19.08.2013

ESSAYZeitunglesen

Bin ich vielleicht verrückt geworden? Von Monika Maron
Es kommt immer öfter vor, dass mich beim morgendlichen Zeitunglesen das Gefühl überkommt, ich lebte in einem Irrenhaus, was so ja gar nicht mehr genannt werden darf, also: Mich überkommt das Gefühl, ich lebte in einem Behindertenhaus. Wahrscheinlich darf man es so auch schon nicht mehr nennen, weil das Wort behindert inzwischen benutzt wird wie früher die Wörter irre und blöde: "Bist du behindert oder was?", sagt man jetzt, womit allein schon bewiesen wäre, dass es überhaupt keinen Sinn hat, Wörter zu verbieten, weil das an den Tatsachen nichts ändert.
Neulich rief mich eine Freundin aufgeregt an und sagte: "Die Sinti und Roma haben mir meine Handtasche geklaut." Ich konnte mich vor Lachen kaum beruhigen, natürlich nicht, weil ihr die Handtasche gestohlen wurde, auch nicht, weil ich Antiziganistin wäre, sondern einfach nur, weil ich diesen Satz so absurd komisch fand. Aber als ich einige Tage später in der Zeitung las, dass an der Leipziger und Potsdamer Universität Männer jetzt auch Professorin, Direktorin oder Präsidentin heißen, als würde damit der Anteil der Frauen in diesen Ämtern erhöht, verging mir sogar das Lachen, und mich überkam das schon erwähnte Gefühl mit der Behindertenanstalt. Wahrscheinlich denken viele, wenn nicht die meisten Irren (ich nenne sie trotzdem so), die Welt sei verrückt und sie selbst seien normal, und vielleicht geht es mir ebenso. Vielleicht bin ich verrückt und verstehe nur nicht, dass es sich nicht um einen Sprachfrevel handelt, sondern um einen überfälligen Akt der Gerechtigkeit gegenüber den Sinti, Roma und den Frauen, obwohl klar ist, dass der Satz "Die Sinti und Roma haben mir meine Handtasche geklaut" entweder den Sinti oder den Roma Unrecht tut, denn entweder haben die Sinti die Tasche geklaut oder die Roma. Und Männer unter eine weibliche Bezeichnung zu zwingen ändert auch nichts daran, dass es immer nur die von der männlichen Bezeichnung abgeleitete ist, immer nur das angehängte "in", was uns dieses literaturuntaugliche Binnen-I beschert hat und die genuschelten "Liebe Bürgernnnnn und Bürger"-Ansprachen aller Politiker.
Und warum konnten sich die Westdeutschen eigentlich kopfschüttelnd über die legendäre "geflügelte Jahresendfigur" amüsieren, in die DDR-Ideologen den Weihnachtsengel umgetauft hatten, wenn im Westen jetzt ernsthaft diskutiert wird, ob man, um der Gleichheit gleichgeschlechtlicher Paare willen, Vater und Mutter nicht durch Elter 1 und Elter 2 ersetzen sollte? Und das, obwohl jeden Tag in der Zeitung steht, dass Kinder ein Recht auf Vater und Mutter haben; allerdings geht es dann fast immer um die Kinder alleinerziehender Mütter.
Solcherart Gedanken mache ich mir, wenn ich morgens die Zeitung lese und dann nicht mehr weiß, ob ich verrückt bin oder die anderen.
Als wäre das nicht genug, kann ich fast jeden Tag in der Zeitung lesen, dass ich an einer gefährlichen, zudem ansteckenden, die Gesellschaft bedrohenden Krankheit leide, womit weder Aids noch Tbc oder dergleichen gemeint ist, sondern eine Angststörung, das heißt, ich habe übermäßige Angst vor etwas, wovor Menschen ohne meine Krankheit keine, auf jeden Fall weniger Angst haben. Eine Angststörung nennt man auch Phobie. Es gibt die Spinnenphobie, Klaustrophobie, Blutphobie, Canophobie und allerlei andere Phobien. In meinem Fall, steht in der Zeitung, soll es sich um die Islamophobie handeln.
