16.09.2013

REKLAMESchlappe Pappe

Grüne und SPD werben im Wahlkampf mit Öko-Plakaten, die Wind und Wetter allerdings nicht immer standhalten. Jetzt gibt es Zoff mit den Herstellern.
Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut in der Politik. SPD-Chef Sigmar Gabriel zum Beispiel forderte im Mai ein generelles Tempolimit von 120 Stundenkilometern. Vor zwei Wochen bretterte er mit 180 über die Autobahn. Wasser predigen und selbst Wein trinken, das kommt beim Volk selten gut an.
Die Grünen nahmen es mit der Glaubwürdigkeit im Wahlkampf deshalb besonders genau und ließen ihre Kandidatenporträts auf spezielle Öko-Pappe drucken. "Zu 100 Prozent recyclingfähig" und dabei "wetterbeständig bei Regen und Schnee", wie der Anbieter, die Berliner Firma Pappwelle, wirbt. Deren Chef André Stephan war einst Wahlkampfmanager von Renate Künast, bis er seinen Posten nach einer alkoholisierten Autofahrt räumen musste.
Mit Pappwelle ist seine Resozialisierung zwar längst abgeschlossen, aber das Versprechen mit der Wetterbeständigkeit der Wahlplakate sorgt nun für Streit. Denn schon nach den ersten Unwettern Anfang August hingen viele der anfangs faltenfrei lächelnden Gesichter schief und schlapp an den Laternenpfählen.
Die Wahlkämpfer, die ihre Hoffnungsträger anschließend auf ökologisch verdächtige Hartfaserplatten kleistern mussten, schimpfen nun über die Qualität der Ware. Die Bundesgeschäftsführung der Grünen fordert Schadensersatz. Einzelne Kreisverbände, die ihre Plakate direkt bei Pappwelle bestellten, wollen ihre Rechnungen erst gar nicht bezahlen.
"Wir sind enttäuscht", sagt Grünen-Wahlkampfmanager Robert Heinrich. "Die Firma Pappwelle hat mangelhafte Plakate geliefert, die nicht über die vertraglich zugesicherte und getestete Wetterfestigkeit verfügen. Das ist ärgerlich."
Papperlapapp - Pappwelle will die Vorwürfe nicht gelten lassen: Die Grünen hätten die Plakate schlicht falsch aufgehängt. Hätte man sich an die mitgelieferte Anleitung gehalten, wäre das alles nicht passiert.
Nach den Anweisungen müssen die Doppelplakate, die wie ein Sandwich um den Laternenpfahl geklappt werden sollen, oben und unten ordentlich mit Kabelbindern befestigt und seitlich mit Klebestreifen geschlossen werden. "Ich habe in Charlottenburg, wo wir unser Büro haben, kein einziges korrekt gehängtes Plakat gesehen", wettert eine Unternehmenssprecherin. Bis jetzt seien mehrere Rechnungen nicht bezahlt worden. "Wenn es keine friedliche Lösung gibt, gibt es eine juristische Lösung." Einzelne Kreisverbände sind bereits gemahnt worden.
Wie viele Plakate sie bei Pappwelle bestellt haben, wollen die Grünen nicht verraten. Das gilt auch für die SPD, die sich momentan ebenfalls mit schlappen Pappen und deren Produzenten rumärgert.
135 000 Poster sollen die Genossen bei der Solinger Werbeagentur Kompla bestellt haben. Auf das Geld wartet die Firma bis heute. In einer Rundmail rief der Parteivorstand die Wahlkämpfer dazu auf, die "mangelhafte" Ware nicht zu verwenden und die Rechnungen nicht zu zahlen.
Auch Kompla holt zur Gegenattacke aus: "Wir haben einwandfreie Ware geliefert, aber unsere Plakate sind zum Großteil nachlässig aufgehängt worden", sagt Firmenchefin Silke Lahnstein. Auch ihr Produkt müsse mit Kabelbindern befestigt werden. Statt acht pro Plakat, wie in der Anleitung vorgeschrieben, seien vielfach nur vier verwendet worden.
Die Nichte des ehemaligen Bundesfinanzministers Manfred Lahnstein, die selbst SPD-Mitglied ist, will sich den Rechnungsbetrag in Höhe von knapp 400 000 Euro nun mit Hilfe eines Anwalts erkämpfen. Die dazugehörigen SPD-Parolen hat sie griffbereit: Die Partei gefährde mit ihrer Verzögerungstaktik Arbeitsplätze in einer zuliefernden Druckerei, sagt Lahnstein.
Und noch etwas anderes frustet die Kompla-Chefin: In einer Telefonkonferenz Ende Juli soll SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, wütend über die Probleme mit der Öko-Pappe, von Betrug gesprochen haben. "Das war Rufschädigung", sagt Lahnstein. Parteifreunde hätten sie deshalb angerufen. Auch ein Protokoll der Konferenz habe sie gesehen.
Die SPD will sich zu dem Plakat-Streit nicht äußern. In ihrem letzten Brief habe sich die Partei aber willens gezeigt, eine außergerichtliche Lösung zu finden, sagt Lahnstein. Wie die aussehen soll, will sie spätestens am Montag nach der Bundestagswahl erfahren.
Diesen Wahlkrampf hat die Union bereits für sich entschieden: Sie setzte auf sogenannte Hohlkammerplakate. Ökologisch zweifelhaft, weil aus Kunststoff. Aber wetterfest.
Von Konrad Daubek

DER SPIEGEL 38/2013
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