über den Biertischen die Mücken schwirren. "Was da auf der Bühne ablief, war Stadttheater Ingolstadt. Und das ist freundlich gesagt."
Castorf lehnt sich zurück und zieht durch schmale Nasenflügel geräuschvoll die Luft ein, sein Gesicht ist sommerlich gebräunt. Er wirkt sehr vergnügt, während er sich ereifert. "Ich spüre so eine Postbeamtenmentalität", sagt er. "Da muss eine ganz andere Aggressivität rein." Es sieht so aus, als freue sich Castorf über die Schufterei, die ihm auf dem Grünen Hügel in Bayreuth noch bevorsteht. Dabei sagt er: "Es ist ja so, dass ich im Juli nicht gern arbeite."
Von Freitag dieser Woche an werden der Regisseur Castorf und der Dirigent Kirill Petrenko ihren "Ring des Nibelungen" im Bayreuther Festspielhaus herzeigen, ihren Beitrag zum Jubiläumsjahr, in dem Richard Wagners 200. Geburtstag gefeiert wird. Es ist eine auf 17 Stunden Gesamtdauer veranschlagte Großproduktion, die in äußerst knapper Vorbereitungszeit entstanden ist. Castorf nämlich sprang ein, nachdem der ursprünglich für den "Ring" engagierte Filmregisseur Wim Wenders nach längerem Überlegen abgesagt hatte; auch andere prominente Regiekünstler, darunter Tom Tykwer, hatten sich von den Festspielleiterinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier nicht verpflichten lassen wollen.
Castorf, 62, gibt nun den Retter. "Ich verstehe mich hier als Dienstleister", sagt er. Die knappen Probenzeiten nimmt er sportlich. "Ich musste ,Rheingold' in neun Tagen inszenieren, das ist natürlich Wahnsinn. Ungefähr so, als arbeite man bei ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten'." Wagners "Ring" sei, findet Castorf, "ein einziger großer Eklektizismus", was es jedem Regisseur erleichtere, mit eigenen Ideen zu arbeiten.
Wie groß ist seine Begeisterung für Wagners Musik? "Ich weiß nicht, ob ich ein großer Fan von Wagners Musik bin", grübelt Castorf. "Ich würde es nicht so ausdrücken. Ich verstehe, wieso seine Musik so großen Einfluss auf die amerikanische Filmmusik hatte. Es ist dieses Leitmotivische, dieses sehr Deutsche, auch Brechtische. Der Wille, durch hohe Momente Erkenntnis zu schaffen. Alles folgt dem Prinzip, dass man aus etwas heraustreten muss, um zu erkennen. Das ist auf die Dauer sehr durchsichtig." Immerhin: "Die Sänger schmelzen oft so dahin."
Die Nervosität der Verantwortlichen in Bayreuth vor der "Ring"-Premiere ist offensichtlich groß. Während der Dirigent Petrenko Interviews von vornherein ausschloss, sagte Regisseur Castorf fast alle ab, Festspielchefin Katharina Wagner drängte zwar öffentlich darauf, dass der nur bis ins Jahr 2015 reichende Vertrag mit ihr und Eva Wagner-Pasquier möglichst schnell zu verlängern sei, verriet über den "Ring" aber nur: "Das, was man bislang sehen kann, ist beeindruckend." Nicht viel zu sehen bekamen vergangene Woche, anders als sonst bei Bayreuther Premieren üblich, die Vorab-Berichterstatter aus Presse, Radio und Fernsehen. "Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass es entgegen vorheriger Ankündigung nicht mehr möglich ist, die Hauptproben für ,Siegfried' und ,Götterdämmerung' zu besuchen", verkündete die Pressestelle der Festspiele. "Auf Wunsch des Inszenierungsteams und in Absprache mit den Verantwortlichen wurden die Hauptproben durch die Festspielleitung vollständig für alle Besucher geschlossen."
