12.08.2013

TV-KANÄLEKrieg der Bilder

Mit dem Auslandssender Russia Today hat Kreml-Chef Wladimir Putin fürs westliche Publikum ein Anti-CNN geschaffen. Das Rezept: Stimmungsmache, Sex-Appeal und viel Geld.
Das politische Abendprogramm startet gern mit einer Mischung aus Amoklauf und Boulevard. Abby Martin, amerikanische Moderatorin im Dienste des Kreml, hat den Mund leicht geöffnet und trägt erst einmal roten Lippenstift auf, der zu ihrem schwarzen Top, den High Heels und dem Tattoo am Fußgelenk passt. Dann holt sie mit einem Vorschlaghammer aus und zertrümmert einen Fernseher, auf dem gerade CNN läuft, das amerikanische Vor- und Feindbild ihres Arbeitgebers, des russischen Auslandsfernsehsenders Russia Today.
Dieser Vorspann der Sendung soll wohl vor allem illustrieren: Russland ist offensiv, aufklärerisch und sieht auch noch gut aus dabei.
Die Regie wirft ein Foto von Edward Snowden an die Studiowand, dem Whistleblower, den die USA jagen. Es folgt ein Bericht über das Lager Guantanamo, das Amerika in Verruf gebracht hat. Die Vorlagen, die Amerika seinen Gegnern liefert, verwertet Russia Today gern und ausdauernd. Auch Washingtons kleinere Sünden bleiben nicht unbemerkt. So schafft es auch ein Mann namens Ali Bongo Ondimba in die Sendung, Gabuns Diktator, der von Barack Obama unterstützt wird.
Kritik an der selbsternannten Weltmacht Nummer eins, das wollen auch im Westen viele Menschen sehen. In US-Großstädten wie San Francisco, Chicago und New York ist Russia Today mittlerweile erfolgreicher als jeder andere Auslandssender. In Washington schauen 13-mal so viele Menschen das Programm der Russen wie das der Deutschen Welle. Zwei Millionen Briten gucken regelmäßig den Kreml-Kanal. Vor allem im Netz ist kein Konkurrent erfolgreicher. Im Juni durchbrach Russia Today bei YouTube die Schallmauer von einer Milliarde Video-Abrufen - als erste TV-Station überhaupt.
Noch größer ist der Triumph, den eine Legende des amerikanischen TV-Journalismus dem Sender bescherte. Seit diesem Sommer arbeitet auch Larry King für Russia Today. King war vorher 25 Jahre lang das Gesicht von CNN. Seine Hosenträger sind noch markanter als Abby Martins Lippen-Bekenntnisse. "Der Doyen der amerikanischen Talkshows läuft zu den Russen über", schrieb die Londoner "Times".
Der Auftrag an King und seine neuen Kollegen ist schlicht: Sie sollen "das Monopol der angelsächsischen Massenmedien brechen", sagte Präsident Wladimir Putin vor einigen Wochen bei einem Studiobesuch. Das Erfolgsrezept der Russen hat drei Zutaten: der für einen Nachrichtenkanal bisher untypische Einsatz von Sex-Appeal, ein stramm antiamerikanischer Kurs und ein nie versiegender Geldstrom aus dem Kreml.
Seit 2005 hat Russlands Regierung das jährliche Budget des Kanals von 30 Millionen auf über 300 Millionen Dollar verzehnfacht. Damit bezahlt Russia Today 2500 Mitarbeiter und Helfer weltweit, 100 davon allein in Washington. Etatkürzungen muss der Kanal nicht fürchten: Putin hat sie seinem Finanzminister per Dekret verboten.
Die Moskauer Führung sieht ihr Geld "gut investiert", sagt Natalja Timakowa, die Sprecherin von Premierminister Dmitrij Medwedew. "Russia Today ist überdies - die Deutschen mögen mir diese Bemerkung verzeihen - um einiges moderner als beispielsweise die Deutsche Welle, hat aber auch mehr Geld."
Viel Geld hat die Regierung auch in die neue Sendezentrale im Nordosten der Hauptstadt gesteckt, die Russia Today im Mai bezogen hat. Wie viele Millionen genau, das mag der Sender nicht sagen, man habe sich zu Vertraulichkeit verpflichtet. Auf dem Areal einer ehemaligen sowjetischen Teefabrik entstehen neben dem englischen Dienst nun Sendungen auf Arabisch und Spanisch. Die Abendnachrichten drehen sich um die Krise des Euro, Sozialproteste in Portugal und den NSA-Überwachungsskandal. Der Sender versteht sich als Vorkämpfer einer westkritischen, globalen Gegenöffentlichkeit.
Russia Today soll wie ein Verstärker für die Selbstzweifel von Europäern und Amerikanern wirken, die sich derzeit fragen müssen, ob ihre Staaten womöglich ähnlich korrupt und von Geheimdiensten unterwandert sind wie Russland und China.
