29.07.2013

RELIGIONSGESCHICHTE Erlösung ohne Erlöser

Forscher enthüllen die wahre Herkunft der indischen Spiritualität: Die angeblich uralten Geisteslehren sind eine Erfindung der westlichen Moderne - und das gymnastische Yoga haben europäische Turner und Bodybuilder entwickelt.
Chicago, 11. September 1893. Tausende sind zusammengekommen zum Weltparlament der Religionen. Erstmals treffen sich hier Gefolgsleute aller bedeutenden Götter auf Erden. Für ein paar Tage herrscht Waffenstillstand im Kampf um die Seelen.
Der erste Tag ist schon fast um, da eilt ein schmucker Mönch in ockerfarbener Robe auf die Rednerbühne. Er tritt für die Hindus an. Der Mönch aus Indien ist aufgeregt, niemand hat ihn eingeladen. Die Nacht verbrachte er in einem Güterwaggon, weil er keine Bleibe fand. Er fasst sich und beginnt. Sektierer und Fanatiker, ruft er, hätten allzu lange schon die Welt beherrscht. Sein Glaube dagegen lehre die Menschheit allumfassende Toleranz. Für den Hindu seien alle Religionen wahr - so wie alle Ströme ins Meer mündeten, zu Gott.
Das Publikum jubelt und klatscht. Die anderen Religionen sehen auf einmal engstirnig aus, zänkisch, gestrig. Ausgerechnet dieser selbstbewusste Hindu aus der Kolonie, wo der Pfeffer wächst, stiehlt ihnen auf dem Gipfeltreffen die Schau. Er sei der Sohn eines vermögenden Rechtsanwalts, heißt es, westlich gebildet. Sein Name: Swami Vivekananda.
Die Rede ist eine Sensation. Überall wollen die Leute nun hören, was Vivekananda zu sagen hat. Er reist durch die USA, hält Vorträge, wird auf Abendgesellschaften herumgereicht. Jahrelang ist er unterwegs, später auch in Europa, es ist die Mission seines Lebens.
Damit beginnt die Karriere eines historischen Irrtums, der bis heute besteht: Die uralte indische Spiritualität, wie sie jeder zu kennen glaubt, hat es nie gegeben.
Vivekananda hat sie erfunden.
Das behauptet Peter van der Veer, Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Jahrelang ging der Anthropologe der Frage nach, wie es kam, dass der Westen sich so nachhaltig von der asiatischen Weisheit verzaubern ließ. Dabei stieß er auf die Geschichte einer erstaunlichen Verkennung.
Vivekananda wusste, was die Leute hören wollten. Indien habe ein Geschenk für die Welt, so predigte er landauf, landab: geistigen Reichtum, Spiritualität im Überfluss! Genau die Güter, die der entseelte Westen am meisten entbehre.
Allerdings verschwieg der Wandermönch auf seiner Mission so einiges Unfeine, das dem gemeinen Hindu zu Hause lieb und heilig war - allem voran die Göttin Kali, die mit gebleckter Zunge auf dem Gott Shiva herumtrampelt, um den Hals eine Kette baumelnder Schädel. "Die Zeitgenossen im Westen hätten das abscheulich gefunden", sagt van der Veer.
Auch die anderen indischen Götter mit ihren Elefantenrüsseln und Affenköpfen erschienen Vivekananda nicht vorzeigbar; er ließ sie außer Sicht wie peinliche Verwandte. Kein Wort zudem über das magische Brimborium der zotteligen Yogis in der indischen Heimat, die behaupteten, von Luft zu leben oder durch Gedankenkraft fliegen zu können.
Vivekananda schuf stattdessen eine ätherisch reine Spiritualität, die es nur in seiner Vorstellung gab: ein Produkt, maßgefertigt für Chicago, für den Westen. Die Begeisterung seines Publikums gab ihm recht.