Manche Besucher will man auf dem Grünen Hügel nicht mal zur Premiere ins Haus lassen. So wurden der passionierten Bayreuth-Kritikerin Monika Beer, die im Internet einen mit viel Festspiel-Insiderstoff gefütterten Wagner-Blog betreibt und für die Regionalzeitung "Fränkischer Tag" von den "Ring"-Aufführungen berichten wollte, zumindest bis Ende voriger Woche die Premierentickets verweigert. Beer attackiert in ihren Texten regelmäßig die in Bayreuth regierenden Wagner-Schwestern zumal wegen deren, wie sie sagt, "katastrophaler Künstlerpolitik", nun beschied man sie, das Pressekartenkontingent sei diesmal zu gering. Die Kritikerin glaubt: "Die Leitung des Hauses will Leute wie mich draußen haben."
Frank Castorf sagt, im Leitungsteam der Bayreuther Festspiele habe er eine Stimmung vorgefunden, die ihn an seine wilden Zeiten im deutschen Osten erinnere. "Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR." Er spricht von einer "Phobie" unter den Verantwortlichen, die derart ausgeprägt sei, dass er selbst über die Erlaubnis diskutieren musste, die eigenen Verwandten bei den Proben zusehen zu lassen. "Meine Mutter und mein Sohn durften aber dann doch rein."
Eine spektakuläre Grundidee seiner "Ring"-Inszenierung hat Castorf schon früh verraten. Das Gold im Rhein, der Nibelungenschatz, werde in seiner Version das Erdöl sein, auch werde er, weil er bei Wagner an die "Route 66" durch die USA denken müsse, für Teile der Handlung Nordamerikas Steppe als Schauplatz nutzen. Er wolle "weg von der Illustration", viel Video und Drehbühne einsetzen und seine Öl-Story vornehmlich in Aserbaidschan und Texas ansiedeln.
Heute sagt er: "Solche Übersetzungen funktionieren nicht eins zu eins. Direkte Übersetzungen in die Welt der modernen Industrieproduktion oder der Wall Street stimmen im Theater nie, egal ob bei Ruth Berghaus oder bei Peter Konwitschny."
Der aus Serbien stammende, in Belgrad lebende Bühnenbildner Aleksandar Denić, 49, hat schon ein paarmal für Castorf gearbeitet, unter anderem für dessen Pariser "Kameliendame" im Jahr 2012, er ist auch als Filmkulissen-Schöpfer zum Beispiel für Emir Kusturicas "Underground" bekannt, für Bayreuth ließ er monumentale Ansichten aus jenen Glanz- und Elendszeiten bauen, in denen die Menschheit das Erdöl als schwarzes Gold zu lieben lernte. "Es ist eine Reise durch die Zeit, durch die Geografie, durch die Politik- und Sozialgeschichte", sagt Denić, die Abfolge halte sich nicht an historische Vorgaben. "Wir springen hin und her."
Das "Rheingold", in Wagners Tetralogie "Vorabend" genannt, spielt bei Denić vor einem texanischen Motel samt Tankstelle. Der Bühnenbildner, ein spirreliger, temperamentvoll argumentierender Mann, beschwört die großen Zeiten des hemmungslosen Automobilismus in den USA, "die goldenen Jahre der Sechziger und Siebziger, als in Amerika das Benzin billig war, als man große Autos fuhr, als die Erdölreserven unerschöpflich schienen".
Die "Walküre" spielt bei Denić und Castorf in Baku in Aserbaidschan. "Dort fing man im Zeitalter der Industrialisierung an, Erdöl zu fördern, alle großen Ölkonzerne waren vor Ort. Erst als die Russische Revolution kam, wurden sie verjagt und machten in Kalifornien und Texas weiter." Während die "Götterdämmerung" zumindest teilweise vor der Kulisse der New Yorker Börse spielt, "dem Ort, an dem sich heute alle Schicksale entscheiden", hat Denić für "Siegfried", den dritten Teil der Tetralogie, den Berliner Alexanderplatz nachgebaut. "Siegfried" erzähle von einer geteilten Welt, für die das Berlin der Mauerjahre "eine perfekte Metapher" sei, findet der Bühnenbildner.
