DER SPIEGEL



Spiegel des 20. Jahrhunderts

Der Aufschrei der Jugend

DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG 1968, das Jahr der Rebellion Am Ende der sechziger Jahre gehen weltweit Studenten auf die Barrikaden. Sie kämpfen gegen den Krieg in Vietnam und gegen den "Muff von 1000 Jahren", für eine reformierte Universität und für Emanzipation überall in der Gesellschaft.

Von Kraushaar, Wolfgang

IV. DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG: 1. Die Emanzipation der Frau (9/1999); 2. Die Ökologie-Bewegung (10/1999); 3. Die Entstehung der Volksparteien (11/1999); 4. Gewaltfreier Widerstand (12/1999); 5. 1968, das Jahr der Rebellion (13/1999)

Wenn in Deutschland von der Studentenbewegung die Rede ist, dann genügt ohne nähere Erklärung die Jahreszahl ''68. Im Nachbarland Frankreich, in dem die Studentenbewegung eine ungleich höhere Brisanz entfaltet hatte, reicht es völlig, vom "Mai" zu reden, um zu wissen, was gemeint ist. Ein Monat und ein Jahr stehen als Kürzel für komplexe Ereignisse. Die nackten Daten sind kalendarische Etiketten geworden, multifunktionale Embleme.

Der mythenumrankte Mai ''68 war in beiden Ländern Höhepunkt der Oppositionsbewegung, er war die Zeit ihrer Entscheidung ebenso wie die ihrer Niederlage. So unterschiedlich sich beide Rebellionen diesseits und jenseits des Rheins auch entwickelten, sie synchronisierten sich in der Dramatik jener Tage, wie von einer Zauberhand geführt. Die Koinzidenz der Ereignisse ist frappierend. Dabei sticht ein Datum besonders hervor: der 11. Mai.

In Paris, wo es bereits eine Woche lang wegen der Schließung der Universität, zunächst der im Vorort Nanterre, dann auch der Sorbonne, zu Straßenschlachten zwischen Studenten und der Polizei gekommen war, spitzte sich die Situation nach Mitternacht gefährlich zu. Rund 30 000 Demonstranten, vor allem Studenten, hatten im Laufe des Abends im Quartier Latin ohne einen erkennbaren strategischen Grund - ganz so, als wollten sie lediglich die Pariser Commune und andere Pariser Revolten des 19. Jahrhunderts zitieren - Dutzende hohe Barrikaden errichtet. Gespannt warteten sie nun darauf, mit welchem Ergebnis eine von dem Soziologen Alain Touraine und dem Studenten Daniel Cohn-Bendit angeführte Delegation aus einer Unterredung mit dem stellvertretenden Rektor der Sorbonne zurückkehren würde. Kurz vor zwei Uhr war es soweit.

Im gleißenden Scheinwerferlicht erklärte Cohn-Bendit den übernächtigten Reportern, was in dieser Nacht geschehe, sei die "Absage einer Jugend an eine bestimmte Gesellschaftsordnung". Kurz darauf erging der Einsatzbefehl der Polizei. Rund 10 000 Uniformierte, darunter Einheiten der besonders gefürchteten Bereitschaftspolizei CRS, erstürmten unter dem Einsatz von Tränengasgranaten und Rauchbomben eine Barrikade nach der anderen.

Es dauerte über dreieinhalb Stunden, bis das letzte Hindernis eingenommen war und der Innen- und der Verteidigungsminister dem Staatspräsidenten Charles de Gaulle Vollzug melden konnten. Im Laufe der Kämpfe waren Hunderte verletzt und festgenommen worden.

Während am frühen Morgen die Einwohner des Quartier Latin ungläubig die ausgebrannten Autos und verwüsteten Häuser betrachteten, waren auf bundesdeutschen Verkehrswegen Zehntausende von Notstandsgegnern in Bussen oder Sonderzügen in die Bundeshauptstadt unterwegs. Das Kuratorium "Notstand der Demokratie" hatte zu einem "Sternmarsch auf Bonn" aufgerufen, um gegen eine Verabschiedung der Notstandsgesetze zu protestieren. Mit dem gegen den Bundesinnenminister der CDU gerichteten Schlachtruf "Benda, wir kommen!" zogen sie vom späten Vormittag an zu Tausenden durch die fast menschenleeren Bonner Straßen.

Die Stimmung war lustig, fast übermütig. Viele trugen Bauarbeiterhelme und führten Transparente oder rote Fahnen mit sich. Die wenigen Polizisten waren lediglich damit beschäftigt, den Verkehr umzuleiten. Auf der Schlußkundgebung im Hofgarten versammelten sich dann am Nachmittag 60 000 Menschen. Obwohl zwei Gewerkschaftsführer das Wort ergriffen, blieb der vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an den DGB gerichtete Appell ungehört, mit einem Generalstreik gegen die drohende Gefahr für die Demokratie anzugehen.

Die Folgen beider Ereignisse hätten kaum unterschiedlicher sein können. Als in Frankreich die drei größten Gewerkschaften zu einem 24stündigen Generalstreik aufriefen, um sich mit den Studenten zu solidarisieren, achtete der DGB nur zu genau darauf, daß es zu keinem Aktionsbündnis der Arbeiterschaft mit der Studentenbewegung und den Gruppen der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) käme.

