02.09.2013

Fast cool

MUSIKKRITIK: Elton Johns erstaunlich reduziertes Album „The Diving Board“
Es beginnt, wie ein Elton-John-Album eben beginnt. Ein paar perlende Klaviertupfer, ein paar weiche Akkorde. Und dann kommt seine Stimme. "I hung out with the old folks, in the hope that I'd get wise." Er hat mit den Alten abgehangen, in der Hoffnung, weise zu werden, singt er, der auch schon 66 Jahre alt ist. Der Song heißt "Oceans Away", er geht um den Wunsch, etwas von den Eltern zu lernen, einer Generation, die in Kriege gezogen ist, dort Opfer gebracht hat und die nun alt geworden ist.
"The Diving Board" ist das neue Solo-Album des britischen Sängers betitelt, es ist sein dreißigstes, das erste seit sieben Jahren, es erscheint kommende Woche. Mehrmals ist das Erscheinen verschoben worden, auch der Titel wurde geändert und die Änderung dann wieder rückgängig gemacht. Normalerweise sind das typische Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.
"The Diving Board" beginnt wie ein klassisches Elton-John-Album: Großes Gefühl, einfacher Song, lieber eine Note zu viel als eine zu wenig, das typische Elton-John-Programm. Aber so typisch ist es nicht. Die Band ist klein, die Arrangements sind reduziert, und sein Pathos ist nicht ganz so erdrückend wie sonst.
Elton John hat zum ersten Mal eine Platte aufgenommen, die ein kleines bisschen cool ist. Kein Wunder, dass er Angst hatte.
Es dürfte keinen Superstar geben, der immer so unbeirrt uncool war wie Sir Elton - vom ersten Augenblick an, als er als überdrehtes Klavier-Männlein im England der späten Sechziger auftauchte.
Er wurde die Gegenfigur zu David Bowie. Beide waren Kinder der britischen Nachkriegszeit, die im gleichen Kohlenstaub-Grau aufgewachsen waren wie die Beatles oder die Stones, beide fanden ihre Rolle aber erst in den Siebzigern, als die Zeit der kollektiven Utopien vorbei war und Solokünstler die Bühne betraten. Beide waren Männer mit unklarer sexueller Identität und legendärem Hang zum Exzess, und beide waren Individualisten, die Emanzipation und Freiheit nicht versprechen, sondern leben wollten.
Damit enden die Parallelen aber auch. Nicht nur weil der eine schlank und schön war und der andere nicht. Bowie entschied sich immer für das Experiment, den Wandel und die Konfrontation, stilisierte sich zum Außerirdischen und zum Übermenschen. Wenn Elton John sich verkleidete, dann als Banane oder Freiheitsstatue.
Er machte keine Musik für ambitionierte junge Männer, die es hinaus in die Welt zieht, sondern für die Hausfrauen. Er war der Melodienmann, der ironiefrei Album auf Album herausbrachte, voll mit oft perfekten Songs, die er zusammen mit seinem Partner Bernie Taupin schrieb, John komponierte, Taupin textete. Mehr als 200 Millionen Platten hat er so verkauft, würde man sie aneinanderlegen, könnte man auf ihnen die Erde umrunden.
Alles war immer zu groß bei Elton John, nicht nur die Gefühle in seinen Songs. Auch die gigantische Reisegarderobe, sein Celebrity-Onkel-Image, mit einem Freundeskreis, der vom britischen Königshaus bis zu den Beckhams reicht, und auch sein Drogenkonsum. "Wenn ich über die Schweizer Alpen fliege, denke ich, da unten liegt all das Koks, das du geschnupft hast", sagte er mal. Das Konzert, mit dem er 2007 seinen 60. Geburtstag feierte, war so aufwendig, dass er angeblich zwei Jahre mit den Vorbereitungen verbracht hatte. Als er bei der Trauerfeier von Lady Di sang, schaute die halbe Menschheit zu.
Und warum nun ein Album wie "The Diving Board"? Wieso holte sich John Musiker wie Raphael Saadiq, 47, für die Aufnahmen, einen der begabtesten Retrosoul-Musiker der vergangenen Jahre, und Jack Ashford, 79, einen Perkussionisten der legendären Motown-Hausband? Ashford soll sogar das Tambourine mit ins Studio gebracht haben, das er schon Anfang der Siebziger für Marvin Gayes "What's Going On" geschwungen hat.
Das Album enthält zwölf Songs und drei Instrumentals. Der Titelsong erklärt die Bühne zum Sprungbrett und das Publikum zum Meer, das den Künstler tragen oder untergehen lassen kann. "The Diving Board" sei seine "reifste Platte", hat der Sänger gesagt.
Möglich. Elton John hat ja auch seinen Freund geheiratet und ist Vater geworden. Zwei Kinder hat das Paar von einer Leihmutter austragen lassen.
Vielleicht hat er sich aber auch nur eine neue Verkleidung gesucht. In einem Song imaginiert sich Elton John in Oscar Wilde hinein, wie er gerade das Gefängnis verlässt und sich an seine Jugend erinnert.
Da ist er wieder, der Großmeister der Maßlosigkeit.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 36/2013
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