02.09.2013

VERLAGE Weißwaschen

Die Familie Ströher erhielt beim Verkauf ihres Wella-Konzerns Milliarden. Sylvia Ströher will nun den angeschlagenen Suhrkamp Verlag retten. Aber passt die nicht aufgearbeitete NS-Vergangenheit der Firma und der Familie zur Tradition des Verlags?
Es sind viele alte Dokumente, man muss sie zusammentragen aus verschiedenen Ländern, altes Papier, alte Fotos. Briefe, die eine Familie in Belgien besitzt. Akten der Commerzbank aus den vierziger Jahren in Berlin. Internierungskarten japanischer Gefangenenlager aus dem Zweiten Weltkrieg. Beweise der Gier und der Unmenschlichkeit.
Die Papiere dokumentieren die Verstrickung der Unternehmerfamilie Ströher mit dem Nazi-Regime. Karl Ströher und sein Bruder Georg waren Inhaber der Firma, die Wella-Produkte herstellte. Sie hatten, so das Bild, das sich aus den Archiven ergibt, während des Dritten Reichs von der Verfolgung der Juden profitiert. Sie hatten mit dem Nazi-Regime kooperiert. Sie setzten Zwangsarbeiter ein, beteiligten sich an der Rüstungsproduktion, die Umsätze des Unternehmens explodierten ab 1939. Die Öffentlichkeit weiß das alles nicht. Sie weiß nur, dass die Nachfahren von Karl und Georg Ströher nun beim Suhrkamp Verlag einsteigen und dafür gefeiert werden, weil sie das Überleben des finanziell angeschlagenen Hauses sichern.
Suhrkamp ist eine der großen kulturellen Institutionen des Landes. Peter Suhrkamp, der Gründer, wurde von den Nazis verhaftet, auch eingesperrt. Suhrkamp ist der Verlag, der mit seinen Büchern und Autoren, die er in der Bundesrepublik publizierte, dabei half, die Vergangenheit dieses Landes aufzuarbeiten.
Da ist Bertolt Brecht, der noch zweifelte, ob er wirklich nach Deutschland zurückkehren solle, als er Peter Suhrkamp die Publikation seiner Werke anvertraute. Da ist der Widerstandskämpfer Jorge Semprún, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebte und seine Leser in autobiografischen Romanen ("Was für ein schöner Sonntag!") hineinführte in die Welt des Terrors. Da ist die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs, die in ihren Gedichten das Grauen des Holocaust beklagte ("O die Schornsteine / Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes"), da ist Paul Celan, der mit seiner Lyrik zeigte, dass das Deutsche durch den Holocaust für immer eine verstörte Sprache sein wird. Dann: Peter Weiss mit seiner "Ästhetik des Widerstandes" und Uwe Johnson, der in seinen "Jahrestagen" den alltäglichen Schrecken der Nazi-Herrschaft in der mecklenburgischen Provinz beschrieb. Und die Philosophen: Theodor W. Adorno mit seiner Kritik am "Verblendungszusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft", der Auschwitz ermöglicht habe. Herbert Marcuse, Ernst Bloch und Jürgen Habermas, die immer versuchten - mal besser, mal schlechter -, gegen den Geist des Gehorsams den Eros der Erkenntnis zu setzen.
Und dann gibt es die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die so stolz ist auf den Jüdischen Verlag in ihrem Hause. Und die in den Grabstein ihres Vaters die Namen von Verwandten ihrer Großmutter, die jüdischer Abstammung war, gravieren ließ. Dazu den Satz: "Zu Tode gekommen zwischen 1943 und 1945". Und außerdem, in hebräischer Schrift: "Zum ewig Gedenken".
Natürlich gibt es kaum ein größeres Unternehmen in diesem Land mit einer schuldfreien Vergangenheit. Konzerne wie Deutsche Bank, Allianz, Degussa, Hoechst, Krupp, VW, MAN haben, spät zwar, Historikern ihre Archive geöffnet. Übrigens auch Unternehmerfamilien wie die Flicks oder die Quandts. Von einer Aufarbeitung der Vergangenheit der einstigen Franz Ströher AG (später Wella AG) aber ist nichts bekannt.