Zur gleichen Zeit, als sich die Notstandsgegner in Bonn versammelt hatten, fand in der Dortmunder Westfalenhalle eine geschlossene DGB-Kundgebung mit 15 000 Teilnehmern statt. Das heißt: Während sich in Frankreich Arbeiter- und Studentenbewegung zeitweilig vereinten, vertiefte in der Bundesrepublik die Veranstaltungspolitik der Gewerkschaften die Kluft noch weiter.

Die politische Entscheidung fiel in beiden Ländern am Nachmittag des 30. Mai. Während im Bundestag die Abgeordneten gerade dabei waren, namentlich über die Annahme der Notstandsgesetze abzustimmen, wandte sich Staatspräsident de Gaulle in einer dramatischen Ansprache an die französische Bevölkerung. Da dem staatlichen Fernsehsender der Strom abgeschaltet war, konnte die Rede nur vom Rundfunk übertragen werden.

De Gaulle, der am Tag zuvor bereits innerlich kapituliert zu haben schien und sich mit einem Hubschrauber nach Baden-Baden hatte fliegen lassen, war zurückgekommen, um das Ruder im letzten Moment noch einmal herumzureißen. Er werde, erklärte er mit zurückgewonnener Überzeugungskraft, nicht zurücktreten, sondern die Nationalversammlung auflösen und Neuwahlen ausschreiben. Zugleich warnte er vor einer Diktatur und einem Sieg des Kommunismus. Den Streikenden drohte er unverhohlen mit dem Einsatz von Gewalt.

Kaum daß die nur wenige Minuten dauernde Ansprache verklungen war, zogen Zehntausende vorwiegend bürgerlicher Franzosen zur Place de la Concorde. Und während die Menschenmenge dort immer weiter anwuchs und schließlich mit nationalistischen Parolen über die Champs-Élysées in einem endlos anmutenden, über 400 000 Teilnehmer zählenden Zug zum Arc de Triomphe strömte, verkündete Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier im Bonner Bundestag das Abstimmungsergebnis. Mit 384 zu 100 Stimmen erklärte er die Notstandsverfassung und die Notstandsgesetze für angenommen.

Die zeitlichen Parallelen und Koinzidenzen, die es im Mai zwischen Frankreich und der Bundesrepublik gab, sind 1968 keineswegs einzigartig gewesen. In jenem Jahr, dessen historischer Abstand, von heute aus betrachtet, bereits größer als jener für die damaligen Akteure gegenüber dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist, liefen verschiedene Ereignisströme zusammen. Sie verdichteten sich und nahmen in ihren massenmedial aufbereiteten Bildern Züge einer weltweiten Explosion an.

Die Offensive der Vietcong-Truppen zu Beginn des Neujahrsfestes Tet in Südvietnam, die Tet-Offensive, drückte dem Jahr vielleicht den stärksten Stempel auf. Wie sich später herausstellte, war sie der Wendepunkt in dem von den Vereinigten Staaten entfesselten Vietnamkrieg. Der Pariser Mai, der wie ein romantisches Traumgebilde ebenso rasch wieder in sich zusammenfiel, wie er entstanden war, der Prager Frühling, der in seiner Bedeutung erst richtig erkannt worden ist, als er von den sowjetischen Panzern bereits niedergewalzt wurde, der Aufstand der Schwarzen in den USA, deren nach Waffen rufende Protagonisten sich vor allem durch die Ermordung Martin Luther Kings bestätigt fühlten, die Proteste der mexikanischen Studenten gegen die korrupte Staatspartei, die im Oktober kurz vor Eröffnung der Olympischen Spiele auf so brutale Weise von Militärs und Sondereinheiten der Polizei erstickt wurden, aber auch der Internationale Vietnam-Kongreß in West-Berlin, die zahlreichen Demonstrationen in Amsterdam, Ankara, Athen, Belgrad, Berkeley, Brüssel, Chicago, Dakar, Istanbul, Kopenhagen, Lissabon, London, Madrid, Mailand, Manila, New York, Rio, Rom, Sydney, Tokio, Venedig, Warschau, Washington, Zürich - das alles hat aus der Welt jenes Global Village gemacht, von dem der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan schon damals sprach.

Die meisten dieser Aufstände, Konflikte und Rebellionen spielten sich zufällig zur gleichen Zeit ab, manche waren lose miteinander verknüpft, andere hingegen lediglich in der Phantasie als Teile eines weltweiten Ganzen existent und utopisch aufgeladen. Ohne eigentliche Netzwerke, lediglich auf der Basis einiger lockerer Kontakte kamen Aktionstage, Konferenzen und Kampagnen zustande.

Diese internationale Synchronisierung wäre kaum möglich gewesen ohne die Vereinigten Staaten als Hegemonialmacht. Der Protest gegen den von den USA entfachten Vietnamkrieg verzahnte Elemente miteinander, die unter anderen Umständen beziehungslos nebeneinander gestanden hätten. Bei allem, was in jenen Monaten an Demonstrationen, Happenings, Aktionen und Interventionen geschah, lag so etwas wie ein imaginärer Geschützdonner in der Luft. Das Verbrechen, das die Großmacht USA in Vietnam beging, war mehr als nur eine Tausende von Kilometern entfernte Hintergrundkulisse - es war in den Köpfen der meisten Akteure allgegenwärtig.

Vorentscheidend für diesen Verknüpfungs- und Potenzierungseffekt war allerdings die Tatsache, daß die einzelnen Protestbewegungen selbst eine Öffnung nach außen hergestellt hatten - mit der Thematisierung des Kolonialismus und des Imperialismus sowie der Befreiungsbewegungen in der sogenannten Dritten Welt.