Hätte ich es nicht wenigstens hundertmal schwarz auf weiß gelesen, wüsste ich wahrscheinlich heute noch nichts von meiner Krankheit. Weder überfällt mich ein Zittern, wenn ich an einer Moschee vorbeigehe, noch tritt mir der Angstschweiß auf die Stirn, wenn ich einer Frau mit Kopftuch begegne oder in einer Buchhandlung den Koran sehe und ihn sogar in die Hand nehme. Aber darauf kommt es wohl gar nicht an. Das ist eben das Gefährliche an der Krankheit: Man hat sie, ohne das Geringste zu bemerken. Darum halten es die Zeitungen auch für ihre Pflicht, Menschen wie mich darüber aufzuklären, dass sie, ohne es zu wissen, längst von dieser sich seuchenartig verbreitenden Krankheit infiziert sind. Wer wie ich an gar keinen Gott glaubt, ist besonders gefährdet, weil mir allein die Zumutung, ständig auf eine Religion Rücksicht zu nehmen, auf die Nerven geht, was den Gläubigen vielleicht beleidigen und ihn darum veranlassen könnte, von mir noch mehr Rücksicht zu fordern, was mir dann noch mehr auf die Nerven gehen würde, so dass ich dem Fordernden in Zukunft lieber aus dem Weg ginge, was der wiederum als meine Angst vor ihm verstehen könnte, und schon gehörte ich zu den Phobikern, und wenn der Gläubige, dem ich aus dem Weg gehen möchte, ein Muslim ist, bin ich eben eine Islamophobikerin.
Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, unter den Christen, jedenfalls unter ihrer kirchlichen Obrigkeit, breite sich ein verhohlener Neid auf die gläubigen Muslime aus, deren hochgradige Kränkbarkeit in Glaubensdingen sich als sehr erfolgreich erwiesen hat. Es könnte ja sein, dass sich die Christen jetzt fragen, warum sie all das blasphemische Gerede, Geschreibe und Gesinge ertragen müssen, warum ihr Gott beleidigt werden darf und der andere nicht. Da nach 200 Jahren aufklärerischer Erziehung selbst den Christen Herrn Mosebachs Ruf nach wirksamen Blasphemiegesetzen offenbar zu verwegen vorkam, andererseits das Vorbild einer gehorsamen und leidenschaftlich für ihren Gott kämpfenden Glaubensgemeinschaft zu verlockend ist, versuchen sie nun, auf anderen Wegen unter den Schutzschirm für muslimische Empfindlichkeiten zu flüchten.
Schließlich hätten sie alle den gleichen Gott, ist zu hören (was ja möglich ist, aber voraussetzt, dass Allahs Prophet einige Mitteilungen seines Herrn missverstanden haben muss), und auch sie, die Christen, würden leiden unter mangelndem Respekt vor ihrem Glauben, was sie mit allen anderen Gläubigen eine und von Ungläubigen wie mir eben unterscheide. Ich kann mir sogar vorstellen, dass auch einige Menschen in Regierungsverantwortung manchmal bedauern, ständig mittels demoskopischer Umfragen herausfinden zu müssen, was ihre potentiellen Wähler gerade von ihnen wollen, statt ihnen, wie zum Beispiel Recep Tayyip Erdogan, im Namen Gottes klipp und klar mitzuteilen, was sie zu wollen haben.
