05.04.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsTanz der Schamanen

STANDPUNKT
Von Marco Evers
Im Fürstentum Wales sinnierte der Aussteiger und Arzt Edward Bach über das Wesen menschlichen Leids. Es war so um das Jahr 1930, Bach fühlte sich mit sich und der Natur im reinen, und da wußte er auf einmal, was der ewig kränkelnden Menschheit fehlt: Bach-Blüten, jenes Wunderzeug, das er im Begriff war zu erfinden.
Krank, so erkannte Bach, werden Menschen durch genau 38 negative Seelenzustände wie Stolz, Haß, Habgier oder Unwissenheit. Dagegen gilt es vorzugehen: Man pflücke Blüten an wolkenlos-sonnigen Tagen vor neun Uhr morgens, weiche sie ein in Quellwasser, füge Brandy hinzu und verdünne das Ergebnis bis nahezu ins Unendliche.
Bachs Wässerchen, käuflich in 40 Variationen, lindern oder heilen angeblich fast jedes Leid, ob akut oder chronisch. Selbst in Notfällen soll der Spezialmix "Rescue-Tropfen" noch Wunder leisten. In Wahrheit sind Bachs Blüten so etwas wie die medizinische Entsprechung von Falschgeld. Wann immer Mediziner zwei Vergleichsgruppen bildeten, die eine mit Bach-Blüten und die andere mit einem Scheinmedikament behandelt, erwies sich das Bachblüten-Zeug als gänzlich unwirksam.
Ihrem Erfolg tut die Unwirksamkeit aber keinen Abbruch. Vor allem in Deutschland therapieren sich Zehntausende regelmäßig selbst mit diesem Auswuchs "sanfter Medizin". Trotz beträchtlicher Kosten - ein Komplett-Set für die Hausapotheke kostet leicht 300 Mark - sind die Anwender offenbar glücklich dabei.
Die moderne Medizin, oft unverständlich und seelenlos, hat am Ende eines Jahrhunderts beispielloser Fortschritte eine stetig erstarkende Konkurrenz aus dem Ethno- und Esoteriklager bekommen. Und obwohl die meisten Heiler medizinisch kaum qualifiziert sind, bringt ihnen eine Mehrheit der Deutschen laut Meinungsumfragen hohes Vertrauen entgegen.
Rund 7000 Geistheiler, ungezählte Irisdiagnostiker und Bioresonanz-Therapeuten buhlen um Patienten. Wehwehchen lassen sich altindisch (Ayurveda) behandeln oder altchinesisch (TCM, Akupunktur), nach Hausmacherart (Hausfrauen besprechen Gürtelrosen) oder mit Exotischem - afrikanische Derwische beschwören Koma-Patienten, sibirische Schamanen tanzen gegen Depressionen.
Von Akupunktur abgesehen, die sich bei manchen Beschwerden als sinnvoll erwiesen hat, haben die Multikulti-Heiler medizinisch wenig aufzubieten. Aber ihre oft heißblütigen Verfechter geben den Kranken Zuwendung und Hoffnung - und auch das hilft: Ihre Erfolge beruhen auf dem Plazebo-Effekt, Glaube allein ist das Wirkprinzip der Alternativtherapeuten.
Größte Beliebtheit genießt nach wie vor die Homöopathie, deren Begründer Samuel Hahnemann vor 200 Jahren den Kampfbegriff "Schulmedizin" geprägt hatte. Auch seine Lehren fußen auf einem Morast von Irrungen: Ähnliches sei mit Ähnlichem zu heilen, verkündete Hahnemann. Ein Symptom lasse sich beheben mit der Totalverdünnung einer Substanz, die ebenjenes Symptom auslöse.
In vielen homöopathischen Dosierungen ist nicht ein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten. Das machte aber nichts, lehren die Vorkämpfer, denn die Substanz habe einen "geistartigen Abdruck" hinterlassen im Verdünnungsmittel. Den hat allerdings noch niemand gefunden.
Riskant wird die "sanfte Medizin", wenn Kranke im Vertrauen auf den Handaufleger auf eine gebotene Therapie der Schulmedizin verzichten - wie im Fall der krebskranken Olivia, deren Eltern lieber den wirren Phantasien des Krebsheilers Ryke Geerd Hamer vertrauten. Fast wäre das Mädchen daran gestorben.
Auch die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer ist dem Drang nach "biologischer" und "alternativer" Medizin erlegen. In Kürze stellt ihr Ministerium die seit Jahren erwartete Positivliste vor. Sie soll die Zahl der Medikamente, die von den Krankenkassen bezahlt werden müssen, auf jene begrenzen, deren Wirksamkeit erwiesen ist.
Auf dieser Liste der geprüften Arzneien hat die Grüne den Präparaten der Homöopathie, der anthroposophischen Medizin und der Phytotherapie einen Ehrenplatz zugewiesen: Sie sollen als wirksam gelten, obwohl ihnen bis heute jeder Wirksamkeitsnachweis fehlt.
Evers, 32, ist Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL.
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. DAS JAHRHUNDERT DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
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Von Marco Evers

DER SPIEGEL 14/1999
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