19.08.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Gerechtigkeit ist radikal“

Die Frage nach der richtigen Sozialordnung gehört zu den wichtigsten Streitpunkten zwischen den Parteien im aktuellen Wahlkampf. Der Frankfurter Philosoph Rainer Forst erklärt, warum darin so viel politischer Sprengstoff steckt.
Forst, 49, ist Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Der Leibniz-Preisträger gilt international als der wichtigste deutsche politische Philosoph seiner Generation. Als Habermas-Schüler führt er die Tradition der Frankfurter Schule mit neuen Akzenten fort. Seine "kritische Theorie der Gerechtigkeit" hat er in zahlreichen Büchern ("Kontexte der Gerechtigkeit", "Das Recht auf Rechtfertigung", "Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse"; alle Suhrkamp Verlag) entwickelt.
SPIEGEL: Herr Forst, leben wir in Deutschland in einer gerechten Gesellschaft?
Forst: Nein, ein solches Urteil geben die Lebensverhältnisse nicht her. Und selbst wenn sie besser wären, gilt grundsätzlich, dass die gerechte Gesellschaft ein Projekt ist, von dem man nie behaupten kann, dass es abgeschlossen sei. Wir brauchen jedenfalls eine Politik, die die Frage der Gerechtigkeit ins Zentrum rückt.
SPIEGEL: Tut das nicht jede Politik? Die SPD hat ihren ganzen Wahlkampf unter diesen Begriff gestellt. Die Gerechtigkeit hat einen moralischen Rang, den keine Partei in Zweifel zieht.
Forst: Es kommt nur darauf an, den Begriff nicht zu verkürzen. Man muss nämlich sehen, dass die Gerechtigkeit ein Grundsatz ist, der anderen Werten, etwa Freiheit oder Gleichheit, vorgeordnet ist: Sie legt fest, welche Form der Freiheitsausübung gerecht und gerechtfertigt ist. Sie gilt als die oberste, wichtigste Tugend im Staatswesen, schon seit Platon.
SPIEGEL: "Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben", hat Immanuel Kant auf seine sehr kategorische Art verkündet.
Forst: Sehr wahr. Ähnliches findet sich an vielen Stationen der Philosophiegeschichte. Der heilige Augustinus etwa sagte, dass politische Gemeinschaften ohne Gerechtigkeit nicht besser als Räuberbanden seien.
SPIEGEL: Aber wie die Gerechtigkeit zu verstehen ist, darüber streiten die Philosophen und die Politiker.
Forst: Das verwundert nicht, denn die Gerechtigkeit ist ja die Tugend, derer man erst im Streitfall bedarf. Für die Begriffsbestimmung hilft es, auf Platon zurückzugehen, auch wenn seine Antwort heute nicht mehr überzeugt. Er verknüpft das Ideal der Gerechtigkeit mit der Vorstellung der guten Ordnung. Die verschiedenen Seelenteile des Menschen, also seine unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten, sind innerhalb der Polis in ein richtiges Verhältnis gebracht, und nach dem Prinzip, das später "suum cuique" genannt wurde, trägt jeder Bevölkerungsteil das Seinige bei und kann dementsprechend erwarten, das Seine zu erhalten.
SPIEGEL: Mit dem Motto "Jedem das Seine" ist viel Schindluder getrieben worden. Wie will man festsetzen, was jedem zusteht?
Forst: Das ist der entscheidende Punkt, an dem wir über Platon hinausgehen müssen. In Platons Ständeordnung kommt diese Kompetenz den Herrschenden zu, vorausgesetzt, die Herrschenden sind zugleich die Philosophen, die ab einem gewissen Alter, in das ich so langsam komme (lacht), über die nötige Weisheit verfügen. Zugleich weist Platon in seinem Höhlengleichnis darauf hin, dass diejenigen, die aus der Schattenwelt der Höhle getreten sind, um die Wahrheit zu erblicken, auf Unglauben stoßen, wenn sie zurückkehren, um ihre frisch gewonnene Weisheit zu verkünden. Vielleicht werden sie sogar umgebracht.
SPIEGEL: Die Sehnsucht nach dem weisen und gerechten Herrscher hat sich dennoch immer wieder in neuen Formen ausgedrückt, bis hin zur Kommunistischen Partei, die angeblich immer recht hat.
Forst: Wir müssen aber ohne Philosophenkönige und ihre Kopien auskommen. Mit diesem Ideal wirft Platon allerdings auch die Frage auf, ob es bei der Gerechtigkeit überhaupt um eine moralische Größe geht, die objektiv bestimmbar ist, um eine in ihrem Kern unwandelbare Idee. Oder ob jede Zeit, jede Kultur, jede Gesellschaft ihre ganz eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hervorbringt.