Das Bewußtsein von der Internationalität kam bei Großveranstaltungen wie einem Kulturkongreß in Havanna und dem Vietnam-Kongreß in West-Berlin zum Ausdruck, aber auch bei einer TV-Diskussion am 13. Juni in einem BBC-Studio in London. Was der staatliche Fernsehsender kurz nach dem Pariser Mai unter dem Titel "Studenten im Aufstand" ausstrahlte, ist ein einzigartiges Dokument zum Globalismus des studentischen Protests.

Die Teilnehmer, darunter Daniel Cohn-Bendit, Ekkehart Krippendorff und Karl Dietrich Wolff, kamen aus der Bundesrepublik, aus Belgien, Frankreich, Italien, Japan, Jugoslawien, Pakistan, Spanien, der Tschechoslowakei und den Vereinigten Staaten. So unterschiedlich ihre geographische und politische Herkunft auch war, die meisten der Studentenvertreter hielten sich für eine internationale Avantgarde und gaben sich der Illusion hin, man könne gemeinsam über praktische Perspektiven sprechen.

Es waren allesamt Jugendbewegungen mit Studentengruppen als Nukleus, die 1968 zu jenem schillernden Phänomen gemacht haben, das von vielen Teilnehmern im nachhinein zu einem Feuerwerk von "magic moments" verklärt wurde. Der Einsatz, die Intensität und die Dauer der Wellenbewegungen ist dabei höchst unterschiedlich gewesen. Während die Bewegung in den USA von 1964 bis 1970 anhielt und insofern sehr lange dauerte, begann sie in der Bundesrepublik erst 1967 und dauerte nur bis 1969. In Frankreich, wo die Dynamik unbestreitbar ihren Spitzenwert erreichte, fiel die Wellenbewegung am extremsten aus. Sie dauerte kaum mehr als einen Monat lang, türmte sich dafür aber am höchsten auf.

Die internationale Protestbewegung kam aus dem Westen - und zwar in einem doppelten Sinne. Sie hatte ihren Ursprung in den USA, ging dort wiederum von Kalifornien aus und setzte 1964 mit dem Free Speech Movement in Berkeley ein Exempel, das zum Modellfall für die Campus-Revolten in verschiedenen anderen westlichen Staaten wurde. Die signifikanten Aktionsformen wie Sit-ins, Go-ins, Teach-ins wurden der Bürgerrechtsbewegung entweder direkt entlehnt oder aber nach ihrem Vorbild geschaffen.

Am Beispiel von antirassistischen Aktionen der schwarzen Bürgerrechtler hatten die Studenten erkannt, wie wirkungsvoll derartige Vorstöße ausfallen konnten. Ohne Gewalt einzusetzen, konnten sozial ausgegrenzte Minderheiten Reformanstöße geben. In exemplarischen Aktionen offenbarten sie, ohne sich ideologischer oder weltanschaulicher Mittel zu bedienen, worin ihre Ziele lagen. Demonstrationen waren wörtlich zu nehmen. Es ging in erster Linie darum, etwas zu zeigen - einen Mißstand aufzudecken oder eine Möglichkeit zur Änderung vorzuexerzieren.

Mit Teach-ins schufen die Studenten darüber hinaus Foren der Information, der Selbstaufklärung und der öffentlichen Kontroverse. Für welche Ziele eine Bewegung eintreten sollte, war nicht irgendeiner Führungsspitze vorbehalten, die in irgendwelchen Hinterzimmern tagte, sondern sollte in einem kollektiven Diskussions- und Bewußtwerdungsprozeß herausgefunden werden.

So ambivalent die Amerikanisierung einerseits war - schließlich galten die USA als der imperialistische Hauptfeind, wer dort lebte, besaß nach den Worten Ché Guevaras den Vorteil, "im Herzen der Bestie" kämpfen zu können -, so sehr waren die Formen, mit denen für eine radikale Demokratisierung gekämpft wurde, Ausdruck der US-amerikanischen Protestkultur. Mit anderen Worten: Der Protest war von seinen Zielen her antiamerikanisch, jedoch von seinen Formen her proamerikanisch codiert.

Einige der wichtigsten Protagonisten der antiautoritären Bewegung - wie Daniel Cohn-Bendit und Karl Dietrich Wolff - hatten sich als Schüler längere Zeit in den USA aufgehalten und sich von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung faszinieren lassen. Es war schon paradox: Der Antiamerikanismus - wie er in der Parole "USA = SA = SS" als unmittelbare Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus zum Ausdruck kam - wurde durch eine proamerikanische Protestkultur artikuliert. Dies ist mehr als nur ein kokett zugespitzter Widerspruch. In gewisser Weise ging es um die unerfüllten Ziele der amerikanischen Revolution, es ging um das, was Tom Hayden und andere mit "participating democracy" gemeint hatten.

So bedeutsam der SDS als Motor der außerparlamentarischen Bewegung in der Bundesrepublik auch gewesen sein mag, er hätte ganz sicher keine so starke Wirkung entfalten können ohne die subkulturelle Gruppierung Kommune I. Gegründet um die Jahreswende 1966/67 in West-Berlin, war sie das Produkt einer kleinen Strömung westeuropäischer Künstler und Intellektueller, die in der Tradition von Dadaisten und Surrealisten standen und sich als Situationisten bezeichneten.

