26.08.2013

ZEITGESCHICHTEDie Allianz

In den achtziger Jahren nutzten Pädophile die Schwulenbewegung für ihre Zwecke. Bis heute gibt es keine Aufarbeitung der Vergangenheit.
Im Juli 1981 erscheint in der Schwulenzeitung "Rosa Flieder" ein Interview mit Olaf Stüben. Stüben ist damals einer der bekanntesten Pädophilen Deutschlands, als Mitarbeiter der "taz" wirbt er ganz offen für seine Neigung.
Nun wird Stüben im "Rosa Flieder" gefragt, warum es in Ordnung sei, Sex mit Kindern und Jugendlichen zu haben. Stüben erzählt von schnellem Sex mit Jungs. Und er erklärt all jene für rückständig, die es für ein Tabu halten, Kinder unsittlich zu berühren. "Kindliche Unschuld ist eine Erfindung des Bürgertums im Frühkapitalismus", sagt Stüben.
Das Interview im "Rosa Flieder" ist keine einmalige Entgleisung, im Gegenteil. In den siebziger und achtziger Jahren werben zahlreiche Schwulenmagazine offen für Sex mit Kindern, sie sind voll mit Bildern von nackten Knaben. Die Zeitschrift "Don" bringt in ihrer Ausgabe vom Januar 1985 fünf verständnisvolle Erfahrungsberichte von pädophilen Männern. Die Überschrift lautet: "Wir sind keine Kinderschänder!"
Seit Monaten wird darüber diskutiert, wie stark sich die Grünen in den achtziger Jahren von Pädophilen instrumentalisieren ließen. Die Partei geriet so unter Druck, dass sie den Politikwissenschaftler Franz Walter damit beauftragte, die eigene Vergangenheit zu durchleuchten.
Doch nun wird klar, dass sich auch die Schwulenbewegung mit diesem Kapitel ihrer Vergangenheit befassen muss. Denn wer in den Archiven sucht, findet überall Belege für die Allianz zwischen Schwulenverbänden und pädophilen Aktivisten. Gerieten Pädophile in den Konflikt mit dem Gesetz, konnten sie sich auf den Rat der "Schwulen Juristen" verlassen. Schwule Politiker bei den Grünen wiederum sorgten dafür, dass die Forderung nach straffreiem Sex mit Kindern in der Partei Gehör fand.
Heute erscheint es rätselhaft, warum sich Schwule mit Leuten einließen, für deren sexuelle Obsessionen es zu Recht das Strafgesetz gibt. Die Toleranz für die Pädophilen nährte sich aus verschiedenen Quellen. Zum einen kannten damals viele Schwule das Gefühl, vom Staat diskriminiert zu werden. Bis Ende der sechziger Jahre stand Homosexualität in Deutschland generell unter Strafe, erst 1969 wurde der berüchtigte Schwulenparagraf 175 gelockert. In dieser Zeit brach auch die sexuelle Revolution aus, und viele Männer hatten endlich den Mut, sich zu ihrer Liebe zu anderen Männern zu bekennen.
Nun wollten sie nicht diejenigen sein, die andere für ihre Neigungen verurteilen. Im Klima der allgemeinen Toleranz gingen die Maßstäbe verloren. Die Schwulenbewegung distanzierte sich nicht von Männern, die an Kindern ihre Begierden auslebten, sondern nahmen sie in Schutz.
Dazu kam die merkwürdige Idee, dass man minderjährigen Jungs sexuelle Erfahrungen mit erwachsenen Männern nicht vorenthalten dürfe. Noch heute behauptet der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) auf seiner Internetseite, dass sich in den achtziger Jahren nur solche Männer zu Wort meldeten, die in ihrer Jugend schönen Sex mit Erwachsenen hatten.
Für die Pädophilen brachte der Pakt mit der Schwulenbewegung nur Vorteile. Sie hatten nun eine Plattform, von der aus sie ihre Anliegen formulieren konnten.
Die Schwulenbewegung half den Pädophilen ganz praktisch. In dem Büchlein "Recht Schwul. Rechtsratgeber für Schwule" gibt es eine anderthalb Seiten lange "Argumentationshilfe". Es ist eine Anleitung, wie Männer, die wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs von Kindern vor Gericht stehen, möglichst straffrei davonkommen.
