09.09.2013

Warum wollen die Grünen jetzt Joints verkaufen, Frau Herrmann?

Monika Herrmann, 49, ist grüne Bezirksbürgermeisterin in Friedrichshain-Kreuzberg. Sie setzt sich für die Einrichtung von Läden ein, in denen Cannabis offiziell verkauft wird - wie in Coffeeshops in den Niederlanden.
SPIEGEL: Frau Hermann, soll Berlin das neue Amsterdam werden, eine Stadt der Kiffer?
Herrmann: Berlin ist doch viel cooler als Amsterdam. Und wir wollen nicht nur hier Verkaufsstellen einrichten, sondern in der ganzen Bundesrepublik. Wir orientieren uns da eher an Uruguay, dort will der Staat jetzt Cannabis selbst vertreiben. Wir wollen den legalen Verkauf von Cannabis in Deutschland. Mit einem ersten Laden in unserem Bezirk - es muss ja jemand anfangen.
SPIEGEL: Wie kommen Sie auf die Idee?
Herrmann: Ich war im Sommer wandern und habe über Twitter und Facebook verfolgt, was in meinem Bezirk los ist. Immer wieder stürmte die Polizei in den Görlitzer Park in Kreuzberg, dort wird viel gedealt. Mit der Polizei bekommen wir das nicht in den Griff. In den Bergen fielen mir die Coffeeshops ein. Obwohl ich das Wort nicht mag.
SPIEGEL: Wie sollen Ihre Drogenläden denn heißen?
Herrmann: Ich möchte staatlich kontrollierte Verkaufsstellen für Cannabis.
SPIEGEL: Und Joints mit Prüfsiegel?
Herrmann: Mit Biosiegel am besten. Ich weiß, das klingt absurd. Aber wenn man es konsequent macht, muss es einen staatlichen Anbau und Verkauf der Droge geben. Mit medizinisch geschultem Personal.
SPIEGEL: In Deutschland ist es verboten, mit Drogen zu handeln.
Herrmann: Deswegen wollen wir das Betäubungsmittelgesetz ändern. Im Bezirksparlament haben wir erst mal den Vorstoß gemacht, einen Antrag für einen Coffeeshop beim Bundesamt für Arzneimittel zu stellen. Selbst wenn die FDP wieder den Gesundheitsminister stellt, könnte es klappen, oder? Die FDP wirbt doch mit: "Freiheit statt Verbote".
SPIEGEL: Die Grünen hingegen fallen immer wieder mit Verbotsvorschlägen auf. Für Motorroller, Kamine in Altbauwohnungen, Grillen im Park. Und nun wollen Sie ausgerechnet beim Cannabis mal ganz locker sein?
Herrmann: Also, in meinem Bezirk darf vielerorts gegrillt werden. Bei den Drogen wollen die Grünen den freien Markt reglementieren. Im Moment wird Cannabis doch völlig frei verkauft. Jeder kommt an das Zeug ran, egal wie alt er ist. Und es ist oft richtig gefährlich, weil das Zeug gestreckt ist.
SPIEGEL: In den Niederlanden ist die Abgabe in den Coffeeshops zuletzt wieder beschränkt worden. Touristen können dort in einigen Städten keine Drogen mehr kaufen.
Herrmann: Das würde uns nun gar nicht helfen. Im Görlitzer Park, wo der Handel so massiv zugenommen hat, sind unter den Käufern sehr, sehr viele Touristen. Da geht es manchmal zu wie am Ballermann.

DER SPIEGEL 37/2013
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