26.08.2013

ESSAYAbschied vom Ossi

Warum die ostdeutsche Identität verschwindet Von Stefan Berg
Als Wolfgang Thierse zum ersten Mal im Deutschen Bundestag sprach, warb er für Geduld mit den Ostdeutschen: "Wir brauchen Zeit und Unterstützung zum Erlernen von Selbständigkeit und Selbstverantwortung, zur Überwindung der Lähmung durch totale Vormundschaft."
Heute, mehr als 22 Jahre später, würde die Bitte um Nachsicht im Parlament kurios wirken. Die Kameras würden auf die Kanzlerin schwenken, die aus Brandenburg stammt und eine Reihe von Rivalen westdeutscher Herkunft beiseiteräumte. Kommentatoren könnten auf den Bundespräsidenten aus Mecklenburg verweisen, der zwei gescheiterte Vorgänger aus dem Westen vergessen macht.
Der Thierse-Satz des Jahres 1990 hat sein Subjekt verloren: Es gibt kein "Wir" mehr, für das jemand um Verständnis werben muss.
Das Ende eines Landes ist in Sicht, das es formal nie gab - Ostdeutschland. Und einer Bevölkerungsgruppe, die ebenfalls formal nie existierte - die Ostdeutschen. Es ist Zeit für einen Nachruf.
Abschiede stehen bevor. Mit Thierse zieht sich ein Politiker zurück, der sich als "Mundwerk der Ostdeutschen" bezeichnete und lange Präsident, dann Vizepräsident des Bundestags war. Matthias Platzeck, über Jahre eine Art Übersetzer in innerdeutschen Debatten und nach Umfragen der beliebteste Politiker des Ostens, tritt diese Woche als Ministerpräsident Brandenburgs zurück. Der Solidarpakt für den milliardenschweren Aufbau Ost läuft aus - strittig ist nur noch, ob die Extrasteuer, der "Soli", ganz abgeschafft wird oder zukünftig einen gesamtdeutschen Fördertopf füllen soll.
Einst haben der Untergang der DDR und die Wiedervereinigung ein Nachdenken darüber ausgelöst, wie viel oder wie wenig Prägung der "erste Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden" (SED-Propaganda) hinterlassen hat. Von Jens Reich, dem einstigen Bundespräsidentenkandidaten der Bündnis-Grünen, stammt der kluge Satz, es habe nach dem Ende der DDR mehr DDR-Identität als in der DDR selbst gegeben. Viele DDR-Bürger hatten Sehnsucht nach der großen, weiten Welt des Westens und zugleich Angst, das kleine, überschaubare Land zu verlieren, in dem sie zu leben gelernt hatten.
In den aufgeheizten Debatten um die "zweite deutsche Diktatur" und das "Unrechtsregime" fanden viele Menschen ihre Alltagserfahrungen nicht wieder. Ostdeutschland als Begriff, als neue Identität, entstand in dieser angestrengten Lage. Im Osten wurde ein Wir-Gefühl sichtbar, das trotzig die eigene Lebensleistung verteidigte, in der politischen Auseinandersetzung aber fast immer als Verteidigung des Systems verstanden wurde. Dagegen ermöglichte die geografische Zuordnung "ostdeutsch" ein Bekenntnis zur Herkunft bei gleichzeitiger Loslösung von politisch-ideologischen Zuordnungen oder Vereinnahmungen. Ostdeutschland war nicht mehr DDR und noch nicht Bundesrepublik. Das Wort entsprach dem unerfüllten Wunsch nach Eigenständigkeit auf dem Weg in die Einheit. Wer sich nicht mehr als DDR-Bürger, aber noch nicht als Bundesbürger sah, der war eben ostdeutsch. Ostdeutsch, das war Selbständigkeit ohne Separatismus. Auf der politischen Bühne wurde diese Art Übergangsidentität von Thierse artikuliert, von der 2001 verstorbenen Regine Hildebrandt (beide SPD) oder auch von Gregor Gysi. Als dessen PDS im Wahlkampf schlicht das Wort "Wir" groß plakatierte, bedurfte dieses "Wir" keiner weiteren Erklärung.
