29.07.2013

BURMADie Zeit der Deals

Keine Revolution hat die früheren Machthaber weggespült. Die alten Eliten sind noch immer da und bereiten nun den Weg zu einer freieren Gesellschaft. Bei der Gestaltung des Wandels treffen sie auf die Opfer der Militärdiktatur.
Als Aung San Suu Kyi zum ersten Mal nach ihrer Freilassung den neuen Präsidenten von Burma traf, war ihr Lächeln verschwunden, das Lächeln einer Ikone. Streng und unnachgiebig sah sie aus, wie sie da neben Staatschef Thein Sein stand. Sie hielt Distanz. Jeder Zentimeter Abstand schien kostbar. Aber sie stellte sich vor die Kamera, gemeinsam mit einem Mann, der schon unter dem alten Regime Karriere gemacht hatte. Das war im August 2011.
Im Juni dieses Jahres sagte Aung San Suu Kyi, sie wolle Präsidentin ihres Landes werden. Sie erklärte das vor Delegierten eines Wirtschaftsforums in Burmas Hauptstadt Naypyidaw, sogar ein Minister hörte zu. Und als sie das sagte, klang sie ein bisschen kokett. Als habe sie gelernt, das Spiel zu beherrschen.
Jede Geste, jedes Wort von ihr in den vergangenen zwei Jahren war ein Test. Wie nahe ist sie jetzt den Militärs? Beugt sie sich? Und wer benutzt hier eigentlich wen? Schmücken sich die Militärs mit einer Friedensnobelpreisträgerin, oder bewegt die Friedensnobelpreisträgerin die Machthaber zum Wandel?
In der Gefangenschaft war Aung San Suu Kyi Vorbild durch ihre Unbeirrbarkeit. In Freiheit aber muss sie Moral und Pragmatismus miteinander verbinden, und wieder schaut ihr Land auf sie. Denn in Burma haben viele eine Geschichte von Feindschaft zu erzählen, und wenn selbst Aung San Suu Kyi, die Heilige, mit alten Generälen verhandelt, dürfen es die anderen dann nicht auch?
Entkommen können sie einander ohnehin nicht, die ehemaligen Feinde. Sie können sich nur entscheiden, ob sie die Kraft zur Versöhnung aufbringen oder den Willen zu einem Pakt. Wie aber kann das gelingen, wenn den Menschen noch ein halbes Jahrhundert Militärdiktatur in den Knochen steckt? Die einen wollen nicht an ihre Schuld denken. Die anderen können ihre Angst nicht vergessen. So geht es Toe Zaw Latt.
Kein Schild steht draußen an der Tür, drinnen sind die grünen Vorhänge zugezogen, eine Plane verdeckt den Balkon zur Hälfte. "Alte Gewohnheiten", sagt Toe Zaw Latt und lacht. Toe Zaw Latt war schon bei den Rebellen im Dschungel, damals in den achtziger Jahren, er hat aus Thailand für den Oppositionssender Democratic Voice of Burma (DVB) gearbeitet, er kennt sich mit Widerstand und Heimlichkeit aus, sein Leben lang hat er seinen Gegner studiert.
"Wenn du zu sehr in die Öffentlichkeit drängst, fühlen sie sich angegriffen", sagt er. Wen er genau damit meint, sagt er nicht. Auch nicht, vor wem er und seine Leute von der Democratic Voice of Burma sich eigentlich verstecken. Sie sind ja jetzt nicht mehr der Exilsender aus Norwegen, der seine Reporter verdeckt in Burma recherchieren lässt. Sie haben eine Redaktion in Rangun. Sie kämpfen nicht mehr gegen eine Diktatur der Generäle. Sie kämpfen gegen Stromausfälle. Auf dem Balkon ihres Büros steht ein Generator. "Wir versuchen uns anzupassen, mit unseren Gefühlen und äußerlich", sagt Toe Zaw Latt.
Er gibt sich Mühe mit der Anpassung, der Redaktionsleiter von DVB in Burma, 43 Jahre alt. Er trägt nicht mehr so oft Hosen, sondern knotet sich lieber ein langes Tuch vor den Bauch wie die meisten Männer hier. Sein Misstrauen aber lässt sich nicht einfach ablegen. Erst im März vergangenen Jahres ist Toe Zaw Latt in seine Heimat zurückgekehrt, nach 24 Jahren im Exil, mit australischem Pass, und natürlich sieht vieles hier nach einem neuen Burma aus.
