26.08.2013

RUSSLANDDie dritte Welle

Ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kriegs mit den Russen strömen Tausende Tschetschenen nach Deutschland, auf der Flucht vor Putins Statthalter Ramsan Kadyrow. Der Exodus entlarvt Grosnys neue Fassaden als Blendwerk eines brutalen Regimes.
Als Adam nach Deutschland aufbricht, wünscht ihm die Mutter eine gute Reise, ohne Wiederkehr. "Auf dass du nie zurückkommst", sagt sie, "so Gott will und auch die deutschen Beamten."
Adam lebt in Grosny, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Er hat nur leichtes Gepäck: zum Wechseln zwei T-Shirts, Kartoffelpüree und ein gekochtes Huhn als Wegzehrung für die fünf kleinen Söhne. Adam steckt auch ein Dokument für die Behörden in Berlin ein, in dem ein Gefängnisarzt Striemen und Hämatome beschreibt, die Spuren, die Adams Peiniger auf seinem Körper hinterließen.
Seine Mutter heißt in Wirklichkeit nicht Malika, und als sie vor über 30 Jahren ihren ältesten Sohn auf die Welt brachte, hat sie ihn auch nicht Adam genannt. Adams wahren Namen kann man nicht nennen, denn er steht auf einer in Tschetschenien kursierenden Erschießungsliste, ihm wird gedroht mit einer "Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren", so heißt es auf der Liste.
Adam holt in Grosny seine Frau von der Ultraschalluntersuchung ab. Samira ist schwanger im neunten Monat. Sie hofft, die Wehen mögen erst einsetzen, wenn sie deutschen Boden unter den Füßen hat. Ein Taxi fährt die Familie zum Bahnhof, vorbei an dem Wolkenkratzer, in dem Gérard Depardieu eine Wohnung hat, Frankreichs durch Russland irrlichternder Schauspielstar.
Der Wagen passiert die Boutiquen auf Grosnys Prachtmeile, dem Putin-Prospekt. Republik-Chef Ramsan Kadyrow hat sie zu Ehren von Russlands Präsident so benannt, dem Gönner, der ihm freie Hand gibt. Adams Familie lässt die gläsernen Fronten des neuen Grosny hinter sich und besteigt den Zug nach Moskau, Etappe eins auf ihrem Weg nach Deutschland.
Tausende machen sich derzeit wie Adam auf nach Westen. Eine massive Fluchtbewegung hat Tschetschenien erfasst. Es ist die dritte nach den Flüchtlingswellen, die der Ausbruch der beiden Tschetschenien-Kriege in den neunziger Jahren ausgelöst hatte. Diesmal aber wird der Exodus nicht von Kämpfen begleitet, das macht ihn so unheimlich.
Mehr als 10 000 Tschetschenen haben in den ersten sieben Monaten dieses Jahres bei deutschen Ämtern Asyl beantragt, fast dreimal mehr als im gesamten Jahr 2012. Die kleine Republik im Kaukasus mit einer Million Einwohnern taucht plötzlich auf Platz eins der Asylstatistik auf. Von dort kommen derzeit mehr Menschen nach Deutschland als aus den Bürgerkriegsländern Syrien und Afghanistan zusammen. Allein 600 Familien haben nach Schätzungen der russischen Staatssicherheit die 30 000-Einwohner-Stadt Argun verlassen, ein Provinznest, in dem Kadyrow Bürokästen aus Glas und Stahl hochziehen lässt, wie sie in Londons Geschäftsbezirk Canary Wharf stehen.
Putin schätzt Kadyrow, weil der in der Kaukasus-Republik für Ruhe gesorgt hat, für Friedhofsstille. Moskau hat zwei verheerende Kriege geführt, um die Abspaltung Tschetscheniens zu verhindern. Aber erst Kadyrow hat die Rebellen endgültig niedergerungen, mit brutalen Methoden.