Was wir bis heute unter asiatischer Spiritualität verstehen, sagt der Anthropologe van der Veer, sei vor allem Vivekanandas Werk. Auf dem Markt der Weltanschauungen war der Mönch aus Kalkutta ein Exportgenie. Seine Erfindung traf so genau den Bedarf der Zeit, dass er zu einer Schlüsselfigur der westlichen Moderne wurde.
Überall in Europa suchten die Menschen damals nach einer Alternative zur herrschenden Religion. Die Christenkirche galt ihnen als dogmatisch, unfroh, verstrüppt mit den weltlichen Mächten. Anstelle des überlieferten Glaubensgebäudes machte sich die moderne Wissenschaft breit: rational, interessiert nur am Nachweisbaren, vielen zu kalt. Wer nicht ganz ohne höheren Sinn auskommen mochte, litt an der Lücke.
Indien bot sich an, diese zu füllen. Der ferne Subkontinent stand für das ganz Andere. Unter Gelehrten war es in Mode gekommen, Sanskrit zu lernen. Romantische Schwarmgeister wie die Brüder Schlegel hingen ihr an, aber auch nüchterne Aufklärer wie der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt.
An der Hindu-Religion lockte vor allem die Aussicht auf Erlösung schon im Diesseits, ganz ohne Erlöser. "Das war das große Versprechen des Hinduismus", sagt Anthropologe van der Veer. "Du kannst ein anderer Mensch werden durch Experimente mit dem Leib."
Die heiligmäßigen Yogis und Fakire bezeugten, was sich mit so einem Leib äußerstenfalls anstellen ließ. Vivekananda wusste, welchen Eindruck diese Entsagungskünstler auf den Westen machten. Aber er kannte auch die indische Realität. Die Asketen gingen ihren Landsleuten oft genug auf die Nerven: heilige Nichtsnutze, die sich auf Kosten der Allgemeinheit exklusiv ihrer Befreiung aus dem Erdengewimmel widmeten. Ihr zudringliches Gebettel galt vielen als Plage. Sich mit ihnen anzulegen war aber auch nicht ratsam. Die Yogis, geübt in Atemtechnik und Körperkontrolle, zeigten häufig beachtliche Kampfstärke.
Die Askese hat ihre Wurzeln im Kriegsdienst, in der Vorbereitung auf den Kampf. Über Jahrhunderte hinweg standen indische Asketen bei diesseitigen Herrschern im Sold. Sie überwachten die Handelswege des Subkontinents gegen die Angriffe räuberisch lebender Kasten, und sie verdingten sich als Krieger für regionale Könige. Nackt oder knapp geschürzt zogen sie in die Schlachten, gefürchtet wegen ihrer Furchtlosigkeit. Als Waffen trugen sie oft nur ihre angestammten Stöcke. Viele schwangen aber auch Keulen, Dreizacke oder Feuerzangen.
Die kriegerischen Asketen organisierten sich in eigenen Regimentern, straff geführt von ihren geistlichen Oberhäuptern. Bei Bedarf konnten sie ganze Armeen aufbieten. In Friedenszeiten gab es häufig Klagen über marodierende Banden.
Als die britischen Kolonialherren Indien in Besitz nahmen, beeilten sie sich, diese paramilitärischen Wanderkämpfer zu entwaffnen. Viele Asketen wichen aus in die Schaustellerei. Sie posierten aschebeschmiert in zentnerschweren Ketten, standen stundenlang auf dem Kopf oder verknoteten als Schlangenmenschen ihre Gliedmaßen. Reisende berichteten schaudernd von Männern, die ihre Fäuste so lange geballt hielten, bis ihnen die Fingernägel ins Fleisch wuchsen.
Dem modernen Inder der Mittelschicht waren diese Gaukler ein Graus, ein Inbild des alten, rückständigen Indien. Swami Vivekananda sah das genauso: kaum eine Tradition weit und breit, aus der sein gedemütigtes Land neuen Stolz hätte beziehen können. Sogar sein eigener hochverehrter Meister, der berühmte Guru Ramakrishna, war für die Zwecke der nationalen Erweckung nur bedingt geeignet.
