05.04.1999

VERHALTENSFORSCHUNGIn flagranti ertappt

Homosexualität im Tierreich wird von Biologen oft übersehen. Ein US-Forscher untersuchte gleichgeschlechtliche Erotik in der Fauna.
Eric und Dora waren ein glückliches Paar. Ausdauernd umgarnte das Königspinguin-Männchen seine Auserwählte. Akribisch notierten die Zoologen im Tierpark von Edinburgh Erics Begattungsversuche und Doras paarungsbereite Hingabe.
Eines nicht allzu fernen Tages erreichte der Fortpflanzungstrieb sein Ziel, die kleine Kolonie der Schwimmvögel versprach, Nachwuchs zu bekommen. Doch plötzlich machte die Libido der Frackträger den Gelehrten keine rechte Freude mehr: Es war Eric, der ein Ei legte. Den Vater zu ermitteln, empfanden die Biologen näherer Nachforschung für unwert. Sie tauften Eric in Erica um und ließen die Sache auf sich beruhen.
Gleichgeschlechtliche Annäherungen im Tierreich beobachteten Wissenschaftler schon seit dem 18. Jahrhundert, doch so richtig wissen wollten sie nicht, warum Weißwedelhirschherren einander besteigen, wie Warzenschweindamen sich gegenseitig erregen, wann Austernfischer am Strand einen flotten Dreier schieben, männliche Grauwale schmusen oder Silbermöwinnen gemeinsam brüten.
Verhaltensforscher versuchen häufig, die homosexuelle Tierliebe wegzuerklären, klagt der amerikanische Biologe Bruce Bagemihl. Mal gilt sie als spielerisches Training für den Ernstfall, als Notlösung mangels Auswahl, oft als bloßes Begrüßungsritual, Unterwerfungsgeste oder Aggressionsverhalten, und nicht selten als schlichter Irrtum, weil sich im Tierreich Männlein und Weiblein manchmal gleichen wie ein Pinguinei dem anderen.
Bagemihl hat diesem vermeintlichen Tabu der Verhaltensbiologie den Kampf angesagt. In einem unlängst veröffentlichten dickleibigen Wälzer* mit zahlreichen Abbildungen outet er gleich eine Vielzahl von Spezies als der gleichgeschlechtlichen Liebe zugetan.
Genüßlich erregt er sich über Kollegen, die, wenn sie das Phänomen schon zur Kenntnis nehmen mußten, nicht anders können, als mit erhobenem Zeigefinger darüber zu schreiben - etwa Veröffentlichungen mit Titeln wie "Sexuelle Perversion bei männlichen Käfern" oder "Abnormes sexuelles Verhalten bei weiblichen Langohrigeln in Gefangenschaft."
Schafzüchter registrieren seit jeher betrübt, daß etwa zehn Prozent der Böcke keinen Bock auf Vermehrung haben und
* Bruce Bagemihl: "Biological Exuberance - Animal Homosexuality and Natural Diversity". St. Martin''s Press, New York; 752 Seiten; 40 Dollar.
lieber Geschlechtsgenossen besteigen. Moralische Einwände werden in der Branche selten diskutiert, schmerzlich ist nur die finanzielle Einbuße durch eingeschränkten Zuchterfolg.
Wenn zwei Bonobo-Damen ekstatisch ihre Genitalien aneinander reiben, taufen Forscher das Verhalten prosaisch "GG-Rubbing" und schreiben es der hohen sozialen Kunst der Aggressionsvermeidung bei den Primaten zu.
Doch was haben Meeresbiologen dazu zu sagen, wenn beim Techtelmechtel von Schwertwalen hie und da zwei periskopartig ausgefahrene Geschlechtsorgane die Wasseroberfläche durchpflügen?
Kein Schulbuch beschreibt, was der Amazonasdelphin (Inia geoffrensis) so alles mit seinem Blasloch anstellt. Kaum Deutungsspielraum bietet das zärtliche Stoßzahnkreuzen afrikanischer Elefantenbullen, wenn beim angeblichen Begrüßungsritual beiden eine imposante Erektion wächst.
Zu Tausenden versammeln sich männliche Walrosse im Sommer nach der Paarungszeit und reiben in wahren Orgien mit bis zu 50 Teilnehmern ihre fetten Leiber aneinander.