Aung San Suu Kyi sitzt nun im Parlament, die EU hat ihre Sanktionen aufgehoben, Coca-Cola neulich eine Fabrik eröffnet, Präsident Thein Sein vorige Woche wieder einmal politische Gefangene freigelassen. Und die Menschen, die schon für Demokratie kämpften, als es noch lebensgefährlich war, bereiten sich gerade auf ein historisches Datum vor, den 25. Jahrestag ihres Aufstands. Am 8. August 1988 gingen die Studenten auf die Straße, es folgten wochenlange Demonstrationen, dann schlug die Militärjunta die Proteste nieder, tötete Tausende. Es wird eine Gedenkveranstaltung geben der "88 Generation Students Group". Die Gruppe operierte Jahre im Untergrund, jetzt stehen ihre Treffen in der Zeitung.
Toe Zaw Latt aber fragt sich, ob er dem Wandel trauen kann. Er hat schon als Wissenschaftler Transformationsmodelle von Gesellschaften untersucht, das Ende der Apartheid in Südafrika, den Zusammenbruch der DDR. Immer ging es darum, wie ein Land den Neuanfang schafft. Mal sind die früheren Machthaber mit einem Schlag weg, mal gibt es einen Prozess, in dem die neuen Eliten die alten ablösen, mal behält die herrschende Klasse die Kontrolle und lässt trotzdem Raum für neue Akteure. So ist es in Burma: Der Mann, der für den Wandel steht, Präsident Thein Sein, ist ein ehemaliger General. Im Parlament haben die herrschende Partei USDP und die Militärs die Mehrheit.
Toe Zaw Latt aber weiß, wozu burmesische Militärs fähig sind. Er war beim Aufstand 1988 dabei, musste fliehen und ertragen, dass die Regierung seinen Eltern erklärte, er sei tot. 17 Journalisten, die früher heimlich für seinen Sender arbeiteten, saßen im Gefängnis, weil sie über den Aufstand der Mönche 2007 oder das Versagen der Generäle beim Zyklon "Nargis" berichtet hatten. In Dreierteams waren die Democratic-Voice-of-Burma-Reporter damals unterwegs, einer filmte heimlich aus Kuchenschachteln, einer beobachtete die Geheimpolizei beim Beobachten, der dritte schaffte die Aufnahmen außer Landes. Erzähl nicht einmal deiner Mutter, dass du eine Kamera hast, so lautete die Regel.
Als die DVB im Sommer vergangenen Jahres anfing, offen in Burma zu arbeiten, musste sie erst einmal mit dem Ministerium für Information über ihren Namen verhandeln. Für die Militärs waren sie immer nur die "Saboteure" gewesen, die einen "Himmel voller Lügen" produzierten. Wie also sollte man sie jetzt offiziell registrieren? Das Wort "demokratisch" störte die Beamten nicht, aber der Ländername "Burma". Schließlich hatten sie ihren Staat in "Republik der Union Myanmar" umbenannt. Die Journalisten aus Oslo aber erklärten, Democratic Voice of Burma sei ein Markenname, am Ende einigten sie sich auf die Bezeichnung DVB Multimedia Group.
Es geht jetzt immer auch um die Fragen, welche Kompromisse man macht, wo der Verrat anfängt und welche Strategie legitim ist. Die Democratic Voice of Burma gibt inzwischen sogar Mitarbeitern des Staatsfernsehens Nachhilfe. Wie fragt man richtig? Was ist eine Nachricht? Dafür bekommt DVB vom Staatssender hin und wieder kostenlos Filmmaterial. Und das Informationsministerium hilft ihnen, ihre Studioausrüstung aus Oslo durch den burmesischen Zoll zu bringen. Seitdem sogar Präsident Thein Sein dem Sender ein Interview gab, haben die burmesischen Beamten begriffen, dass man den ehemaligen Staatsfeind respektieren muss.
"Wir wissen nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist. Und der Regierung geht es genauso", sagt Toe Zaw Latt. Acht ehemalige politische Häftlinge arbeiten noch heute für ihn in Burma, manche von ihnen wundern sich über die neue Nähe zum Staat. Doch die Zeit der Helden ist vorüber, die Zeit der Deals ist angebrochen.
