EXTREMISTEN
Unheimlich gute Freunde
Die Anti-Euro-Partei Alternative für Deutschland streitet um den Umgang mit rechten Sympathisanten. Die ersten Landesverbände warnen vor Unterwanderung.
Für einen Parteichef, der Hunderte Mitglieder an die Konkurrenz verloren hat, ist René Stadtkewitz erstaunlich guter Laune. Der Chef der Anti-Islam-Partei Die Freiheit, im Hauptberuf Chef einer Firma für Sicherheitstechnik, trinkt den Kaffee schwarz, seine Stimme klingt gut geteert. 350 von 2600 Mitgliedern seiner Minipartei seien zur Euro-kritischen Alternative für Deutschland übergelaufen, schätzt Stadtkewitz.
Drei Übergangswellen hat er beobachtet, die erste begann schon in der Gründungsphase der AfD. "Viele Leute sind übergetreten, weil ihnen bei uns alles zu lange dauerte." Der Berliner Stadtkewitz, bundesweit bekannt durch Agitation gegen Moscheebauten und die Einladung des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders, steht zu vielen abtrünnigen Parteifreunden noch in Kontakt.
Ihr Wechsel wundert ihn nicht. "90 Prozent der AfD-Botschaften kommen mir bekannt vor. Manche Formulierungen sind wortgleich mit unseren." Begriffe wie die "Allmacht von Brüssel", das deutsche "Demokratiedefizit", die "ungeordnete Zuwanderung in die Sozialsysteme" - alles alter Freiheit-Sound. "Nur beim Thema Islam hält man sich zurück", sagt Stadtkewitz.
Die AfD und ihr Verhältnis zur Rechten - für die neue Partei ist das eine Schlüsselfrage. Parteichef Bernd Lucke beteuert: "Extremisten jeder Art haben bei uns keine Chance. Wir werden nicht von rechts unterwandert." Doch in vielen AfD-Landesverbänden wächst die Sorge der Funktionäre genau davor.
Länderübergreifend formiert sich ein liberaler AfD-Flügel, der rechte Aufwiegler aufspüren und noch vor der Wahl ausbremsen will. Die Runde wünscht sich ein klares Signal des Bundesvorstands. Doch das Team um Lucke, der von einem Wahlkampftermin zum nächsten hetzt, will das heikle Thema nicht angehen. Dabei sorgt sich sogar die NPD, dass die Euro-Gegner ihren Markenkern kapern. "Lassen Sie sich nicht alternativ veräppeln", warnen die Thüringer Braunen ihre Anhänger. "Vertrauen Sie dem ehrlichen Original - wählen Sie die NPD."
"Anfangs habe ich das Problem unterschätzt", gesteht Hamburgs AfD-Chef Jörn Kruse. "Aber es lässt sich leider nicht leugnen, dass sich in mehreren Ländern systematisch rechte Gruppen formieren, die auf Inhalte und Image der Partei Einfluss nehmen wollen." Gemessen an 16 000 AfDlern sei die Zahl der unerwünschten Freunde sehr klein, diese seien aber "gut vernetzt und sehr aktiv".
Viele hätten weder Amt noch Listenplatz, sagt Kruse. Umso fleißiger agitierten sie in internen Foren und Facebook-Debatten. "Wenn wir nicht handeln, könnten diese Leute unbehelligt Unterstützer für die Parteitage nach der Wahl sammeln", warnt Kruse. Der Hamburger hört auch von AfD-Mitstreitern aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt Klagen über rechten Zulauf. Doch das Thema ist so heikel, dass sich die wenigsten öffentlich äußern wollen. Viele AfD-Verbände haben heiße Konflikte um Ämter und Listenplätze hinter sich. Bis zur Wahl hält man den Burgfrieden. Dann will man die Braunen aussortieren.
Eine Verbündete Kruses ist Baden-Württembergs AfD-Chefin Elke Fein. "Die allermeisten AfD-Mitglieder haben keine rechten Positionen", sagt sie. "Wir sind eine Partei der Mitte." Das müsse die AfD stärker kommunizieren, ehe die Radikalen seriöse Wähler abschreckten.
Feins Verband hat als erster beschlossen, nicht nur NPDlern und Republikanern die Aufnahme zu verweigern, sondern auch Ex-Freiheitlern. Für viele AfD-Verbände käme der Schritt zu spät. Stadtkewitz' Leute sind fast überall: In Brandenburgs Parteiführung sitzen zwei Ex-Freiheit-Landesvorstände, in Mecklenburg-Vorpommern ist der Landeschef ein alter Freiheitler. In Berlin steht ein Ex-Stadtkewitz-Mann auf Platz drei der Landesliste. In Hamburg managt der frühere Landeschef der Freiheit die AfD-Facebook-Seite. Und das sind nur die bekannten Gesichter.
Parteichef Lucke aber lehnt einen pauschalen Aufnahmestopp ab. "Die Freiheit-Partei hat zwei Lager", verteidigt er seine Linie. Im einen säßen extreme Islamkritiker und Populisten, im anderen die AfD-Kandidaten - ordentliche Demokraten.
DER SPIEGEL 36/2013
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