Ihr Zentrum lag im Pariser Quartier Latin, ihre Wortführer waren der Franzose Guy Debord und der Däne Asger Jorn. Die deutsche Sektion der "Situationistischen Internationale", zu der sich die Aktivisten 1959 zusammengeschlossen hatten, setzte sich aus Künstlern der Münchner "Gruppe Spur" zusammen. Nach den Schwabinger Krawallen im Sommer 1962 wurde einigen von ihnen der ästhetische Rahmen zu eng. Es entstand die "Subversive Aktion", die die Öffentlichkeit durch Provokationen herauszufordern versuchte.

Die hauptsächlich aus Studenten bestehende Gruppe, die in rascher Abfolge Dependancen in Stuttgart, Frankfurt und West-Berlin gegründet hatte, beschloß 1965, den SDS zu unterwandern. Während das Vorhaben in München mißglückte, gelang es in West-Berlin, eine antiautoritäre Keimzelle zu etablieren. Dieser Erfolg war nicht zuletzt auf zwei sogenannte Abhauer zurückzuführen: auf die beiden aus der DDR geflohenen Soziologiestudenten Rudi Dutschke und Bernd Rabehl. An dem Kommune-Experiment in der Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson, das ein Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie mit ihrer repressiven Sexualmoral sein sollte, beteiligten sich Dutschke und Rabehl jedoch nicht.

Während sie nach Möglichkeiten zur Auslösung eines revolutionären Prozesses suchten, machten Kommunarden wie Fritz Teufel, Rainer Langhans oder Uschi Obermaier die Presse mit merkwürdigen Aktionen auf sich aufmerksam, etwa weil sie auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey ein Attentat mit Puddingpulver und Joghurt geplant hatten. Als es wegen solcher Fälle zum Konflikt kam, zeigte sich der West-Berliner SDS auch nicht toleranter als seine Mutterpartei. Er griff zum selben drakonischen Mittel wie die SPD und schloß die Kommune I bereits nach wenigen Monaten wegen "Realitätsflucht" und "falscher Unmittelbarkeit" aus.

Der wichtigste Ideengeber in der Kommune war der Ex-Schwabinger Dieter Kunzelmann. In seinen Erinnerungen "Leisten Sie keinen Widerstand!" läßt sich der Weg des Mannes verfolgen, der zum Prototyp der antiautoritären Bewegung wurde: Er fing als Clochard unter den Seine-Brücken von Paris an, stieß in München zur Gruppe Spur, wurde ebenfalls Mitglied der Situationistischen Internationale, begründete die Subversive Aktion, wechselte 1966 in West-Berlin zum SDS und rief die Kommune I mit ins Leben.

Bereits 1961 hatte Kunzelmann von einem Bauernhof in Südschweden aus seiner Familie in Bamberg geschrieben: "Wir versuchen, hier eine kollektive kommunistische und situationistische Keimzelle innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft aufzurichten." An keinem anderen läßt sich der in den sechziger Jahren ablaufende Radikalisierungsprozeß so exemplarisch nachvollziehen wie an dem Sohn eines Bamberger Sparkassendirektors.

Als im April letzten Jahres, rechtzeitig zur Welle der 68er-Revivals, in der "Berliner Zeitung" eine kryptisch anmutende Todesanzeige erschien, in der ohne Orts- und Datumsangabe behauptet wurde, Kunzelmann habe nicht nur über sein Leben, sondern nun auch über seinen Tod "frei bestimmt", hatte der "Obermufti des Chaos", wie er sich selbst einmal bezeichnete, seine Wiederauferstehung bereits hinter sich. Während der Trauerfeier für den früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe am 9. August 1967 in West-Berlin hatten Demonstranten, die "Freiheit für Fritz Teufel" forderten, einen Sarg mit sich geführt. Als sich der Deckel öffnete, erhob sich der bärtige Kommunarde, verteilte Flugblätter und schloß sich auf solch makabre Weise der Forderung an. Auch wenn manche das Ganze peinlich finden mögen - Untertauchen, Täuschung, Geheimniskrämerei, Simulation und Selbstinszenierung waren schon immer Kunzelmanns Lebenselixier.

Die Bezeichnung Antiautoritäre Bewegung, die ein Teil der Aktivisten selbst in Anspruch nahm, wurde polarisierend, fast als Kampfbegriff eingesetzt, um sich von den traditionell kommunistischen Kräften abzusetzen, die sich zur DDR und dem Erbe der Oktoberrevolution bekannten. Sie bringt, da sie sich nicht auf einen bestimmten gesellschaftlichen Träger festlegt, am besten ihre soziokulturelle Grundorientierung zum Ausdruck.

Zugleich ist damit aber auch deutlich, daß es sich dabei nur um eine relativ kurze Zeitspanne, die Phase der außerparlamentarischen Bewegung, handeln kann, die vom Tod Benno Ohnesorgs, der im Juni 1967 bei einer eigentlich friedlichen Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin durch eine Polizeikugel getötet worden war, bis zum Beginn der sozial-liberalen Koalition im Oktober 1969 reichte.

Die Begründung der antiautoritären Ziele stützte sich auf die Kritische Theorie, insbesondere auf Elemente der von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse entwickelten Gesellschaftsphilosophie.

Die Antiautoritären im SDS wollten eine soziokulturelle Veränderung als Vorstufe für eine Umwandlung des parlamentarischen Systems in eine radikale, in eine sozialistische Demokratie. Konkret ging es den 68er-Protestanten um

* die Abschaffung der Ordinarienuniversität und die Durchsetzung einer demokratischen Hochschulreform im Sinne der Drittelparität;

* die Verhinderung der Notstandsgesetzgebung, um einen Staat autoritärer Prägung unmöglich zu machen;

* den Stopp der rechtsradikalen NPD bei ihrem Marsch in die Parlamente;

* die Entflechtung der Medienkonzerne, insbesondere des Axel-Springer-Verlags, aus Protest gegen Manipulationen der öffentlichen Meinung;

* den Rückzug der USA aus Vietnam und die Beendigung des Krieges.