Nicht alle mochten in Ostdeutschland ein Übergangsphänomen sehen. In der gekränkten und um ihre Sonderstellung gebrachten Kulturszene der DDR wurde "ostdeutsch" zu einem Label ohne Verfallsdatum. "Der Ostdeutsche" wurde zum besseren Menschen erklärt, "das Ostdeutsche" zur Dauerprägung, die sicher über Generationen weitergegeben werden würde. Diese Deutung passte spiegelbildlich zu jenen aus dem Westen, die negative Phänomene wie Ausländerfeindlichkeit oder die hohen Erwartungen an einen starken Staat für typisch ostdeutsch hielten. Sie fürchteten eine Ver-Ostung der Republik. Umfragen und Wahlkämpfe verstärkten die Betrachtung der Unterschiede und Sonderphänomene.
Richard Schröders Verdienst war es, nach einem Maßstab für die Beurteilung der "inneren Einheit" zu suchen. Der in Brandenburg lebende Philosoph plädierte für den europäischen Vergleich - mit dem spaltungsanfälligen Belgien etwa oder mit Italien, wo eine Lega Nord agiert. Gemessen daran sei die Bundesrepublik Deutschland ein sehr stabiles Gebilde. Die DDR-Nostalgiker waren jedoch medientauglicher als jene, die ihren Platz im vereinten Deutschland gefunden hatten. Aber die letztere Gruppe wuchs und wächst. Der Begriff Ostdeutschland suggerierte noch Ost-Homogenität und Ost-Interessenübereinstimmung, als es diese längst nicht mehr gab.
Inzwischen ist unbestritten, dass die Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, nur noch selten oder nicht mehr mit den Beschreibungen Ost und West zu tun haben. Fiskalpolitisch verbindet Sachsen mehr mit Bayern als mit Mecklenburg-Vorpommern; das Ruhrgebiet hat heute einen Solidarpakt so nötig wie Ostdeutschland 1990. Teile Niedersachsens und Ostvorpommerns haben vergleichbare Probleme mit der Abwanderung.
Die Ost-Ministerpräsidentenkonferenz ist bedeutungslos geworden. Als sich die Chefs der Ost-Länder im April dieses Jahres trafen, war eines ihrer gewichtigen Themen das Reformationsjubiläum 2017, ein "Ereignis mit Weltgeltung", wie offiziell vermerkt wurde. In den ersten Jahren nach der Vereinigung waren Ministerpräsidenten wie Brandenburgs Manfred Stolpe und Sachsens Kurt Biedenkopf Repräsentanten des Ostens, Platzeck sah sich noch in einer ähnlichen Rolle. Die anderen sind im besten Falle Landesväter oder -mütter. Sie halten es nicht für nötig, auf Dauer weiterhin milliardenschwere Hilfen allein zur Förderung ihrer gar nicht mehr so neuen Bundesländer zu verlangen.
In absehbarer Zeit könnte auch das Ende der größten Ost-Spezialeinrichtung, die die DDR in ihrem Namen trägt, beschlossen werden. Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR soll abgeschafft und ihr Bestand ins Bundesarchiv überführt werden. Mehr als 20 Jahre nach Untergang der DDR sind die Überprüfungen von Mitarbeitern im Öffentlichen Dienst auf eine mögliche Stasi-Vergangenheit de facto beendet. Der Blick zurück und der Bezug zur DDR verlieren an Relevanz.
Auf ihre unaufgeregte Weise hat Angela Merkel dazu beigetragen, dem Thema DDR den Hysteriefaktor zu nehmen. Ihre Reaktion auf vermeintliche Enthüllungen zu ihrer Ost-Vergangenheit fiel lakonisch aus: Ach ja, sie sei wohl auch Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft gewesen. Im Übrigen habe sie eine schöne Kindheit in der DDR gehabt. Der immer wieder zu hörende Vorwurf, sie ersticke mit ihrer DDR-geprägten Konsenspolitik kontroverse Debatten, hat selbst etwas von DDR - als wäre die Obrigkeit im demokratischen Staat für Debatten zuständig.
