09.09.2013

„Von diesem Mann befreien“

Die Australierin Kitty Green, 28, über ihren Femen-Film „Die Ukraine ist kein Bordell“
SPIEGEL: Frau Green, Sie haben 14 Monate lang in Kiew mit einigen Aktivistinnen von Femen zusammengewohnt. Wann wurde Ihnen klar, dass sich Wiktor Swjazki, der sich im Film "Patriarch" nennt, als Herr über die Femen-Frauen aufspielt?
Green: Es dauerte drei oder vier Monate, bis ich gemerkt habe, dass da etwas nicht stimmte. Wiktor Swjazki spricht Russisch, ich sprach nur Ukrainisch, deshalb verstand ich zunächst nicht, was er brüllte. Als mein Russisch besser wurde, hörte ich, wie er den Mädchen drohte und Angst einjagte. Ich stellte fest, dass da etwas gründlich schieflief.
SPIEGEL: Sie sympathisieren erkennbar mit den Zielen von Femen. Hatten Sie keine Angst, dass Ihr Film das Anliegen der Bewegung beschädigen könnte?
Green: Natürlich hatte ich zunächst die Sorge, dass die Frauen von Femen durch das, was ich herausfand, in ein mieses Licht gerückt würden. Aber ich merkte auch, wie verzweifelt sie waren, wie dringend sie sich von diesem Mann befreien wollten. Sie wollten aufrichtige Feministinnen sein.
SPIEGEL: Haben Sie zwischenzeitlich einmal überlegt, die Rolle von Swjazki bekanntzumachen?
Green: Ich bin eine Dokumentarfilmerin. Ich habe mehr als ein Jahr mit den Frauen von Femen gelebt. Ich habe abgewartet, bis ich die Mädchen so weit hatte, die Wahrheit in die Kamera zu sagen. So etwas ist kein einfacher Prozess. Es wäre nicht effektiv gewesen, die Wahrheit irgendwo im Internet oder in einem Magazin zu veröffentlichen. Ich wollte genau und in jedem Detail zeigen, warum es absolut lächerlich und falsch ist, was dieser Mann macht. Und warum es so lange funktioniert hat. Für mich ist das lange Format des Films der einzig richtige Weg, die wahre Geschichte zu erzählen.
SPIEGEL: Wie haben Sie es geschafft, Swjazki im Film überhaupt zu einer Aussage zu bewegen?
Green: Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht, bis ich ihn davon überzeugt hatte, dass ich nichts weiter mache als einen fröhlichen Propagandafilm über den Protest von Femen. Als ich ihm eines Tages sagte, dass ich all seine Brüllereien und Auftritte am Telefon heimlich aufgenommen hätte, und ihn dazu interviewen wollte, lehnte er zunächst empört ab. Doch schließlich willigte er ein. Und auch die Mädchen fanden, dass andere Frauen aus dieser Geschichte etwas lernen können.
SPIEGEL: Was genau?
Green: Wie Frauen von einem Mann manipuliert werden und wie und warum sie sich davon befreien müssen. Die Mädchen von Femen haben den Schritt in die Unabhängigkeit getan. Ich glaube an ihre Kraft. Sie kämpfen gegen die Unterdrückung der Frauen. Sie haben in der Ukraine dafür gesorgt, dass Feminismus dort für junge Menschen kein Schimpfwort mehr ist, und sie werden im Rest der Welt noch eine Menge mehr erreichen.
SPIEGEL: Haben Sie Wiktor Swjazki Ihren fertigen Film gezeigt?
Green: Nein, natürlich nicht. Mir graut davor. Er wird toben.
Interview: Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 37/2013
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