05.08.2013

In tiefster Dunkelheit

Der TV-Moderator Marcel Reif, 63, über den Mann, der seinem Vater das Leben rettete: Berthold Beitz
Was sagt man über einen Menschen, ohne den es einen selbst nicht gäbe?
Berthold Beitz hat Hunderten Juden das Leben gerettet. Einer von ihnen war mein Vater. Hätte Beitz ihn damals nicht aus einem Güterwaggon geholt, der ihn ins Vernichtungslager bringen sollte, wäre ich nicht auf der Welt.
Mein Vater hat nie erzählt, was er im Krieg erlebt hat. Offenbar wollte er unsere Familie nicht dazu erziehen, in jedem Deutschen den potentiellen Täter, den Mörder unseres Großvaters oder unseres Onkels zu sehen.
Er hat sein Leben lang geschwiegen, und meine Mutter war seine Komplizin des Schweigens. Vater starb 1994.
Erst vor vier, fünf Jahren machte Mutter Andeutungen, dass ein großer Mann ihn einst aus dem Todeszug geholt und ihm damit das Leben gerettet hatte. Als ich einige Zeit später eine Biografie über Berthold Beitz las, wurde mir klar, dass er das gewesen sein musste.
Beitz war damals, während des Krieges 1941, Ende zwanzig und Leiter einer Raffinerie nahe Lemberg in der heutigen Ukraine, wo meine Familie herstammt. Mein Großvater hatte eine Möbelfabrikation, er baute auch Möbel für Beitz. Dass er ihn kannte, half der Familie womöglich, als Großvater mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Boryslaw verschleppt wurde.
Mein Vater war damals ein kräftiger Kerl von 18 Jahren. Der Zug, in dem er und seine Geschwister saßen, hätte sie alle in ein Vernichtungslager gebracht. In Boryslaw, auf einem Bahnsteig voller SS-Leute mit Gewehr im Anschlag, stand Berthold Beitz und sagte: Die fahren nicht weiter, ich brauche diese Leute für kriegswichtige Arbeit.
An diesen Mut erinnert ein Baum, der für Beitz in der Allee der Gerechten in Jad Vaschem errichtet wurde. Er selbst ist nie durch die Welt gezogen und hat damit geprahlt, wie viele Juden er gerettet hat.
Vor drei Jahren habe ich erstmals Kontakt zu Beitz aufgenommen. Ich habe ihm geschrieben, dass ich ihn für eine Zierde der Menschheit halte. Er antwortete mir, dass er mich gern kennenlernen würde, und lud mich zu einer Preisverleihung in der Villa Hügel in Essen ein. Er und seine Frau Else wurden von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft geehrt.
Als ich vor ihm stand, hatte ich einen Kloß im Hals. Ich habe ihn nichts gefragt, sondern mich nur verneigt. Er hat meine Ehrerbietung mit Grandezza entgegengenommen. Als er merkte, dass ich nicht mehr flüssig weiterreden konnte, legte er mir die Hand auf die Schulter. Diese Begegnung werde ich nie vergessen. Seither haben wir uns nicht mehr gesehen.
Es ist ein Zufall, dass ich gerade jetzt auf Sylt bin. Ich sitze 40 Meter von dem Haus entfernt, in dem Beitz am vorigen Dienstag gestorben ist. Man hatte mir erzählt, dass er hier sei und jeden Tag spazieren gehe. Aber ich wollte nicht klingeln, ich habe auch nicht versucht, ihn abzupassen. Ich wäre mir vorgekommen wie ein Autogrammjäger. Zu seinem 100. Geburtstag in zwei Monaten würde sich vielleicht ein Wiedersehen ergeben, so hatte ich gehofft.
Sein Tod macht mich traurig. Noch trauriger wäre ich allerdings, wenn es mir nicht mehr möglich gewesen wäre, ihm zu danken.
Sein moralisches Handeln und Tun haben in tiefster Dunkelheit geleuchtet. Die Menschheit ist jetzt ärmer.
Von Marcel Reif

DER SPIEGEL 32/2013
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