29.07.2013

KONZERNEFührungskrise bei Siemens

Siemens-Vorstandschef Peter Löscher steht vor der Ablösung. Zugleich muss sich auch sein Aufsichtsratschef Gerhard Cromme interner Kritik stellen. Eine Gewinnwarnung, die Löscher am Donnerstag vergangener Woche zu verkünden hatte, beschleunigte nur die Absetzbewegungen innerhalb des Kontrollgremiums. Die Arbeitnehmerseite kritisiert den 55-jährigen Österreicher schon länger für seine Sparpolitik. Die Kapitalseite verlor in den vergangenen Monaten ebenfalls Vertrauen. Löscher hatte es nicht geschafft, den Münchner Industrieriesen aus den Schlagzeilen zu bringen. Die Pannen und Peinlichkeiten rund um das Offshore-Geschäft der vier Umspannwerke in der Nordsee oder die immer weiter verzögerte Auslieferung von 16 neuen ICE-Zügen an die Deutsche Bahn spielen dabei eher eine Nebenrolle. Löscher wird bis in den eigenen Vorstand hinein vor allem dafür kritisiert, dem Industriekonzern keine klare Zukunftsvision geliefert zu haben. "Der Offensivteil fehlt", hieß es dort. "Der muss schleunigst erbracht werden." Es wurden unter Löscher zwar viele Umsatz-, Rendite- sowie Einsparziele verkündet - und verfehlt. Aber ein klares Ziel, das die weltweit 370 000 Beschäftigten des Industriemultis hätte mitreißen können, blieb er schuldig. Direkte Siemens-Konkurrenten wie etwa General Electric präsentierten sich aktuell robuster.
Als interne Nachfolger waren Ende vergangener Woche gleich drei von Löschers Vorstandskollegen im Gespräch, die zum Teil schon seit Jahrzehnten im Unternehmen aktiv sind. Der Jüngste von ihnen, Michael Süß, 49, leitet den nach Umsatz größten Siemens-Sektor Energie, gilt aber mit seiner rauen Art als den Gewerkschaftern im Kontrollgremium kaum vermittelbar. Siegfried Russwurm, 50, führt den Industrie-Sektor, der mit rund 100 000 Mitarbeitern die größte Belegschaft zählt. Zudem war Finanzvorstand Joe Kaeser im Gespräch, seit 33 Jahren "Siemensianer" und wohl der beste Kenner auch der letzten Flügelschraube im Unternehmen. "Ich bin zwar 56, fühle mich aber wie 46", scherzte er erst kürzlich intern.
Am Wochenende wollten Kapital- und Arbeitnehmerseite zunächst unabhängig voneinander tagen, um mögliche Nachfolger auszuloten. Aufsichtsratschef Cromme gilt indes selbst als angezählt, seit er im Frühjahr seinen Posten an der Spitze des Kontrollgremiums von ThyssenKrupp räumen musste. Ende vergangener Woche sah es allerdings so aus, als wolle die Mehrheit des Aufsichtsrats sich eher von Löscher als von Cromme verabschieden.
Externen Kandidaten wurden als Nachfolger Peter Löschers keine allzu großen Chancen eingeräumt. In der 166-jährigen Siemens-Geschichte ist er erst der 14. Vorstandschef überhaupt - und der erste, der von außen kam. Als er im Sommer 2007 antrat, tat das Siemens nur gut: Der frühere Merck-Manager konnte unbelastet von den hausinternen Flügelkämpfen die Korruptionsaffäre seiner Vorgänger aufklären, die den Konzern fast die Existenz, am Ende aber immerhin mehr als zwei Milliarden Euro kostete. Seit Ende seiner ersten Amtszeit im Jahr 2012 häuften sich die teuren Korrekturen - vom Abschied aus dem Solargeschäft bis zum mühsamen Börsengang der Licht-Tochter Osram. Bis 2014 wollte Löscher eine Umsatzrendite von zwölf Prozent erreichen. Am Donnerstag musste er auch dieses Ziel frühzeitig aufgeben.

DER SPIEGEL 31/2013
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