DER SPIEGEL



AUTOREN

Menschen werden zu Herdentieren

Von Forte, Dieter

Dieter Forte über W. G. Sebalds "Luftkrieg"-Thesen und eigene Erinnerungen an die Bomben

Die Menschen in den Schutzkellern erleben die Bombardierung aus der Luft als Inferno - so beschrieb Forte, 63, eigene Kindheitserlebnisse in seinen Romanen. Im folgenden Beitrag führt er die Debatte über "Luftkrieg und Literatur" weiter, die von dem Schriftsteller W. G. Sebald angeregt wurde; Sebald, 54, hat seine Thesen jetzt in einem Buch aktualisiert.

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Der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski berichtet: Als er, ein junger Mann, das KZ verließ, habe er im gleichen Moment jede Erinnerung an die Jahre im KZ verloren. Er erinnerte sich lange an nichts mehr, der Kopf, so Szczypiorski, schaltete ab, damit der Körper weiterleben konnte.

Einem ähnlichen Vorgang in kollektiver Form ist W. G. Sebald in seinem Essay "Luftkrieg und Literatur" auf der Spur. Er gesteht ein, "daß es unmöglich ist, die Tiefen der Traumatisierung in den Seelen derer auszuloten, die aus den Epizentren der Katastrophe entkamen". Er beschreibt die Amnesie der den Bombenangriffen ausgesetzten Menschen, dieser Apokalypse, wie er es selber nennt, beschreibt als Beispiel die Frauen, die ihre vom Feuer zusammengeschrumpften und mumifizierten Kinder im Pappkarton mitsichschleppten.

Seine zentrale Frage lautet: Warum haben die Autoren bisher darüber weggesehen (wobei er fehlende Arbeiten der Historiker ebenfalls anmahnt). Nun, viele waren im Exil, viele waren an der Front, die innere Emigration saß in netten, unbombardierten Städtchen und hatte ihren Wein und die Sonette und das Abendland im Herzen, die Gruppe 47 war mit dem Kahlschlag beschäftigt. Vergessen, vergessen.

Sebald sortiert daher, wie in einer Versuchsanordnung, die verschiedenen Erzählmöglichkeiten, die noch bleiben: den wissenschaftlichen Bericht über die Mumienautopsie der Hamburger Feuernacht, der exakt festhält, wie die Einzelteile der Mumien herauszubrechen sind; die genauen emotionslosen Notizen von Zeitgenossen, bewundernswert hier Hans Erich Nossack, der aufzeichnet, wie Hamburg von Ratten, Maden und übergroßen Schmeißfliegen beherrscht wurde, so daß die zur Bergung eingesetzten KZ-Gefangenen mit Flammenwerfern dagegen vorgehen mußten, um an die Leichen heranzukommen; die dokumentarische ironisch eingefärbte Montage Alexander Kluges, der lakonisch mitteilt, wie die Filmvorführerin des zerbombten Kinos die vom heißen Wasser aufgekochten Leichenteile in einen Waschzuber wirft.

Und dann sind da natürlich noch die Berichte aus zweiter Hand, vom Hörensagen, aus Tagebüchern und Briefen. Sebald notiert auch das Scheitern dieser nachgestellten Schreibmethoden.

Auffallend dabei ist, daß er vor den direkten Berichten der Betroffenen zurückschreckt: Da behauptet er, es seien ja doch bloß Floskeln zu erwarten. Wenn ich die Briefe durchsehe, die ich auf meinen Roman erhalten habe, kann ich dem nicht zustimmen. Es sind erschütternd genaue Berichte über die Nachtseite des Lebens, dieses Leben zwischen Sirenenalarm und Entwarnung, zwischen Bomberstaffeln, die Tag und Nacht anflogen, dieser unglaubliche Alltag, der sich dazwischen abspielte. Sebald bevorzugt die indirekte Methode, die klaren Berichte, die Helligkeit des ruhigen Betrachtens, er bleibt in Distanz zum wirklichen Schrecken, als sei er auf der Suche nach einer seiner Collagen, ähnlich den langen Erzählungen in seinem Buch "Die Ausgewanderten".

Er übersieht auch meine Generation, die Generation der Kinder in den Großstädten, die sich erinnern können, wenn sie es können, wenn sie die Sprache dafür finden - und darauf muß man ein Leben lang warten. Es geht nur in einer Art Ohnmacht, in einer Art Absinken, das tief hinabführt in lang Vergessenes, das erst über die Sprache in die Erinnerung findet. Ein quälender Vorgang, man muß mit Zusammenbrüchen rechnen - ich weiß, wovon ich rede.

Ich habe mich dem in mehreren Jahren ausgesetzt, nun kann ich nicht mehr darüber sprechen, ich will auch nicht mehr darüber sprechen, erst recht kann ich nicht mehr davon schreiben. Man verstummt noch einmal. Es gibt ein Grauen jenseits der Sprache, ein unaussprechliches Entsetzen, es gibt Augen, Münder und Schreie, das ist nicht mehr zu artikulieren. Das wird untergehen mit denen, die es erlebt haben.

Wir bilden uns ein, alles aufschreiben und festhalten zu können, um es weiterzugeben. Ich glaube, das ist ein Irrtum. Wenn es nicht durch verdichtendes Erzählen von Generation zu Generation weitergegeben wird, sich tief einprägend, so daß es zum unvergessenen Schreckensbild im Erzählen wird, ist es für die Nachkommen verloren. Ich glaube nicht, daß man sich in einem Universitätsseminar über die restlichen Fakten beugen kann.