Das Unternehmen war im Dritten Reich kein Konzerngigant wie die erwähnten Firmen, aber während und dank der Diktatur wurde die Marke Wella erst berühmt. Nach dem Krieg wurde vor allem Karl Ströher zu einer Ikone des Wirtschaftswunders. Ein Vorzeigeunternehmer, der mit großem Einsatz moderne Kunst förderte. Er sammelte Pop Art in den USA und war der wichtigste Mäzen des Provokateurs Joseph Beuys, mit dem er eine Art Exklusivvertrag ausgehandelt hatte. Ohne Ströher wäre Beuys nie so berühmt geworden.
Im Mai ist eine Biografie über Joseph Beuys erschienen. Der Autor Hans Peter Riegel zeichnet darin das Bild eines Künstlers, der fasziniert war vom völkischen Gedankengut, der Kontakte zu vielen Leuten pflegte, die es während des Nationalsozialismus weit gebracht hatten - und sich später von dieser Vergangenheit nie distanzierten (SPIEGEL 20/2013). Einer dieser Beuys-Freunde mit einschlägiger Vorgeschichte, das betont Riegel in dem Buch, sei Karl Ströher gewesen. Nun hat der SPIEGEL zusammen mit Riegel neues Material entdeckt. Unter anderem in Archiven in Sachsen, den Niederlanden und Belgien, auch in den Nachlässen betroffener Familien.
Fragen zu Ströhers Vergangenheit und der seines Unternehmens wurden nie gestellt. Im Gegenteil: Artikel und Festschriften deuten immer mal wieder an, er sei während des Dritten Reiches ein Opfer des Regimes gewesen.
Der Unternehmer starb 1977 mit 87 Jahren und hinterließ ein wertvolles Erbe. Ein Jahr später gelang Wella die erste Umsatzmilliarde. 2003 wurde der Konzern für rund sechs Milliarden Euro an den US-Konkurrenten Procter & Gamble verkauft.
Ströhers Verwandtschaft, groß und verzweigt, war stets ins Geschäft eingebunden gewesen, nun verwaltet sie den Reichtum. Wie der Patriarch sammeln viele seiner Nachfahren Kunst, kaufen ganze Museen oder planen gerade neue. Unterschiedlichste Stiftungen sind gegründet worden. Wichtige Bestände der Sammlung von Karl Ströher verkaufte man für eine moderate Summe, und zwar an die Stadt Frankfurt am Main, die eigens das Museum für Moderne Kunst baute. Die Beuys-Werke von Ströher gingen, ebenfalls gegen Geld, ins Eigentum des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt über.
So vielfältig ist aber das Mäzenatentum, dass man fast vermuten könnte, dies alles sei eine Art Kompensation für die ausgebliebene Vergangenheitsbewältigung.
Sylvia Ströher ist Großnichte von Karl Ströher und Enkelin von Karls Bruder Georg. Sie war bis zum Verkauf von Wella die größte Einzelaktionärin, es heißt, sie allein habe bei dem Verkauf an Procter & Gamble 1,6 Milliarden Euro bekommen. Zusammen mit ihrem Mann Ulrich will sie nun dem Suhrkamp Verlag, der vor einigen Wochen Insolvenz anmeldete, bei der Bezahlung von Autoren-Honoraren helfen. Das Ehepaar hat sich auch bereit erklärt, Anteile des Verlags zu übernehmen (SPIEGEL 33/2013).
Sylvia Ströhers Urgroßvater Franz hatte einst einen Handel für Perückenhaar gegründet, dann weiteren Friseurbedarf hergestellt. Seit 1930 firmierte man im sächsischen Rothenkirchen als Franz Ströher AG. Seine Söhne Karl und Georg Ströher, Jahrgang 1890 und 1891, wurden Inhaber und Geschäftsführer. In kurzer Zeit formten sie aus der AG einen international ausgerichteten Chemie- und Elektrokonzern. Man produzierte Präparate für die Haarpflege, auch Geräte, Apparate für Dauerwellen, Haarschneidemaschinen und Trockenhauben.
Nach 1939 kamen Rüstungsgüter hinzu, Teile für Sonderprogramme der Wehrmacht, Peitschenantennen, wohl auch Sicherungen und Buchsen. 1941 erreichten die Umsätze einen Rekordwert, man besaß inzwischen eine große Fabrik in Apolda. Diese Stadt in Thüringen war unter dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Julius Dietz zum Rüstungsstandort aufgebaut worden.