Dieser Ramakrishna, ein ungebildeter Mann aus einem bengalischen Dorf, hauste als einfacher Priester in einem Tempel der grauenhaften Göttin Kali am Ganges. Fast täglich brachte er Stunden in Ekstase zu, besessen von Kali, wie er behauptete.
"In diese Welt konnte ihm der gebildete Städter Vivekananda einfach nicht folgen", sagt Max-Planck-Forscher van der Veer. "Was er schließlich schuf, war etwas Neues, sehr weit weg von seinem Meister."
Vivekananda strich die Götter, die umständlichen Rituale, den Tempeldienst der Hindus. Übrig blieb wenig mehr als die Meditation, die Kunst der Versenkung. Und, als Gerüst, eine neue Lehre vom Yoga.
Bis dahin bestand Yoga aus einem Durcheinander irgendwie erlösungsdienlicher Übungen; jeder Tempel im Land konnte das anders halten. Vivekananda machte daraus eine klare Methode, die auch die westliche Kundschaft verstehen konnte. Sein Ziel war ein aufgeklärtes Yoga, nützlich und gesund, dem Westen intellektuell ebenbürtig. "Er sah Yoga als die indische Wissenschaft von der höheren Bewusstheit", sagt van der Veer, "eine Art Spiritualität light."
Im Westen schlug die Idee sofort ein - und keineswegs nur unter frommen Seelen. Viele aufgeklärte Köpfe ließen sich bezaubern, darunter auch stramme Kämpfer gegen Kirche und Establishment.
Politisch links und kosmisch erleuchtet, das war im 19. Jahrhundert kein Widerspruch. Speziell in Frankreich und England mischte sich die Verehrung des Ostens mit dem Protest gegen dessen Ausbeutung: Durfte man eine spirituell derart überlegene Kultur unterwerfen, nur um Tee, Opium und Baumwolle zu ergattern?
Die britische Sozialistin Annie Besant etwa ging für Jahre nach Indien, um dort für die Unabhängigkeit der Kolonie zu streiten. Im Jahr 1917 wurde sie zur ersten Präsidentin einer Partei gewählt, die sich Indischer Nationalkongress nannte - später sollte ein gewisser Mahatma Gandhi den Posten übernehmen.
In Besants Laufbahn gingen Wissenschaft, Politik und Geisterglaube munter durcheinander: Als eine der ersten Frauen hatte sie an der Londoner Universität studiert. Wenig später organisierte sie den Streik der Londoner Zündholzarbeiterinnen gegen ihre Hungerlöhne - mit Erfolg. Der Klassenkampf hinderte die Sozialistin aber nicht daran, zu einer Wortführerin der esoterischen Theosophen-Bewegung aufzusteigen.
Ähnlich unbefangen ging es in den vielen "Secular Societies" zu, die in England für den Fortschritt trommelten. In diesen Vereinen saßen sozialistisch gesinnte Handwerker und Kleinbürger zusammen. Sie begeisterten sich gleichermaßen für fernöstliche Geistigkeit wie für die moderne Wissenschaft - zu der sie aber auch großzügig den Spiritismus rechneten. "An dem einen Abend luden sie einen Forscher zum Vortrag über die Evolutionstheorie", sagt van der Veer, "und am nächsten Abend kam das Beschwören von Geistern an die Reihe."
Auch wer radikal gegen die alte Ordnung antrat, durfte sich damals mit übersinnlichen Kräften verbünden. Er glaubte ja nicht einfach wie die Schäflein der Kirche, was die Obrigkeit vorschrieb - er forschte nach, machte Experimente. Deshalb ging selbst das Gläserrücken unter den linken Spiritisten als moderne Errungenschaft durch. Denn jetzt brauchten sie keine Theologen mehr. Die Toten sollten ihnen sagen, was nach dem Tode kommt.