Dafür gewährt ihm der Kreml nahezu unbeschränkt Kredit: Über 1,6 Milliarden Euro Subventionen fließen jährlich nach Tschetschenien. Klaglos zahlt Moskau auch die Eskapaden des Despoten. Das mehrere Millionen Euro teure Privatgestüt etwa oder die neue Riesenmoschee in Grosny, die Kadyrow erbaut hat zu Ehren seines Vaters.
Die schönen Fassaden sind jedoch Blendwerk, viele Menschen sitzen auf gepackten Koffern. Da ist Tamara aus Grosny, die nach Deutschland will, weil sie der Familie Schande gemacht haben soll, so sieht das der Cousin, der versucht hat, sie zu töten. Da ist Arbi, ein armer Schlucker vom Land, der hofft, dass Deutschland seiner Mutter eine neue Beinprothese beschafft und ihm Arbeit gibt.
Die deutschen Behörden tun sich schwer mit den Tschetschenen. Sie müssen von Amtsstuben in Berlin und anderswo aus bewerten, wer bloß auf Geld aus ist, ob sich unter den Flüchtlingen auch gewaltbereite Islamisten befinden und wer tatsächlich Schutz verdient, weil er unschuldig Opfer von Kadyrows Regime wurde.
Adam fährt mit der Hand über die Narbe auf seinem Schädel. Er erzählt: Die Narbe stamme von einem Hieb mit dem Griff einer Stetschkin-Pistole, der Dienstwaffe eines Polizisten. Männer des Innenministeriums hätten ihn in Grosny in ein Auto gezerrt, die Augen verbunden und in den Keller einer Polizeiwache geworfen. Sie deklarierten das als Verhaftung eines Terrorverdächtigen. Sie hätten ihn mit Wasserflaschen geschlagen, dann mit Knüppeln. Sie klemmten Adam wohl auch Drähte an Finger und Ohr und versetzten ihm Stromstöße.
In dem Keller war noch ein anderer Gefangener. Adam hörte zwei Tage lang seine Schreie. Am dritten blieb es still, weil der Mann tot war. Polizisten, so erzählt es Adam weiter, sprengten die Leiche im Wald in die Luft und gaben zu Protokoll, sie hätten Terroristen mit Sprengstoff eliminiert.
Das klingt schockierend, für tschetschenische Ohren aber auch plausibel. Menschenrechtler wissen von einem Ermittler, der im Kreis Atschchoi-Martan ein halbes Dutzend Männer in einem Verlies gefangen hielt. Er wollte sie später im Wald erschießen, die verwahrlosten Leichen als die sterblichen Reste islamistischer Rebellen ausgeben und eine Belohnung kassieren.
In Grosny steht ein junger Mann vor Gericht, dem die Anklage illegalen Waffenbesitz vorwirft: Jussup Ektumajew soll an einem Bombenanschlag beteiligt gewesen sein. Als er von der Fahndung erfuhr, ging er freiwillig zur Polizei, begleitet von seiner Mutter Asja. Beide glaubten an ein Missverständnis, Jussup aber wurde geschlagen und mit Stromschlägen traktiert. Seinem Bruder Chalid hielten Polizisten eine Pistole an den Kopf, sie forderten eine Aussage gegen seinen Bruder.
Adams Onkel hat gegen die Russen gekämpft. Er war ein Gefolgsmann des Rebellenpräsidenten Dschochar Dudajew, aber kein radikaler Islamist. Die Polizisten haben Adam ein Geständnis aus dem Leib geprügelt: Ja, er habe dem Onkel damals Essen gekauft. In Tschetschenien reicht das für eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Terrorismus. Unter Folter gab Adam auch die Stelle preis, an der er am Fluss einst die Kalaschnikow des Onkels versteckte.