Die Franz Ströher AG beschäftigte Zwangsarbeiter, die Brüder Ströher besaßen Anteile an einer Nürnberger Spezialfabrik für Transformatoren. Dort wurden ebenfalls Kriegsgefangene eingesetzt, wohl auch misshandelt. Man belieferte im großen Umfang die Firma Telefunken, die russische "Zivilarbeiter" und KZ-Häftlinge zu Schwerstarbeit zwang.
Karl Ströher war der Patriarch dieses Clans. Er hatte zu den Gründern einer Ortsgruppe des "Stahlhelms" in seinem Wohnort gehört, einer paramilitärisch geführten Organisation mit extrem nationalistischer Ausrichtung. Bald nach der Machtergreifung stützte er dann das neue NS-Regime mit Geldspenden. Am 4. Oktober 1933 vermeldete die "Auerbacher Zeitung", die Firma Ströher habe "zur 'Adolf-Hitler-Spende zur Förderung der nationalen Arbeit' sofort nach erfolgtem Aufruf eine erhebliche Summe gezeichnet und bereits abgeführt".
Aber: Ströher, der Stahlhelm-Mann, war Freimaurer, und als solcher gab es für ihn Grenzen im neuen Staat. Die Freimaurer wurden später verboten. Sie litten unter Benachteiligungen, positionierten sich aber nie als Opposition zum NS-Staat.
Ströher setzte sich dafür ein, dass die Nationalsozialisten ihn und seine Logenbrüder als Gesinnungsgenossen anerkannten. Am 29. März 1938, kurz vor der Reichstagswahl, schrieb Karl Ströher an Hitler:
Mein Führer!
Am 10. April werden auch die mehr als 100 000 früheren deutschen Freimaurer Ihnen bestimmt ihre Stimme geben. Mehrere hunderttausend Deutsche dieser Familien sind aber im tiefsten Innern unglücklich, weil sie wissen, daß sie auch nach ihrem Ja weiterhin als minderwertige Deutsche behandelt werden. So wird zum Beispiel mir die schönste Ehre des Deutschen, im neuen Heere dienen zu können, nicht zuteil, obgleich ich als Frontsoldat und Offzier vier Jahre lang meinen Mann gestanden habe ... Heil Hitler!
Ströher, der wie sein Bruder Georg einer Loge namens Parsifal angehörte, schickte im selben Brief die Abschrift eines bereits versendeten Telegramms an Hitler mit, von dem er hoffte, "daß Sie selbst es gelesen haben". Darin heißt es:
Sie haben Großdeutschland geschaffen. Jeder deutsche Mann wird Ihnen daher am 10. April dankbar seine Stimme geben. Dies tun selbstverständlich auch die früheren deutschen Freimaurer, die in ihrer Mehrheit vorbildliche deutsche Männer sind.
Das Regime erfüllte Ströhers Wunsch, man ernannte ihn zum Hauptmann und beorderte ihn ins nahe Chemnitz. So konnte er auch das eigene Unternehmen im Blick behalten. Schwer zu sagen, ob es ihm um die Ideologie ging oder darum, sich vor befürchteten Benachteiligungen zu schützen, oder um beides. Ganz sicher ging es auch ums Geschäft. Die neue Zeit bot aus seiner Sicht wohl eine Unmenge von unternehmerischen Möglichkeiten.
In den dreißiger Jahren hatte man mit einer aufstrebenden Firma aus Den Haag zusammengearbeitet, sie hieß Hollander & Kohn. Sie vertrieb neben der eigenen Marke auch Wella-Produkte in den Niederlanden, in Belgien und Frankreich. Die Firmengründer Mendel Hollander und Hans Kohn waren junge jüdische Geschäftsleute.
Im Mai 1940 marschierten die Deutschen in den Niederlanden ein, im Juli denunzierten die Ströhers die ehemaligen Geschäftspartner aus Den Haag bei der "Außenhandelsstelle für Mitteldeutschland". In dem Brief vom 18. Juli 1940 heißt es, man habe die Zusammenarbeit 1938 im Zuge der "Entjudungsbestrebungen" abgebrochen.