Der Leser wird geduzt: "Sind in deinem Verfahren sexuelle Handlungen offenbar nicht zu bestreiten, bestehen diese Handlungen aber z. B. lediglich aus Zungenküssen und gegenseitiger Onanie, dann kann dein Verteidiger beantragen, einen Gutachter zu der Frage zu hören." Dieser dürfte verneinen, dass solche Handlungen die sexuelle Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen beeinträchtigen, heißt es weiter. Allerdings unter einer Bedingung: "Zu geeigneten Gutachtern muss rechtzeitig Kontakt aufgenommen werden."
Erst Mitte der achtziger Jahre begann die Schwulenbewegung, sich von den Pädophilen zu distanzieren. Eine Zäsur bildete dabei der Parteitag der nordrhein-westfälischen Grünen in Lüdenscheid im März 1985. Damals billigte die Partei ein Papier, das "gewaltfreie Sexualität" zwischen Erwachsenen und Kindern erlauben wollte. Der Beschluss sorgte für so viel Aufruhr, dass die Grünen den Einzug in den Düsseldorfer Landtag verpassten.
Auch die Schwulenbewegung bemerkte nun, wie viel Schaden das Bündnis mit den Pädophilen anrichtete. Plötzlich mussten sich die Homosexuellen gegen das Klischee vom "schwulen Kinderschänder" wehren. Ihr eigentliches Anliegen, der Kampf für eine vernünftige Aids-Politik und gegen gesellschaftliche Diskriminierung, geriet in den Hintergrund.
Auch die Frauenbewegung sorgte dafür, dass sich die Stimmung drehte. Alice Schwarzer engagierte sich schon gegen den Missbrauch von Kindern, als Pädophilie in fortschrittlichen Kreisen noch als akzeptable Form der menschlichen Sexualität galt. Während der linksalternative "Pflasterstrand" mit seinem Herausgeber Daniel Cohn-Bendit Sex mit Kindern rechtfertigte, sorgte Schwarzer in ihrer Zeitschrift "Emma" mit einem Interview für Aufsehen.
Schwarzer sprach mit dem Sexualpädagogen Günter Amendt, der als besonders progressiv galt. Dennoch kritisierte er, dass Pädophile immer ihre Machtstellung gegen Kinder ausnutzten. Von gleichberechtigter Liebe könne keine Rede sein, erklärte Amendt.
Natürlich, sagt Schwarzer heute, Pädophilie sei kein vorrangiges Problem von Homosexuellen. Es gebe mehr heterosexuelle Pädophile als homosexuelle. "Aber die Schwulenbewegung hätte sich klarer distanzieren müssen. Und auch eine Problematisierung des Päderastentums, also des Sex von Erwachsenen mit Jugendlichen, steht noch aus."
Doch es findet sich kaum ein schwuler Aktivist, der über die dunkle Vergangenheit reden möchte. Volker Beck, der Bundestagsabgeordnete aus Köln, lässt ausrichten, er habe zu dem Thema alles gesagt. Beck war lange Sprecher der "Bundesarbeitsgemeinschaft Schwulenpolitik" seiner Partei.
In den achtziger Jahren schrieb er einen Beitrag für das Buch "Der pädosexuelle Komplex". Darin setzte er sich dafür ein, Sex mit Minderjährigen zu entkriminalisieren. Später behauptete er, die Passagen seien ihm nachträglich in seinen Text redigiert worden. Ob das stimmt, kann er nicht belegen.
Auch der LSVD ist schmallippig, wenn es um Aufklärung der Pädophilie-Verstrickungen geht. In den neunziger Jahren habe man eindeutige Erklärungen verfasst, sagt Günter Dworek vom Bundesvorstand. Das Papier aus dem Jahr 1997 ist tatsächlich unmissverständlich. Dort heißt es, es sei Missbrauch, "wenn Erwachsene ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten von Kindern befriedigen". In dem Text findet sich jedoch kein Wort zur ehemaligen Allianz der Schwulen mit den Pädophilen.
Von Ann-Katrin Müller

DER SPIEGEL 35/2013
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