Kein Zweifel: In einem unmittelbaren politischen Sinne ist die damalige Bewe-

* Am 2. Juni 1967, knieend die Studentin Friederike Hausmann.

gung gescheitert. Zwar gelang es 1969, den Einzug der NPD in den Bundestag zu verhindern, die Hauptziele jedoch wurden allesamt verfehlt. Der Vietnamkrieg ging noch mehrere Jahre weiter, mit Richard M. Nixon wurde sogar ein Falke nächster US-Präsident, die Struktur des Springer-Konzerns blieb unangetastet, die nur halbherzig vorangebrachte Hochschulreform erwies sich rasch als Enttäuschung, und auch aus den hochfliegenden revolutionären Erwartungen wurde nichts.

Was folgte, war zunächst eine innere Radikalisierung, die erhebliche Teile in die Gewalt und manche sogar später in den Untergrund der RAF trieb - voran Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Holger Meins.

Der Antiautoritarismus, der sich dramatisch durchgesetzt hatte, wurde schließlich zu seinem eigenen Opfer. Da es sein inneres Gesetz war, die Bewegung immer mehr zu beschleunigen, mußte diese Logik in die Selbstzerstörung führen. Dynamik, Intensität und Tempo waren zu seinen Charakteristika geworden.

Die Affinität etwa zur chinesischen Kulturrevolution, die den Maoismus als einen eigenständigen Typus totalitärer Herrschaft völlig verkannte, resultierte in hohem Maße aus dem als revolutionär angestrebten Permanenzideal. Die Auflösungstendenzen einer zunächst äußerst erfolgreichen Bewegungsform wurden von den meisten zwar quälend erlebt, nicht aber begriffen.

So erging es auch den aus den Turbulenzen der Antiautoritären entstandenen Ansätzen zu einer neuen Frauenbewegung. Helke Sander protestierte im September 1968 gegen die patriarchalische Vorherrschaft im SDS und warf den Männern vor, sie wollten innerhalb ihrer eigenen Organisation Herrschaftsverhältnisse verlängern, deren Abschaffung sie in der Gesellschaft selbst forderten. Ihre Ansprache gipfelte in dem Vorwurf, spätestens in der Frage der Kindererziehung bekämen die Frauen zu spüren, daß in dieser Sphäre der Mann "die objektive Rolle des Ausbeuters oder Klassenfeindes" annehme. Als danach der theoretische Kopf der Frankfurter SDS-Gruppe, Hans-Jürgen Krahl, unverändert in der Tagesordnung fortfahren wollte, flogen Tomaten gegen den Vorstandstisch.

Die Revolte der Frauen stürzte die Gesellschaft nicht um; statt dessen führte später im Weiberrat ein Aufstand jüngerer gegen die erfahreneren Frauen zu dessen Auflösung. Mit anderen Worten: Die antiautoritäre Binnendynamik setzte sich auch hier noch einige Zeit fort.

Zu den paradoxen Ergebnissen der antiautoritären Bewegung gehört es, daß sie letztlich die Westbindung und liberale Demokratie festigte. Was die konservative und in vieler Hinsicht auch restaurative Bundesregierung unter Konrad Adenauer nur gegen massive Widerstände von SPD, DGB und EKD durchsetzte - die Eingliederung in das westliche Bündnis -, wurde nun, unter politisch völlig entgegengesetzten Vorzeichen, gesellschaftlich unterfüttert, mit den Subkulturen als unfreiwilliger Avantgarde der "westernization".

Vor allem die als preußische Sekundärtugenden bezeichneten Werte - Fleiß, Treue, Ehre, Gehorsam, Vaterlandsliebe - wurden in ihrer Legitimität attackiert, wo immer möglich außer Kraft gesetzt und durch andere soziokulturelle Werte und Tugenden - Emanzipation, Kollektivität, Solidarität - ersetzt. Was die US-Amerikaner unter den Vorzeichen des Kalten Krieges abgebrochen hatten, die Entnazifizierung, und womit sie steckengeblieben

* Rechts: Anwalt Horst Mahler.

waren, die Reeducation, führte die aus der Neuen Linken entstandene antiautoritäre Bewegung in gewisser Hinsicht fort und verhalf ihnen zum Erfolg.

Im Unterschied zu anderen vergleichbaren Ländern hatte die Studentenbewegung in der Bundesrepublik besonders starke, im Grunde unangemessene Auswirkungen. Denn sie besaß einen Resonanzboden, den es in keinem anderen Land gab und auch nicht geben konnte - die NS-Vergangenheit. Durch das politische Agieren im Schatten von Auschwitz nahmen staatliche und gesellschaftliche Problemstellungen eine existentielle Schärfe an, die man sonst mit Ausnahme Japans, das seines kriegerischen Nationalismus wegen vergleichbar ist, vergebens sucht.

In der Bundesrepublik, deren Institutionen bis in das staatliche Führungspersonal hinein mit ehemaligen NS-Tätern durchsetzt waren, geriet noch die nebensächlichste politische Angelegenheit zur fundamentalen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des "Dritten Reiches". Bei nahezu jedem Konflikt, so schien es, lauerte der nationalsozialistische Abgrund. Doch auch eine moralische Grundhaltung, die sich vornehmlich als antifaschistisch verstand, führte in die Sackgasse.