Man warf Hollander & Kohn vor, das "echt jüdische Mittel der Preisunterbietung" angewandt zu haben, und zwar auf dem Weltmarkt, und damit habe man Ströher geschadet. Von "rücksichtsloser Ausnutzung" und "echt jüdischer Unverfrorenheit" ist die Rede. Man höre, "dieses jüdische Unternehmen" sei mit seinen Erzeugnissen wieder am Markt. "Es wäre angenehm für uns zu wissen, ... ob eine rein jüdische Firma ... noch eine Daseinsberechtigung hat. Heil Hitler! Franz Ströher A.G."
Hollander & Kohn wurde von den Deutschen zu Feindvermögen erklärt, enteignet, zum Kauf angeboten. Die Nazis nannten das "Arisieren". Für die Ströhers hieß das, man konnte Wettbewerber übernehmen, ohne Widerstände und weit unter Wert.
Eine vertrauliche Notiz der Commerzbank vom 13. Mai 1941 lautet:
betr. Franz Ströher, Apolda
Anscheinend sind wir in diesem Falle zu spät gekommen. Wir hören heute, dass Herr Ströher in diesen Tagen nach Holland gefahren ist, um mit den in Frage kommenden Behörden wegen der Arisierung eines holländischen Betriebes zu verhandeln.
Gemeint war auch hier Hollander & Kohn, die Commerzbank hatte offensichtlich Sorge, die Ströhers könnten das Geschäft ohne die Bank machen. Man war aber an einer Kooperation mit den einflussreichen Ströhers interessiert, bot ihnen außerdem ein Unternehmen im besetzten Paris an.
Wegen der Angelegenheit in Holland gaben die Mitarbeiter der Bank ihren Vorgesetzten dann Entwarnung. Im November 1941 teilten sie den Ströhers mit, ihnen sei die Firma Hollander & Kohn in Den Haag "zugesprochen" worden. Direktor Weishaupt, einer der Abgesandten der NS-treuen Commerzbank in den besetzten Niederlanden, habe sich die Verkaufssumme bestätigen lassen.
Nun führten die Ströhers Hollander & Kohn. Es gibt weitere Briefe, weitere Denunziationen, die sich gegen die niederländischen Mitarbeiter richten. Namentlich werden sie genannt, wird ihnen "Verschleppen von Mobiliar" vorgeworfen, so etwas konnte ein Todesurteil sein.
Hans Kohn, einer der beiden Besitzer, konnte vor den Nazis aus dem Land fliehen, er blieb eine Zeitlang in Portugal, schaffte es mit seiner Familie bis nach Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien. Die Kolonie aber wurde 1942 von den Japanern eingenommen, Hans Kohn wurde nach Osaka in ein Internierungslager gebracht. Seine Frau und die beiden Söhne wurden in einem Lager in Indonesien gefangen gehalten. Dem jüngeren Sohn, Robert Kohn, damals ein Kind von nicht einmal zehn Jahren, hört man heute noch an, wie unerträglich diese Zeit war. Auch sein Vater habe nicht über das Lager gesprochen, "Menschen, die so etwas erlebt haben, reden nicht darüber". Kohns Kompagnon, Mendel Hollander, gelangte wohl immerhin nach Kanada.
Die Ströhers machten die Arisierung beim Finanzamt noch steuermildernd geltend, bilanzierten ein Aktienkapital von 250 000 Gulden für die holländische Tochtergesellschaft und einen Gewinn von mehr als 60 000 Gulden für 1941 und 1942. Der französische Ableger von Hollander & Kohn brachte weiteres Geld. Die Ströhers besaßen Tochterfirmen in Buenos Aires und Belgrad ("Jugo-Wella") - und bekannten sich immer wieder zum heimischen Regime.
Einer der eifrigsten Schreiber ihrer Werkzeitschrift "Der Wella-Kamerad" war ein früherer Angestellter, der inzwischen bei der SS Karriere gemacht hatte. Unter jedem seiner Beiträge bildete man die SS-Runen ab. Im Januar 1944 durfte dieser Rottenführer namens Vollrath seine "Gedanken" zu Weihnachten und Jahreswende auf der Titelseite ausbreiten. Texte von Robert Ley, einem der Reichsleiter der NSDAP, wurden gedruckt.
