29.03.1999

WIRTSCHAFTSKRIMINALITÄT Angriff aus dem All

Ungeniert schnüffeln vor allem die Amerikaner die deutsche Wirtschaft aus: Mit großem Aufwand und High-Tech durchforsten sie Telefonleitungen und Computernetze.
Wenn Steffen Noehte, Physiker an der Universität Mannheim, mit seinem Kollegen Matthias Gerspach neue Forschungsergebnisse besprechen will, dann greift er schon lange nicht mehr zum Telefonhörer. Auch Faxgerät und E-Mail sind tabu. "Wichtige Dinge", sagt Noehte, "regeln wir nur noch im persönlichen Gespräch."
Seit die beiden Wissenschaftler am 13. März vorigen Jahres herausfanden, daß sich einfacher Klebestreifen als preiswerter Datenträger nutzen läßt, ist normale Kommunikation nicht mehr ratsam. Immerhin verspricht die Erfindung der Mannheimer Forscher hohe Gewinne. Eine handelsübliche Rolle Tesafilm wird, wenn die technischen Probleme erst einmal gelöst sind, so viele Informationen speichern können wie 7000 PC-Disketten oder 15 herkömmliche CD-Roms - ideal für Kleincomputer.
Entsprechend groß ist das Interesse von außen. "Uns war klar", so Noehte, "daß wir von nun an gewisse Sachen schützen müssen."
Also wurden jene Rechner, auf denen Tesa-Versuchsprogramme laufen, aus dem Internet genommen. Wo es ging, stiegen die Forscher auf Macintosh-Systeme um, die weniger gebräuchlich und deshalb weniger anfällig sind. Die Villa Bosch in Heidelberg, Sitz der European Media Laboratory GmbH EML, bei der das Tesa-Rom-Projekt bearbeitet wird, wurde mit Fire-walls gegen elektronische Eindringlinge geschützt.
Und doch fanden Lauscher eine Lücke. Vor einigen Wochen bemerkten die Forscher, daß Unbefugte in die Computer ihrer Labors an der Mannheimer Uni eingedrungen waren. Mit speziellen Schnüffel-Programmen hatten die elektronischen Spione die Software durchsucht. Noehte und Gerspach konnten die Spur der Spione bis in die USA verfolgen.
Wieviel ihrer Forschungsarbeit jetzt auch anderswo bekannt ist, können die beiden nicht sagen. Inzwischen haben sie ihr Tesa-System als Patent angemeldet. Bis zur Anerkennung jedoch dauert es über ein Jahr. In der Zeit kann ein anderer Anmelder - zum Beispiel in den USA - den Mannheimer Erfindern das Patent noch streitig machen. "Bis dahin müssen wir hoffen und bangen", sagt Noehte.
Den Tesa-Rom-Erfindern könnte es ähnlich ergehen wie jüngst der Enercon GmbH in Aurich. Die Ostfriesen, die zu den weltgrößten Herstellern von Windenergieanlagen zählen, hatten allzu sorglos Schaltbilder und Pläne einer neuen Entwicklung, mit der Strom aus Wind erheblich preiswerter gewonnen werden kann, zwischen ihrem Forschungslabor und dem einige Kilometer entfernten Produktionsbetrieb hin- und hergeschickt.
Als das Unternehmen seine neue Erfindung in den USA anmelden wollte, nahm der amerikanische Konkurrent Kenetech das Patent für sich in Anspruch und ließ per Gerichtsbeschluß den Verkauf der Enercon-Anlage in den USA verbieten.
Nur durch Zufall kam heraus, wem die Ostfriesen den Schaden zu verdanken haben. Ein Agent der amerikanischen National Security Agency (NSA) outete sich in der Öffentlichkeit - und erzählte, wie die Datenleitungen der Ostfriesen angezapft und ihre Konferenzen abgehört wurden. Das ganze Info-Paket gaben die staatlichen USA-Spitzel an Kenetech weiter.
Big brother is watching you: Ganz ungeniert schnüffelt der große Bruder aus Amerika die deutsche Wirtschaft aus.
Doch es sind nicht nur die Amerikaner, die ein besonderes Interesse an den Entwicklungen deutscher Unternehmen zeigen. Verfassungsschützer und die Sicherheitsprofis der großen Konzerne registrieren eine stetige Zunahme der Spionage in Deutschlands Wirtschaft.
"Es wird abgeschöpft wie nie zuvor", sagt BMW-Vorstand Horst Teltschik, "die Wirtschaftsspionage nimmt immer härtere Formen an."