Toe Zaw Latt sagt, sie würden das Informationsministerium dazu bringen, seinen Kurs zu ändern, am Ende würden alle davon profitieren. "Wir haben nicht Personen gehasst, sondern das System." Deswegen habe er auch zu Ye Htut, dem stellvertretenden Informationsminister, "gute Beziehungen". Er nennt ihn den "Facebook-Minister", weil er so aktiv ist im Netz.
Der Weg zum "Facebook-Minister" führt in die Hauptstadt Naypyidaw, gebaut in einer Zeit, in der die Generäle noch glaubten, sie könnten ihrer Macht Glanz verleihen durch 20-spurige Straßen. Nun steht sie da, diese Hauptstadt, monumental und menschenleer, und passt nicht mehr zu ihrer Regierung. 2005 hatten die Militärs Rangun den Rücken gekehrt, wohl auch, weil sie eine Invasion der Amerikaner fürchteten.
Inzwischen aber hat Burma einen Staatschef, der im Mai in Washington empfangen wurde und Präsident Obama Glückwünsche schickt zum amerikanischen Unabhängigkeitstag. Nun will man sich demokratisch geben, modern, aber das ist schwer inmitten einer Architektur der Diktatur.
Das Informationsministerium versteckt sich hinter Bäumen, ein trister Flachbau mit tristen Fluren, die Empfangshalle liegt im Halbdunkel. Höfliche Damen führen die Treppe hinauf, die Tür geht auf, und da sitzt er, Ye Htut, vor Panoramafenstern, mitten im Licht. Er lacht. Er lacht gern, der ehemalige Militär, er hat schöne weiße Zähne und ein Talent für Propaganda. Er spricht fließend Englisch, das, sagt er, habe er sich selbst beigebracht, er sehe gern BBC.
Ye Htut braucht nur eine Minute, dann hat er die Kernsätze schon gesagt: "In einem demokratischen Land gibt es keine Rolle mehr für Staatsmedien." Die Medien müssten nicht mehr die Regierung repräsentieren, sondern alle Bürger. Warum es sein Ministerium dann noch gebe? "Wir beaufsichtigen den Übergang."
Ye Htut ist jetzt viel auf Reisen, vergangenes Jahr war er in Skandinavien, in Deutschland. Er will lernen, wie man eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt aufbaut. Er ist stolz, dass seit dem 1. April private Tageszeitungen in Burma erlaubt sind. Er findet, die Regierung sei jetzt viel transparenter. Er sagt: "Wir sind die Guten, vertrauen Sie mir."
Und deutet mit dem Finger auf den Bildschirm. Er hat 44 814 Followers bei Facebook. "Ich erlaube der Öffentlichkeit, Kommentare zu schreiben. Und manchmal antworte ich auch auf diese Kommentare." Er erzählt, wie ihn manche im Netz beschimpfen, einen Lügner nennen, einen Affen, einen Hund. "Ich lasse sie", sagt er und freut sich selbst über seine Großzügigkeit.
Eine letzte Frage noch: Wird das Ministerium für Information auch noch in fünf Jahren existieren? "Das kann ich nicht sagen", sagt der Minister des Übergangs und verabschiedet sich.
Doch selbst wenn sich die Institutionen ändern und vielleicht sogar die Menschen, die Frage ist, wie man historisches Unrecht aufarbeitet und Gerechtigkeit schafft. Vor einen internationalen Strafgerichtshof lassen sich die burmesischen Militärs nicht stellen, dazu sind sie noch immer zu mächtig.
Toe Zaw Latt, der Rückkehrer aus dem Exil, will, dass eine Kommission eingerichtet wird mit Vertretern der Regierung, der Armee und der Opfer. Sie soll schlichten, zumindest aufklären. Es gibt so viel Unrecht in Burma, bis heute, Gräueltaten gegen Muslime und ethnische Minderheiten. Toe Zaw Latt sagt das auch den Regierungsbeamten, und die hören interessiert zu. Wahrheit ohne Strafe, darauf könnten sie sich vielleicht einlassen.
Than Htay aber wollte auf keine Kommission warten, im Juni unternahm er einen Sonntagsausflug zu seinem alten Peiniger. Er besuchte eine Galerie, doch er wollte sich nicht die Kunst anschauen, sondern den Kunstliebhaber, den Galeristen. Der Mann heißt Khin Nyunt und war früher einer der mächtigsten Männer Burmas, Chef des militärischen Geheimdienstes. Jetzt züchtet er Orchideen. Than Htay entdeckte ihn im Souvenirladen der Galerie, sah ein Gesicht, aus dem der Stolz gewichen war. Dann, so erzählt er es, reichte er ihm die Hand und sagte: "Ich heiße Than Htay. Ich bin ein ehemaliger politischer Häftling. Früher waren wir Feinde."
