26.08.2013

Für eine Handvoll Euro

In Umfragen hat die Euro-kritische AfD keine Chance. Bei Spendern sehr wohl.
Bevor die Rechnung kam, schloss die Tischrunde eine Wahlwette ab. Die vier Spitzenleute der Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland (AfD) saßen nach einem Wahlkampfauftritt im Berliner Lokal Il Sorriso und diskutierten über ihre Chancen bei der Bundestagswahl. Die erste Prognose gab Joachim Starbatty ab, AfD-Spitzenkandidat in Berlin. "7,6 Prozent!", rief Starbatty, und die Runde johlte. 6,3 Prozent schätzte der Berliner Landesparteichef, sein Schatzmeister gar 8,2 Prozent. Vorsichtiger war die Pressesprecherin mit 5,1 Prozent. Sie notierte alle Tipps auf dem iPad. Dem Sieger winkt ein Dinner.
Vor sechs Monaten kannten sich die Tischgenossen nicht mal. Heute sind sie sicher, dass ihre Minipartei, die sie mit anderen Unbekannten im Zorn über die Euro-Rettungspolitik gründeten, am 22. September mühelos fünf Prozent holt.
Das erwarten auch die vielen AfD-Aktivisten, die in ihrer Freizeit cyanblaue Plakate kleben, an Wahlkampfständen Cocktail-Rettungsschirmchen verteilen und zum AfD-Song schunkeln: "Wir geben nicht auf". 16 000 Mitglieder hat die Partei im sechsten Monat ihrer Existenz. Ein Zwerg neben der 469 575 Mann starken CDU, aber ein angriffslustiger Zwerg. AfD-Mitglieder treibt derzeit eine Mischung aus Siegesgewissheit und Größenwahn. Kein großes Umfrageinstitut gibt ihnen mehr als drei Prozent, aber die AfD pfeift auf Forsa und Emnid. Sie glaubt nur selbstgebastelten Meta-Umfragen, in die auch zweistellige Werte aus Internetforen und Wettbörsen einfließen. So sieht sich die AfD bei sieben Prozent.
In Parteikreisen erzählt man sich, wie Demoskopen in den neunziger Jahren die Erfolgschancen der Republikaner totgeschwiegen hätten. Aber 1996 zogen die Rechtsradikalen mit 9,1 Prozent in den Stuttgarter Landtag ein. "So wird's auch bei uns!", ermutigen sich die Anti-Euro-Populisten. Dabei müssten sie, die selbst im Verdacht rechtsradikaler Unterwanderung stehen, vor dem Vergleich eigentlich zurückschrecken.
Zuversicht schenkt der AfD auch der Blick auf den Kontostand. Finanziell steht die Partei stabiler da als der Euro-Raum. Über die Kasse wacht Dipl.-Kfm. Dr. Norbert Stenzel aus Bad Nauheim, Jahrgang 1948, Chef einer kleinen Betonfima. Vor 30 Jahren war er schon einmal Schatzmeister - beim CDU-Kreisverband Wetterau, als die interne Finanzierung noch über die Zürcher Kantonalbank lief.
Heute druckt Stenzels Sekretärin ihm dreimal täglich einen Stoß Kontoauszüge aus, mit Kolonnen von Klein- und Kleinstspenden. 30 Euro, 600 Euro, 15 Euro. AfD-Fans können auch per SMS spenden oder Plakatpate werden. "Unser Fundraising ist Graswurzelarbeit. Da ist kein Milliardär im Hintergrund", beteuert Stenzel. Nur zwei Großspenden von Privatleuten in Baden-Württemberg und Berlin habe man akquiriert. Sie lagen knapp unter 50 000 Euro, so dass die AfD ihre Namen nicht sofort veröffentlichen muss. Durchschnittliche Spender geben eine mittlere dreistellige Summe. Badener und Schwaben sind besonders großzügig, heißt es. Sie lassen sich offenbar auch nicht von den kruden Bettelbriefen voller Komma- und Tippfehler abschrecken, welche die AfD Baden-Württemberg an Mittelstandsverbände verschickt hat.
Wie viel insgesamt in der Kasse liegt, will die Partei geheim halten. Die Regel ist aber nicht zu allen durchgedrungen. Auf einer Wahlkampfrallye in Kassel vergangenen Mittwoch verkündete Joachim Starbatty stolz: "Wir haben 2,3 Millionen Euro aus dem Schoß unserer Mitglieder!" Dieselbe Summe nannte zuvor Hessens AfD-Chef Albrecht Glaser. Stenzel dementiert, will den wahren Betrag aber nicht nennen. Doch dürfte das AfD-Budget das der Piraten um ein Vielfaches übertreffen.
Der neueste Fundraising-Coup der Euro-Gegner sind bezahlte Plätze beim "Captain's Dinner" mit Parteichef Bernd Lucke. Dafür zahlen AfD-Fans gern - der Meister wird von seinen Anhängern gottgleich verehrt. Für einen Abend an der Seite vom "Herrn Professor Lucke" zahlen sie 500 Euro.
Aber die meisten Wähler, vor allem im Osten, müssen die AfD erst wahrnehmen. "Wir müssen dringend noch bekannter werden", sagt Lucke. Denn scheitert der Euro gerade mal nicht, scheitert die AfD sofort beim Versuch, sich Gehör zu verschaffen. Insofern hätte Bundesfinanzminister Schäuble der AfD keine bessere Wahlkampfhilfe leisten können, als öffentlich über Griechenland-Hilfen zu sinnieren. Und noch einer verhalf der Partei jüngst zu begehrten Schlagzeilen: Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch verweigerte ihr den Segen. Ein zorniger Kirchenmann - das verspricht wieder ein paar Fernsehinterviews.
Von Melanie Amann

DER SPIEGEL 35/2013
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