Etwas graziler dagegen flechten Giraffenmännchen hingebungsvoll ihre langen Hälse umeinander, um ihrer Zuneigung Ausdruck zu geben, ein Ritual, das sich bisweilen zum Savannen-Pasde-deux auswächst.
Den Theorieteil seines Buchs freilich hätte sich Bagemihl besser gespart. Mit einem kruden Mix aus Chaos-Lehre und "post-darwinistischer" Evolutionsbiologie versucht er, dem Liebesspiel der Abweichler einen Sinn abzugewinnen. Dabei hätte es der simple Schluß genauso getan: Auch Tiere nehmen manchmal Urlaub vom Gebot der Fortpflanzung und treiben es, wie es gerade Spaß macht.
An Bagemihls in jahrelanger Arbeit zusammengetragenem Material ist nicht zu deuteln: Über 450 Tierarten haben Wissenschaftler bei ihren Forschungen in flagranti ertappt.
Das ist eine stattliche Zahl, schließlich haben die Verhaltensforscher von den weltweit auf mehrere Millionen geschätzten Tierarten bis dato nur rund 2000 Spezies wirklich gründlich studiert.
Manche Spezies hat sogar ausgefeilte homoerotische Flirttechniken entwickelt - etwa der Vogel Strauß: Ein bis zwei Prozent der männlichen Straußenvögel lassen die Weibchen links stehen und suchen die intime Männerfreundschaft.
Um die Gunst eines Burschen zu gewinnen, beginnen sie einen aufwendigen Balztanz, bei dem sie mit 45 Stundenkilometern auf das Objekt der Begierde wie ein außer Kontrolle geratenes Moped zustürmen, um dann kurz vor der Karambolage, Staubwolken aufwirbelnd, abzubremsen.
Ein solchermaßen liebestoller Großvogel fährt fort, Pirouetten zu drehen, geht in die Hocke, wiegt den Körper hin und her, plustert sich auf, fegt den Boden mit den Flügeln und windet seinen Hals wie einen Korkenzieher. Beim heterosexuellen Werberitual fehlt der pittoreske Schautanz. Auch nimmt die Prozedur zwischen Männchen und Weibchen weit weniger Zeit in Anspruch - kaum länger als drei Minuten. Männerfreunde hingegen baggern bis zu 20 Minuten.
Allerdings beeindruckt das männliche Liebeswerben den Umworbenen nur selten - meist beobachtet er ungerührt, wie sich der Balzende verausgabt.
Auch gleichgeschlechtliche eheähnliche Lebensgemeinschaften finden sich im Tierreich zuhauf: So geben sich lesbische Silbermöwen zwar meist willig notgeilen Männchen hin, die Brut aber ziehen sie lieber mit der Dame ihres Herzens groß.
Schwule Schwanenpärchen agieren da viel rabiater: Nicht selten verjagen sie hoffnungsvolle Eltern einfach von ihrem Nest und übernehmen das Gelege.
Graugänse, egal ob homo oder hetero, bleiben ihrem Traumpartner meist lange Zeit verbunden. Alleinerziehende Grizzlybärinnen schließlich tun sich gelegentlich zusammen, obwohl die Art im Ruf der Einsiedler steht. Doch manche schätzen offensichtlich Geselligkeit, außerdem können sie sich so gemeinsam um die Jungen kümmern.
Der ausgewachsene männliche Schwarzbär stapft stets seine eigenen Trampelpfade. Doch solange er sich als Jugendlicher mit Geschwistern tummelt, verschmäht er durchaus auch einen Bruder nicht.
Selbst Flipper, wackerer Fernsehstar mit ausgeprägtem Sinn für Gut und Böse, taugt nach Bagemihls Recherchen keineswegs als tugendhaftes Vorbild für Heranwachsende: Der Große Tümmler macht in freier Wildbahn regen Gebrauch von der ihm zugeschriebenen Intelligenz und Phantasie, um unter Zuhilfenahme jedweder Körperöffnung und -ausstülpung Spielarten der Liebe zu erkunden, die so gar nicht im Einklang mit dem Fernseh-Idyll der sechziger Jahre stehen.
* Bruce Bagemihl: "Biological Exuberance - Animal Homosexuality and Natural Diversity". St. Martin''s Press, New York; 752 Seiten; 40 Dollar.

DER SPIEGEL 14/1999
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