Eigentlich war Than Htay nur aus seinem Dorf nach Rangun gekommen, um Englisch zu lernen. Seit Wochen schon campt er im Büro der Former Political Prisoners (FPPs), einer Organisation, die sich um entlassene Häftlinge kümmert. Dort rollt er abends seine Matte aus und hilft der FPPs tagsüber bei der Arbeit. Sie versucht gerade, alle politischen Häftlinge zu erfassen, von 1962, als die Militärs die Herrschaft übernahmen, bis heute. 400 hat sie schon registriert.
Nun aber stand er vor dem Mann, der bis 2004 Premierminister war, hörte, wie Khin Nyunt sagte: "Das alles ist Vergangenheit." Sah, wie ihm die Röte in den Kopf stieg und er gar nicht mehr aufhörte zu lächeln, als ihm Than Htay seine Frage stellte: "Wie fühlen Sie sich angesichts der Dinge, die Sie getan haben?" Khin Nyunt wählte seine Worte sorgfältig: "Ich habe das Beste für mein Land getan. Manchmal aber machen Leute mit niedrigerem Rang Schlechtes."
Was diese Leute taten, haben Than Htay und die anderen erlebt, in Ketten mussten sie auf dem Boden hocken, bis die Muskelkrämpfe kamen. Einer der ehemaligen Häftlinge wohnt jetzt ständig im Büro der Hilfsorganisation, seine Familie will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er schläft im großen Zimmer unter dem Konferenztisch, weil er in kleinen Räumen nicht atmen kann. Er knirscht nachts mit den Zähnen, er weint viel. Wenn er nachdenken muss, geht er auf und ab, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, wie damals in seiner Zelle.
Die FPPs verhandelt jetzt mit der Regierung, wer noch freikommen soll. Gerade erst hat Präsident Thein Sein angekündigt, dass es zum Jahresende keine Häftlinge aus Gewissensgründen mehr geben werde. 2011 hatte derselbe Präsident die Existenz von politischen Gefangenen noch geleugnet.
"Werden Sie in Zukunft noch Politik machen?", fragte Than Htay den alten Diktator Khin Nyunt in seinem Garten. "Nein. Ich bin gelangweilt von Politik."
Khin Nyunt macht lieber Erinnerungsfotos. Als Than Htay und sein ehemaliger Peiniger nebeneinanderstanden, schlug Than Htay vor, sich an den Händen zu halten. Kurz bevor es klick machte, zog Khin Nyunt ihn plötzlich zu sich heran, so nah, dass sich ihre Oberkörper berührten. Der Mann, der es gewohnt war, über andere Menschen zu herrschen, diktierte auch die Art der Versöhnung.
Es gibt Menschen, die fragen, wie es sein kann, dass so ein Mann seinen Frieden machen darf zwischen Goldfischteich und Hollywoodschaukel, morgens einen Cappuccino in dem Café neben seiner Kunstgalerie trinkt, nachmittags in Jogginghose einen Mangobaum pflanzt. Mango ist die Lieblingsfrucht dieses freundlichen Rentners in Flip-Flops, der gern über seine zwei Schäferhunde redet und über die 25 verschiedenen Orchideenarten in seinem Garten, aber nicht über die Verbrechen der Militärjunta und seine Verantwortung.
Die Democratic Voice of Burma hat diesen Monat den zornigen Kommentar eines Wissenschaftlers veröffentlicht. In Burmas "schöner neuer Welt der Demokratie", schreibt dieser, seien Aufdeckung und Verdammung von Verstößen politisch sensibel, Gerechtigkeit sei irrelevant. "Wenn Khin Nyunt und seine Kollaborateure sich den Gerichten in diesem Leben entziehen, werden im nächsten Leben hungrige Geister auf sie warten."
Than Htay sagt, er wolle nicht weiter über ihn nachdenken. Er hat jetzt anderes im Kopf. Er macht gerade seinen Führerschein. Die anderen von den Former Political Prisoners aber können von dem Unrecht nicht lassen. Sie wollen es dokumentieren, für die Geschichtsbücher, und weil die Entlassenen entschädigt werden sollen. Die Formulare mit den Namen der ehemaligen Gefangenen lagern sie an einem geheimen Ort, zur Sicherheit. Sie haben schon mit der Vergangenheitsbewältigung angefangen, ohne zu wissen, ob das System, das sie quälte, wirklich schon Vergangenheit ist.
