29.03.1999

MODEKanzler in Kaschmir

Die italienische Textilfirma Brioni macht Karriere als Promi-Ausstatter. Bedeutendster Kunde in Deutschland: Kanzler Schröder.
Das Geheimnis ist endlich gelüftet: Der Schneider aus Italien war's. Er ist die Schlüsselfigur in der Erfolgsstory des deutschen Bundeskanzlers.
Zumindest glaubt das der selbstbewußte Kleiderfabrikant Umberto Angeloni, Chef der Firma Brioni. Denn vor einem Jahr, als es für Gerhard Schröder bei der Niedersachsen-Wahl um Alles oder Nichts ging, war er schließlich zur Stelle.
Ein Starschneider des Unternehmens jettete von Rom nach Hannover. Nachdem Schultern, Brust, Bauch, Hüften und Beine des kräftigen Politikers vermessen waren, überreichte er ein kleines Büchlein, das als Crashkurs für den angehenden Weltpolitiker gedacht war. Der Brioni-Chef empfahl darin: "Verabschieden Sie sich von zugeknöpften Hemdrevers, offene Spitzen vermitteln mehr Dynamik und Sportlichkeit. Wechseln Sie Ihre Anzüge. Der Einreiher mit drei statt zwei Knöpfen ist eleganter und schließt besser über der Brust."
Gesagt, getan, gewonnen. Zur Bundestagswahl ein neuer Mode-Appell: "Ich empfehle den zweireihigen Nadelstreifenanzug. Das ist das Maximum der Eleganz und beruhigt die Geschäftswelt", so die Telefonberatung aus Rom.
Umberto Angeloni ist davon überzeugt, daß erst der richtige Anzug für den richtigen Karriereschub sorgt. Für ihn haben Oskar Lafontaines knautschige, specksitzenden Anzüge "Angst verbreitet". Das Scheitern des Politikers war demnach nur eine Frage der Zeit.
Nun übernimmt der strahlende Sieger des Männer-Duells - im dunkelblauen Brioni-Zwirn - den SPD-Parteivorsitz in Bonn. Im fernen Rom feiert sich Angeloni selbst, mit leiser Stimme und sanftem Lächeln: "Ich gratuliere mir zu seinem Erfolg. Aber es haben sich schon Staatschefs vieler Länder bei mir bedankt."
Denn Brioni ist längst zum Geheimtip unter den Wichtigen und Mächtigen geworden. Zu seinen Anhängern gehören Südafrikas Präsident Nelson Mandela, Ägyptens Staatschef Husni Mubarak und UN-Generalsekretär Kofi Annan.
Jene Männer, die Länder oder Industrie-Imperien lenken, ordern bei Brioni ihre Anzüge in Kaschmir oder luxuriösem Sea Island Baumwoll-Jersey. Das 1945 gegründete Unternehmen, benannt nach der dalmatinischen Adria-Insel Brioni, beschäftigt heute rund tausend Schneider.
Angeloni, Chef in dritter Generation und zuvor Finanzfachmann in Chicago, verzichtet auf jede Werbeanzeige. Dafür gibt er eine "Mode-Bibel" heraus, in der die Männer von Welt erfahren, was sie tragen dürfen. "Im Tele-Zeitalter", heißt es da, "ist es wichtig, die eigene Wichtigkeit zu präsentieren. Nur ein gutgekleideter Mensch wird ernst genommen."
Stolz präsentieren Wirtschaftsbosse und Sultane, Diktatoren und Künstler ihre maßgeschneiderten Brioni-Erfolge in der halbjährlich erscheinenden Kunden-Broschüre "Brioni News": Ricardo Muti im Frack beim Dirigieren, Franz Beckenbauer im grauen Zweireiher bei einer Feierstunde, Pierce Brosnan im James-Bond-Einsatz und - wer denn sonst - Gerhard Schröder im dunkelblauen Tuch mit seinem Schneider.
Die neue Eitelkeit verklärt der Kanzler zur politischen Tugend. "Warum soll mein Stil erst in den Geschichtsbüchern beschrieben werden?" wundert sich Schröder bei einem Interview mit der Hochglanz-Zeitschrift "Life & Style". Also öffnete er ungeniert seinen privaten Kleiderschrank und spielte zwei Stunden lang den Dressman.
Schöne Bilder seien da entstanden, sagt Angeloni. Nur die nackt vorblitzende Wade des übergeschlagenen Knies erzeugt ein Stirnrunzeln. Der Mann von Welt trägt dunkle Kniestrümpfe und keine Socken. Das muß der Kanzler noch lernen.
Die deutsche Kritik an Supermodell Schröder, der immerhin 3000 bis 5000 Mark für einen Anzug, 450 Mark fürs Hemd und 150 Mark für eine Seidenkrawatte bezahlt, kann der Edelschneider nicht verstehen: "Ein Regierungschef ist kein Arbeiter und kein Bauer."
Trotz edler Kleidung begeht die Weltelite in den Augen des Brioni-Chefs immer wieder stilistische Todsünden. Tony Blair, Vorbild aller Yuppie-Linken, ist längst Mitglied im Club der Ausstaffierten. "Doch leider", so Angeloni, "ruiniert er sein Erscheinen mit dicken Punkten auf den Krawatten."
Keine Gnade findet Bill Clinton im Brioni-Atelier. "Präsident Clinton ist der am schlechtesten angezogene Politiker der Welt, ein Desaster. Er trägt einen zu großen Anzug, der über der Schulter knittert, einen hochgeschlossenen Kragen und Cowboystiefel. Das ist wirklich abstoßend."
Dabei wäre aus Clinton leicht ein passables Modell zu machen. Selbst den deutschen Ex-Kanzler hätte sich die römische Nobelfirma locker zugetraut. "Helmut Kohl wäre elegant zu verpacken. Schließlich kleiden wir auch den berühmten Sumo-Meister Konishiki, 270 Kilo schwer, Kleidergröße 95, ein."
Es schwieriger Fall ist noch Oppositionsführer Wolfgang Schäuble. Das Outfit des Christdemokraten ist für den Römer ein Trauerspiel: "Die grauen Anzüge sind trist, ohne Glanz. Sie bremsen den Anschein von Dynamik und verkörpern keine Persönlichkeit." ELNA UTERMÖHLE
Von elna Utermöhle

DER SPIEGEL 13/1999
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