Ein Musterbeispiel für diese Ausrichtung war der "Fall Lübke". Der CDU-Politiker, der ein Jahrzehnt als Bundespräsident in seinem Amtssessel saß, war ein kultureller Exponent der Adenauer-Ära. In Reinkultur verkörperte er jene Gesellschaftswerte, die politisch wie kulturell rückwärtsgewandt waren und von denen sich die jüngere Generation lösen wollte. Für die Jüngeren in der antiautoritären Bewegung war er eine Projektionsfigur: Sie sahen in dem Staatsoberhaupt mit dem knarrenden Dialekt und dem hölzern-dozierenden Gestus einen sauerländischen Einfaltspinsel und Tugendwächter. Dieser Präsident, der ständig auf Weltreise zu sein schien, verkörperte all das, was man abschütteln wollte: Steifheit, Konventionalität, Provinzialität, Engstirnigkeit, Starrsinn.

Der höchste Repräsentant des Staates war unfreiwillig komisch und konnte deshalb nicht mehr als Autorität ernst genommen werden. Lübkes faktische Nicht-Autorität verhielt sich reziprok zum Antiautoritarismus der Studentenbewegung: Einerseits eignete er sich zur Persiflage, andererseits zur Delegitimation. In beiden Fällen bestand das Ziel darin, den Staat bloßzustellen: durch den Nachweis der Inkompetenz seines höchsten Würdenträgers und durch den Beweis für dessen Verstrickung in das NS-System.

Kurz vor Lübkes Wiederwahl im Juli 1964 hatte Albert Norden, der Propagandachef der SED, erklärt, daß der Mann, der ein weiteres Mal Bundespräsident werden wollte, 1940 mit einer Baugruppe in Peenemünde für ein Rüstungsvorhaben gearbeitet habe. Damit begann eine Kampagne der SED, die in dem Vorwurf gipfelte, Lübke habe sich als Architekt am Bau eines Konzentrationslagers beteiligt.

Diese Beschuldigung fiel unter den Gruppen der Apo auf fruchtbaren Boden, aber niemand ahnte, daß das Politbüro der SED das DDR-Innenministerium beauftragt hatte, in den Archiven systematisch nach Belastungsmaterial zur Diskreditierung des Bundespräsidenten zu suchen - die Dokumente der Anti-Lübke-Kampagne waren präpariert und manipuliert. Lübke zog sich verbittert in den vorzeitigen Ruhestand zurück und gab den Weg frei für die Wahl des ersten Sozialdemokraten, Gustav Heinemann.

Im Unterschied zu West-Berlin vollzog sich im konkurrierenden Bewegungszentrum Frankfurt, wie der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Karsten Voigt beobachtete, eine "beispiellose Transformation" von Exponenten einer linksradikalen Subkultur in politische Ämter und Funktionen. Von den damals Antiautoritären ist heute Daniel Cohn-Bendit Europaabgeordneter der Grünen, Joschka Fischer Bundesaußenminister, und Rupert von Plottnitz war Justizminister in Hessen.

Antiautoritäre, Spontis, Realos - das alles waren Stationen des wohl ungewöhnlichsten Karriereschubs, den die Republik erlebt hat. Nirgendwo sonst sind Positionen innerhalb der Grünen, Magistrats- und Ministerämter so generalstabsmäßig angepeilt worden wie bei den als launisch, chaotisch und karrierefeindlich verspotteten Frankfurter Spontis.

Von der zu Beginn der achtziger Jahre im Büro des Stadtmagazins "Pflasterstrand" tagenden "Sponti-Wählerinitia-tive für die Grünen" führte der Weg zielstrebig in den Römer, in die Wiesbadener Staatskanzlei und schließlich ins Bonner Auswärtige Amt. Ein Dutzend antiautoritär geprägte Grüne - Frauen befanden sich bezeichnenderweise kaum darunter - machte vor, wie der von Rudi Dutschke apostrophierte Marsch durch die Institutionen aussieht, wenn er nicht durch sie hindurch, sondern an die Macht führt. Niemand hat so zäh um die Durchsetzung einer rot-grünen Koalition gerungen wie Fischer, der selbst von einer "Koalition zwischen Freak und Facharbeiter" sprach.

Der zum Rechtskonservatismus konvertierte ehemalige "Konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, Ex-Gatte der späteren RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof, fragte in der "Welt am Sonntag" besorgt: "Siegte Dutschke in Bonn?" Die französische Tageszeitung "Libération" behauptete, die Erfahrung des 68er-Bruchs präge die neue Macht.

Es ist unbestreitbar, daß diejenigen Politiker, die die wichtigsten Ministerämter besetzt haben, aus der 68er-Generation stammen, also den Geburtsjahren zwischen 1938 bis 1948. Dazu gehören Kanzler Schröder, 54, und Minister Fischer, 50, damals Nicht-Student und eher ein Vertreter der Randgruppen.

Unter den Alt-68ern melden sich heute auch ganz andere Stimmen zu Wort: die der völkisch-nationalen Wiedererwecker. Am stärksten hat sich der ehemalige Apo-Anwalt und RAF-Mitbegründer Horst Mahler mit neurechten Bekenntnissen hervorgewagt. Der Mann, der sich am Ende seiner Haftzeit zum Rechtshegelianer entwickelt hat, ruft zu einer "nationalen Sammlungsbewegung" gegen die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft auf und ist der Ansicht, daß es sich bei Auschwitz-Leugnern um "Gutmenschen" handle. Der umtriebige Jurist, dem Gerhard Schröder vor Gericht zur Seite gestanden hatte, um ihm die Anwaltszulassung wiederzubeschaffen, begreift sich offenbar als Kopf einer Apo von rechts.

