05.08.2013

DOKTORTITEL„Ich rede von Täuschung“

Der Plagiatsjäger „Robert Schmidt“ erklärt, warum er die Dissertation des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert nach Fehlern durchsucht hat - und diese für schwerwiegend hält.
"Robert Schmidt" nennt sich der Plagiatsjäger, der die Dissertationen der ehemaligen Bundesbildungsministerin Annette Schavan und nun auch des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert untersuchte. Sein Hauptvorwurf gegen Lammert: Dieser habe "einen erheblichen Teil" der als verwendet angegebenen Werke "ganz offenbar nicht gelesen", sondern sich der Darstellungen des Inhalts dieser Werke durch andere Autoren bedient, ohne dies kenntlich zu machen. Der CDU-Politiker beteuert, "nach bestem Wissen und Gewissen" gearbeitet zu haben, und bat die Ruhr-Universität Bochum um Überprüfung; an deren sozialwissenschaftlicher Abteilung hatte er die Arbeit 1974 eingereicht. "Schmidt" legt Wert auf Anonymität. Nicht einmal andere Plagiatsjäger wissen, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Der SPIEGEL schickte Fragen per E-Mail an eine Kontaktperson, per Fax beantwortete "Schmidt" die meisten davon. Nicht verraten wollte er unter anderem, ob er selbst einen Doktortitel hat.
SPIEGEL: Warum haben Sie Lammerts Arbeit untersucht - gab es einen Hinweis oder einen konkreten Auftrag?
Schmidt: Ich bin in einer Abhandlung von Frau Schavan, die ich mir nach der Aberkennung ihres Doktorgrads angesehen hatte, auf einen Satz gestoßen, den ich ihr nicht zugetraut habe. Bei der Suche nach einer Quelle für diesen habe ich dann zufällig im Web einen sehr ähnlichen Satz in einer etliche Jahre später gehaltenen Rede von Herrn Lammert zum 850-jährigen Jubiläum der Weihe der Abteikirche Maria Laach gefunden. Das muss nicht heißen, dass Herr Lammert den Satz von Frau Schavan übernommen hat, denn es könnte auch eine gemeinsame noch ältere dritte Quelle geben. Aber eigentlich hätte Herr Lammert an der entsprechenden Stelle irgendeine Quelle angeben müssen, da der Gedanke ursprünglich nicht von ihm stammte. Das hat er nicht getan, und das war für mich ein Indiz dafür, dass er es in der Vergangenheit mit Quellenangaben nicht immer so genau genommen haben könnte. Daraufhin habe ich mir mal seine Dissertation besorgt und bin dort relativ schnell auf Unregelmäßigkeiten gestoßen.
SPIEGEL: Wann und wie haben Sie die Universität Bochum, die Medien und Lammert selbst informiert?
Schmidt: Ich habe das Dekanat der Fakultät für Sozialwissenschaft am Sonntagabend per Fax informiert und mich am Montagmittag per E-Mail an einen Journalisten gewandt. Von diesem hat dann wohl Herr Lammert von den Vorwürfen erfahren, soweit ich das auf Twitter verfolgt habe, da dem Fax in Bochum wohl noch keine Beachtung geschenkt worden war. Ich hatte überlegt, Herrn Lammert parallel zur Universität zu informieren, aber er hätte theoretisch versuchen können, mein Blog sperren zu lassen, was für mich ziemlich dumm gewesen wäre. Ich habe die Gefahr zwar als eher gering eingeschätzt, aber daher rein vorsichtshalber darauf verzichtet.
SPIEGEL: Würden Sie einen Auftrag annehmen, gegen Entgelt eine bestimmte Dissertation zu überprüfen?
Schmidt: Nur dann, wenn ich aus irgendeinem Grund unbedingt auf dieses Geld angewiesen wäre. Aber das habe ich noch nie gemacht und auch in Zukunft nicht vor.
SPIEGEL: Wie bewerten Sie die Arbeit kommerzieller Plagiatsjäger?