Als Mutter Malika ihren Sohn das nächste Mal wider Erwarten lebend zu sehen bekam, spuckte Adam Blut. Ein Richter verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis. Ein Kripo-Mann mit dem Vornamen Ruslan suchte ihn hin und wieder in der Haft auf, ließ ihn in das Zimmer des Gefängnisdirektors bringen und prügelte dort auf ihn ein.
Republik-Chef Kadyrow verweist solche Schilderungen in das Reich der Märchen. Sein Sprecher nennt Meldungen über Flüchtlinge eine "Erfindung deutscher Journalisten". Tschetschenien sei "sicherer als Großbritannien", sagt Kadyrow, die Wirtschaft überdies die effektivste in ganz Russland.
Grosny sieht imposant aus, aber wenn die Dämmerung hereinbricht, straft die Hauptstadt die Führung des Landes Lügen. Denn abends fahren die Busse nach Deutschland ab. Zwei pro Woche waren es vor einem Jahr, inzwischen sind es fünf. Wer Geld hat, wählt einen weniger beschwerlichen Weg. Eine Bauunternehmerin hat Flugtickets und Visa für Europa besorgt, um ihre Tochter in Sicherheit zu bringen. Denn Kadyrows Gefolgsleute gehörten zu ihren Kunden, "doch statt Rechnungen zu begleichen, bedrohen sie nun meine Familie".
Unter den Augen seines Förderers Wladimir Putin hat Kadyrow ein feudales System errichtet, mehr mittelalterliches Sultanat als modernes Staatswesen. Mal begnadigt er einen in Russland wegen Mordes verurteilten Tschetschenen und zeigt sich öffentlich mit ihm. Mal zwingt er Internetnutzer zur Zwangsarbeit, nur weil sie im Netz über den Brand an einem seiner Hochhäuser gewitzelt haben.
Der Kreml praktiziert im Kaukasus ein gefährliches Laisser-faire. Er lässt Kadyrow gewähren, auch wenn dieser zum Beispiel eigene Paramilitärs aufstellt, die schwarzgekleideten "Kadyrowzy". Als Ermittler des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB im Frühjahr dieses Jahres gegen Kadyrow-Leibwächter vorgehen wollten, die einen Mann in Moskau entführt und gefoltert hatten, wurden sie zurückgepfiffen.
Kadyrows Reich liegt praktisch außerhalb der russischen Gesetze. Er selbst hat das einmal so formuliert: "Solange mich Putin unterstützt, kann ich tun, was ich will." Kadyrows Freunde kontrollieren diverse Unternehmen. Wie dunkle Ritter brausen sie in Geländewagen über das Land. Ihre Nummernschilder tragen das Kennzeichen KRA, das sind Kadyrows Initialen, mit dem Nachnamen zuerst.
Im Schutz der Nacht tritt ein Mann unter die Bäume des Putin-Prospekts. Trotz der Dunkelheit hat er eine Kappe tief ins Gesicht geschoben. "Wenn die mich erkennen, bringen sie mich um", sagt er. Trotzdem will er erzählen, wie er die Gunst des Tschetschenenfürsten genoss und verlor. Der Mann ist der Gegenentwurf zu Adam, dem misshandelten Häftling. Er hat Karriere gemacht bei Kadyrows Sicherheitsorganen. Seine Familie hatte in Tschetschenien Einfluss, sie hatte Geld, bis "Ramsan den Befehl gab, uns zu vernichten", sagt er. Den Grund kenne niemand. Er wurde gefeuert, ein Onkel gefoltert. Sein Bruder sitzt in Haft. Der Mann bereitet seine Flucht vor. Wie Adam will er nach Deutschland.