Nebenbei hofften die Geistersinnigen, im Jenseits alte Meister aufzuspüren und Zugang zu deren Wissen zu erlangen. Der direkte Weg zu den Quellen war ihnen, bis auf wenige Ausnahmen, noch versperrt. Die Universitäten, von Oxford bis Cambridge, waren der Kirche und dem Adel vorbehalten.
Also machte sich das Volk seine Wissenschaft selbst. Bis heute eint die tapfere Liebe zum Experiment die Esoteriker aller Grade. "Zwar kommt nur selten heraus, was sie sich erhoffen", sagt Religionsforscher van der Veer, "aber im Zweifelsfall war eben das Experiment falsch angelegt."
Erstaunlich lange blieb die Moderne verwickelt mit dem Irrationalen. Die Aufklärung hat nicht einfach die Welt entzaubert - viele Leute wollten nun endlich selber zaubern. Sie wollten ihre eigenen Erfahrungen machen mit den höheren Mächten.
Dieser spirituelle Eigensinn ist kennzeichnend für den langen Übergang in die Moderne. Er beginnt schon in der Frühzeit der Aufklärung. Damals lösten sich viele Esoteriker von der kirchlichen Lehre: Freimaurer, Rosenkreuzer, später auch die Illuminaten. Sie alle nahmen sich, mehr oder weniger offen, die Freiheit, ihr Weltbild selbst zu fabrizieren.
Mit ihren eigenwilligen Doktrinen hätten die Esoteriker das Monopol der großen Christenkirchen gelockert, glaubt Monika Neugebauer-Wölk, Historikerin an der Universität Halle-Wittenberg. Ausgerechnet die Geistergläubigen, untereinander meist spinnefeind, brachten die Toleranz auf die Tagesordnung der Geschichte.
Sie hatten einfach das große Hauen und Stechen im Namen Gottes satt. "Die Esoteriker suchten nach der Urreligion, von der die anderen abstammen", sagt Neugebauer-Wölk. Mit dem Nachweis, alle Menschen seien doch Kinder eines Glaubens, hofften sie, die verheerenden Religionskriege auf ewig zu unterbinden.
Führende Aufklärer sympathisierten mit den Esoterikern - auch weil diese so frischen Forschergeist zeigten: Sie studierten uralte Schriften, versuchten sich an der Beschwörung von Toten und heilten einander mit Magneten. Dabei ging es um die Vervollkommnung des Menschen aus eigener Kraft, um die Erlösung ohne Erlöser - auf den gleichen Gedanken waren die Hindus in Indien gekommen.
"Was heute Esoterik heißt, nannte man damals oft die Religion der Klugen", sagt Neugebauer-Wölk. "Auch ein Mann wie Lessing hätte das unterschrieben."
Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing ("Nathan der Weise") liebäugelte mit der Suche nach der Urreligion. Dem umtriebigen Adolph Freiherrn Knigge wiederum gefiel es, dass Bürger und Adel sich bei den Freimaurern mischten, er gab dort gern den Sozialrebellen. Und selbst eine Lichtgestalt der Aufklärung wie Georg Forster, Professor für Naturkunde in Kassel, trat insgeheim dem obskuren Orden der Gold- und Rosenkreuzer bei. Er schlich über hessische Feuchtwiesen und suchte "Sternschnuppensubstanz" aus Meteoriten, um daraus Gold zu fabrizieren (später ging dem Gelehrten auf, dass er Froschlaich gesammelt hatte).
So ging es lange Zeit durcheinander. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts war es vorbei mit dem losen Spintisieren. Die Wissenschaft zog ihre Grenzen eng und enger, das Okkulte geriet zunehmend unter Aberglaubensverdacht. "Die Esoteriker befürchteten, ins Aus zu geraten", sagt Neugebauer-Wölk. "Also mussten sie jetzt selbst wissenschaftlich werden."