Auch die Zwangsarbeiter kommen in dem Blatt vor, aber sie werden so nicht genannt: "Auch Ausländer sind im Wella-Werk beschäftigt: Italiener, Franzosen, Belgier, Flamen, Holländer und Ostarbeiterinnen. Ein Völkergemisch, das zwangsläufig eine Unzahl von Fragen, Aufgaben und Schwierigkeiten mitbrachte." Wohnbaracken seien auf dem Sportplatz errichtet worden.
Dann ein Foto von einem Schaufenster und der Text: "Wella-Fenster in Kroatien. Ein Teil der ständigen Musterschau unserer Generalvertretung. Die Geschäftsräume befinden sich in Zagreb. Heute ist der Umsatz beschränkt. Nach dem Kriege aber wird Zagreb vielleicht eines der Einfalltore, durch die wir nach dem Balkan unsere Erzeugnisse bringen." Es war das Jahr 1944. Für die Fabrikanten schien der Krieg immer noch die Chance zur Expansion zu sein.
Nach Kriegsende wurden die Ströhers in der sowjetischen Besatzungszone angeklagt. Karl Ströher wehrte sich mit Hilfe seiner Anwälte gegen die jetzt offiziell formulierten Gerüchte, er sei ein förderndes Mitglied der SS gewesen, er habe mit der Rassentheorie der Nazis sympathisiert. Er legte diverse Bescheinigungen vor. Der Bürgermeister von Rothenkirchen hatte Ströher sogar wenige Wochen nach Kriegsende eine Bescheinigung ausgestellt, dass der Fabrikant im Dezember 1944 wegen Verweigerung des Hitlergrußes und Mitwirkung an den Ereignissen des 20. Juli in Plauen in Haft gekommen sei. Tatsächlich hatte ein wohl entfernter Verwandter des am Attentat beteiligten Offiziers Friedrich Olbricht 1943 in die Familie hineingeheiratet.
In Abwesenheit verurteilte man Karl Ströher zu zehn Monaten Haft. In der Urteilsbegründung wird vermerkt, dass man dem Angeklagten seine Behauptungen, er sei 1944 einige Tage lang in Haft gewesen, nicht widerlegen könne. Nach Ansicht des Gerichts in Zwickau aber "handelte es sich hierbei um keinen ernsthaften Widerstand". Hinweise dafür, dass Ströher tatsächlich ein solches Opfer war, lassen sich in den Archiven bislang nicht finden. Stattdessen wurde er in die Gruppe der "Belasteten" eingestuft, er soll mit seinem Bruder 102 000 Reichsmark an die NSDAP gespendet und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft systematisch unterstützt haben. Das im Osten Deutschlands noch nachweisbare Vermögen wurde beschlagnahmt.
Die Enteignung 1948 mag eine Zäsur in der Firmengeschichte gewesen sein, aber sie bedeutete wohl keinen Bruch mit bisherigen Geschäftspraktiken.
Dem Gefängnis entging Ströher durch Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone. Das erste, schon 1945 gegründete Unternehmen im Westen hieß "Ondal" - es mag Zufall sein, dass der Name ähnlich klingt wie Indola, die einst so erfolgreiche Marke von Hollander & Kohn. Indola gehört heute übrigens zum Henkel-Konzern, dort heißt es, man wisse nicht viel über die einstigen Erfinder der Marke.
Hans Kohn, einer der Gründer, kehrte nach dem Krieg aus Japan zurück, übernahm seine Firma wieder, nannte sie nun nach seiner wichtigsten Marke Indola. Wella verklagte nun das deutsche Tochterunternehmen von Kohn. Man warf ihm vor, man würde den Namen eines Wella-Produkts kopieren.
Es gibt auch den Fall Frommann, und da lässt sich ebenfalls eine seltsame Kontinuität feststellen.
Der Berliner Geschäftsmann Ernst Frommann hatte seit Anfang der dreißiger Jahre einen Handel für Friseurbedarf betrieben, es war ein kleines, aber florierendes Konkurrenzunternehmen. Es vertrieb technische Geräte, Haarwasser. Die Wohnung war auch der Firmensitz.
Frommann galt nach den Kategorisierungen der Nazis als Halbjude, seine Frau Elisabeth Frommann hatte keine jüdischen Wurzeln, sie lebten in einer sogenannten Mischehe. Frommann hat sich deshalb wohl einigermaßen sicher gefühlt, und doch wurde er zur Zwangsarbeit verpflichtet, deportiert, 1943 in Auschwitz ermordet. Er war, das belegen alte Briefe, ein tapferer Mann, der mehr um Frau und Kinder bangte als um sich selbst.