Teltschik war unter Kanzler Helmut Kohl Sicherheitsberater im Kanzleramt; jetzt versucht er, den Widerstand gegen den großen Lauschangriff auf die Wirtschaft zu organisieren.
Der Schaden ist immens. Vorsichtige Schätzungen anhand der wenigen Fälle, die bekanntwerden, gehen von Verlusten von rund 20 Milliarden Mark jährlich aus, die deutschen Unternehmen durch Konkurrenzspionage und durch staatlich gelenkte und von Nachrichtendiensten organisierte "Aufklärung" entstehen. Tatsächlich, so ein Verfassungsschützer, "liegt die Wahrheit wohl beim Doppelten".
Der Run auf Neuheiten in Wirtschaft und Wissenschaft hat mit dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren begonnen. Die Nachrichtendienste in Ost und West, zuvor auf politische und militärische Geheimsachen aus, konzentrierten nun ihre Arbeit auf die Wirtschaftsspionage.
Der baden-württembergische Verfassungsschutz fand heraus, daß von der 1997 registrierten Spionagetätigkeit im High-Tech-Ländle über zwei Drittel gegen Wirtschaft und Wissenschaft gerichtet waren, nur noch 19 Prozent verfolgten politische Ziele, und lediglich acht Prozent galten militärischer Ausspähung. "Die letzte Schlacht der Geheimdienste", so sieht es David Howard, Vorsitzender der American Society of Industrial Security, "wird auf dem Feld der Wirtschaft geschlagen."
Und wie schon zu Zeiten des Kalten Krieges ist Deutschland auch jetzt bevorzugtes Operationsfeld für Freund und Feind. Im High-Tech-Land im Zentrum Europas ist viel zu holen. Die Deutschen machen es den professionellen Spähern auch noch besonders leicht. "Wir liefern viel Know-how frei Haus", sagt Wolfgang Hoffmann, Sicherheitschef bei Bayer Leverkusen und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft in Bonn.
Hoffmann arbeitet in einer Branche, die besonders gefährdet ist. Die Zusammensetzung neuer Pharmawirkstoffe, die mit Milliardenaufwand über Jahre entwickelt werden, fällt nicht selten der Konkurrenz zum Nulltarif in die Hände, bevor die Investitionen sich amortisiert haben.
Besondere Gefahr droht, wenn die Bayer-Manager etwa internationale Patentanmeldungen mit den hauseigenen Forschungszentren in den USA oder Japan abstimmen. Denn für die Ausspähung moderner Datenübertragung ist die amerikanische NSA, deren geschätzte Ausgaben 27 Milliarden Mark betragen, besonders gerüstet.
Ein Verbundsystem von 52 Supercomputern überprüft Telefonate, E-Mails, Faxe und Telex, den gesamten über Satelliten geleiteten Kommunikationsverkehr. Außerdem belauscht das unter dem Code-Namen "Echelon" arbeitende Rechnersystem regionale Kommunikationssatelliten sowie Kabel und Mikrowellen-Türme.
Die ungeheure Datenflut läuft unter anderem in der NSA-Niederlassung im bayerischen Bad Aibling zusammen, dort überwachen mehr als tausend Experten die deutsche und europäische Telekommunikation.
In der NSA-Zentrale Fort Meade in Maryland leben, von einem drei Meter hohen Elektrozaun gesichert, 30 000 Zivilisten und fast 10 000 Militärs. Hier, in der sogenannten schwarzen Stadt, wird das gesammelte Material weiterverarbeitet: Das intelligente Rastersystem "Memex" der britischen Firma Memex Technology sucht die Daten auf Schlüsselwörter hin ab.
Die Wörterbücher, so können deutsche Geheimdienstexperten belegen, stammen vor allem aus der US-Wirtschaft. Gezielt wird nach bestimmtem Know-how gesucht, oft mit Erfolg, wie erst jüngst ein deutscher Hersteller von Melkrobotern leidvoll erfahren mußte. Als die Firma auf dem US-Markt expandieren wollte, stellten die Deutschen erstaunt fest, daß ihre Konstruktionspläne bereits in Amerika vorlagen.
Da die Unterlagen nur bei der Übermittlung per Fax abgefangen worden sein konnten, kam nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes nur Echelon in Frage. Denn über die aufwendige Technik, flächendeckend Faxe zu fangen, verfügen nur die amerikanischen Wirtschaftsspione in Bayern.