Damit begann eine wunderliche Kampagne. Ihr Motto: Wir schlagen die "Schulweisheit" mit ihren eigenen Mitteln, mit knallharten Belegen, mit Empirie und Evidenz. Rückschläge halten die Bewegung bis heute nicht auf; die gehören zum Geschäft, wenn man experimentiert und auf der Suche ist.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein begeistern sich sogar Leuchten der Wissenschaft fürs Übersinnliche. Der große Alfred Russel Wallace etwa, neben Darwin ein Mitbegründer der modernen Evolutionstheorie, sprach mit den Geistern von Toten. Der Hochenergiephysiker und Bestsellerautor Fritjof Capra ("Das Tao der Physik", "Wendezeit") propagierte die Vereinigung von Teilchenphysik und östlicher Mystik. Mit ökospirituellem Schwurbel über ganzheitliches Bewusstsein und die "Kommunion des einzelnen mit dem Kosmos" wurde er zum akademischen Lieblingsguru des "New Age".
Der Philosoph Peter Sloterdijk zog in den Siebzigern sogar ins indische Pune zu einem gewieften Menschenfischer, der sich Bhagwan nannte. Der sagenhafte Ashram dieses Gurus galt unter gebildeten Sinnsuchern aus dem Westen damals als die Weltzentrale der Erleuchtung.
Die Sympathie mancher Großdenker fürs Spirituelle sei wohl kein Zufall, sagt Sloterdijks Mainzer Kollege Thomas Metzinger. Er glaubt, dass im Idealbild des Forschers eine gewisse Spiritualität schon angelegt sei: der unentwegt Suchende, der fern vom Erdengetriebe der Wahrheit zustrebt. Er darf sich nichts vormachen, und er muss bereit sein, gesicherte Positionen jederzeit wieder aufzugeben, wenn neue Befunde ihnen widersprechen.
Metzinger plädiert dafür, diese Ehrlichkeit zu sich selbst als Tugend zu kultivieren. Ihm schwebt eine weltliche Spiritualität vor, das Gegenteil des Glaubens, der einfach glaubt. Ihr wichtigstes Mittel sei die Übung des Geistes durch Meditation. "Ich selbst", sagt der Philosoph Metzinger, "meditiere regelmäßig seit 36 Jahren."
Metzinger reiste auch häufig nach Indien. Von uralter Spiritualität zeigte sich ihm dort aber keine Spur: "Was ich gefunden habe, waren fette Mönche, die Jutetaschen und Buttons verkaufen im Ashram eines Meisters. Da war nirgendwo etwas, das noch lebt. In Indien herrscht tiefster Aberglaube wie im niederbayerischen Katholizismus."
Auch im Indien des 19. Jahrhunderts, zur Zeit des Swami Vivekananda, dürfte nur wenig dem erhabenen spirituellen Ideal entsprochen haben.
Nicht einmal das Yoga ist echt. Eine uralte Körperkultur? Nur ein Mythos. Der britische Religionswissenschaftler Mark Singleton hat ihn zerlegt. In seinem Buch "Yoga Body" weist er nach: Das gymnastische Yoga, wie wir es kennen, ist keine hundert Jahre alt.
In den klassischen Schriften der Hindus - den Upanishaden, der Bhagavadgita - ist von Yoga kaum die Rede. Und wenn, dann geht es um geistige Vervollkommnung, um Meditation. Körperliche Übungen, sofern überhaupt erwähnt, dienen vor allem der Atemkontrolle und der hohen Kunst des Stillsitzens.
Der Yogi strebt nach Versenkung, nicht nach Verrenkung.
Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts kannten die Inder kaum eine der zahllosen Figuren, "Asanas" genannt, die heute weltweit in Studios und Kursen gelehrt werden: die "Kobra", den "herabschauenden Hund", die "stehende Schildkröte". Selbst Swami Vivekananda, der Begründer der modernen Yogalehre, wandte sich scharf gegen alles Turnerische. Seine Spiritualität war ein geistiges Projekt.