Schmidt: Wenn das jemand seriös und mit dem nötigen Sachverstand macht, soll mir das recht sein. Es gibt aber auch Leute, deren Sachverstand umgekehrt proportional zu ihrer Medienpräsenz ist und die zum Beispiel unhaltbare Vorwürfe in die Welt setzen. Deren "Arbeit" schätze ich gar nicht.
SPIEGEL: Manche sagen, dass falsche Fußnoten aus den siebziger Jahren angesichts des politischen Lebenswerks von Lammert oder Schavan keine Rolle spielen sollten.
Schmidt: Das klingt so, als ob es hier nur um geringfügige Fehler ginge, die jedem mal passieren können. Ich rede aber von Täuschung - zumindest in einem bestimmten Umfang. Eine solche öffentliche Wahrnehmung wäre für die Betroffenen zweifellos unschön. Andererseits wäre es aus meiner Sicht aber auch nicht angemessen, auf berechtigte Vorwürfe mit Rücksicht auf die lange vergangene Zeit zu verzichten. Für das Problem habe ich auch keine Lösung.
SPIEGEL: Wie viel Zeit haben Sie mit Lammerts Dissertation verbracht?
Schmidt: Circa 250 Stunden.
SPIEGEL: Wie finanzieren Sie diese aufwendige Tätigkeit?
Schmidt: Über meine persönlichen Verhältnisse möchte ich keine Auskunft geben. Ich beziehe allerdings keinerlei Sozialleistungen, wie an manchen Stellen im Netz gemutmaßt wird.
SPIEGEL: Hatten Sie bei der Arbeit an Lammerts Dissertation Helfer oder Mitarbeiter?
Schmidt: Nein. Die Arbeit an der Dissertation von Herrn Lammert habe ich zu 100 Prozent allein geleistet.
SPIEGEL: Was treibt Sie an?
Schmidt: Ein gewisser sportlicher Ehrgeiz, versteckte Ungereimtheiten in akademischen Qualifikationsschriften zu entdecken. Und es sollte möglichst niemand einen nicht redlich erworbenen akademischen Grad führen.
SPIEGEL: Sind Sie in einer Partei?
Schmidt: Nein. Ich bin Wechselwähler.
SPIEGEL: Haben Sie den Fall Lammert vor Veröffentlichung im Netzwerk VroniPlag diskutiert?
Schmidt: Nein. Ich habe mich ohne Rücksprache mit anderen zur Veröffentlichung entschlossen. Wenn ich Zweifel gehabt hätte, ob das richtig ist, hätte ich mich sicherlich beraten. Aber die Verstöße von Herrn Lammert sind aus meiner Sicht systematisch und in ihrer Mehrheit ziemlich eindeutig.
SPIEGEL: Haben Sie derzeit noch weitere verdächtige Fälle im Blick?
Schmidt: Nein. In diesem Jahr war es jedenfalls der letzte Fall, den ich bearbeitet habe.
SPIEGEL: Sie schützen sehr konsequent Ihre Anonymität. Warum?
Schmidt: Im realen Leben möchte ich nicht als "Plagiatsjäger" wahrgenommen werden. Je weniger andere von mir wissen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass meine bürgerliche Identität bekannt wird, und sei es auch nur durch einen Zufall.
SPIEGEL: Wie bewerten Sie Lammerts Reaktion auf die Vorwürfe? Er hat seine Arbeit auf seiner Website veröffentlicht ...
Schmidt: ... andererseits hat er sich nicht konkret zu den Vorwürfen geäußert. Die allgemeine Beteuerung, nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet zu haben, ist aus meiner Sicht angesichts der vielen aus der Sekundärliteratur übernommenen Fehler nicht sehr überzeugend. Wenn Herr Lammert schon jetzt einer Veröffentlichung der Ergebnisse der Untersuchung seiner Arbeit - die ja wahrscheinlich kommen wird - zustimmen würde, würde ich das begrüßen.
SPIEGEL: Sollte Lammert seinen Doktortitel verlieren?
Schmidt: Das muss die Universität Bochum entscheiden. Es ist aber nicht ganz unwahrscheinlich, dass noch mehr Verstöße gefunden werden, da ich nur einen Teil der angegebenen Quellen untersucht habe.
Interview: Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp

DER SPIEGEL 32/2013
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