Es gibt in "Siegfried" zudem eine Parodie auf den Mount Rushmore zu bestaunen. Aus der Bergkette in South Dakota sind die monumentalen Köpfe von vier wichtigen US-Präsidenten herausgehauen. In Bayreuth sind es nun die von Marx, Lenin, Stalin und Mao. Hölzerne Baugerüste umgeben die Häupter der kommunistischen Revolutionäre. "Diese Männer haben die Welt verändert, ob zum Besseren oder zum Schlechteren, entscheidet jeder selbst", sagt Denić. "Die Gerüste können bedeuten, dass die Köpfe zerstört oder dass sie hergerichtet werden, vor allem aber zeigen sie: Irgendwer arbeitet noch an diesem Projekt."
Der Regisseur Castorf hat einen gewissen Ruf als Theaterwilder zu verteidigen, weil er mit verwegenen Interpretationen und dreisten Eingriffen in Dichtertexte einst als "Stückezertrümmerer" berühmt wurde. Er hat seit seinem Musiktheaterdebüt im Jahr 1998 mit einem Verdi-"Otello" in Basel aber schon oft genug Opern (unter anderem die "Meistersinger") inszeniert, um sich dankbar über die Toleranz zu äußern, die man ihm in Bayreuth entgegenbringt. "Die Sänger sind sehr offen, das hat mich gewundert und positiv überrascht, das ist eine neue Erfahrung", schwärmt er, "sehr okay, sehr angenehm."
Kleinere Scharmützel hat er sich mit dem Dirigenten Kirill Petrenko geliefert. Er habe eine Maschinenpistole eingesetzt im "Siegfried", sagt Castorf. "Die war dem Kirill zu laut. Wir mussten uns auf eine mittlere Feuerkraft einigen." Mitunter muss man den Menschen in Bayreuth eben erklären, in welch hartgesottenen Zeiten wir leben. "Es ist ja nicht mehr wie im 19. Jahrhundert, wo die Frauen massenhaft in Ohnmacht fielen wegen jeder Kleinigkeit."
Konflikte mit der Festspielleitung habe es "nur zwei- oder dreimal" gegeben, berichtet der Regisseur. Einmal wurde ihm offenbar das schwarze Stretchkleid einer Mitspielerin nicht erlaubt, ein andermal störten die hohen Absätze einer Darstellerin. "Natürlich wurde das mit Sicherheitsbedenken begründet, weil man angeblich stolpern könnte. Das hat eine Absurdität, die ich von der Staatssicherheit der DDR her gut kenne", sagt Castorf. "Ich bin neu in Bayreuth und versuche herauszufinden, was der Geschmack hier so ist. Stöckelschuhe gehen nicht."
Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner habe er vor Jahren durch den Kollegen Luc Bondy kennengelernt, so der Regisseur. "Hier in Bayreuth habe ich die beiden nicht oft gesehen. Eine inhaltliche Diskussion gab es eher nicht. Ich hatte den Eindruck, ihr Interesse gilt vor allem meiner Pünktlichkeit. Die ist nicht meine Stärke. Aber hier wurde mir klargemacht, dass man um zehn Uhr da sein muss. Das ist wie in der Manufaktur."
Castorf strahlt eine heitere Ruhe aus, die Souveränität eines Käpt'n Graubär, den so leicht kein Orkan mehr erschüttern kann. Er wünscht sich, dass die Zuschauer in Bayreuth, selbst die konservativsten der Wagnerianer, "vielleicht die Leichtigkeit, den Humor, eine gewisse überraschende Herangehensweise" seiner Regiearbeit zu würdigen wissen. Zugleich sagt er: "Man darf das alles hier nicht so wahnsinnig ernst nehmen. Warum auch?" Castorf lacht lautlos in sich hinein. "Ich will keinen Jahrhundert-,Ring' präsentieren. Mir reicht ein Jahres-,Ring'." Man kapiert sofort: Das Gegenteil ist wahr.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 30/2013
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