Zur Gymnastik fanden die Inder erst, als körperbegeisterte Westler ihnen was vorturnten - Eugen Sandow zum Beispiel, gebürtiger Ostpreuße und Begründer des Bodybuildings. Den "Schwarzenegger des späten 19. Jahrhunderts" nennt ihn der Heidelberger Indologe Axel Michaels.
Sandow machte seinen wohlmodellierten Körper zu einem Spektakel von fast sakraler Erhabenheit: Weiß gepudert oder mit Bronzefarbe bemalt, posierte er als Statue auf den Bühnen der Welt. Tourneen führten ihn durch England und die USA. Er verkaufte Trainingsgeräte und Ratgeberbücher, gab eine Zeitschrift heraus und gründete eine Kette von Fitnessstudios, in denen die Körperkultur nach Sandow gelehrt wurde.
1905 reiste der schmucke Kraftmensch durch Indien - und auch hier riss er das Publikum hin: Dieser Yogi aus dem Westen sah besser aus als die ausgezehrten Asketen von nebenan. Bald eiferten ihm viele Inder nach. Es kam in Mode, im Geiste Sandows den Körper zu formen.
Ein schwedischer Dichter gehört ebenfalls in die unwahrscheinliche Ahnengalerie des Yoga: Pehr Henrik Ling, ein Pionier der Massage und der heilkräftigen Gymnastik. Lings Lehre verbreitete sich rasch in ganz Europa, auch weil sie ohne Kraftmaschinen, Hanteln und Turngeräte auskam. Die Briten führten die "schwedische Gymnastik" sogar in ihren Schulen und in der Armee ein. Über diesen Weg gelangten Lings Ideen nach Indien.
Um die praktische Verbreitung vor Ort kümmerte sich vor allem der Christliche Verein junger Männer (YMCA). Dieser rege Verein war in Indien überall vertreten. Er zählte zu seiner Mission auch die Leibeserziehung des Kolonialvolks - das freilich unnötige Verausgabung nicht besonders schätzte. Deshalb tüftelten die Fitness-Apostel des YMCA, in Anlehnung an die bekannten Yoga-Posen, unentwegt neue Asanas für sie aus.
"Yoga im gymnastischen Sinn gab es bis dahin in Indien nicht", sagt der Indologe Michaels. Der Westen dagegen blickte schon auf eine reiche Tradition des Ertüchtigens zurück, gestiftet vom Deutschtümler Friedrich Ludwig Jahn. Im Zuge der Industrialisierung war daraus ein wahrer Körperkult geworden.
Der "Turnvater" Jahn hat zum Yoga, wie es zahllose Studios heute betreiben, wohl mehr beigetragen als die asiatischen Asketen. Indien lieferte aber im Gegenzug den Überbau: Nur im vermeintlichen Mutterland der Spiritualität ließ sich die biedere Gymnastik zu einem geistvollen Mysterium veredeln.
Der Westen wirkte also allseits mit an der Spiritualität aus dem Osten: als Lieferant von Vorbildern, als Veredler des Produkts - und als sein eigener Kunde.
Es war ein Wechselspiel. Indien wiederum formte in erstaunlichem Maße das Gedankengut des Westens. Swami Vivekanandas Idee vom friedlichen, durchgeistigten Osten als Gegenwelt wurde zu einer realen Macht der Moderne. Sie schlich sich sogar ins Innerste ihrer Vorstellungswelt: in ihre Bilder, in die Kunst.