SPIEGEL: Hat nicht jeder Mensch in seiner moralischen Grundausstattung einen angeborenen Gerechtigkeitssinn? Eine Ungerechtigkeit ist ja meistens sofort zu erkennen, wenn man ihr Zeuge oder ihr Opfer wird. Nicht von ungefähr spricht man von einer schreienden Ungerechtigkeit, was schon das Recht auf Protest und Widerstand mitbeinhaltet.
Forst: Ja, es gibt diesen Sinn. Nur, ein Einzelurteil zu fällen über eine Tat oder eine Sache, die einem als ungerecht erscheint, ist eines. Ein allgemeines Urteil zu treffen, das dann auch mit einem verallgemeinerbaren Prinzip übereinstimmt, ist etwas anderes. Nicht jede Empörung ist im Recht. Klugerweise nähert man sich dem Kern der Sache, indem man fragt: Wogegen stehen Menschen auf, wenn sie sich auf die Gerechtigkeit berufen? Was ist eigentlich der Gegenbegriff zur Gerechtigkeit? Ich glaube, es ist im Wesentlichen die Willkür.
SPIEGEL: Dann wäre die Frage der Gerechtigkeit auch immer eine Frage der Macht?
Forst: In der Tat. Die Willkür ist eine Art der politischen oder sozialen Herrschaft ohne ausreichende Rechtfertigung. Unter ungerechten sozialen und politischen Verhältnissen verstehen wir solche Verhältnisse, in denen Einzelne oder Gruppen über andere herrschen oder ihnen gegenüber Vorteile haben, für die es keinen guten Grund gibt, der denen genannt werden könnte, die beherrscht werden oder die Nachteile haben.
SPIEGEL: Verschiebt das die Frage nicht bloß von der Gerechtigkeit zur Rechtfertigung? Wie ist denn die angemessene Rechtfertigung zu finden?
Forst: Hier ist eine reflexive Antwort nötig, kein Rückgriff auf eine metaphysische Idee: Die gerechte Grundstruktur einer Gesellschaft ist die, in der die Betroffenen selbst als Freie und Gleiche die Macht haben zu bestimmen, was für alle als gerechtfertigt gelten kann. Darin erweist sich die Radikalität der Gerechtigkeitsfrage: Es geht nicht nur darum, wer welche Chancen in einer Gesellschaft hat, sondern insbesondere darum, wer darüber bestimmt, wer welche Chancen hat. Die Gerechtigkeit fragt nicht nur nach der richtigen Zuteilung von Gütern. Sie fragt auch danach, ob die Kriterien der Zuteilung gerechtfertigt sind und wer eigentlich solche Kriterien festlegt und anwendet. Es gibt keine gerechte Teilhabe ohne gerechte Teilnahme.
SPIEGEL: Das heißt, Gerechtigkeit, die von oben kommt, ist gar keine? Und Wohlstand für alle, der von oben verteilt wird, in China von der KP, in den Öl-Emiraten von der Herrscherfamilie, kann allein keine gerechte Gesellschaft begründen?
Forst: So ist es. Seit der Antike stellen wir die Gerechtigkeit gerne als Göttin mit Schwert, Waage und manchmal Augenbinde dar, die unparteiische Justitia. Aber dieses Bild verführt dazu, sich eine zuteilende, übergeordnete Instanz oder Autorität vorzustellen, vor allem wenn es um distributive Gerechtigkeit geht. Beliebt ist auch das Beispiel der Mutter, die einen Kuchen verteilt. Die Kinder machen unterschiedliche Kriterien geltend: Gleichheit, Bedürfnis, Leistung und Verdienst, je nachdem. Das ist alles erhellend, aber die eigentliche Gerechtigkeitsfrage ist die "Mutterfrage" selbst: Wer hat warum die Autorität, über diese Verteilung zu bestimmen?
SPIEGEL: Die Kinder sind unmündig, deshalb weiß die Mutter es besser. Der mündige Staatsbürger dagegen ...
Forst: ... lässt sich nicht bevormunden. Wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, muss der Obrigkeitsstaat als verteilende Instanz hinterfragt werden. Die Autorität, darüber zu befinden, welche Güter wie verteilt werden und, davor noch, welche Güter wie produziert werden - das ist die eigentliche Gerechtigkeitsdimension.
