05.04.1999

FINNLAND Europa braucht Rußlands Energie

Ministerpräsident Paavo Lipponen, 57, über die Situation nach den Reichstagswahlen und die Auswirkungen auf die EU

SPIEGEL: Die Sozialdemokraten sind mit einem Verlust von 5,4 Prozent der Stimmen nur knapp stärkste Partei geblieben. Werden Sie trotzdem Anfang Juli als Regierungschef in die erste finnische EU-Präsidentschaft gehen?

Lipponen: Unsere Regenbogenkoalition mit Konservativen, Linken, Grünen und der Schwedischen Volkspartei hat sehr gut funktioniert. Wir wollen die Regierung fortsetzen, egal, wie die Koalition am Ende aussehen wird.

SPIEGEL: Ihr größter Koalitionspartner, die konservative Sammlungspartei, hat mit 3,1 Prozent den größten Zugewinn. Müssen Sie ihr bei der Regierungsbildung besonders entgegenkommen?

Lipponen: Natürlich müssen wir bei der Verteilung der Ministerposten auf das Wahlresultat Rücksicht nehmen.

SPIEGEL: Bedeutet das einen politischen Richtungswechsel?

Lipponen: Für mich ist nicht die Frage, ob wir eine linke oder rechte Politik machen. Wir brauchen neue Arbeitsplätze, eine Förderung des Wohnungsbaus und auch Kontinuität in der Europapolitik.

SPIEGEL: Sie möchten der EU während der finnischen Präsidentschaft eine besondere "nördliche Dimension" verleihen. Mit welchem Ziel?

Lipponen: Die Partnerschaft mit Rußland in Fragen der Energie und Umweltpolitik ist eine besonders große Herausforderung. Wir haben durch Rußland die größten Umweltprobleme und nuklearen Risiken, etwa durch Atomabfälle. Rußland hat aber auch die größten Energiequellen. Irgendwann in nicht allzuferner Zukunft werden wir in Europa zu 50 oder vielleicht gar 70 Prozent vom Erdgas aus Rußland abhängig sein.


DER SPIEGEL 14/1999
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