In früheren Wahlkämpfen wurden noch lautstark Extrageschenke für den Osten angekündigt (Gerhard Schröder: "Aufbau Ost wird Chefsache"), nach Hochwasserschäden im Osten im Jahr 2002 errang Schröder die Wählergunst der Geschädigten und damit den Wahlerfolg. In diesem Jahr indes traf das Hochwasser - eine Laune der Natur - gesamtdeutsch Ost- wie West-Städte, die fortan gemeinsam um die Unterstützung des Bundes warben.
In den Wahlprogrammen 2013 stehen, wenn überhaupt, eher Alibi-Sätze: "Wir wollen eine stabile und positive wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Ländern erreichen" (CDU/CSU). Oder: "Wir werden den drängenden Fragen in den ostdeutschen Ländern nicht ausweichen" (SPD). Peer Steinbrücks Versuch, einen Zusammenhang zwischen Merkels DDR-Herkunft und ihrer vermeintlich wenig emotionalen Europapolitik herzustellen, wirkte angesichts der Leidenschaft Gaucks für Europa etwas schlicht. Wie kann einer, der so lange wie Steinbrück im Westen lebt, nur so wenig von Öffentlichkeitsarbeit verstehen?
Die alten Ost-Themen sind abgearbeitet. Die Angleichung der Renten ist fast erreicht, ein einheitlicher Mindestlohn wird hoffentlich manch absurde Differenzierung nach Ost und West ablösen. Ostdeutschland bedeutet Studierenden und Schülern von heute nicht mehr viel. Wer jüngere Menschen nach ihrer Herkunft fragt, bekommt meist den Namen einer Stadt, einer Region oder eines Bundeslandes zu hören.
Ostdeutsche? Ossis? Welches Wir-Gefühl sollte einen aus dem noblen Teil Potsdams stammenden Mann mit einem aus Vorpommern - zweite Generation Hartz IV - noch verbinden? Welcher angehende Schriftsteller möchte in Zukunft noch "ostdeutscher Schriftsteller" genannt werden? Der Ost-West-Logik widerspricht auch, dass Gauck im Westen populärer ist als im Osten.
Die im Grundgesetz proklamierte Angleichung der Lebensverhältnisse bleibt permanenter Auftrag. Aber die Verwirklichung wird nicht mehr nur nach Ost-West-Kriterien erfolgen. Auch Die Linke kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Ihr "Ost-Flügel" agiert nicht mehr als DDR-Biografien-Verteidigungsgemeinschaft. Junge Links-Politiker sind längst nicht mehr von der DDR geprägt und wollen nicht nur durch "Ost-Kompetenz" auffallen. Am deutlichsten hat die einstige Walter-Ulbricht-Anhängerin Sahra Wagenknecht den Schritt aus der Ost-Nische vollzogen - privat und politisch verhält sie sich heute gesamtdeutsch.
Als die PDS 2002 den Einzug in den Bundestag in Fraktionsstärke verfehlte, wertete Thierse dies als Beleg für den Fortschritt bei der inneren Einheit. Das war vielleicht etwas voreilig. Proteste waren die Folge.
Sein eigenes - freiwilliges - Ausscheiden im Jahr 2013 indes kann so gedeutet werden. Am Ende seiner politischen Laufbahn nahm sich der wortgewaltige Mann die schwäbischen Eroberer seines Berliner Kiezes vor und stritt über die sprachliche Relevanz der Gebäckstücke "Schrippe" und "Wecken". Auch das ist ein Indiz dafür, dass die anderen deutsch-deutschen Probleme nicht mehr so groß sein können. ◆
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 35/2013
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