SPIEGEL: Kann es nicht doch autoritäre Herrschaftssysteme geben, die um Gerechtigkeit besorgt sind, vielleicht auch rechtsstaatliche Grundsätze respektieren?
Forst: Denen würde ich immer noch ein großes Potential der Willkür unterstellen. Richtig ist, dass autoritäre, nichtdemokratische Systeme, denken wir an China, große Fortschritte bei der Verbesserung des Lebensstandards vieler ihrer Bürger erreichen können. Aber macht das diese Regime gerechter? Oder wenn ein wohlmeinender Diktator beschließt, seinen Untertanen ein angenehmeres Leben zu bescheren, weil er über große Öl-Einnahmen verfügt, aber die Betroffenen nicht mitbestimmen können, wie das geschieht, würden wir dann sagen, das ist eine gerechte Gesellschaft?
SPIEGEL: Von der Empfängerseite her gedacht ist jede Gesellschaft, in der die Menschen ein Mehr an Gütern bekommen und ein besseres Leben führen, eine Steigerung der Gerechtigkeit.
Forst: Da scheint mir ein falsches, halbiertes Gerechtigkeitsverständnis am Werk zu sein. Klar: Eine solche Gesellschaft ist in verschiedener Hinsicht eine bessere als die Mangelgesellschaft. Aber dass sie besser ist, bedeutet nicht, dass sie gerechter ist. Denn die Gerechtigkeitsfrage ist die Frage nach der Rechtfertigbarkeit sozialer Verhältnisse durch die Mitglieder dieser Gesellschaft selbst.
SPIEGEL: Ihrem Verständnis nach entfaltet die Forderung nach Gerechtigkeit fast zwangsläufig eine revolutionäre Treibkraft.
Forst: Das belegt die historische Erfahrung. Wenn ein aufgeklärter Monarch soziale Reformen in Gang gesetzt und den Lebensstandard der Massen substantiell verbessert hat, erlischt dadurch nicht das Bestreben, Subjekt statt nur Objekt der Politik zu sein. Der Impuls des Aufbegehrens gegen Ungerechtigkeit ist nicht so sehr das Verlangen, mehr hiervon und mehr davon zu haben, sondern der Anspruch, als Rechtfertigungssubjekt wahr- und ernst genommen zu werden.
SPIEGEL: Es geht der Gerechtigkeit zwar auch um das Haben, aber mehr noch um das Sein?
Forst: Um das gesellschaftliche Sein, ja. Darum, nicht nur Gegenstand der Entscheidungen anderer zu sein. Ich glaube, dass man das auch in den Rebellionen neuerer Zeit sehen kann, in der arabischen Welt, in der Türkei, vor 24 Jahren auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Bessere Lebensverhältnisse, mehr religiöse Freiheiten, Freiheiten für Frauen - das alles sind zentrale Forderungen. Aber in erster Linie kommt es darauf an, nicht mehr einem Regime unterworfen zu sein, in dem man Güter oder Freiheiten bittstellend einfordert und froh ist, sie gewährt zu bekommen.
SPIEGEL: Die Gerechtigkeit ist ein Kampf um Anerkennung?
Forst: Ja, aber eben nicht nur um Anerkennung des Rechts auf ein materiell gutes Leben, sondern der Autonomie als eines nicht nur Normen unterworfenen, sondern auch eines Normen setzenden Wesens. Das reine, reduzierte Verteilungsdenken greift zu kurz. Sonst brauchten wir keinen Unterschied zu machen zwischen dem Opfer einer Naturkatastrophe, das in einem Erdbeben oder einer Überschwemmung alles verloren hat, und den Opfern von Ausbeutung und sozialer Exklusion, deren Armut strukturell bedingt ist.
SPIEGEL: Gebietet die Gerechtigkeit nicht, beiden zu helfen?
Forst: Wichtig ist die Differenz, denn die einen haben einen moralisch begründeten Anspruch auf solidarische Hilfe, die anderen einen Anspruch darauf, nicht länger struktureller Ungerechtigkeit unterworfen zu sein - an der die, die helfen können, vielleicht auf eine Weise beteiligt sind, die sie gerne ignorieren. In der gegenwärtigen Diskussion über Entwicklungsfragen werden beide Dimensionen oft vermischt. Gerechtigkeit darf man aber nicht auf Nothilfe reduzieren. Im wirklichen Leben mag beides ineinanderspielen, da ja die Ärmsten oft am meisten unter Naturkatastrophen leiden, wie 2005 bei Hurrikan "Katrina" in New Orleans oder bei Erdrutschen, die eine Slumsiedlung begraben. Das ändert aber nichts am normativen Unterschied dieser beiden Situationen. Die Ungerechtigkeit ist menschlich erzeugt.
