16.09.2013

RELIGIONWer liebt, der schlägt

Bayerische Behörden gehen gegen die „Zwölf Stämme“ vor. Doch die Sekte hat längst einen neuen Standort aufgebaut - und wohl Kinder ins Ausland gebracht.
Anfangs freute sie sich, dass endlich neue Nachbarn in den roten Klinkerbau gegenüber eingezogen waren. Von ihrem Wohnzimmer aus schaute Ilona Meyer in den Innenhof: Sie sah Frauen mit langen Haaren und weitem Rock, Männer mit Bart und Pluderhose und Kinder, endlich wieder Kinder.
76 Menschen leben in Dolchau, einer Ortschaft im Norden Sachsen-Anhalts. Anfang Juli kamen die Neuen. Sie seien freundlich und offen gewesen, berichtet Meyer, sie hätten sich ordentlich vorgestellt und von ihrer Gemeinschaft gesprochen, den "Zwölf Stämmen". Rund zehn Kinder seien zuletzt darunter gewesen, sagt auch eine andere Nachbarin, "alle Größen". Die jüngsten vielleicht 7, die ältesten 16 Jahre alt.
Spielen sah man die Jungen und Mädchen nie. Nun sieht man sie gar nicht mehr: Seit wenigen Tagen sind die Kinder verschwunden, sie wurden vermutlich ins Ausland gebracht.
In Dolchau hat sich offenbar der nächste Akt eines Dramas ereignet, das seit Jahren an wechselnden Orten in Deutschland zu beobachten ist. Die Behörden können die Kinder der Sekte anscheinend kaum davor schützen, von den erwachsenen Mitgliedern misshandelt zu werden. Wenn der Staat dann doch, wie in den vergangenen Tagen in Bayern, den Druck erhöht, sind zumindest manche Sektenmitglieder längst weitergezogen.
Die Kinder verschwanden nach und nach aus Dolchau, die letzten am selben Tag, an dem gut 500 Kilometer entfernt Mannschaftswagen der Polizei auf Höfe in Bayern rollten. Seit mehr als zehn Jahren sind die "Zwölf Stämme" auf Gut Klosterzimmern bei Nördlingen ansässig, seit 2009 gibt es eine Kommune im mittelfränkischen Wörnitz. Es habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung" gegeben, erklärte das Landratsamt Donau-Ries.
40 Kinder holten die Beamten aus der sektenähnlichen Gemeinschaft, mehrere Weidenruten wurden sichergestellt. Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt wegen Misshandlung Schutzbefohlener und schwerer Körperverletzung. Von dem Hof in Sachsen-Anhalt wussten die Behörden offenbar nichts. Von dort sollen die Kinder nach Tschechien gebracht worden sein, berichten Aussteiger. In der Nähe von Prag besäßen die "Zwölf Stämme" einen Bauernhof mit Obstgarten, Weinberg, Schafherde und Fischteichen.
Hier, so die Hoffnung der Sektenmitglieder, können sie die Kinder den Behörden entziehen. Hier, so die Befürchtung ehemaliger Sektenmitglieder, sind die Kinder schutzlos der Erziehungsmaxime der Urchristen ausgeliefert: Wer sein Kind liebt, schlägt es.
Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft werden die Kinder von klein auf mit Stockschlägen auf Hände und Hintern gezüchtigt. Das Gericht in Ansbach begann in der vorigen Woche, die Eltern anzuhören. Die Kinder leben vorerst in Heimen und Pflegefamilien. Sozialpädagogen berichten überrascht, bislang habe keines der Kinder nach seiner Mama gefragt. Der Leiter des Jugendamtes Donauwörth, Alfred Kanth, erzählt, dass sich während der Polizeiaktion keines der Kinder an seine Eltern geklammert habe. Eine derart emotionslose Inobhutnahme habe er in 40 Berufsjahren nicht erlebt.
Der Reporter Wolfram Kuhnigk hatte den Polizeieinsatz ausgelöst; er hatte im Auftrag von RTL II mit versteckter Kamera verstörende Szenen in sogenannten Bestrafungsräumen aufgezeichnet. Sie zeigen weinende Jungen und Mädchen, denen eine Frau mit einem Stock auf den nackten Po schlägt. "Ich bin nicht müde", wimmert ein Mädchen. Erst als es sich nach sechs Schlägen zu einem leisen "Ich bin müde" durchringt, hört die qualvolle Prozedur auf.
Die Bewegung, die sich auf das Urchristentum beruft und von einem Weltuntergang im Jahr 2026 ausgeht, entstand in den siebziger Jahren in den USA. In Deutschland soll es mehr als hundert Anhänger geben. Sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule, aus Angst vor Sexualkunde und Evolutionslehre. Sechs Väter mussten deshalb 2004 in Erzwingungshaft.