Allein aus den Fakten wird man niemals herauskristallisieren, wie die Todesangst die Menschen in den Luftschutzbunkern durcheinandergeschüttelt hat, wie sie sich in irrealen Ausbrüchen in den Sekunden vor ihrem vermeintlichen Tod an irgendeinen nutzlosen Gegenstand klammerten, wie sie in den Sekunden nach dem Verrauschen der Bombenwelle in einem erstickenden Atem verharrten, denn die nächste Bombenwelle donnerte schon wieder heran, der Boden bebte, das Licht erlosch, Staubwolken zogen durch den Keller, es krachte splitternd und dröhnend, ob da noch Menschen in der Nähe waren, war absolut ungewiß.

Sebalds Arbeit hat in ihrem Ton sehr viel von einem gütigen professoralen Bemühen. Alles kommt aus unendlicher Distanz. Das liest sich denn oft so: "Die Fähigkeit der Menschen zu vergessen ... wurde selten auf eine bessere Probe gestellt als damals in Deutschland. Man entschließt sich, zunächst aus reiner Panik, weiterzumachen, als wäre nichts gewesen."

Als hätte man sich in der Stunde Null in Ruhe zusammengesetzt, alle Aspekte der Katastrophe gewissenhaft durchdiskutiert, und nach reiflicher Überlegung und Abwägung der eigenen Schuld und der Schuld der alliierten Bomberverbände sich doch "entschlossen" weiterzumachen! Als hätte man "in der Panik" auch nur eine Sekunde lang eine Wahl gehabt und nicht das nächste Brett aus den Trümmern gerissen, weil sonst ein anderer sich damit ein wärmendes Feuer entzündet hätte. Man handelte, wie der Körper es einem sagte, in einer Art von Lebensautomatismus, in dieser Steinzeit fiel kein Satz über Schuld und Unschuld, Sinn oder Unsinn, Tod oder Leben, es mußte nichts gesagt werden, allen - soweit meine Erinnerung - war klar, was geschehen war und warum es geschehen war, und wenn Ausländer es zum erstenmal sahen und schockiert herumstanden und von Hölle sprachen und entsetzt waren - wir waren es gewohnt, wir lebten da.

Sebalds These ist ja nicht falsch, seine Bemühungen sind richtig. Es gibt kaum etwas über den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung. Oder wie mir eine Leserin schrieb: "Das Ausmaß der Einsamkeit, das dadurch entstand, daß viele Fragen nicht gestellt werden durften, daß so viele Themen tabu waren, daß weder in Geschichte noch in Literatur Parallelen gezogen werden durften, dieses Ausmaß an Einsamkeit war schwer zu ertragen. Die Alten starben und ließen unsere Art von Enkeln ziemlich allein zurück."

Die Hilfskonstruktionen aber, mit denen Sebald seine Gedanken abstützt, um das Verhalten der Menschen in jener Zeit zu rekonstruieren, sind vielfach fragwürdig. Die psychosozialen Strukturen des deutschen Kleinbürgers, mit denen alles, was nach der Kaiserzeit passierte, immerzu erklärt wird, finden sich auch hier so zahlreich, daß die Erwiderung darauf an dieser Stelle nicht stattfinden kann. In einer Apokalypse, das ist wohl am schwersten zu verstehen, brechen atavistische, urzeitliche Verhaltensmuster auf.

Es ging ums Überleben, wie es bei jedem Kriegsausbruch auf dem Balkan oder in Afghanistan, bei jedem Erdbeben in Südamerika, bei jedem Hochwasser in Bangladesch zu beobachten ist. Wer davongekommen war, war davongekommen, und er dachte keine Sekunde an die anderen, er dachte nur an sich. Das wollen die Menschen nachher natürlich nicht mehr hören, das streiten sie ab, nie im Leben haben sie sich so benommen, und deshalb gibt es auch keine Berichte darüber.

Es gibt ein Verhalten in einem ganz urtümlichen kreatürlichen Sinn, in dem alle gleichzeitig wissen, was zu tun ist, um aus der brennenden Höhle der Steinzeit oder aus dem brennenden Keller des Jahres 1943 herauszukommen. Die Handlungen sind in diesen Sekunden vollkommen koordiniert, die Menschen sind wie eine Tierherde auf der Flucht und bewegen sich wie ein Körper, sie werden zu Tieren, die sich blind durchschlagen. In uralten Reflexen.

Etwas später, in Sicherheit, entstehen wieder Differenzen, nimmt der Starke dem Schwachen den Mantel weg, bis sich zwei zusammentun und ihm klarmachen, daß es so nicht geht, das ist dann wieder der Beginn der menschlichen Zivilisation.

In solchen Tagen, Wochen, Monaten zählt Erinnerung nicht. Wozu? Für wen? Der Glaube an nachfolgende Generationen ist in solchen Situationen stark lädiert, damit erzeugt man inmitten der Katastrophe nur Gelächter. Aber es bleiben noch die Kinder, deren Lebensuhr mit sechseinhalb Jahren stehengeblieben ist, wie Wolf Biermann es formuliert, die wir für alle Zeit also gleich alt sind.

Vielleicht braucht man ein lebenslanges Schweigen, um sich wieder zu erinnern. Vielleicht ist die Amnesie (wie bei Szczypiorski) die Voraussetzung, um sich dem fernen Land Apokalypse noch einmal zu nähern und seinen verdrängten und gerade deshalb so nachtschweren und übergenauen Bildern standzuhalten.


DER SPIEGEL 14/1999
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