19.08.2013

ASTRONOMIEKomet auf Kamikazeflug

Gespannt erwarten Himmelsforscher die Ankunft eines neuen Schweifsterns. Er stammt aus der Frühzeit des Sonnensystems.
Als er seine lange Reise begann, waren die Menschen noch Affen. Seit Millionen Jahren saust der Komet "Ison" nun schon durchs All, immer der Sonne entgegen. Während seines ereignislosen Flugs entdeckten die Menschen das Feuer, erfanden die Schrift, bauten Städte, errichteten Weltreiche, führten Kriege, zündeten die Atombombe und landeten auf dem Mond.
In diesem Herbst erreicht Ison endlich sein Ziel - doch die Ankunft könnte mit seiner Zerstörung enden.
Am 28. November schrammt der kosmische Vagabund an der Sonne vorbei. Hundertmal näher kommt er dem Glutball als die Erde. Die Gefahr ist groß, dass der Komet geröstet wird, auseinanderbricht und verdampft.
"Immerhin besteht aber auch die Chance, dass er den Vorbeiflug in abgespeckter Form überlebt und unser Sonnensystem danach für immer verlässt", sagt der Kometenforscher Hermann Böhnhardt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung im niedersächsischen Lindau. Und fährt fort: "Wie auch immer das Drama ausgeht - der Komet ist ein Glücksfall für die Wissenschaft."
Ison gehört zur seltenen Klasse der sogenannten Sonnenstreifer ("Sungrazer"). Die bisher beobachteten Kamikaze-Kometen waren meist nur wenige Meter groß. Ison dagegen misst - zumindest jetzt noch - mehrere Kilometer.
Auf mehr als 1500 Grad Celsius wird sich der fliegende Berg, der wie alle Kometen hauptsächlich aus Eis und Staub besteht, in Sonnennähe aufheizen. In der Gluthitze verdampfen sogar in ihm vorkommende Metalle. Die aufsteigende Gas-und-Staub-Wolke wird, vom Sonnenlicht angestrahlt, als prachtvoller Kometenschweif sichtbar sein - und lässt sich dann von der Erde aus beobachten und vermessen.
Weltweit bringen Astrophysiker ihre Teleskope in Stellung. Auch Satelliten nehmen Ison ins Visier. "Wir wollen herausfinden, welche Substanzen aus dem Innern des Kometen freigesetzt werden", sagt Böhnhardt, der an dem internationalen Beobachtungsprogramm beteiligt ist. Ison könnte unter anderem organische Moleküle enthalten, Bausteine des Lebens. Einige Astrobiologen halten sogar für möglich, dass durch Kometeneinschläge einst jene Lebenssporen auf die Erde gelangten, aus denen später Pflanzen, Tiere und Menschen keimten.
Schon im Anflug an die Sonne taut Ison allmählich auf. Wie bei einem zerbröselnden Keks bricht seine dünne Kruste an einigen Stellen bereits auf. Erste Staubstürme umwehen den Himmelskörper. Eine Lkw-Ladung voll Dreck hustet er hinaus ins All - pro Minute.
Kometen wie Ison sind faszinierende Himmelsobjekte. Ihre Erforschung dient Astrophysikern dazu, etwas über die Anfänge der Welt herauszufinden: In Kometen ist die Geburt des Sonnensystems eingefroren. Die Eisbrocken sind aus dem gleichen Urmaterial entstanden, aus dem vor 4,6 Milliarden Jahren die Sonne und ihre Planeten geboren wurden. Seit dieser Zeit ruhen Milliarden dieser gigantischen Schneebälle in der "Oortschen Wolke", die fast bis zu den nächsten Fixsternen reicht, weit jenseits der sonnenfernsten Planeten Neptun und Pluto. Die meisten werden diesen Kometenfriedhof bis zum Ende aller Zeiten nicht verlassen.
Doch ab und zu kommt es vor, dass einer von ihnen herauskatapultiert wird - ausgelöst durch einen Gravitationsschubser, etwa wenn ein Nachbarstern vorbeizieht. Genau das geschah vor Urzeiten auch mit Ison und brachte ihn auf Kollisionskurs mit der Sonne.
Entdeckt wurde der Komet im September 2012 von zwei Hobbyastronomen. Eigentlich wollten Witalij Newski und Artjom Nowitschonok neu gefundene Asteroiden beobachten. Sie verwendeten dazu Aufnahmen, die vom russisch geführten Teleskopnetzwerk Ison stammten. Durch Zufall stießen sie auf einen Lichtfleck, der auf früheren Bildern noch nicht zu sehen war. Da den Russen nicht wirklich klar war, was sie da gefunden hatten, wurde der Komet nach dem Beobachtungsnetzwerk benannt - Entdeckerpech, andernfalls hieße Ison heute Newski-Nowitschonok.
Beim Aufspüren von Kometen kommen die Amateure den Profis häufig zuvor. Rund 20, jedoch meist nur im Fernrohr sichtbare Schweifsterne werden jedes Jahr entdeckt - im Schnitt jeder zweite von einem Amateur.
Auch unter den Hobbyastronomen gilt die Ankunft von Ison als das Ereignis des Jahres. Überall auf der Nordhalbkugel werden sie ihre Teleskope ausrichten. Wenn der Schweifstern den Vorbeiflug an der Sonne trotz Blessuren übersteht, könnte er in der Adventszeit sogar mit bloßem Auge am Nachthimmel zu sehen sein.
"Mit Glück wird er vorübergehend heller leuchten als die hellsten Sterne", sagt der Bonner Amateurastronom Stefan Krause, der eine eigene Ison-Website betreibt. "Aber nach gut einer Woche ist das Schauspiel leider auch schon wieder vorbei."
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 34/2013
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