SPIEGEL: Die demokratische Rechtfertigungsordnung allein ist allerdings noch keine Garantie für die Herstellung sozial und politisch gerechter Verhältnisse. Wie sonst könnte es zu der krassen Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung innerhalb der westlichen Gesellschaften kommen? Darum geht es doch den linken Parteien im Wahlkampf.
Forst: Auch in einer Demokratie kann die Gerechtigkeitsrhetorik fehlgeleitet sein. Wenn zum Beispiel soziale Unterschiede mit dem Verweis auf das Leistungsprinzip gerechtfertigt werden, so ergibt das Argument bestenfalls dann einen Sinn, wenn die Möglichkeit, etwas zu leisten, einigermaßen gleich verteilt ist. Bei ungleichen Ausgangsbedingungen lassen sich die Ergebnisse eines "Leistungswettbewerbs" nicht rechtfertigen, weil er keiner ist. Abgesehen davon ist es notorisch schwierig, ein allgemeines Maß für Leistungen zu finden.
SPIEGEL: Ist es demnach gerechtfertigt, dass Sozialdemokraten und Grüne eine schärfere, sogar empfindlich hohe Besteuerung der Reichen verlangen?
Forst: In einer Gesellschaft, in der so viele ererbte Privilegien existieren wie in unserer, stellen wir den Trend zu einer "Refeudalisierung" fest, wie ich das nennen würde, das heißt einer schichtenspezifischen Reproduktion des ökonomischen und kulturellen Kapitals. Als Gegenmaßnahme gehört die Frage der Besteuerung von Vermögen mit auf den Tisch. Sie ist Teil einer kompensatorischen, also sozial ausgleichenden Gerechtigkeit. Fundamentaler und radikaler wäre freilich eine Gerechtigkeit, welche die Grundstruktur der Gesellschaft so organisiert, dass keine Gruppen von - oft mit anklagendem Unterton so genannten - "Schwachen" und Ausgeschlossenen dauerhaft entstehen.
SPIEGEL: Gerechte Sozialpolitik ist immer mehr als Fürsorge oder Ausdruck von Großherzigkeit?
Forst: Sie muss immer demokratische Strukturpolitik sein. Wenn marginalisierte Gruppen - Arbeitslose, Alleinerziehende, Kranke, Alte - resignieren und gar nicht mehr als autonome Subjekte der Gerechtigkeit in ihren Interessen repräsentiert sind, dann laufen solche Entfremdungserscheinungen auf eine fatale Entwicklung hinaus, die eine demokratische Gesellschaft desavouiert.
SPIEGEL: Wie wollen Sie dieser Politikentfremdung vorbeugen? Die SPD hat Schwierigkeiten, ihre Wähler zu mobilisieren. Zeigt das nicht die Grenzen der demokratischen Herstellung von Gerechtigkeit auf?
Forst: Hier rühren wir an ein grundsätzliches Problem unserer Zeit. Die besagte Entfremdung ist gespeist durch den Zweifel, ob es in einer globalisierten Ökonomie mit ihren vermeintlichen Gesetzlichkeiten noch möglich ist, eine Gerechtigkeit gestaltende Politik zu realisieren. Dann wird der Streit um Gerechtigkeit sinnlos, da sie keinen Ort mehr hat. Wir wären zurück in einer Welt, in der fremde Götter herrschen, "Märkte" genannt. Das aber ist ein mythisches Weltverständnis, das wir überwinden müssen. Wer so denkt, zementiert die Wirklichkeit und produziert Ideologie.
SPIEGEL: Sind die Menschenrechte ein wichtiger Bestandteil globaler Gerechtigkeit, also mehr als ein kulturelles Produkt des Westens?
Forst: Die Menschenrechte sind zwar eine historische Errungenschaft in einer bestimmten Epoche. Aber das begrenzt ihre normative Kraft in keiner Weise. Sie sind nicht nur dort gültig, wo der Kampf um sie erfolgreich geführt wurde, sondern überall dort, wo sie gegen Unterdrückung und Willkür eingefordert wurden und werden. Man kann den Rest der Welt nicht normativ ausbürgern, indem man die Sprache der Emanzipation zum kulturellen Eigentum des Westens erklärt. Was für eine Anmaßung - die Sprache der Gerechtigkeit gehört nicht einer Kultur! Die Rechte der Frau zum Beispiel können nicht mit der Begründung eingeschränkt werden, mit ihnen werde der Raum der islamischen Kultur überschritten - denn was diese Kultur bedeutet, ist ja in ihr gerade umstritten. Die Gerechtigkeit greift überall, wo Verhältnisse von Unterdrückung und Beherrschung bestehen und ein Recht auf Rechtfertigung reklamiert wird. Die Formen der Willkür ändern sich wie die Versuche ihrer Bekämpfung, aber der Grundsatz der Willkürvermeidung und der Rechtfertigung bleibt.