Smarter war Propaganda jedenfalls selten. Der Altersdurchschnitt der russischen Redakteure liegt unter 30 Jahren, fast jeder spricht fließend Englisch. Nachrichtensendungen motzt die Regie schon mal auf mit Spezialeffekten wie aus Hollywood. Dem Moderator scheint dann ein vom Computer animierter Panzer fast über die Füße zu rollen. Israelische Kampfflugzeuge drehen virtuell eine Runde durchs Studio, bevor sie ihre Bomben über einer syrischen Landkarte abwerfen.
Die optische Aufrüstung hat Methode. Der Sender sieht sich als mediales Verteidigungsministerium des Kreml.
Die Frau, die Russia Today zur schärfsten Waffe Russlands im Kampf um die Meinung der Weltöffentlichkeit geformt hat, sitzt im siebten Stock der Moskauer Zentrale. Im Büro von Chefredakteurin Margarita Simonjan flimmert ein Dutzend Bildschirme. Auf ihrem Schreibtisch stehen orthodoxe Ikonen. Putin hat Simonjan 2005 zur Chefin des neuen Senders gemacht. Damals war sie 25 Jahre alt und wurde belächelt als unbekannte Reporterin aus dem Journalistentross, der den Kreml-Herrn bei Terminen begleitet.
Simonjan soll verhindern, dass Russland noch einmal einen Krieg der Bilder verliert wie im August 2008. Damals rückten Moskaus Panzer in den Südkaukasus vor, bis kurz vor Tiflis, die Hauptstadt des kleinen Georgien. Auf allen Kanälen verdammte der junge Staatschef Micheil Saakaschwili - eloquent und in Amerika ausgebildet - Russland als Aggressor. Dabei hatte er selbst den Krieg provoziert und als Erster den Befehl zum Sturm auf die mit Russland verbündete Separatistenrepublik Südossetien gegeben.
CNN zeigte Bilder zerstörter Häuser, angeblich aufgenommen nach einem russischen Bombenangriff auf die georgische Provinzstadt Gori. In Wahrheit, so Russia Today, seien es Aufnahmen der Separatistenhauptstadt Zchinwali nach einem Angriff der Georgier gewesen. "Objektivität gibt es nicht", sagt Simonjan heute nüchtern, "nur Annäherungen an die Wahrheit durch möglichst viele unterschiedliche Stimmen."
Auch in den USA ist das Misstrauen in die eigenen Medien so groß wie nie zuvor.
CNN kämpft gegen einen massiven Zuschauerschwund. Und manchmal macht die US-Politik den Russen ihre Angriffe auch einfach: Als Boliviens Präsident Evo Morales in Wien zur Landung gezwungen wurde, weil US-Geheimdienste Snowden an Bord seiner Maschine vermuteten, sprach Abby Martin aus, was viele denken: "Wer, zum Teufel, glaubt Obama, dass er ist?"
Doch zugleich setzt Russia Today auf ein wüstes Gemisch von Verschwörungstheorien und plumper Stimmungsmache. In der Sendung "The Truthseeker" mutiert das Attentat auf den Boston-Marathon, bei dem im April zwei Tschetschenen drei Menschen mit Bomben töteten, zu einem Komplott der US-Behörden.
Berlin-Korrespondent Peter Oliver bezichtigt absurderweise das ZDF der Bestechung. Der Sender habe Intellektuellen Geld gezahlt, damit sie freundliche Worte für die Anti-Putin-Gruppe Pussy Riot fänden. Als Kronzeugen befragt er den Chefredakteur von "Zuerst!", einem Blättchen deutscher Rechtsextremer.
Das ist die Gesellschaft, in die sich auch die Talk-Legende Larry King begeben hat. Im Jahr 2000 hat er das erste große Gespräch im westlichen Fernsehen mit Wladimir Putin geführt. Seitdem schwärmt der Talkmaster vom Charisma des Russen: Putin habe Qualitäten, "die einen Raum ändern, einen Magnetismus".
Kings neue Show läuft seit Juni bei Russia Today. New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani war schon zu Gast und Ex-Senator Joe Lieberman, beides Männer, die sonst nie einen Fuß in ein russisches Studio setzen würden.
Abby Martin, die Frau mit dem Hammer, hatte ihren neuen Kollegen King kürzlich in ihrer eigenen Show zu Gast. Ob er CNN nicht auch für hoffnungslos parteiisch halte, wollte sie wissen. Nein, sagte King, das sehe er nicht so. Dann regte er sich über Journalisten wie Martin auf, die Gäste benutzten als "Requisite für die eigene Meinung". Dass er genau das in Putins Sender nun selbst ist, eine Requisite und eine Trophäe, das hat der große Larry King möglicherweise noch nicht begriffen.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 33/2013
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