Schon seit Jahren kursieren Misshandlungsvorwürfe gegen die Urchristen. Die Grünen hatten das Thema 2006 auf die Tagesordnung im Bayerischen Landtag gesetzt. "Doch das Kultusministerium hat sich damals hinter dem Erziehungsrecht der Eltern verschanzt", klagt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Margarete Bause.
Das bayerische Landesjugendamt kannte die Vorwürfe spätestens seit 2007. Die Leiterin Stefanie Krüger betont, man müsse "genau abwägen zwischen elterlicher Erziehungsverantwortung und staatlicher Eingriffsschwelle". Beweise für Gewalt gegen Kinder hätten weder amtsärztliche Untersuchungen noch Befragungen der Kinder durch Jugendämter erbringen können. "Abschottung ist ein Indiz für eine Kindeswohlgefährdung, reicht für sich allein aber nicht aus, um Kinder herauszunehmen", sagt Krüger.
Auch in Niedersachsen beschäftigten sich Jugendamt, Kultusministerium und Bezirksregierung mit der Sekte. Anfang der neunziger Jahre siedelten sich die "Zwölf Stämme" in Pennigbüttel, nördlich von Bremen, an. Ein Nachbar ist noch heute entsetzt darüber, was er vor rund 15 Jahren auf einem Sabbat-Fest der Sektenmitglieder erlebte: "Die Kinder saßen da wie Mumien." Im Laufe des Abends hätten Männer mehrmals Kinder hinausgeführt, in der Hand einen kleinen Stock.
Schon damals berichtete die Lokalzeitung "Kurier am Sonntag" von Misshandlungsvorwürfen. Die Mitglieder hätten öffentlich und vor Zeugen zugegeben, dass sie ihre Kinder schlügen, sagt der evangelische Pastor Gert Glaser, der zu dieser Zeit als Sektenbeauftragter im Kirchenkreis arbeitete. Er erstattete Strafanzeige, doch die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, aus Mangel an Beweisen.
Zum gleichen Ergebnis kam im August die Staatsanwaltschaft Augsburg, die nach Berichten von Aussteigern im "Focus" 2012 Ermittlungen aufgenommen hatte. Ein Aussteiger erzählt, dass er unmittelbar nach Veröffentlichung des Artikels Besuch vom Leiter des Jugendamts Donauwörth und von einem Vertreter des Schulamts bekommen habe. Sie hätten ihm gesagt, dass "alles, was ich sage, auch gegen mich verwendet" werden könne. Er habe sich eingeschüchtert gefühlt und nichts mehr sagen wollen, da er selbst als Sektenmitglied Kinder mehrmals am Tag mit der Rute "diszipliniert" habe.
So ließen sich die wiederkehrenden Vorwürfe nie beweisen. Der Vorteil der Urchristen dürfte darin liegen, dass sie alle anderen staatlichen Gesetze befolgen und nie negativ auffallen. Der Bürgermeister von Deiningen, Karlheinz Stippler, gibt zu, von den Misshandlungsvorwürfen gegen die Urchristen auf Gut Klosterzimmern gewusst zu haben. Aber er habe sich nicht vorstellen können, "dass sich hinter so einer friedlichen Fassade ein solcher Abgrund auftun" könne.
"Den Papierkram - Einwohnermeldeamt, Steuererklärung, solche Dinge - haben die immer vorbildlich erledigt", sagt er. Konflikte mit der Gemeinde habe es nie gegeben. Anfang des Monats hätten die "Zwölf Stämme" ihr jährliches Hoffest mit mehr als tausend Besuchern aus der ganzen Region gefeiert. Das Bio-Gulasch habe wie immer vorzüglich geschmeckt.
Ein Sprecher der Sekte ließ kein Unrechtsbewusstsein erkennen; die Bibel verlange, seine Kinder zu züchtigen, wenn man sie liebe. Ein Vater müsse seinen Kindern Grenzen setzen, "um sie vor ihrem egoistischen Streben nach Vergnügen zu beschützen", heißt es auch in einer Werbebroschüre der "Zwölf Stämme". Die Urchristen in Dolchau wollen nicht über die Ereignisse der vergangenen Tage sprechen: Wer klingelt, wird freundlich empfangen, bekommt aber keine Antworten.
Nachbarin Ilona Meyer erzählt, sie und ihr Mann hätten oft Kinder singen hören. "Mensch, ist das schön", sagte ihr Mann dann, "Kinderstimmen im Dorf."
Später, wenn es dunkel ist, will sie über das Kopfsteinpflaster auf die andere Straßenseite gehen, in der Hand ein Blatt Papier mit einem Text der Liedermacherin Bettina Wegner. An die Tür der "Zwölf Stämme" will sie die Zeilen pinnen: "Sind so kleine Hände, winzige Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann."
Von Anna Kistner, Frauke Lüpke-Narberhaus und Conny Neumann

DER SPIEGEL 38/2013
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