Frommann hatte die Warenzeichen "Olock-Well" und "Lockowell" angemeldet. Die Produzenten von Wella störten sich daran, wollten für sich 1939 den Begriff "Lockwell" sichern. Frommann legte Widerspruch ein und durfte auch dieses Wortzeichen 1940 für sich eintragen lassen.
Nach dem Krieg meldete sich die Firma, die jetzt Wella hieß, bei der Witwe Elisabeth Frommann. Die Betreuungsstelle für die Opfer des Faschismus riet ihr ab, die Rechte an dem Zeichen Lockwell zu verkaufen. Wella aber ließ nicht nach, das Interesse war zu groß. Der Witwe, die ihre Söhne allein aufziehen musste, bot man für Lockwell trotzdem nur 2000 Mark. Man schloss einen Vertrag, der sich aber als ungültig erwies.
Elisabeth Frommann fühlte sich von Wella ohnehin nicht gut behandelt. In einem Brief ist davon die Rede, dass Frau Frommann "nach dem Vorgefallenen" die Rechte kaum an Wella abtreten wolle. Wella gab nicht auf, schickte den Leiter der Patentabteilung zu ihr nach Hause, drohte offenbar mit Prozessen. Elisabeth Frommanns Anwalt beklagte sich über diese Art von Besuchen "zum Zwecke der Einflußnahme". Seine Mandantin fühle sich eingeschüchtert, er wies darauf hin, dass sie "bekanntlich geschäftsungewandt" sei. Frau Frommann verkaufte dann an die Firma Kadus.
Wella wurde groß und reich und mächtig. Bei der 100-Jahr-Feier des Unternehmens im Jahr 1980 erwähnte ein Familienmitglied in seiner Rede, dass die Brüder Karl und Georg Ströher zu Kriegszeiten "politisch nicht belastet" gewesen seien. Da hatte Wella schon den Konkurrenten Kadus gekauft - das Unternehmen, das von den Frommanns einst die Rechte an Lockwell erworben hatte.
Ein letzter Rückblick: Karl Ströhers Tochter Erika hatte 1944 in Jena bei Gerhard Heberer, einem der verbissensten Rasse-Ideologen der Zeit, promoviert. Der Kontakt riss später nie ab. Noch 1969 schrieb sie ihrem früheren Doktorvater - einem Zoologen, Anthropologen und bis 1945 SS-Hauptsturmführer - von ihrem Ferienhaus im Berner Oberland aus einen sehr zugewandten, freundlichen Brief. Sie verfasste ihn am 27. Februar. Zwei Tage später, am 1. März, eröffnete die Neue Nationalgalerie in Berlin ihrem Vater zu Ehren eine Schau, man feierte ihn als Mann der Moderne, präsentierte seine Warhols, Rosenquists und Beuys.
Dies alles ist sicherlich nicht die komplette Geschichte der Unternehmer Karl und Georg Ströher und ihrer Firmen während des Nationalsozialismus. Es gibt viele Fragen. Nach den Zwangsarbeitern, der Rüstungsproduktion. Nach den Geschäften in besetzten Gebieten. Nach dem Vermögen, das nach dem Krieg möglicherweise ins Ausland geschafft wurde. Aber auch danach, was Karl Ströher gemacht haben könnte, was aus heutiger Sicht für ihn spräche.
Und es gibt natürlich die Frage an die Familie, warum sie als große Mäzenatin einer Aufklärungskultur nicht ihre eigene Geschichte aufarbeiten lässt.
Procter & Gamble, der heutige Wella-Besitzer, jedenfalls hat keine Kenntnisse über eine Aufarbeitung der Familienhistorie; das Archiv werde übrigens gerade nach Cincinnati verschifft, weil der Wella-Standort Darmstadt geschlossen werde.
Freitagabend, wenige Minuten vor Mitternacht, meldet sich Ulrich Ströher und schreibt: "Erkenntnisse einschlägiger Verfehlungen während dieser Zeit (zum Zeitpunkt der Veräußerung) lagen mir nicht vor." Das Archiv sei in Besitz von Procter & Gamble.
Von Knöfel, Ulrike

DER SPIEGEL 36/2013
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