Anders als die Deutschen, die ihren Nachrichtendiensten Wirtschaftsspionage ausdrücklich untersagen, haben die amerikanischen Geheimdienste den Auftrag, zum Wohle der US-Wirtschaft Informationen zu sammeln und an die eigenen Unternehmen weiterzugeben. Ganz offiziell hat US-Präsident Bill Clinton die Wirtschaftsspionage zu einer Hauptaufgabe des CIA erklärt. Clinton: "Was gut ist für Boeing, das ist gut für die USA."
Die CIA, so der ehemalige Chef des Geheimdienstes James Woolsey, werde die nationale amerikanische Industrie im Konkurrenzkampf mit ausländischen Firmen mit allen Mitteln unterstützen. Offenbar mit Erfolg: Vor einigen Jahren etwa verloren die Franzosen, die von der US-Anlage Menwith Hill in Großbritannien abgehört werden, überraschend einen Zehn-Milliarden-Mark-Auftrag Saudi-Arabiens für die Lieferung von Rüstungsgütern an den US-Rivalen McDonnell Douglas. Seither verhandeln die französischen, aber auch die deutschen Luftfahrtmanager nicht mehr per Telefon, Fax oder E-Mail.
Nicht nur die Amerikaner haben wenig Skrupel, die eigene Wirtschaft mit allen Mitteln zu unterstützen. So ließen die Franzosen das Angebot von Siemens für ICE-Züge an Südkorea von ihrem Geheimdienst abfangen. Danach war es ein leichtes für die britisch-französische Kooperation GEC Alsthom, den Auftrag für den eigenen TGV hereinzuholen.
Und die Franzosen wollen noch besser werden. Nach Erkenntnissen der Geheimdienstler sind sie dabei, weltweit ein dem US-Echelon vergleichbares Lauschsystem aufzubauen. Der frühere Chef des französischen Geheimdienstes Pierre Marion gab zu, daß er eigens eine Abteilung eingerichtet habe, um amerikanische Unternehmen auszuspionieren. "Wenn es um wirtschaftlichen und technologischen Wettbewerb geht", so Marion ganz selbstverständlich, "dann sind wir Konkurrenten."
Ganz nach französischer Art hat sich Paris inzwischen eine Eliteschule für das Spionagethema zugelegt. In der vor anderthalb Jahren eröffneten "Ecole de Guerre Economique" lernen Franzosen das Wirtschaftsspionieren bei Freund und Feind.
Auch die Russen mischen mit. Laut Premierminister Jewgenij Primakow, früher Leiter des russischen Amts für Auslandsaufklärung, ist es in den Zeiten nach Ende des Kalten Krieges die wichtigste Aufgabe der Spionage, Beiträge zur Beschleunigung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands zu leisten.
Für diesen Zweck hat Moskau die Kräfte gebündelt: Die 1500 Mitarbeiter des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR befassen sich inzwischen vornehmlich mit Wirtschaftsspionage. Das Oberlandesgericht Celle verurteilte kürzlich einen technischen Angestellten des Dasa-Werks in Stade, der dem SWR bis 1995 Produktionspläne und Fertigungstechniken des Airbus geliefert hatte.
Die Kollegen vom militärischen Aufklärungsdienst GRU richteten eigens einen Fachbereich Industriespionage ein. GRU-Spezialität: Der Unterhalt eigener Tarnfirmen und Jointventures im Ausland.
Nach Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes hat Moskau dem GRU zweistellige Milliardenbeträge für die Gründung von Joint-ventures zum Zwecke der Spionage zur Verfügung gestellt. Allein von den 120 bayerischen Firmen mit russischer Kapitalbeteiligung stuft der Verfassungsschutz jede fünfte als mögliche Tarnfirma ein.
Angesichts solcher Gefahren fühlen sich die Ausspionierten von ihrer Regierung allein gelassen. Der BND wisse zum Beispiel, so der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom im WDR, "welche deutsche Firmen die Amerikaner unter die Lupe nehmen". Die deutsche Wirtschaft warnen aber darf er nicht.
Auf Dauer sei es nicht mehr hinnehmbar, so der Bayer-Manager Hoffmann, daß in Deutschland nur noch der gute alte Waldspaziergang Sicherheit biete. Der Sicherheitskoordinator der deutschen Wirtschaft: "Auch wir müssen uns daran gewöhnen, daß die Wirtschaft ein Teil der nationalen Sicherheit ist." HEIKO MARTENS
Von Martens, Heiko

DER SPIEGEL 13/1999
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