Eine ähnliche Richtung hat der an der Berliner Freien Universität lehrende Bernd Rabehl eingeschlagen. In einem Vortrag vor Mitgliedern der Burschenschaft "Danubia" in München bekannte er sich - wie im Standardrepertoire Rechtsradikaler - zum deutschen Volk, warnte vor Überfremdungstendenzen und geißelte den US-Imperialismus in Politik und Kultur.

In der deutschen Nachkriegsgeschichte spielt "1968" jetzt die Rolle eines Ursprungsmythos. Ob es sich zum 10., 20., 25. oder 30. Male jährte, jedesmal wird intensiv des Ereignisses gedacht, das doch eher einen Prozeß markiert. "1968" wird inzwischen als eine Art soziokultureller Nachgründung der Republik angesehen, und seine Jubiläen sind zum Rückspiegel geworden - zum Gradmesser, mit dem das Selbstverständnis der Republik überprüft werden kann.

Selbst als die 68er-Generation, der Jürgen Habermas noch 1988 die Wirkung einer "Fundamentalliberalisierung" attestiert hatte, nach der deutschen Einigung immer stärker unter Beschuß geriet und ihr die Vertreter einer vermeintlichen 89er-Generation den Rang abzulaufen begannen, wurde ihre kulturelle Hegemonie zwar erschüttert, jedoch nicht zu Fall gebracht; und das ist angesichts ihrer geringen faktischen Erfolge ziemlich erstaunlich.

Wer etwa heute ins Bonner Haus der Geschichte kommt, der könnte den Eindruck gewinnen, daß die Exponate zur Studentenbewegung mit einer überdimensionalen, knallroten Ché-Guevara-Fahne das geheime Zentrum des von Helmut Kohl initiierten Museums ausmachten. Während früher die Tendenz unübersehbar war, das umstrittene Kapitel "1968" aus öffentlichen Darstellungen auszusparen, ist diese Attitüde nun einer weniger aufgeregten Haltung gewichen.

Dabei sind alle Versuche ehemaliger Protagonisten, an die frühere Bewegung irgendwie anzuknüpfen, umgehend gescheitert. Bereits der 1986 von einer Gruppe um den ehemaligen SDS-Bundesvorsitzenden Helmut Schauer veranstaltete Kongreß "Prima Klima - Wider den Zeitgeist" stieß mit seinem Versuch, die "Erste gnadenlose Generaldebatte zur endgültigen Klärung aller unzeitgemäßen Fragen" veranstalten zu wollen, ins Leere.

Kaum anders war es dann mit den Berliner Kongressen über Ulrike Meinhof (1996) und Benno Ohnesorg (1997) sowie der als "generation mix" von einem "Wohlfühl-Ausschuß" um Rainer Langhans angekündigten Mega-Party "Ready to Ruck" (1998), die unter Anspielung auf ein Roman-Herzog-Wort eine Verknüpfung zwischen den Generationen von ''68, ''89 und ''98 herstellen wollte. Den Aufbruch Jahrzehnte danach wiederholen, die einstigen Mythen, Utopien oder Ziele wiederbeleben oder gar funktionalisieren zu wollen, ist offenbar zum Scheitern verurteilt.

Das Echo jener Tage ist überaus facettenreich, vielschichtig, wenn nicht gar verwirrend. Dem Schillern der antiautoritären Revolte entspricht die Umstrittenheit ihrer Bedeutung. Diese eruptionsartig ausgebrochene Bewegung läßt sich kaum auf einen Nenner bringen. Unter den einstmals Beteiligten herrscht Stimmengewirr vor, Dissonanzen des Erinnerns geben den Ton an, peu à peu hat sich eine Geräuschkulisse herau sgebildet, die einer Orchesterprobe gleicht.

Der Autor Hans Magnus Enzensberger, der wie kein zweiter Poesie und Kritik der alten Bundesrepublik verkörpert und damals ebenfalls zu den Rebellen gehörte, bezeichnet sarkastisch als "Erinnerungen an einen Tumult", was sich damals abgespielt hat: "Ein Gewimmel von Reminiszenzen, Allegorien, Selbsttäuschungen, Verallgemeinerungen und Projektionen hat sich an die Stelle dessen gesetzt, was in diesem atemlosen Jahr passiert ist. Die Erfahrungen liegen begraben unter dem Misthaufen der Medien, des ,Archivmaterials'', der Podiumsdiskussionen, der veteranenhaften Stilisierung einer Wirklichkeit, die unterderhand unvorstellbar geworden ist. Mein Gedächtnis, dieser chaotische, delirierende Regisseur, liefert einen absurden Film ab, dessen Sequenzen nicht zueinander passen. Der Ton ist asynchron. Ganze Einstellungen sind unterbelichtet. Manchmal zeigt die Leinwand nur Schwarzfilm. Vieles ist mit wackelnder Handkamera aufgenommen. Die meisten Akteure erkenne ich nicht wieder ... Je länger ich mir das Material ansehe, desto weniger begreife ich ... Jeder Versuch, den Tumult intelligibel zu machen, endete notwendig im ideologischen Kauderwelsch. Die Erinnerung an das Jahr 1968 kann deshalb nur eine Form annehmen: die der Collage."