SPIEGEL: Rechtfertigt das auch militärische Interventionen im Namen der Menschenrechte?
Forst: Das wäre ein Kurzschluss. Die Universalität und Nichtreduzierbarkeit der Menschenrechte sind das eine, ihre Durchsetzung durch Autoritäten von außerhalb ist etwas ganz anderes. Die Menschenrechtsrhetorik darf nicht politisch instrumentalisiert werden, schon gar nicht, um Kriege zu führen. Aber auch diese Einsicht darf nicht instrumentalisiert werden, um die Geltung der Menschenrechte zu reduzieren und sie dadurch stumpf zu machen. Haben wir das Recht, einem Dissidenten in einer asiatischen Gesellschaft zu sagen, er gebrauche fremde Begriffe, wenn er von seinem Regime gleiche Achtung einfordert?
SPIEGEL: Trauen Sie sich zu, Ihre Theorie der Gerechtigkeit wie eine Schablone auf die aktuellen Wahlprogramme der politischen Parteien zu legen und nach Ihren Kriterien zu sortieren?
Forst: Wie eine Schablone sicher nicht, ich besitze auch kein Lesegerät der Gerechtigkeit. Wer philosophisch etwas über Gerechtigkeit zu sagen hat, kann daraus keine besondere politische Autorität beziehen. Im politischen Meinungsstreit gilt eine andere Währung als im philosophischen Seminar. Der Philosoph, der sich in den politischen Raum hineinbegibt, wird nicht wie bei Platon zum Idealherrscher, sondern zu einem politischen Intellektuellen. Und in dieser Rolle versucht er, bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse - und ich betrachte die Philosophie als eine Wissenschaft - mit einer politischen Stellungnahme zu verbinden.
SPIEGEL: Probieren wir es mal aus. Ist die finanzielle Hilfe für Griechenland und andere hochverschuldete EU-Staaten eine Frage der Gerechtigkeit?
Forst: Die Europäische Union ist eine transnationale politische Gemeinschaft, die darauf beruht, dass Vor- und Nachteile, die aus dieser Vergemeinschaftung folgen, von allen akzeptiert und geteilt werden. Wenn eine Gesellschaft wie die deutsche so stark von dem Gesamtsystem profitiert hat, folgt daraus schon nach dem Prinzip der Fairness die Verpflichtung zur Solidarität. Mir ist es sehr zuwider, dass die EU in dem Moment, in dem es eine echte Herausforderung für ein gemeinsames europäisches Gerechtigkeits- und Solidaritätsverständnis gibt, in nationales Denken zurückfällt. Es bedarf neuer Formen demokratischer europäischer Politik. Technokratische Ergebnispolitik reicht nicht aus.
SPIEGEL: Nächstes Beispiel: das Betreuungsgeld für Eltern, die zu Hause erziehen. Eine kompensatorische Gerechtigkeit gegenüber denjenigen, die keinen öffentlich geförderten Kita-Platz in Anspruch nehmen?
Forst: Nein, hier greift die Reziprozitätsregel zu kurz, denn so zu denken verkennt den Sinn, den die Stärkung der Infrastruktur für die Allgemeinheit und gerade die sozial Schlechtergestellten hat.
SPIEGEL: Die Frauenquote?
Forst: Auch da macht man es sich zu einfach, wenn man die Gerechtigkeitsrhetorik bemüht, um zu argumentieren, bei der Quotenregelung handle es sich um eine unfaire Bevorzugung. Quoten sind ja im Gegenteil dazu da, eine strukturelle Ungleichheit, die aus der Vergangenheit weiter in die Gegenwart hineinwirkt, zu überwinden. Solange diese Ungerechtigkeiten in Privilegiensystemen fortwirken, hat man bestimmte Vorteile eben nicht verdient. Auch wenn wir uns in der Praxis oft mit kleinen Schritten der Gerechtigkeitspolitik begnügen müssen, dürfen wir doch im Denken nicht die Gerechtigkeit ihrer Radikalität berauben.
SPIEGEL: Herr Forst, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Ausschnitte aus Freskenzyklus im Palazzo Pubblico in Siena. Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 34/2013
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