Ein Mann aber hat dafür gesorgt, dass der Übergang von der Vergangenheit in die neue Zeit für ihn ein fließender ist. Am 20. August 2012 gelang es Tint Swe, sich selbst abzuschaffen und dabei unsterblich zu werden. Der Chefzensor von Burma verkündete an diesem Tag, dass künftig keine Artikel mehr vorab bei seiner Behörde eingereicht werden müssten. Der Nachrichtenagentur AFP schenkte er den Satz: "Die Zensur begann am 6. August 1964 und endete 48 Jahre und zwei Wochen später."
Tint Swe ist der Wandel gut bekommen. Sein Hals quillt über den Rundkragen, sein schwerer Körper findet Platz auf einem roten Sofa. Tint Swe ist jetzt Fernsehdirektor.
Welcher Job war schöner?
"Als Staatsbeamter muss ich akzeptieren, wozu ich verpflichtet bin", sagt er. Über 20 Jahre diente er dem Militär, 7 Jahre diente er der Gedankenkontrolle, jetzt soll er der Gedankenfreiheit dienen. Sein Staatssender muss eine moderne Rundfunkanstalt werden, hat ihm das Ministerium aufgetragen.
Tint Swe darf weitermachen im Spiel der Mächtigen, er hat nur den Chefsessel gewechselt. Dabei ist sein alter Machtapparat nicht nur zerstört, sondern auch entblößt. Die Journalisten lachen jetzt über die Seiten mit den roten Strichen, die sie von der Zensurbehörde zurückbekamen, sie heben sich alte Zeitungen als Andenken auf. Alle können jetzt sehen, welche Wörter und welche Wirklichkeit Tint Swe tilgen ließ, welche Wahrheit ihm weh tat. Bei dem Begriff "politischer Häftling" strich er das "politisch", Aung San Suu Kyis Bild musste weg, genauso das Wort "korrupte Regierungsbeamte".
Drei Tage lang brüteten Tint Swes Leute jeweils über einer Wochenzeitung, einen Tag lang über die zweite Fassung, einen halben Tag über die dritte. Tint Swe sagt, sein alter Job sei ermüdend gewesen. Am Tag, als er das Ende der Zensur bekanntgab, habe er Freude gespürt.
Doch die neue Freiheit ist auch anstrengend für ihn. Wie soll er die Unabhängigkeit der Presse preisen, die er selbst verhinderte? Der Major findet keine klare Verteidigungsstrategie. Er sagt: "Wir mussten das tun - für die Stabilität des Landes. Zu dieser Zeit war das gesetzmäßig." Er sagt: "Seit ich dort arbeitete, wurde uns mitgeteilt, Schritt für Schritt die Zügel zu lockern."
Mal spricht der Soldat in ihm, mal der Schriftsteller. Tint Swe hat sieben Bücher geschrieben, über Militärisches, Buddhismus und Moral. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn andere über die eigenen Texte bestimmen. Ein Jahr und einen Monat habe er mal auf eine Druckerlaubnis für ein Buch gewartet. Das war vor seinem Amtsantritt. Ein Rest Empörung liegt noch in seiner Stimme. "Als ich die Stelle übernahm, dauerte es nie länger als zwei Monate, bis ich ein Buch genehmigte."
Glücklich ist er hier nicht, in seiner Sendezentrale. Natürlich, sein neues Büro ist größer, aber er mag Rangun einfach lieber. Dort ist er geboren, dort lebt seine Familie. Außerdem sei Fernsehen ja nicht sein Bereich. Aber er hat nun einmal den Befehl, ein neues Fernsehprogramm zu machen, und diesen Befehl führt er aus.
Toe Zaw Latt, der Mann von der Democratic Voice of Burma, und der alte Chefzensor sind jetzt Konkurrenten im Mediengeschäft - wenn alles so weiterläuft wie bisher und die Militärs nicht plötzlich die Lust am Wandel verlieren.
Tint Swe hat schon ein neues Buchprojekt. Er wartet nur noch auf den passenden Zeitpunkt. Der alte Chefzensor will über die Jahrzehnte der Zensur schreiben, vollkommen unzensiert.
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 31/2013
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