Die Ordnung der Dinge hat zu existieren aufgehört. Verwunderung tritt an die Stelle von Erinnerung, Verwunderung darüber, wie in 365 Tagen soviel passieren konnte. Nicht mehr bestimmte Konfigurationen sind es, die das Gedächtnis bevölkern, sondern Elemente einer chaotischen Menge. Staub, Schnipsel, Bruchstücke, Fetzen - alles ist nur noch Material.

Vielleicht besitzt nur ein Schriftsteller oder Künstler die nötige Freiheit, Erinnerungen, in denen die Imagination lebendig geblieben ist, vor dem aufdringlichen Zugriff der Historisierung zu schützen.

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR

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Straße des Protests Chronik der Studenten- bewegung 1964 8. Dezember Studenten im kali- fornischen Berkeley erkämpfen sich das Recht der Redefreiheit auf dem Campus 1965 17. April Marsch auf Washing- ton - erste große Studenten- demonstration gegen den Viet- namkrieg 1966 22. Juni 3000 Studenten insze- nieren nach amerikanischem Vorbild erstmals an der FU Berlin ein Sit-in gegen den Akademi- schen Senat, weil die Studenten keine Räume mehr für politische Veranstaltungen erhalten sollen 30. Oktober Die Kampagne gegen die Verabschiedung der Notstands- gesetze beginnt 1. Dezember Bildung der Großen Koalition in Bonn 1967 1. Januar Gründung von Kommune I in West-Berlin 2. Juni Beim Besuch des Schahs von Persi- en kommt es zu Pro- testaktionen u. a. in West-Berlin; Dort wird der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen 26. September Heinrich Albertz, Regierender Bürgermeister von Ber- lin, tritt im Zusammenhang mit den Studentenunruhen vom Juni zurück 14. Oktober Studenten demonstrieren auf der Frankfurter Buchmesse gegen Stän- de des Springer-Konzerns und das griechische Obristen-Regime 9. November Bei der feierlichen Rekto- ratsübergabe an der Uni Hamburg kommt es zum Protest gegen die soge- nannte Ordinarienuniversität ("Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren") 1968 1./2. Februar In der Nacht werden in verschiedenen Filialen des Springer- Konzerns Fenster eingeworfen; Flug- blätter fordern "Enteignet Springer" 17./18. Februar Internationaler Vietnamkongreß an der TU Berlin; 12 000 Vietnamkriegsgegner de- monstrieren in der Berliner City 4. bis 10. März Der Verband Deut- scher Studentenschaften (VDS) ver- langt den Rücktritt von Bundespräsi- dent Heinrich Lübke, die Anerkennung der DDR, den Rückzug der Amerikaner aus Vietnam und Hilfe für US- Deserteure in der Bundesrepublik 2./3. April Nächtliche Brand- anschläge auf zwei Kauf- häuser in Frankfurt: Andreas Baader, Thorwald Proll, Horst Söhnlein und Gudrun Ensslin werden wegen Verdachts der Brandstiftung festgenommen 4. April Der schwarze Bürger- rechtler und Friedensnobel- preisträger Martin Luther King wird in Memphis/Tennessee ermordet 11. April Studentenführer Rudi Dutschke wird bei ei- nem Mordanschlag in West- Berlin schwer verletzt; Das Attentat führt in vielen Teilen der Bundesrepublik zu Demonstrationen und teil- weise blutigen Auseinan- dersetzungen mit der Poli- zei; zwei Tote in München 11. bis 17. April Osterunruhen; Zehntausende gehen in West-Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Essen und anderen Orten auf die Straßen, um die Auslieferung von Zeitungen des Springer-Verlags zu verhindern 12. bis 18. April Das Attentat auf Dutschke löst weltweit Proteste aus, so in Amsterdam, Prag, Brüssel, Wien, Bern, Zürich, Paris, London, Rom, Tel Aviv, New York und Toronto 30. April Sonder- sitzung des Deut- schen Bundesta- ges wegen der Osterunruhen 11. Mai Gegner der Not- standsgesetzgebung unter- nehmen einen Sternmarsch auf Bonn, 60 000 Teilnehmer; Höhepunkt der Pariser Mai- unruhen, Straßenschlachten im Quartier Latin; Die großen Gewerk- schaften rufen zum Generalstreik auf, mit dem die Studentenbewegung un- terstützt werden soll 13. Mai Auf einer Großdemo ziehen eine Million Menschen durch Paris 30. Mai Notstandsverfassung verab- schiedet; Gaullisten-Demonstration in Paris 4. November In West-Berlin kommt es bei einer Demonstration zu blutigen Aus- einandersetzungen zwischen Studenten und der Polizei; Rund 1000 Studenten demonstrieren für den Apo-Anwalt Horst Mahler, dem Berufsverbot droht 1969 5. März Gustav Heinemann (SPD) wird zum Bundespräsiden- ten gewählt 28. April Rücktritt des französi- schen Staatspräsidenten Charles de Gaulle 15. bis 17. August Rockfestival in Woodstock, Höhepunkt der Hippie-Bewegung 21. Oktober Willy Brandt wird zum Bundeskanzler gewählt; Bildung der sozial-liberalen Koalition 19. Dezember Der Film "Easy Rider", ein Kultfilm der 68er Generation, wird uraufgeführt

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* Am 2. Juni 1967, knieend die Studentin Friederike Hausmann. * Rechts: Anwalt Horst Mahler. DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. DAS JAHRHUNDERT DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR

DER SPIEGEL 13/1999
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