So jedenfalls versuche ich mir zu erklären, warum mich Zeitungen und Rundfunksender so auffallend oft mit religiösen Belehrungen traktieren, wobei ich mich dann allerdings frage, ob die Frömmigkeit unter den Journalisten und Schriftstellern in den letzten Jahren so zugenommen hat oder ob ihr gewachsenes Interesse an der Religion vielleicht andere Gründe hat. Der britische Literaturwissenschaftler John Carey schreibt in seinem Buch "Hass auf die Massen", dass ein großer Teil der englischen Intellektuellen, unter ihnen Virginia Woolf, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht ablehnten, weil sie den Einfluss der Unterschicht auf das Geistesleben und die Kunst fürchteten. Nach Careys These zog sich die Kunst, als die Unterschicht des Lesens und Schreibens kundig war und die ersten zaghaften und manchmal ungeschickten Schritte in die bis dahin verschlossene Geisteswelt der Oberschicht wagte, ins Unverständliche zurück. Wenn man bedenkt, dass inzwischen jeder Dussel via Internet seine Meinung in die Welt schreiben darf, könnte es ja sein, dass die neuerliche Hinwendung zum Religiösen unter einem Teil der Intellektuellen der Versuch ist, die verlorene Distanz wiederzugewinnen. Während das Volk scharenweise aus der Kirche austritt, entdecken sie, sozusagen als Alleinstellungsmerkmal, den Sinn des Glaubens wieder. Sollen die anderen die zahllosen Ratgeber zum Glück lesen, sie lesen die Bibel. Wer sich nicht nach Gott streckt, kann selbst nicht groß werden, diesen Satz habe ich so oder ähnlich gelesen oder gehört. Diesem sich nicht nach Gott streckenden Menschen, somit auch mir, fehle die Verbindung zur Transzendenz. Ich bin also nicht nur verrückt und krank, sondern leide auch noch an Transzendenzmangel, was wohl bedeuten soll, dass ich zu einer religionsfernen Unterschicht gehöre, während sich eine gläubige Oberschicht in die transzendente Unverständlichkeit zurückgezogen hat.
Ich habe schon überlegt, ob ich die Zeitung nicht ganz aufgeben und stattdessen lieber Bücher über die Blattschneiderameise, den Hirschkäfer oder den Gärtnervogel lesen sollte, um mich vom Unbegreiflichen unser aller, also auch des Gärtnervogels, Hirschkäfers und der Blattschneiderameise, Daseins durchschauern zu lassen, ohne an Gott oder etwas Ähnliches glauben zu müssen.
Außer den Gottgläubigen tummeln sich in der Zeitung nämlich noch allerlei andere Sektierer, die ihren Glauben zwar Wissen nennen und ihren Göttern auch Tarnnamen gegeben haben, aber ebenso wenig an ihnen rütteln lassen wie der Papst an Marias Jungfräulichkeit. Es scheint, als fänden sich viele Menschen, denen es nicht mehr gelingt, an diesen einzigen Gott zu glauben, im Leben nicht zurecht, wenn sie nicht an etwas Gottähnliches glauben können, oder wenigstens an eine Art Teufel, der die Gentechnik, den Klimawandel, für manche sogar das Internet, das Rauchen und das Fleischessen und überhaupt die ganze Ungleichheit über die Menschen gebracht hat. Ihre Heilige Schrift besteht aus Statistiken, und Statistiken kann man nun glauben oder nicht, zumal sie nicht selten nach oben oder unten korrigiert werden.
Aber wer wie ich, ehe er in diesen wichtigen Angelegenheiten ein Glaubensbekenntnis ablegt, darüber nachdenken oder sogar darüber diskutieren will, gerät in Verdacht, ein Leugner zu sein, und ein Leugner ist genauso schlimm wie ein Phobiker. Ich bin also verrückt, krank, leide an Transzendenzmangel und gehöre gelegentlich auch zu den Leugnern. Außerdem habe ich einen Hund, auch darüber steht viel Schreckliches in der Zeitung. Ich frage mich, warum sich die Zeitungen eigentlich wundern, dass immer weniger Leute sie lesen wollen.
Maron, 72, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Ihr neuer Roman "Zwischenspiel" erscheint im Oktober.
Von Monika Maron

DER SPIEGEL 34/2013
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