Adam überschreitet die EU-Außengrenze Anfang August nahe der weißrussischen Stadt Brest. Polnische Beamte nehmen die Personalien der Familie auf, sie nehmen Fingerabdrücke. Fast alle Tschetschenen kommen so in die EU. Warschau lässt manche Flüchtlinge in Gefängnissen unterbringen, Familien werden manchmal getrennt. Kranke hätten nur eingeschränkt Zugang zu medizinischer Versorgung, so steht es in einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Bei Samira haben zu der Zeit die Wehen noch nicht eingesetzt. Adam gibt einem Taxifahrer sein letztes Geld, rund tausend Euro, für die Fahrt nach Berlin. Polen hat in den vergangenen drei Jahren nur ein paar hundert Asylanträge bewilligt. Deutschland dagegen, so raunen sich die Menschen im Kaukasus seit Monaten zu, empfange Tschetschenen mit offenen Armen und Begrüßungsgeld.
Das Gegenteil ist der Fall: Lediglich 8,3 Prozent der Flüchtlinge aus dem Kaukasus dürfen bleiben. Die Bundesregierung erklärt sich für nicht zuständig. Sie verweist auf das Dublin-Abkommen. Flüchtlinge dürfen demnach nur in jenem EU-Staat Asyl beantragen, den sie als ersten erreichen. Deutschland schickt sie also in der Regel zurück in diese Länder. Das Verfahren ist umstritten, nutzt aber der Bundesrepublik.
Erschwert wird die Lage für Tschetschenen durch die Skepsis der Sicherheitsbehörden. Sie haben noch den Fall der tschetschenischen Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew vor Augen, die im April in Boston mit Bomben drei Menschen töteten. Die Vorsicht ist angebracht. So liegt in einer Berliner Klinik eine Tschetschenin, die hofft, ihren Mann aus der Türkei nachzuholen. Der aber ist Spross einer tschetschenischen Rebellendynastie und hat in Syrien gekämpft.
Der Chef der deutschen Polizeigewerkschaft schlägt vor, als gefährlich eingestufte Tschetschenen in bewachten Unterkünften zu isolieren.
Adams Mutter Malika sitzt in der Küche einer Holzbaracke in Grosny. Ein Mitarbeiter des Bürgermeisters war da. Die Stadt will sie nach der Flucht ihres Sohnes aus der Notunterkunft werfen. Malika solle mit ihrem Mann und zwei Kindern zu einem anderen erwachsenen Sohn ziehen. Er bewohnt einen 30-Quadratmeter-Schuppen am Stadtrand von Grosny, wo es keinen Strom gibt und Abwässer im Boden versickern.
Ein Polizist hat Malika verkündet, Adam habe sie belogen. Der Sohn sei in Wahrheit doch Terrorist und nach Syrien gefahren. Malika hat nach dem Treffen noch einmal die Nachricht gelesen, die ihr Adam aus dem Ausland geschrieben hat, eine SMS von einem deutschen Handy, Vorwahl +49.
Berlins Behörden haben Adam mit seiner Familie in einem ehemaligen Schulgebäude untergebracht. Die deutschen Ärzte sagen, Samira habe die Flucht gut überstanden, sie erwarte ein Mädchen. Die Leiterin des Heims macht Adam wenig Hoffnung, dass sie bleiben können - sie müssten wohl wieder nach Polen gehen. Dort droht dann die Abschiebung nach Russland. Die Heimleiterin sagt, jeder Tschetschene hier erzähle ihr die gleiche Geschichte von Folter und Verfolgung.
Adam setzt sich an den kleinen Tisch, den ihm das Amt in das Zimmer gestellt hat, und greift zu Stift und Papier. Dann schreibt er nieder, was ihm in Tschetschenien widerfahren ist. Er schreibt von der Kalaschnikow seines Onkels und der Stromfolter. Er nennt viele Details, er will es den Deutschen schwermachen, ihm nicht zu glauben.
Die Söhne spielen im Hof. Wenn mal vor der Unterkunft ein schwarzer Geländewagen stoppt, wie sie in Tschetschenien Kadyrows Männer fahren, verstecken sie sich im Zimmer.
Von Bidder, Benjamin, Popp, Maximilian

DER SPIEGEL 35/2013
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