Der Maler Wassily Kandinsky sah sich als Pionier einer neuen Spiritualität. In seiner berühmten Denkschrift "Über das Geistige in der Kunst", erschienen 1911, nahm er praktisch Abschied vom Diesseits. Seine Kollegen Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian folgten ihm nach. Ihre Bilder malten sie auch gegen den Materialismus, die Vergötzung der Dinge, die Warenwelt. Die Kunst kehrte sich ab vom Gegenständlichen, sie wurde leer und abstrakt: eine visuelle Meditation über Farbwerte und Formen.
Die moderne Kunst des Westens sei ohne den Mönch Vivekananda nicht denkbar, glaubt Anthropologe van der Veer - ein weiterer Beleg für die beispiellose Erfolgsgeschichte einer Idee.
In Indien selbst war die Wirkung der neuen Spiritualität zwiespältig. "Die normalen Leute bekamen davon gar nichts mit", sagt van der Veer. "Die sind immer bei ihren alten Göttern geblieben." Aber der gebildeten Mittelschicht dämmerte mit der Zeit, dass Vivekanandas Lehren die Welt erobert hatten. "Sie sagten sich: Wenn der reiche Westen sich für die indische Spiritualität begeistert, dann können wir wohl stolz darauf sein."
So entdeckten nun auch die Inder ihre angeblich uralte Tradition - als Reimport aus dem Westen.
In Indien sind die Menschen bis heute überzeugt, im Besitz eines einzigartigen Erbes zu sein. Max-Planck-Forscher van der Veer fand diesen Nationalstolz sogar in der Hightech-Metropole Bangalore: "Die Programmierer dort halten die indische Spiritualität für ein Privileg", sagt er. "Das gilt auch für ihren Beruf. Sie glauben zum Beispiel, dass sie einen Vorsprung haben, wenn es um die Entwicklung Künstlicher Intelligenz geht."
Die überlieferte Hindu-Religion spielt freilich im Alltag der städtischen Mittelschicht von Bangalore kaum mehr eine Rolle. Was heutige Inder für spirituell halten, ist jünger - und vor allem amerikanischen Ursprungs.
In den Siebzigern und Achtzigern zogen viele studierte Inder in die USA, um als Ärzte oder Ingenieure zu arbeiten. In der neuen Heimat aber war gerade das "New Age" angebrochen. Die verblüfften Zuwanderer fanden sich wieder inmitten von Karrieregurus, Geistheilern und Räucherstäbchenhökern, deren Kundschaft gewinnbringend für Indien schwärmte. Die Amerikaner hatten offenbar die indische Spiritualität abermals neu erfunden: als Mix aus Wellness, Selbstoptimierung und gelegentlich einem Pfeifchen.
Heute sei die Idee von der Spiritualität längst nicht mehr der fortschrittliche Gegenpol zur starren Staatsreligion, sagt van der Veer. Ihr rebellischer Geist habe sich erschöpft. Geblieben sei ein Etikett, das höheren Sinn vorgaukelt. In Indien, sagt der Forscher, werde einem heute sogar rechtschaffenes Kunsthandwerk als typisch spirituell angedreht.
Im Westen lebt ein blühender Sektor des Buchmarktes vom Abglanz östlicher Geistigkeit - mit Titeln wie "Yoga-Tools für Super-Manager" oder "Die Yoga-Kriegerin: Power für Körper und Seele". Es gibt "Quick-Yoga in fünf Minuten", Yoga für Pferd und Reiter und Yoga speziell für den Hund.
Und moderne Unternehmen schicken ihre Angestellten zwecks spiritueller Ertüchtigung zum Business-Yoga. Selbst der erznüchterne Suchkonzern Google, der nur an die Macht der Daten glaubt, wagt sich bereits auf den Pfad der Innerlichkeit. Die Firma bietet ihren Mitarbeitern unter anderem eine Fortbildung in fernöstlicher Achtsamkeitsmeditation; sie zählt zu den beliebtesten im ganzen Sortiment.
Der Kurs heißt, passend zum Geschäftszweck: "Suche in dir selbst".
Von Dworschak, Manfred

DER SPIEGEL 31/2013
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