19.08.2013

„Urahnen der Menschheit“

GLOBAL VILLAGE: Was 4000 Philosophen bei ihrem Weltkongress in Athen trieben
Die Frage, ob und wie die Fichte-Lektüre das Denken Edmund Husserls beeinflusst hat, interessiert die Inderin Shanta Kumari nur am Rande. Und als eine Frau in blauem Poloshirt sich das Mikrofon greift und erläutert, dass zumindest Heidegger sich nie groß darum geschert habe, was Husserl ihn gelehrt hat, verlässt Kumari den Raum.
Universität Athen, Sografos-Campus, am ersten Sonntag im August: Während im vollbesetzten Hörsaal Husserls transzendentale Wende diskutiert wird, streift sich draußen, auf den Stufen vor dem Gebäude, Shanta Kumari die Schlappen von den Zehen und sagt: "Ich mag keine geschlossenen Räume."
Ein lauer Wind weht, der Campus liegt auf einer kleinen Anhöhe. Dr. Kumari, 53, Dozentin für klassische indische Philosophie an der Universität von Pondicherry in Südindien, trägt einen curryfarbenen Sari; sie ist zum ersten Mal in Athen, zum ersten Mal in Griechenland.
6249 Kilometer weit ist sie gereist, um auf dem XXIII. Weltkongress der Philosophen mit einem Irrtum aufzuräumen. Kumari will eine Lanze brechen für die indische Philosophie, und wo könnte sie das wirkungsvoller tun als in der Heimat von Platon und Aristoteles. Dort, wo, wie mantraartig wiederholt wird, das abendländische Denken seinen Ursprung hat.
Kumari hat dafür einen Vortrag ausgearbeitet, in dem sie darlegt, dass die indische Philosophie weder irrational noch esoterisch ist, sondern mit dem westlichen Denken durchaus mithalten kann. Die westliche Zivilisation habe nicht nur Fortschritt gebracht, sagt Kumari. Sie spricht ruhig und besonnen. Seit sich ihr Land am Westen orientiere, gierten die Menschen nach Geld, nach materiellen Dingen. Ehen würden geschieden, es gebe jetzt mehr Drogen und Alkohol in Indien. Shanta Kumari findet nicht, dass der Westen viel Grund habe zur Überheblichkeit.
Gemeinsam mit 4000 anderen Teilnehmern aus 105 Ländern sitzt sie nun eine Woche lang in einem Athener Betonklotz, hier finden Vorträge und Seminare statt, etwa über die "Relevanz von Arthur Schopenhauers Pessimismus für die Moderne" oder über den stoischen Aspekt bei Spinoza.
Der Weltkongress der Philosophen ist das globale Happening professioneller - zumindest aber studierter - Denker. Alle fünf Jahre treffen sich Philosophen aus der ganzen Welt, um gemeinsam den Stellenwert ihrer Disziplin in der Gegenwart zu eruieren. Sie wollen also wissen, ob noch irgendjemand sie braucht.
Allein die Broschüre mit den Exzerpten der Aufsätze und Exposés, die die Teilnehmer vorgelegt haben, ist 818 Seiten stark.
Zuletzt fand der Kongress 2008 in Seoul statt, dort wurde entschieden, dass der nächste Gastgeber die Athener Universität sein wird. Stolz seien sie gewesen damals, sagt Konstantinos Vouroudis, der Organisator, emeritierter Professor. Mit dem Stolz ist das allerdings mittlerweile so eine Sache in Griechenland, es hat sich vieles geändert.
"Wir leben heute in einer ganz anderen Realität", sagt Vouroudis. Er steht auf dem Hof der philosophischen Fakultät, an der Wand hinter ihm ein Graffito: Tod den Gläubigern, steht da in großen, schwarzen Buchstaben.
Kurz nachdem Vouroudis und sein Team mit den Vorbereitungen begonnen hatten, war plötzlich kein Geld mehr da für das Großereignis. Wenn eine Universität das eigene Personal nicht mehr bezahlen kann, weil das ganze Land pleitegeht, dann kann sie auch keinen Weltkongress für Philosophen ausrichten. Vouroudis' Team war auf Sponsoren angewiesen. Die Onassis-Stiftung zum Beispiel hat das Papier für die Reader bezahlt und das Honorar der Übersetzer.
Auch der Tourismusverein der Südägäis hat geholfen, dafür durfte er im Eingangsbereich Stände aufstellen und Faltblätter auslegen mit Bildern vom türkisfarbenen Meer.
Konstantinos Vouroudis ist stolz darauf, dass es doch noch geklappt hat. Er hat den Teilnehmern einen enthusiastischen Brief geschrieben, in dem Sokrates, Zenon, Epikur und Diogenes, "die Urahnen der ganzen Menschheit", die Gäste begrüßen. Selbst wenn der Staat bankrott sei, für die Philosophie gebe es in Athen immer Platz, sagt Vouroudis. "Hier steht die Wiege unserer Kultur", und natürlich meint er wieder die ganze Menschheit.
Ein Philosoph sei wie eine Glühbirne, sagt Shanta Kumari aus Pondicherry, er erleuchte die Menschen, bringe sie zum Denken. Jede Philosophie sei eine bestimmte Sicht auf die Dinge, und es gebe eben viele Sichtweisen auf der Welt. Sie steht jetzt vor der Universitätsbuchhandlung, in der Hand einen Reiseprospekt über die Südägäis.
Und was hält sie nun von Griechenland, der Wiege der abendländischen Zivilisation? "See", sagt Dr. Shanta Kumari in singendem Englisch: "Jeder Hund hat seinen Schwanz, und jede Ära hat ihr Ende." Nachdem sie Bilder von Delphi und Olympia gesehen hat, möchte sie nicht mehr dorthin fahren.
"Nur Ruinen", sagt Kumari.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 34/2013
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